Der Hirte und die Schafe (Ev. vom 4.So der Osterzeit)

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Um diese Zeit fand in Jerusalem das Tempelweihfest statt. Es war Winter, und Jesus ging im Tempel in der Halle Salomos auf und ab. Da umringten ihn die Juden und fragten ihn: Wie lange noch willst du uns hinhalten? Wenn du der Messias bist, sag es uns offen! Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich im Namen meines Vaters vollbringe, legen Zeugnis für mich ab; ihr aber glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört. Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir. Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins. Da hoben die Juden wiederum Steine auf, um ihn zu steinigen. Jesus hielt ihnen entgegen: Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen? Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung; denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott. Jesus erwiderte ihnen: Heißt es nicht in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter? Wenn er jene Menschen Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht aufgehoben werden kann, dürft ihr dann von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst Gott – weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn? Wenn ich nicht die Werke meines Vaters vollbringe, dann glaubt mir nicht. Aber wenn ich sie vollbringe, dann glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt. Dann werdet ihr erkennen und einsehen, dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin. Wieder wollten sie ihn festnehmen; er aber entzog sich ihrem Zugriff. (Joh 10,22-39)

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Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir. Im heutigen Evangelium stellt sich uns Jesus – wie implizit an vielen anderen Stellen – als der Hirte seiner Schafe vor. Das polarisiert: Bin ich Teil der Herde oder stehe ich außerhalb? Ausgerechnet auf dem Tempelweihfest brüskiert er „die Juden“ damit, dass er sie ausschließt: Ihr aber glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört. Das bedeutet, dass man das Schafsein nicht durch den Glauben annimmt, sondern umgekehrt: Man muss bereits in die Herde des Herrn gestellt sein, um zu glauben. Der Glaube ist die Gnade des Schafes.

Jesus ist der gute Hirte. Das Bild des Hirten ist ein gutes Bild, eines, das reich an Assoziationsmöglichkeiten ist. Man verbindet damit Dinge, die auch für Gott, für Jesus gelten: Liebe, Treue, Sorge, Vertrauen, Beziehung, Ordnung, Einfachheit, Demut. Schon der Psalmist sang: Der Herr ist mein Hirte. (vgl. Psalm 23). Die Beziehung Gottes zum Menschen wird in Christus zur Beziehung des Hirten zu seiner Herde. Die Schafe der Herde zeichnen sich durch die Gemeinschaft aus, die sie zur Herde macht, aber auch durch Gleichheit, was Gleichwertigkeit bedeutet, nicht Gleichförmigkeit. Das eine Schaf mag mehr Wolle haben, das andere mehr blöken – der Hirte liebt sie alle gleich.

In der Nachfolge Christi geht das Bild auf Priester, Bischöfe und den Papst über: „Pastor“ heißt Hirte. Jesus erteilt Petrus den Auftrag zur Kirchenkonstruktion in zeitgemäßer Metaphorik: Weide meine Schafe! (vgl. Johannes 21, 15-19). Der Kleriker steht zum Kirchenvolk bzw. zum einzelnen Gläubigen wie der Hirte zur Herde bzw. zum einzelnen Schaf. Das scheint für den einzelnen Gläubige wenig schmeichelhaft: Wer will schon gerne Schaf sein, eingepfercht in eine Herde, kontrolliert vom Hirten?

Nicht vergessen werden sollte dabei allerdings, dass in dem Bild vom Hirten und seiner Herde ein Ausgleich zwischen Gemeinschaft und Individuum, ein Kompromiss aus Freiheit und Verantwortung dadurch gefunden wird, dass beide – Hirte wie Schaf – aufeinander angewiesen sind: Der Hirte lebt von der Herde, die ihn nährt, die Herde lebt Dank des Hirten, der sie schützt. Selbst die Führung wechselt, denn auch die Führung einer Herde lebt von der vertrauensvollen Beziehung: So führt der Hirte die Herde am Abend kompromisslos in den Stall des Besitzers (und das einzelne Schaf lässt sich darauf ein, weil es durch den guten Hirten eine Ahnung von Stall und Besitzer bekam), doch tagsüber lässt sich der Hirte von seiner Herde zu den besten Futterplätzen und Wasserquellen ziehen, denn er weiß: Dafür hat nur das Schaf den richtigen Sinn.

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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