Die Liebe, die Jesus meint (Ev. vom 5.So der Osterzeit)

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Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen. Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, und was ich den Juden gesagt habe, sage ich jetzt auch euch: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt. (Johannes 13, 31-35)

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Die Liebe, die Jesus meint

Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Doch wie hat Er uns geliebt? Was ist die Liebe Jesu? Kurz: Er hat uns als Seine Nächsten geliebt. Die Liebe Jesu ist Nächstenliebe, agape – geistige Hingabe, schenkende Liebe, die zur tätigen Barmherzigkeit wird. Und nicht eros, die sinnliche, begehrende Liebe.

Die Frage ist nun: Sind das zwei Arten von Liebe, die nichts miteinander zu tun haben, oder eher zwei Blickrichtungen des einen Liebens Jesu? Benedikt XVI. hat in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est (2006) eher den Unterschied verdeutlicht, indem er herausstellt, dass „die beiden Grundwörter Eros als Darstellung der ‚weltlichen‘ Liebe und Agape als Ausdruck für die im Glauben gründende und von ihm [Gott, J.B.] geformte Liebe“ dem Gegensatz von der Welt des alten Menschen und dem Reich Gottes des neuen Menschen entsprechen, ein Unterschied, wie er deutlicher nicht sein könnte. Benedikt weiter: „Beide werden häufig auch als ‚aufsteigende’ und ‚absteigende’ Liebe einander entgegengestellt; verwandt damit sind andere Einteilungen wie etwa die Unterscheidung in begehrende und schenkende Liebe (amor concupiscentiae – amor benevolentiae)“. Gleichwohl können eros und agape in der Lebenspraxis zusammenfallen, denn Differenz bedeutet nicht Dichotomie. Es ist kein Widerspruch, einen Menschen zu begehren und sich an ihn zu verschenken – ohne dass freilich eros die Bedingung für agape sein muss.

Auf ein typisches Missverständnis ist also an dieser Stelle hinzuweisen: Liebe im Sinne der Nächstenliebe (agape) ist nicht auf „Verliebtheit“ und Begehren (eros) angewiesen – das wäre das Ende der christlichen Ethik! Liebe als christliche Tugend ist, so Eberhard Schockenhoff, ein „sittlicher Grundakt, in dem der Mensch mit Zustimmung, Gutheißung und Urvertrauen dem Geschenk des Seins antwortet“, ein Akt, der als solcher zum „Strukturprinzip“ wird, „das den Grund, die Form und das Ziel des christlichen Lebens und Handelns bestimmen soll“. Das drückt Jesus normativ aus: Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.

Die Normativität der Liebe benötigt einen Begriff von Liebe, der wirklich in den Bereich dessen fällt, was der Mensch sollen kann. Damit ist klar – noch einmal sei es gesagt –, dass die Liebe, die Jesus meint, nicht im Sinne des Gefühlsbegriffs eros, sondern im Sinne des Vernunft- bzw. Willensbegriffs agape angesprochen ist. Liebe als christliche Tugend ist weniger Gefühl als vielmehr Haltung. Damit wird Liebe überhaupt erst ethisch relevant und kann geboten werden – ein Gefühl von Zuneigung hingegen kann man nicht verordnen. Von agape, so noch einmal Schockenhoff, sei denn auch in der Bibel an den Stellen die Rede, an denen in der deutschen Übersetzung „Liebe“ steht, eine Liebe, die mit einem unbedingten normativen Anspruch verknüpft ist, der das Christentum gegenüber allen anderen Religionen, Ideologien und Philosophien auszeichnet. Schockenhoff weist zudem darauf hin, dass agape in der griechischen Sprache eigentlich sehr ungebräuchlich ist, in der Bibel aber weitaus öfter vorkommt als das „ausdrucksstarke, im klassischen Griechisch bevorzugte Wort eros“, das „nahezu vollkommen vermieden“ wird, ebenso wie das Wort philia (Freundschaft), das „nur gelegentlich“ erscheine. Weil agape sonst kaum gebraucht wird, sei es, so Schockenhoff, „in seinem Sinngehalt weniger festgelegt“ als das in den Göttermythen zudem verschlissene und „mit allerlei geschlechtlicher Pikanterie“ negativ konnotierte Wort eros.

Die Liebe stellt ein vitales Konstitut des christlichen Glaubens dar, denn in dieser Liebe bleibt der „scheidende Erlöser und das Geschenk seiner Hingabe unter den Jüngern für alle Zeiten lebendig“ (Schockenhoff). Umgekehrt gilt: Der erheblichen Anforderung, die jene grenzenlose Liebe dem Menschen stellt, dem ungeheuerlich erscheinenden Anspruch einer (zumindest zeitweiligen) Selbstaufgabe im Interesse des Nächsten (nichts anderes findet bei einer Perspektivenübernahme statt), der ambitionierten agape in der Nachfolge Christi kann nur gerecht werden, wer „alle Wirklichkeit – die der anderen und die des eigenen Selbst – von Gott her“ sieht, denn: „Von ihm als dem Zentrum aller Wirklichkeit aus betrachtet, können wir alle in unserem Eigenwert wahrgenommen werden und so als Personen existieren, durch die das Licht göttlicher Wertschätzung hindurchscheint“, was dazu führt, dass diese Liebe zur unbedingten Annahme des Anderen „in seinem So-Sein und Hier-Sein“ führt (Schockenhoff). Eine solche absolute Liebe kann ohne absoluten Bezugspunkt, der eine bewirkende, zielgebende und einheitsstiftende Funktion erfüllt, nicht gelingen. Mit anderen Worten: Gott ist Garant dieser Liebe. Gott allein.

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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Ein Gedanke zu “Die Liebe, die Jesus meint (Ev. vom 5.So der Osterzeit)

  1. Ich unterrichte in der Grundschule; da muss man es möglichst einfach halten. Darum unterscheiden wir nicht zwei, sondern drei Arten von Liebe (die im NT in unterschiedlicher Benennung vorkommen) einfach nach den Adressaten:

    Eros:
    Die sexuelle, erotische Liebe. Wichtig zum Kinderkriegen.

    Philadelphia:
    Die Liebe zu Verwandten und Freunden. Wenn James Taylor singt: „Shower the people you love with your love“, geht es um die Philadelphia.

    Agape:
    Die Liebe zu Leuten, die man nicht kennt oder nicht übermäßig gut leiden kann. Sie drückt sich, wie oben im Artikel erwähnt, aus in Hilfsbereitschaft, Fairness, Respekt.

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