Amtseinführung von Papst Franziskus – „Dienst an der Schöpfung“

Der neue Bischof von Rom zeigt sich auch heute mit seinem offenen und schlichten Wesen. Tief gebeugt betet Franziskus an der Nische unter dem Papstaltar, hinter der die sterblichen Überreste des Apostelfürsten Petrus verehrt werden. Petrus war hier um das Jahr 65 im nahen Zirkus unter Kaiser Nero hingerichtet und dann beigesetzt worden; über seinem Grab wurde schließlich der Petersdom errichtet. Begleitet wird Franziskus von den Patriarchen und Oberhäuptern der katholischen Ostkirchen.

Die ersten Tage von Franziskus sind davon geprägt, dass die Bezeichnung „Papst“ vermieden und stattdessen die Anrede Bischof von Rom in den Vordergrund gestellt wird. Dies ist ein Zeichen des Respekts und der Öffnung des Vatikans in Richtung Orthodoxie; die Titulatur „Bischof von Rom“ gibt den orthodoxen Kirchenführern die Möglichkeit, den Nachfolger Petrus offiziell anzuerkennen, und ist ein weiterer Schritt auf dem langen Weg der Wiedervereinigung.

Franziskus trägt das gleiche einfache weiße Messgewand, das er bereits bei dem Gottesdienst in der Sixtina nach der Papstwahl getragen hatte. Das Evangelium wird „nur“ in griechischer Sprache“ und nach dem Brauch der Ostkirche vorgetragen und nicht wie sonst zweifach Lateinisch/Griechisch – auch dies ein Zeichen an die orthodoxen Kirchen. In seiner Predigt nimmt Franziskus das Leben des Heiligen Josef als Ausgangspunkt seiner Betrachtungen. Es ist eine programmatische und gleichzeitig authentische Ansprache des Papstes.

Papst Franziskus - Petrus
Copyright 2013 media.indiatimes.in

Eine erste Übersetzung (zenit.org) zitiert die Predigt des Papstes wie folgt:

Wir haben im Evangelium gehört, dass Josef „tat, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich“ (Mt 1,24). In diesen Worten ist schon die Aufgabe enthalten, die Gott dem Josef anvertraut, nämlich custos – Hüter – zu sein. Hüter von wem? Von Maria und Jesus; aber es ist eine Obhut, die sich dann auf die Kirche ausweitet: Der selige Johannes Paul II. hat hervorgehoben, dass „der hl. Josef so, wie er für Maria liebevoll Sorge trug und sich voll Freude und Eifer der Erziehung Jesu Christi widmete, seinen mystischen Leib, die Kirche, deren Gestalt und Vorbild die heilige Jungfrau ist, hütet und beschützt“ (Apostolisches Schreiben Redemptoris Custos, 1).

Wie führt Josef diese Hüter-Tätigkeit aus? Rücksichtsvoll, demütig, im Stillen, aber beständig gegenwärtig und in absoluter Treue, auch dann, wenn er nicht versteht. Von der Heimholung Marias bis zur Episode des zwölfjährigen Jesus im Tempel von Jerusalem begleitet er fürsorglich und liebevoll jeden Moment. Er steht Maria, seiner Braut, in den unbeschwerten wie in den schwierigen Momenten des Lebens zur Seite, auf der Reise nach Bethlehem zur Volkszählung und in den bangen und frohen Stunden der Geburt; im dramatischen Moment der Flucht nach Ägypten und bei der sorgenvollen Suche des Sohnes, der im Tempel geblieben war; und dann im Alltag des Hauses in Nazaret, in der Werkstatt, wo er Jesus das Handwerk gelehrt hat.

