Glaube und Visionen in der Heiligen Messe

Gestern ging es darum, wieweit alltägliche Begebenheiten Glaubensimpulse auslösen können und dürfen. Am Beispiel einer TV-Serie habe ich vom „Zufall“ berichtet, dass der Inhalt einer Serienfolge auf ganz treffende Art mit der Tageslesung zusammenpasste. Das allein wäre noch nichts spezielles, wenn wir „Sünde“ als Thema der Vorabend-Serie ausmachen, und dann im Tagesevangelium über „Sünde“ lesen; beim Thema Visionen sieht es doch etwas anders aus:

Eli Stone - Plakat
Der von Visionen geplagte Anwalt Eli Stone…

Visionen sind in Spielfilmen und am Fernsehschirm stark im Zunehmen begriffen, kommen aber in unseren Kirchen in Form von Predigten oder Katechesen nur sehr marginal vor. Ich denke, dass es hier Zusammenhänge gibt, die an dieser Stelle nur angedeutet werden können: Unter dem Einfluss eines naturwissenschaftlich geprägten Zeitgeistes einerseits, und einer überdimensionierten Wirtschaftsorientierung der letzten Generationen andererseits, war es generell schwierig, über „Übernatürliches“ zu reden. Allerdings hat in den letzten Jahren in der Kunst – am besten kann ich dies mit dem Medium Film belegen – ein radikaler Paradigmenwechsel eingesetzt: Auf inflationäre Weise dienen Geister, Dämonen und Vampire der Unterhaltung (The Vampire Diaries [2009], Twilight-Saga [2010]), und – für den theologisch orientierten Leser interessanter – Gott hat in Drehbüchern wieder Einzug gehalten: Visionen-Aus dem Leben der Hildegard von Bingen [2009], Lourdes [2009], Hereafter [2010], Tree of Life [2011], Paradies:Glaube [2012].

Warum eigentlich? Hier lässt sich wieder stark vereinfacht sagen: Zwei Wirtschaftskrisen sind nicht ohne Wirkung geblieben – und Geld ist nicht mehr alleiniger Sinngeber; ein neuer Atheismus hat sich formiert – und parallel dazu wächst das Interesse an Religionen; die Glaubens- und Kirchenkrise Europas hat einen Höhepunkt erreicht – aber eine engagierte gläubige Minderheit beginnt mit Neuevangelisierung und forciert das Thema Gott; die Gender-Debatte beschäftigt Europa – mit Hilfe der Generalklausel „Gleichheit“ wird die Schöpfungs-und Religionsgeschichte umgeschrieben. Zudem hat der gerade zurückgetretene „Anführer der Minderheit“, der emeritierte Papst Benedikt XVI., ganz wesentlich an der Schraube des Glaubens gedreht und viele Menschen veranlasst, sich wieder mehr mit dem Glauben zu beschäftigen, so auch Künstler, die in den Vatikan eingeladen wurden.

Eli Stone - Vision
…erhält einen „visionären“ Hinweis auf seinen nächsten Fall

Gott und Visionen sind in der Unterhaltungsbranche wieder Thema, aber was macht unsere Kirche daraus? Die Institution Kirche steht – in Form ihrer menschlichen Repräsentanten und Mitglieder- genauso im Licht technokratischer Zeitströmungen wie jede andere Gemeinschaft, also ist es nicht verwunderlich, wenn alles, was Visionen anbelangt, bestenfalls mit Handschuh und Zange angegriffen wird. Ausgenommen sind wenige Heilige der Moderne, man denke nur an Schwester Faustyna Kowalska und Therese von Lisieux: Letztere wurde inzwischen zur Kirchenlehrerin erhoben. Aber auch hier darf gesagt werden: Beide Heilige, die sehr intensiv mit Visionen bzw. Privatoffenbarungen gelebt haben, kommen in unseren Heiligen Messen nur ganz am Rande vor, leider.

Lourdes - Film
Lourdes – der Film

Papst Johannes Paul II. ist mir als einziger hoher Repräsentant der katholischen Kirche der letzten 50 Jahre präsent, der einen starken Bezug zur Stimme Gottes hatte, die durch ausgewählte Menschen hörbar wird – man denke nur an die Rezeption der Geheimnisse von Fatima. Ansonsten gibt es eine übergroße Vorsicht im Umgang mit dem Thema Visionen, denn hier kann man sich schnell die Finger verbrennen.

