Fastenwoche 5 (2013): DIE FREIHEIT DER LEEREN HÄNDE

In der fünften Fastenwoche richten wir die Scheinwerfer auf einen Vorhang, hinter dem manche eine Kunst vermuten: Die Kunst, die das Leben zu einem auf Gott gerichtetes Leben macht.

Geht der Vorhang erst einmal hoch, heißt es in gut lesbaren Lettern auf einer riesigen Tafel: Die Kunst des Loslassens. Nichts passiert; nach einigen Augenblicken der Stille wird der Vorhang losgelassen und dieser rauscht mit großer Geschwindigkeit herunter – bis er für das nächste Publikum wieder gehoben wird.

Wer loslässt, wird frei. Mit leeren Händen ergibt sich die Freiheit, losgelöst von Zwängen entscheiden zu können, für mich selbst, aber auch in Bezug auf meine Mitmenschen. Die „Kunst des Loslassens“ bedeutet zunächst einmal, dass wir die Steine fallen lassen, die wir schon zum Wurf auf andere in die Hand genommen haben:

Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete [Jesus] sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr. (Joh 8,7-11)

Sind wir bereit, uns mit diesem Thema – Die Freiheit der leeren Hände näher auseinanderzusetzen? Somit haben wir es auch diese Woche mit einer herausfordernden Aufgabe zu tun! Meine Erfahrung ist es jedenfalls, dass gerade die Dinge, die einem viel bedeuten, so ungern aus der Hand rutschen…

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Es folgen 6 Gedanken für die Woche

Ob du für jeden Wochentag (Mo-Sa) einen Gedanken
in den Mittelpunkt stellst, oder aus diesen Vorschlägen
ein „Fastenprogramm“ nach eigenen Vorstellungen
zusammenstellst, bleibt dir überlassen.

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leere Hand

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1. LOSLASSEN – KUNST DES LEBENS

Und jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben gewinnen. (Mt 19,29)

Ewigkeit und Endlichkeit, Werden und Vergehen, Festhalten und Loslassen – das ist die Sprache der Schöpfung…

Rainer Maria Rilke beschreibt es in Versen:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: Es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Ob das Blatt weiß, dass es Platz machen muss? Wenn es abfällt, ist schon die Knospe da für das nächste Jahr. In der Knospe ist bereits das neue Blatt kunstvoll gestaltet, bis es sich im Frühling neu entfaltet. Alles folgt dem ewigen Gesetz: es fällt.

Und wir ahnen, dass Neues nur wächst, wenn wir Altes loslassen. Ist das die innere Weisheit des Baumes, der jedes Jahr seine Blätter abwirft, um dem Neuen eine Chance zu geben? Ob auch wir lernen loszulassen, was schwer an uns hängt und unserer Tage Mühsal ausmacht? Sich diese Freiheit zu nehmen, den Ballast abzuwerfen, um frei für das Neue zu werden. „Die Blätter fallen, wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Es ist in allen.“ In uns wächst die Ahnung, dass hinter allem Loslassen etwas Größeres wartet.

  • Will ich frei werden von all dem, was ich an Ballast mit mir herumtrage?
  • Fastenzeit – bin ich bereit, eine Einladung an mich zu lassen?
  • Ich bin eingeladen… los – zu – lassen
  • … weg – zu – lassen., …
  • … sein – zu – lassen, …
  • … fallen – zu – lassen, …
  • … zurück – zu – lassen, um leer zu werden, um frei zu werden

Wie schon in den Wochen zuvor gesagt, gilt: Bei Widerständen heißt es durchhalten, und bei Niederlagen – neu anfangen! Lieber weniger vornehmen, dafür konsequent bleiben…

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2. UMARMEN UND WIEDER LOSLASSEN

Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. (Joh 12,24).

„Leben heißt, Menschen und Dinge umarmen und wieder loslassen, nichts und niemanden besitzen wollen und über jeden Stern jauchzen, der vom Himmel fällt“, schreibt Phil Bosmans. Zum Geheimnis des Lebens gehört das Lassen. Manchmal glaube ich, dass es die Kunst des Lebens ist, das Loslassen einzuüben. Denn alles in uns ist auf Festhalten programmiert.