Wie lebt Josef seine Berufung als Hüter von Maria, Jesus und der Kirche? In der ständigen Aufmerksamkeit gegenüber Gott, offen für dessen Zeichen, verfügbar für dessen Plan, dem er den eigenen unterordnet. Es ist das, was Gott von David verlangt, wie wir in der ersten Lesung gehört haben: Gott will nicht ein vom Menschen gebautes Haus, sondern er wünscht sich die Treue zu seinem Wort, zu seinem Plan. Und Gott selbst ist es dann, der das Haus baut, aber aus lebendigen, von seinem Geist gekennzeichneten Steinen. Und Josef ist „Hüter“, weil er auf Gott zu hören versteht, sich von seinem Willen leiten lässt. Und gerade deshalb ist er noch einfühlsamer für die ihm anvertrauten Menschen, weiß mit Realismus die Ereignisse zu deuten, ist aufmerksam auf seine Umgebung und versteht die klügsten Entscheidungen zu treffen. An ihm sehen wir, liebe Freunde, wie man auf den Ruf Gottes antwortet: verfügbar und unverzüglich; aber wir sehen auch, welches die Mitte der christlichen Berufung ist: Christus! Hüten wir Christus in unserem Leben, um die anderen zu behüten, um die Schöpfung zu bewahren!

*

Im Folgenden spannt Franziskus den Bogen weiter und setzt programmatische Zeichen: Er spricht vom Schutz der Schöpfung, vom Schutz der Armen und Benachteiligten.

Die Berufung zum Hüten geht jedoch nicht nur uns Christen an; sie hat eine Dimension, die vorausgeht und die einfach menschlich ist, die alle betrifft. Sie besteht darin, die gesamte Schöpfung, die Schönheit der Schöpfung zu bewahren, wie uns im Buch Genesis gesagt wird und wie es uns der heilige Franziskus von Assisi gezeigt hat: Sie besteht darin, Achtung zu haben vor jedem Geschöpf Gottes und vor der Umwelt, in der wir leben. Die Menschen zu hüten, sich um alle zu kümmern, um jeden Einzelnen, mit Liebe, besonders um die Kinder, die alten Menschen, um die, welche schwächer sind und oft in unserem Herzen an den Rand gedrängt werden. Sie besteht darin, in der Familie aufeinander zu achten: Die Eheleute behüten sich gegenseitig, als Eltern kümmern sie sich dann um die Kinder, und mit der Zeit werden auch die Kinder zu Hütern ihrer Eltern. Sie besteht darin, die Freundschaften in Aufrichtigkeit zu leben; sie sind ein Einander-Behüten in Vertrautheit, gegenseitiger Achtung und im Guten. Im Grunde ist alles der Obhut des Menschen anvertraut, und das ist eine Verantwortung, die alle betrifft. Seid Hüter der Gaben Gottes!

Und wenn der Mensch dieser Verantwortung nicht nachkommt, wenn wir uns nicht um die Schöpfung und um die Mitmenschen kümmern, dann gewinnt die Zerstörung Raum, und das Herz verdorrt. In jeder Epoche der Geschichte gibt es leider solche „Herodes“, die Pläne des Todes schmieden, das Gesicht des Menschen zerstören und entstellen.

Alle Verantwortungsträger auf wirtschaftlichem, politischem und sozialem Gebiet, alle Männer und Frauen guten Willens möchte ich herzlich bitten: Lasst uns „Hüter“ der Schöpfung, des in die Natur hineingelegten Planes Gottes sein, Hüter des anderen, der Umwelt; lassen wir nicht zu, dass Zeichen der Zerstörung und des Todes den Weg dieser unserer Welt begleiten! Doch um zu „behüten“, müssen wir auch auf uns selber Acht geben! Erinnern wir uns daran, dass Hass, Neid und Hochmut das Leben verunreinigen! Hüten bedeutet also, über unsere Gefühle, über unser Herz zu wachen, denn von dort gehen unsere guten und bösen Absichten aus: die, welche aufbauen, und die, welche zerstören! Wir dürfen keine Angst haben vor der Güte, ja, nicht einmal vor der Zärtlichkeit!