Dabei ergeben sich allein durch die Tagesevangelien immer wieder Möglichkeiten, das Thema zu beleuchten. Während im ersten Artikel von einer Vision Petri die Rede war, wird hier die Vision von Hauptmann Kornelius zitiert:

Da sagte er zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem Juden nicht erlaubt ist, mit einem Nichtjuden zu verkehren oder sein Haus zu betreten; mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf. Darum bin ich auch ohne Widerspruch gekommen, als nach mir geschickt wurde. Nun frage ich: Warum habt ihr mich holen lassen?

Da sagte Kornelius: Vor vier Tagen um diese Zeit war ich zum Gebet der neunten Stunde in meinem Haus; da stand plötzlich ein Mann in einem leuchtenden Gewand vor mir und sagte: Kornelius, dein Gebet wurde erhört und deine Almosen wurden vor Gott in Erinnerung gebracht. Schick jemand nach Joppe und lass Simon, der den Beinamen Petrus hat, holen; er ist Gast im Haus des Gerbers Simon am Meer.

Sofort habe ich nach dir geschickt und es ist gut, dass du gekommen bist. Jetzt sind wir alle hier vor Gott zugegen, um all das anzuhören, was dir vom Herrn aufgetragen worden ist. Da begann Petrus zu reden und sagte: Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist. […]

Noch während Petrus dies sagte, kam der Heilige Geist auf alle herab, die das Wort hörten. Die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde. Denn sie hörten sie in Zungen reden und Gott preisen. Petrus aber sagte: Kann jemand denen das Wasser zur Taufe verweigern, die ebenso wie wir den Heiligen Geist empfangen haben? Und er ordnete an, sie im Namen Jesu Christi zu taufen. Danach baten sie ihn, einige Tage zu bleiben. (Apostelgeschichte 10,28-35.44-48)

Im Grunde genommen ist es so, dass die heutige Kirchenpraxis – im Sinne sonntäglicher Gottesdienste – angesichts spiritueller und mystischer Themen kneift. Mit 40 Jahren Erfahrung in Heiligen Messen vom Bodensee bis Wien darf ich sagen, dass im Rahmen der zentralen Feier unseres Glaubens ab und zu von Sünde, selten vom Teufel und praktisch nie von den genannten modernen Heiligen die Rede ist. Von geschätzten 30 bis 40 mir bekannten Priestern habe ich einen einzigen von der kleinen Therese sprechen hören (Christoph Kardinal Schönborn) und außer dem Wiener Erzbischof gab es immerhin einen Priester, der Schwester Faustyna wenigstens am Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit erwähnt hat.

Tree of life - der Film
Tree of life – der Film

Noch schlimmer ist, dass in der Folge wenig bis gar nichts darüber zu hören ist, wie unser inneres Leben als Christen gestaltet werden kann! In jeder Messe wird das Vaterunser gebetet, was aber wird sonst über das Beten gesagt und gelehrt? Ab und zu ist von Sünde die Rede, was aber hören wir zu den Themen Beichte, Aussprache und Umkehr? Sollten doch einmal die Themen „Visionen“ oder „Erscheinungen“ gestreift werden, wo aber sind die Hilfestellungen zur „Unterscheidung der Geister“ und zur geistlichen Begleitung?

Der aktive Christ (etwa 5-8 % der getauften Christen, wenn man den sonntäglichen Kirchgang als Maßstab nimmt) wird kaum Schwierigkeiten haben, das will ich gerne einräumen: diese kleine Minderheit der engagierten Christen wird zu allen genannten Themen vielfältige Angebote finden. Wer sich aber damit zufrieden gibt, vergißt eines: Beten, die innere Stimme, geistliche Bildung, Beichte und Umkehr beinhalten die zentralen Werte und Aufgaben unseres christlichen Glaubens – somit ist es ein unverständliches Versäumnis einer großen Zahl von Priestern und Bischöfen, auf diese Themen in den sonntäglichen Messe nicht einzugehen! Daraus folgt: Bevor wir über Umkehr und Evangelisierung reden, muss geklärt werden, wie wir in unseren Breitengraden zu einer nachhaltigen geistlichen Erneuerung kommen.