Der Schatz, den wir im Tresor verschließen, mag uns ein sicheres Gefühl verleihen. Aber sogar die Wirtschaft spricht vom toten Kapital. Das Talent, das wir im Acker vergraben, wird uns, wie die Bibel sagt, wieder genommen (siehe MT 25,14-30).

Nur in der Offenheit und Freiheit entfaltet sich der Mensch. Im Geben, nicht im Festhalten; im Schenken, nicht im Vergraben; im Lieben, nicht im Verweigern finden wir das Leben. Die Heilige Schrift sagt es in einem Bild: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (JOH 12,24). Wenn das Korn sich weigert und nicht in die Erde will, wird es vergehen und nutzlos sein.

Alles ist hineingenommen in den ewigen Kreislauf von Aussaat und Ernte. Wer nur an sich denkt, wer ängstlich festhalten will, verdirbt. Er wird Sklave seiner Besitzstände. Er wird durch Verlustangst gepeinigt. Aber wer sich schenkt, wird frei und findet neues Leben.

Wo aber sind da die Grenzen der Hingabe? Wir können doch nicht alles preisgeben und totale Selbstopferung fordern. Man könnte uns ausnutzen und ausbeuten.

Wir müssen unterscheiden zwischen „sich geben“ und „sich vergeuden“. Der Unterschied zwischen „sich geben“ und „sich vergeuden“ besteht nicht darin, dass der eine sich wohldosiert gibt, der andere aber total, ohne Vorbehalt. Der Unterschied liegt nicht im Maß, wie einer sich gibt.

Der Unterschied zwischen „sich geben“ und „sich vergeuden“ liegt vielmehr im Du. Nur, wenn ich mich Dir gebe, vergeudete ich mich nicht. Mein Leben ist nicht adressiert an ein Nichts, sondern hingeordnet auf ein Du, auf Menschen, die mich annehmen und bejahen. Ich bin nicht da für eine Institution, die mich degradieren und missbrauchen kann. Bischof Klaus Hemmerle formulierte: „Im Du geht das Ich nicht verloren.“

Diesen Weg ist Christus gegangen. „Jesus Christus war wie Gott, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich, wurde wie ein Knecht und den Menschen gleich“ (nach PHIL 2,6f). Er hält nicht fest, er „entäußert sich“, er gibt sich hin und wird Brot für das Leben der Welt.

Wer diesen Weg der Freiheit geht, wird erfahren, was das Wort bedeutet: „Was du weggibst, ist dein, was du erhältst, geht dir verloren.“ Denn was bleibt dir vom Leben? Nur was du in Liebe gegeben, das bleibt. Wenn du leben willst, wage zu lieben.

  • Was du behältst, geht dir verloren…
  • Was du weggibst, ist dein…

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3. DER HIMMEL WIRD UNS GESCHENKT

Denn wir haben nichts in die Welt mitgebracht, und wir können auch nichts aus ihr mitnehmen. (1 Tim 6,7).

„Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“ heißt es in einem Lied, das unsere Gemeinden gern singen. Das ist kein asketisches Thema für fromme Seelen. Das ist eine Grunderfahrung des Lebens, in die jeder hineinwachsen kann, denn der Weg des Lebens führt jeden notwendig in die Erfahrung, dass wir ärmer werden.

Kann man auch sagen, dass wir freier werden? Je älter wir werden, umso mehr müssen wir loslassen. Von Abschied zu Abschied, bis uns der letzte gelingt. Vor Gott können wir nur mit leeren Händen bestehen. Den Himmel müssen wir uns schenken lassen. Wie ist das gemeint?

Als Kind greifen wir nach den Dingen. Als Schüler versuchen wir, alles zu begreifen. Als Erwachsener nennen wir es Reichtum, wenn wir viel besitzen. Doch in der Mitte des Lebens müssen wir anfangen zu lassen.