*

Im dritten Teil seiner Predigt kommt Franziskus auf die Parallelen, die er zwischen der Persönlichkeit des Heiligen Josef und dem Amt des Nachfolgers Petri sieht: Das Kümmern, die Sorge, Seelenstärke und Liebe.

Und hier füge ich noch eine letzte Anmerkung hinzu: Das sich Kümmern, das Hüten verlangt Güte, es verlangt, mit Zärtlichkeit gelebt zu werden. In den Evangelien erscheint Josef als ein starker, mutiger, arbeitsamer Mann, aber in seinem Innern zeigt sich eine große Zärtlichkeit, die nicht etwa die Tugend des Schwachen ist, nein, im Gegenteil: Sie deutet auf eine Seelenstärke hin und auf die Fähigkeit zu Aufmerksamkeit, zu Mitleid, zu wahrer Öffnung für den anderen, zu Liebe. Wir dürfen uns nicht fürchten vor Güte, vor Zärtlichkeit!

Heute feiern wir zusammen mit dem Fest des heiligen Josef die Amtseinführung des neuen Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri – ein Amt, das auch Macht beinhaltet. Gewiss, Jesus Christus hat Petrus Macht verliehen, aber um was für eine Macht handelt es sich? Auf die dreifache Frage Jesu an Petrus über die Liebe folgt die dreifache Aufforderung: Weide meine Lämmer, weide meine Schafe. Vergessen wir nie, dass die wahre Macht der Dienst ist und dass auch der Papst, um seine Macht auszuüben, immer mehr in jenen Dienst eintreten muss, der seinen leuchtenden Höhepunkt am Kreuz hat; dass er auf den demütigen, konkreten, von Glauben erfüllten Dienst des heiligen Josef schauen und wie er die Arme ausbreiten muss, um das ganze Volk Gottes zu hüten und mit Liebe und Zärtlichkeit die gesamte Menschheit anzunehmen, besonders die Ärmsten, die Schwächsten, die Geringsten, diejenigen, die Matthäus im Letzten Gericht über die Liebe beschreibt: die Hungernden, die Durstigen, die Fremden, die Nackten, die Kranken, die Gefangenen (vgl. Mt 25, 31-46). Nur wer mit Liebe dient, weiß zu behüten!

*

Abschließend bezieht sich Franziskus auf die zweite Lesung aus dem Römerbrief, um auch hier sein Thema des umfassenden Beschützens der Schöpfung zu deuten.

In der zweiten Lesung spricht der heilige Paulus von Abraham, der „gegen alle Hoffnung … voll Hoffnung geglaubt“ hat (Röm 4,18). Gegen alle Hoffnung voll Hoffnung! Auch heute, angesichts so vieler Wegstrecken mit grauem Himmel, haben wir es nötig, das Licht der Hoffnung zu sehen, selber Hoffnung zu geben. Die Schöpfung zu bewahren, jeden Mann und jede Frau zu behüten mit einem Blick voller Zärtlichkeit und Liebe, bedeutet, den Horizont der Hoffnung zu öffnen, bedeutet, all die Wolken aufzureißen für einen Lichtstrahl, bedeutet, die Wärme der Hoffnung zu bringen! Und für den Glaubenden, für uns Christen – wie schonfür Abraham und für den heiligen Josef – hat die Hoffnung, die wir bringen, den Horizont Gottes, der uns in Christus aufgetanist; ist die Hoffnung auf den Felsen gegründet, der Gott ist.

Jesus mit Maria zu behüten, die gesamte Schöpfung zu behüten, jeden Menschen zu behüten, besonders den Ärmsten, uns selber zu behüten: das ist ein Dienst, den zu erfüllen der Bischof von Rom berufen ist, zu dem wir aber alle berufen sind, um den Stern der Hoffnung leuchten zu lassen: Hüten wir mit Liebe, was Gott uns geschenkt hat!

In der Schlussformel bittet der neue Bischof von Rom um die Fürsprache für seinen Dienst.