*

Apropos Visionen in der Kunst, ein Ausstellungshinweis:

Visionen

„Atmosphären der Veränderung“

25. Mai – 8. September 2013, Gehry-Galerien

Eröffnung am Freitag, 24. Mai 2013, um 19.30 Uhr

Erstmals widmet sich eine Ausstellung ausführlich dem Phänomen der Vision in der zeitgenössischen Kunst. Wie unterscheidet sie sich von der Utopie, welche Energien liegen in ihr für eine aktive Zukunftsgestaltung?

Inspiriert durch die erste Marienerscheinung nördlich der Alpen, der Herforder Marienvision aus dem 10. Jahrhundert, spannt „Visionen“ einen eigenwilligen, höchst anregenden Parcours durch unterschiedlichste Kontexte und Phänomene, in denen der Betrachter dem Geist und der Atmosphäre sehenden Denkens und Gestaltens nachspüren kann. In einer vor allem pragmatisch organisierten Zeit ist die Frage nach der Macht von Visionen ebenso notwendig wie – in Form dieser Ausstellung – auch einmalig.

Entsprechend der unfassbaren Natur einer Vision wird diese Ausstellung als eine Art lebende Membran, als ein Erfahrungsraum innerhalb der biomorphen, offenen Architektur Frank Gehrys konzipiert und macht so den Charakter des Museums Marta Herford als Labor für weiterführende Ideen sichtbar.

Arbeiten u.a. von Franz Ackermann, Francis Alÿs, Michaël Borremans, Felix Droese, Matt Mullican, Thomas Ruff, Andreas Slominski, Jorinde Voigt u. v. a. zeigen sehr unterschiedliche Facetten eines Phänomens, dessen Aktualität unübersehbar geworden ist. Auch wird es ein Wiedersehen mit Panamarenkos Luftschiff „Papaver“ (2002) aus der Sammlung Marta geben.

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4 Gedanken zu “Glaube und Visionen in der Heiligen Messe

  1. Ja, ich sagte mal vor einiger Zeit, wenn ich tatsächlich einmal Pfarrerin werden sollte. halte ich nur noch Gerichts-Predigten ;) … ich hoffe, dass wir früher oder später selbst darüber gewiss werden – dass es nicht gut ist, den Großteil der Heiligen Schrift, – und der Tradition – „unter den Altar zu kehren“, erst recht wenn es um eigentlich ganz elementare Dinge geht …
    — welche Rolle aber spielt die Kunst? Kann sie das ausdrücken, was wir uns nun nicht mehr trauen zu äußern, im Sinne einer Phantasie, Gestaltungsform, die nicht Rechenschaft ablegen muss, über ihren Wahrheitsgehalt, und eben dadurch erst Wahrheit schafft? — wenn ich diese Frage einmal lösen könnte – welche Rolle spielt die Kunst für den Glauben. sie ist nicht mit ihm identisch, aber ohne sie, ist lebendiger Glaube denkbar? —
    ein Nischenprodukt – drückt das aus, was der in der Wort-Verkündigung fehlt.
    Vielleicht sollten wir einfach mal in den bunten Farbtopf (des Evangeliums) greifen und mutig an die Wand klecksen, von allem ein bisschen – und sehen, was geschieht. …

    1. Hallo Mailin,
      du fragst „welche Rolle aber spielt die Kunst? Kann sie das ausdrücken, was wir uns nun nicht mehr trauen zu äußern, im Sinne einer Phantasie, Gestaltungsform, die nicht Rechenschaft ablegen muss, über ihren Wahrheitsgehalt, und eben dadurch erst Wahrheit schafft?“

      Vermutlich ist es so zu sehen, wie Du es skizzierst;
      Rechenschaft soll Kunst niemals abelegen müssen, der Freiheitsanspruch muss uneingeschränkt gelten – und gerade dadurch entstehen auch Wahrheiten, die von der Kirche wieder aufgegriffen werden können – durch Hinweise, Katechesen, Auftragswerke etc.

      Der Griff in den „bunten Farbtopf des Evangeliums“, das gefällt mir gut – immer unter der Voraussetzung des Respekts vor dem vielfärbigen, aber heiligen Inhalt, was bei uns beiden ja nicht das Problem sein sollte ;-)

      Es folgt übrigens noch ein abschließender dritter Teil zum Thema „Visionen“!

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