Bei der Pensionierung werden wir aus dem Beruf entlassen. Das Leben zwingt uns die Erfahrung der leeren Hände auf. Wer sich darauf nicht ein lässt, wird im Alter nur noch im Protest leben. Spätestens im Tod wird auch der Reiche zum Bettler. Der Volksmund sagt es drastisch: „Das Totenhemd hat keine Taschen.“ Alles, was wir festhalten, entgleitet uns auf geheimnisvolle Weise.

Was kann ich besitzen? Ich kann ein Ding besitzen, jemand kann ein Auto oder ein Haus besitzen. Je höher aber das Sein ist, umso weniger kann ich es besitzen. Einen Menschen kann ich nicht besitzen. Ein Mensch ist immer Geschenk. Über einen Menschen kann ich nicht einfach verfügen wie über ein Ding.

Gott ist das Höchste. Er ist totales Geschenk. Gott kann ich überhaupt nicht besitzen, Gott kann ich nur empfangen, mit leeren Händen. In stummer Hingabe muss ich bereit sein, mich von Gott beschenken zu lassen.

Menschliche Vollendung finden wir in Gott. Darum müssen wir leere Hände haben, müssen wir arm sein, müssen wir uns beschenken lassen können, denn Anspruch auf den Himmel haben wir nicht. Da gelten keine Goldmedaillen und Erfolge. Am Ende ist alles Gnade.

Am Ende können wir Gott nur unsere leeren Hände hinhalten, um uns den Himmel schenken zu lassen. Unser Leben mündet in Lobpreis und Anbetung. Das ist die totale Freiheit. Dann gilt nur noch die Liebe, die sich verschenkt.

  • Was will ich eigentlich festhalten?
  • Bin ich mir bewusst, dass alles, was ich festhalte, mir auf geheimnisvolle Weise entgleitet?
  • Was spüre ich beim Gedanken: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr.

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4. BEFREIUNG AUS DER HABSUCHT

Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht. Nicht wenige, die ihr verfielen, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet. (1.Tim 6,10)

In Paris wurde vor Jahren eine Frau tot aufgefunden. Jeder kannte sie. Sie durchwühlte täglich die Mülltonnen nach etwas Essbarem. Sie schlief auf Pappkartons und deckte sich mit Zeitungen zu. Sie nächtigte unter Brücken. Sie starb an Unterernährung. Man fand bei der Toten Sparbücher im Wert von über einer Million Euro…

Was ist der Geiz? Und was ist Habgier? Der Habsüchtige ist gierig. Deshalb will er dem anderen seinen Besitz wegnehmen. Der Geizhals hütet das, was er hat. Geiz und Habsucht treiben die Besessenen dazu, immer hinter etwas herzurennen, was nie Befriedigung bringt. Wie viele Probleme in unseren Familien gehen auf Erbstreitigkeiten zurück. Wie viele psychische Zusammenbrüche haben ihre Ursache in der bösen Sucht, mit seinem Besitz glänzen zu müssen.

Dem Konsumentenverhalten liegt der Wunsch zu Grunde, die ganze Welt zu verschlingen. Der Konsument ist der ewige Säugling. „Hast du was, bist du was!“ – lautet ein bekannter Ausspruch. Das Bankkonto bestimmt den Wert einer Person. Wer kann schon als einzelner an dieser kollektiven Einstellung etwas ändern? Wer kann sich verweigern und beim Tanz um das Goldene Kalb aussteigen?

Eine Antwort gibt der Philosoph und Autor Erich Fromm (1900 bis 1980). In seinem Buch „Haben oder Sein“ zeigte er Grundlagen einer neuen Gesellschaft. In seiner Darstellung steht die „Existenzweise des Habens“ für die Übel der gegenwärtigen Zivilisation, die „Weise des Seins“ aber für die Möglichkeit eines erfüllten und freien, nicht entfremdeten Lebens. Der Mensch, der nicht mehr vom Besitz und Habenwollen, sondern vom Sein bestimmt wird, kommt zu sich selbst. Diesem Menschen gilt Besitz nicht viel, Liebe jedoch alles. Er schöpft Freude aus dem Geben und Teilen und nicht aus dem Horten und der Ausbeutung anderer.