Ich bitte um die Fürsprache der Jungfrau Maria, des heiligen Josef, der heiligen Petrus und Paulus, des heiligen Franziskus, dass der Heilige Geist meinen Dienst begleite, und zu euch allen sage ich: Betet für mich! Amen.

Viele Eindrücke prägen diesen Tag. An die 140 internationale Delegationen haben den Weg nach Rom gefunden und diese Amtseinführung begleitet. Es waren geschätzte 300.000 Pilger, die diese Feier der katholischen Kirche besucht und viel Applaus für die Predigt des neuen Papstes gespendet haben. „Die wahre Macht ist der Dienst an der Schöpfung und an den Menschen.“ Beten wir für den neuen Bischof von Rom, Papst Franziskus.

*

(Quellen: ORF, ARD, ZENIT.org, kath.press)

***

*

4 Gedanken zu “Amtseinführung von Papst Franziskus – „Dienst an der Schöpfung“

  1. Papst Franziskus´ Predigt hat mich insgesamt beeindruckt, doch eine nagende Enttäuschung spüre ich dennoch und komme einfach nicht -trotz guten Willens- dagegen an.
    Dass er die Armen, Alten, Schwachen, am Rande Stehenden und Kinder ins Bewusstsein hebt, dass er sich für sie einzusetzen gedenkt, ist äußerst lobenswert.
    Ebenso sein Aufruf zur „Bewahrung der Schöpfung“, obwohl dieser Begriff schon so abgenutzt klingt, wichtig ist dieses Anliegen dennoch.
    Papst Franziskus scheint ein mutiger und selbstbewusster Mann zu sein. Dies zeigt schon seine Namenswahl, die mich als Mitglied des Dritten Ordens der Franziskaner natürlich sehr freut.

    Und gerade weil ich ihn für mutig halte, habe ich einen Punkt in seiner Predigt sehr schmerzlich vermisst:
    Das Drama der millionenfachen Abtreibung.
    Auch ungeborenes Leben war ursprünglich von Gott gewollt. Dieses Leben existiert, auch wenn den Augen noch verborgen.
    Was da heranwachsen wollte, war dazu bestimmt, ein Junge, ein Mädchen zu sein und ins irdische Leben hineinwachsen zu dürfen.
    Einem kleinen Menschlein die Möglichkeit einzuräumen, das Licht der Welt zu erblicken, gehört für mich ebenso zur vielbeschworenen „Bewahrung der Schöpfung“.

    Es ist mir bewusst, dass man in eine offizielle Erstpredigt nicht alles hineinpacken kann und so hoffe ich, dass Papst Franziskus auch dieses Thema einmal zur Sprache bringen wird.
    Er hat von Zärtlichkeit gesprochen – ein schöner Gedanke, neu und ungewohnt!
    Jedoch: Über das Erfahren von Zärtlichkeit und Behütetwerden hätten sich die die kleinen Wesen, denen man den Zutritt zur Welt verweigert, sicher auch gefreut.

    Eine Portion Schmerz und Enttäuschung bleibt in mir zurück und lässt sich nicht vertreiben.
    Es tut mir leid, dass ich ein wenig Essig in den Wein der Begeisterung schütte.

    1. Hallo Marienzweig,
      danke für deinen ausführlichen Kommentar!

      Es ist gar kein „Essig“, den du mit deinem Beitrag einschenkst, denn die Frage für den Schutz des Lebens ist eine ganz essentielle Frage!!!

      Ich denke, wir sollten noch etwas Geduld haben. Dieser Papst scheint ein Mann der klaren Worte zu sein. So wie er zur Einführung der „Homo-Ehe“ in Argentinien gesprochen hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass er zum Thema Abtreibung keine deutlichen Worte findet!

      Lass diese Frag bitte nicht an dir nagen… ich müsste mich sehr täuschen, wenn Franziskus nicht in absehbarer Zeit etwas zur Tötung ungeborenen Lebens sagen würde.

      LG und Gottes Segen!

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s