Nicht was einer hat, sondern was einer in seiner tiefen Existenz ist, macht seinen Wert aus.

  • Will ich versuchen, durch freiwilligen Verzicht ein Stück Freiheit zu gewinnen?
  • Bin ich mir im klaren darüber, dass nicht schwere Kasteiung, sondern bewusstes tägliches Leben von mir erwartet wird?
  • Bin ich bereit, täglich zu üben, um von meinen Zwängen und Abhängigkeiten loszukommen?

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5. FEHLGELENKTE SEHNSUCHT

Meine Seele sehnt sich nach dir in der Nacht, auch mein Geist ist voll Sehnsucht nach dir. Denn dein Gericht ist ein Licht für die Welt, die Bewohner der Erde lernen deine Gerechtigkeit kennen. (Jes 26,9)

Die Gesichter vieler Menschen spiegeln eine Sehnsucht. Alle Welt trägt viele Wünsche in sich. Eine Unendlichkeit von Wünschen. Noch ein Glas, noch einen Kuss, noch eine Reise. Viele Gesichter sind verwundet von diesem Hunger. Wilhelm Busch formuliert es mit Humor: „Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt wird, kriegt augenblicklich Junge.“

Der Mensch ist für die Ewigkeit erschaffen. Er ist keine Eintagsfliege, deren Stunden gezählt sind. In ihm ist eine unendliche Sehnsucht. Manchmal durchbrechen wir den Horizont unserer alltäglichen Sorgen. Und wir ahnen, dass etwas größeres in uns schlummert, dass wir niemals in 80 oder 100 Jahren Lebenszeit befriedigen können.

Unsere Pläne müssen groß genug sein, um Gott einzuschließen. Sie müssen weit genug sein, um die Ewigkeit zu umfassen. Keine Grenze ist so endgültig, dass die Sehnsucht sie nicht durchbrechen könnte. Keine Mauer ist so hoch, dass die Träume von Freiheit sie nicht übersteigen könnten.

Wir leben aus dem Durst nach Unendlichkeit. Sattheit und Überdruss dürfen uns die Sehnsucht nicht nehmen. Wenn wir das Wort Sehnsucht hören, denken wir zunächst, das Wort habe etwas mit „suchen“ zu tun. Aber es kommt nicht von „suchen“, sondern von „siechen“, krank sein, verwundet sein. Ist das vielleicht die Grundbefindlichkeit des Menschen, dass er in sich eine offene Wunde trägt?

„Das ist so, weil Gottes Sehnsucht den Menschen anzieht. Gottes Leidenschaft ist der Mensch“, sagt Augustinus. Ein unerhörtes Wort. Gott hat in seiner Liebe und in seiner Sehnsucht nach dem Menschen ihm diese Wunde „Sehnsucht“ ins Herz eingepflanzt. Von dieser Sehnsucht ist unser Herz verwundet. Wir leben aus dem Durst nach Unendlichkeit.

Aber haben wir die eine große Sehnsucht aufgelöst in diverse Sehnsüchte? Viele kleine, zerstückelte Sehnsüchte? Und dann glauben wir vielleicht auch noch, dass wir, wenn wir unsere kleinen Begierden befriedigen, glücklich seien!

Doch dieses Glück ist kurzlebig und wird sehr bald schal. Oft werden die Sehnsüchte, denen wir nachjagen, zur Sucht. Die Sehnsucht des Menschen kann zur Gier werden. Sie raubt uns die Freiheit und macht uns zu Sklaven der Sucht: Kaufzwänge und Esssucht, Karrierestreben und Abenteuerlust, Sexualtrieb und Machtstreben.

Die bekanntesten Verführer sind Alkohol und Drogen. Das Ende vom Lied heißt nicht Glück und Erfüllung, sondern Abhängigkeit und Zwang. Johann Wolfgang von Goethe lässt den Faust sagen: „So taumele ich von Begierde zum Genuss, und im Genuss verschmachte ich vor Begierde.“ Die vielen Kliniken und Entwöhnungskuren zeigen, wie gefährlich dieses Spiel ist.

Alles menschliche Tun, sogar die Sünde, ist ein Suchen nach Gott. Überall suchen wir Ihn: Auf Festen und Orgien und Reisen, in Kinos und Bars, in Geschäften und im Internet. Doch wir finden ihn einzig und allein in uns selbst.

Man kann auf den Gedanken kommen, dass gerade die Menschen, die sich ganz extrem dem Genuss des Sinne hingeben, im Grunde genommen Gottsucher sind: Sie suchen letztlich Ihn – das Heil, die Erlösung – in all ihren Abenteuern, ohne wirklich fündig zu werden.

  • Wähle ich die Sehnsucht nach dem Unendlichen, oder die Sucht nach Menschen und Dingen?
  • Sehe ich die Verwandtschaft von Sucht und Sehnsucht, aber auch die klaren Unterschiede von Zwang und Freiheit?
  • Akzeptiere ich die Wunde (Sehnsucht), die Gott mir mitgegeben hat, …als Chance zur Freiheit?

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6. MAßHALTEN IN MAßLOSEN SYSTEMEN

Aufgrund der Gnade, die mir gegeben ist, sage ich einem jeden von euch: Strebt nicht über das hinaus, was euch zukommt, sondern strebt danach, besonnen zu sein, jeder nach dem Maß des Glaubens, das Gott ihm zugeteilt hat. (Röm 12,3)

Das rechte Maß gilt dem heiligen Benedikt als so etwas wie eine Weltformel. Er nennt es die „Mutter aller Tugenden“:

– Maß beim Essen
– Maß beim Verbrauchen
– Maß bei der Arbeit
– Maß bei der Kraftanstrengung

Alles Übermaß macht abhängig und raubt die Freiheit. Alles Übermaß führt ins Verderben. Wir sollten aber den Grundsatz „Mitte und Maß“ nicht mit Mittelmäßigkeit verwechseln. Dabei dürfen wir auch an Papst Johannes Paul II. denken, der uns zugerufen hat:“ Seid nicht mittelmäßig! Gebt euch nicht mit der Mittelmäßigkeit zufrieden!“

Im vierten Jahrhundert schrieb schon der Wüstenmönch Abbas Poimen: „Alles Übermaß ist von den Dämonen.“ Dem Individuum, den Menschen ist ein alltäglicher Rhythmus vorgegeben, von Tag und Nacht, von Wachen und Schlafen, von Werktag und Sonntag. Die Maßlosigkeit verursachen wir selbst. Wir drücken auf den Lichtschalter und verwandeln die Nächte in Tage. Wir nehmen Aufputschmittel und verdrängen die Schläfrigkeit. Wir schlucken Vitaminpräparate und überanstrengen uns auf Trainingsgeräten. Wir haben viele Möglichkeiten, natürliche Ordnungen zu durchbrechen.

Auch in der Gesellschaft erleben wir extreme Maßlosigkeit. Denken wir nur an die Ausbeutung von Rohstoffquellen, Verdrängung des Klimawandels, Auflösung des Generationenvertrags.

Oder die weltweite Finanzkrise. Da haben sich einige wenige maßlos bereichert. Auf diese Finanzkrise folgte die Wirtschaftskrise, die die Freiheit vieler Menschen zerstört hat. Arbeitslosigkeit und Armut sind wie Fesseln, die die Bewegungsfreiheit einschränken. Viele können sich Freizeit und Urlaub nicht mehr leisten. In diesen Fragen ruhen auch viele Hoffnungen auf dem neuen Papst Franziskus I.

Ein Ansatz liegt darin, sich selbst einzuschränken. Eine neue Askese fordern manche. Askese nicht aus Lustfeindlichkeit, sondern aus Unlust am Überfluss. Askese als Gegenstrategie zur Maßlosigkeit. „Durch das Besitzen-Müssen wir das Leben entsetzlich! Durch Verzichten wir das Leben stark“ befindet Elmar Gruber.

  • Wie gehe ich mit meinen Kraftreserven um?
  • Wo finde ich ein Limit, wo finde ich Grenzen in meinem Tun?
  • Wo beginne ich, mich selbst einzuschränken?
  • Gebe ich mich mit dem Mittelmaß zufrieden, oder geht es mir um das rechte Maß?

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In der Karwoche folgen tägliche Impulse !

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Wir wollen beten:

Jesus Christus, du willst uns zu Gottes Hochzeitsmahl führen,
so bitten wir dich:
Herr, steh uns bei –
Schenke uns Freude an deiner Nähe,
Bereite uns für dein Reich, das du uns schenken willst,
Hilf uns, die Fastenzeit gut zu nutzen.

Jesus, segne uns mit der Sehnsucht nach dir und dem Vater.
Segne uns mit der Freude über das, was du uns schenkst.
Segne uns mit der Kraft, uns darauf vorzubereiten.
Segne uns mit dem Willen, uns von dir führen zu lassen.
Amen.

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Anhang: FASTEN IM JAHR DES GLAUBENS (Benedikt XVI.)

„Caritas Christi urget nos“ (2 Kor 5,14): Die Liebe Christi ist es, die unsere Herzen erfüllt und uns dazu drängt, das Evangelium zu verkünden, formuliert Papst Benedikt XVI. Heute wie damals sendet Christus uns…, um sein Evangelium allen Menschen der Erde bekanntzumachen (vgl. Mt 28,19). Mit seiner Liebe zieht Jesus Christus die Menschen aller Generationen an sich.

Es ist das Anliegen von Benedikt XVI., dass dieses Jahr des Glaubens in jedem Gläubigen das Verlangen wecke, den Glauben vollständig und mit erneuerter Überzeugung, mit Vertrauen und Hoffnung zu bekennen. Diese Zeit verlangt es, dass das Zeugnis des Lebens aller Gläubigen an Glaubwürdigkeit gewinnt. Wir sind aufgerufen, über den Glaubensakt selbst nachzudenken.

In diesem Zusammenhang ist das Beispiel der Lydia sehr bedeutsam. Der heilige Lukas erzählt, dass Paulus, als er in Philippi war, sich am Sabbat aufmachte, um einigen Frauen das Evangelium zu verkünden; unter ihnen war Lydia, und „der Herr öffnete ihr das Herz, so dass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte“ (Apg 16,14).
Was aber ist der Sinn dieser Worte? Der heilige Lukas lehrt, dass die Kenntnis der zu glaubenden Inhalte nicht genügt, wenn dabei das Herz, das echte „Heiligtum“ des Menschen, nicht durch die Gnade geöffnet wird.
Die Rede ist von jener Gnade, die die Augen öffnet, um in die Tiefe zu sehen und zu verstehen, dass das, was verkündet wurde, das Wort Gottes ist.

Über alle Zeiten haben Brüder und Schwestern aufgrund des Glaubens ihr Leben Christus geweiht und Tätigkeiten zugunsten der Gerechtigkeit gefördert, um das Wort des Herrn, der gekommen ist, konkret werden zu lassen. (vgl. Lk 4,18-19)

Aufgrund des Glaubens haben im Laufe der Jahrhunderte Männer und Frauen jeden Alters, deren Namen im Buch des Lebens verzeichnet sind (vgl. Offb. 7,9; 13,8), die Schönheit bekannt, was es heißt, dem Herrn Jesus dort nachzufolgen, wo sie berufen waren, ihr Christsein zu bezeugen: in der Familie, im Beruf, im öffentlichen Leben, in der Ausübung der Charismen und Dienste, zu denen sie gerufen wurden.

(Benedikt XVI.)

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Die Gedanken für die Woche sind inspiriert von
P. Erich Purk, Freiheit, KBW 2011

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Ein Gedanke zu “Fastenwoche 5 (2013): DIE FREIHEIT DER LEEREN HÄNDE

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