Visionen als Erlebnis von Glaube und Gnade (Franziskus)

In den letzten Beiträgen haben wir uns mit Visionen beschäftigt: Zunächst an Hand der alltäglichen Verbindung von Glaubenserlebnissen und Gottes Wort in der Heiligen Schrift; dann über die Präsenz von Geistern und Visionen in der zeitgenössischen Kunst; schließlich wurde auf die in den sonntäglichen Gottesdiensten vernachlässigte Erziehung, die zur Bewältigung des inneren Glaubenslebens beiträgt, eingegangen.

Genau an dem Punkt, wo eine Beschreibung dessen fehlt, was uns im Glaubensleben jederzeit oder vielleicht auch nie passieren kann – das Hören der Stimme Gottes – blättere ich in einem Buch von Carlo Carretto. Es scheint so, dass fast immer dann, wenn ich mit meiner sehr bescheidenen Weisheit am Ende bin, ein Hinweis wartet, diesmal in Form eines Zitats.

Der Priester und Mystiker Carlo Carretto, auf den ich schon öfter verwiesen habe, wagt eine Beschreibung dessen, was uns Gott in Seiner Gnade schenken kann, und bringt vor allem auf den Punkt, worauf es gründet.

Franziskus - Vision in San Damiano
Franziskus – Vision in San Damiano

Im folgenden Textausschnitt hat Carretto sich in den Heiligen Franziskus versetzt, der seit geraumer Zeit die verfallene Kirche San Damiano zur Anbetung des Herrn besucht. Lesen wir also, wie Carretto/Franziskus uns die Stimme Gottes beschreibt:

Eines Tages, als ich wieder das Kruzifix betrachtete, hatte ich den deutlichen Eindruck, als bewegten sich die Lippen des Gekreuzigten, und gleichzeitig hörte ich eine Stimme, die zu mir sprach: „Franziskus, sieh doch, wie mein Haus zerfällt, stell es mir wieder her.“

Jetzt möchte ich aber nicht, dass ihr euch festfahrt in dieser Sache mit den Lippen, die ich sich bewegen sah, und mit der Stimme, die meine Ohren vernahmen. Heute verstehe ich mich besser darauf, und ich kann es euch sagen, damit ihr jederart Schwärmerei und Aberglauben sein lasst und vielmehr alles im Glauben annehmt.

In Wirklichkeit bewegen sich die Lippen eines auf Holz gemalten Christus nicht. Wenn in diesem Augenblick mein Vater Pietro Bernardone neben mir gestanden wäre, mit seinem soliden guten Menschenverstand, er hätte nichts gesehen und vor allem nichts gehört.

Ich sah und ich hörte, weil ich im Glauben sah und hörte. Niemand kann ausforschen, wie dieses Phänomen an der Grenze des Menschlichen und Göttlichen zustande kommt. Man weiß nur dies, dass es sich voll und ganz im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe zuträgt und dass es absolut persönlich ist.

Gott stattet unseren Glauben mit Visionen, Erleuchtungen, Stimmen aus, um uns zu helfen und uns eine Brücke zu bauen. Aber die Brücke ist nur im Glauben begehbar. Nur im Glauben sah Abraham den Engel, sah Jakob die Leiter, die sich an den Himmel lehnte. Nur in der Hoffnung sah Mose den Dornbusch brennen, und nur in der Liebe verstand Josef den Traum, der ihn hieß, Maria zu sich zu nehmen.

Aber von außen gesehen gibt es da nichts zu sehen.

Als Bernadette die Erscheinung Marias in der Grotte von Lourdes sah, standen Tausende von Menschen um sie herum, die rein gar nichts sahen.

Was zählt und was der Verbindung mit dem Göttlichen Wert verleiht und was das Mittel ist, mit dem Gott zum Menschen spricht, das ist der Glaube.

Durch dieses Zitat wird, so denke ich, einigermaßen verständlich, was ansonsten durch Worte kaum ausgedrückt werden kann: Die Ansprache Gottes in besonderen Momenten des Glaubens. Nun kann nicht jeder von uns ein Auserwählter Gottes sein, woraus aber nicht folgt, dass uns die Stimme Gottes versagt bleiben muss. Ganz im Gegenteil: Wenn wir von unserem „alltäglichen“ Glaubensleben sprechen, dann sind an dieser Stelle die Kommunion und die eucharistische Anbetung zu nennen: Bei diesen heiligen Anlässen ist die Gotteserfahrung für den gläubigen Menschen schon allein deshalb gegeben, weil wir auf Jesu Hingabe in den Gestalten von Leib und Blut vertrauen dürfen.

Zusammenfassend kann nach den drei Betrachtungen zum Thema Visionen gesagt werden: Gott stattet unseren Glauben mit Visionen, Erleuchtungen, Stimmen aus, um uns zu helfen. Wichtige Maßstäbe für diese Gotteserfahrungen sind die Überprüfung des Erlebten anhand der Heiligen Schrift und schließlich den Früchten, die daraus entstehen oder auch nicht entstehen.

Folgende Fragen aber bleiben für viele Gläubige offen:

Wo erhalten wir Hinweise auf Erfahrungen, die das Glaubensleben gerade auch der modernen Heiligen bestimmt haben? Wo lernen wir über die Verbindungen zwischen Evangelium, den Heiligengeschichten und unseren inneren Erfahrungen? Wer erzieht uns, die innere Stimme unseres Glaubenslebens auch lesen zu lernen? Wie besprochen können die Engagierteren unter den Gläubigen durch Eigeninitiative durchaus fündig werden. Aber zur geistlichen Erneuerung unserer katholischen Kirche gehört es, dass diese Themen in den sonntäglichen Gottesdiensten nicht unter den Altar gekehrt werden.

***

3 Gedanken zu “Visionen als Erlebnis von Glaube und Gnade (Franziskus)

  1. Danke. Das ist ein wahnsinnig schönes Zitat.
    Auch, wenn ich nicht ganz verstanden habe, inwiefern sich Carretto in Franziskus versetzt hat – quasi meditativ schon vor dem Erlebnis? Oder erst indem er so angeredet wurde – ist aber vielleicht auch nicht so wichtig —

    1. Im Buch versetzt sich Carretto in die Gestalt des Franziskus; das zeigt der Beginn des Zitats (erster Absatz).

      Das restliche Zitat ist eine Fußnote zum ersten Absatz, die den Begriff Vision veranschaulicht und begründet…!

      Wenn man nur immer so geführt werden könnte, durch den Geist; erst das Carretto-Zitat gibt meinen dilettantischen Vorreden das gläubige Fundament.

  2. Offen gesagt habe ich immer größere Schwierigkeiten mit der Einteilung von innen und außen: „Mit meinem inneren Glaubensauge sah ich dies und jenes, aber in der ‚intersubjektiven Wirklichkeit‘ – also ‚in echt‘ – wäre nichts zu sehen…“
    Inzwischen habe ich gelernt und begriffen, dass es zwar eine „Welt an sich“ geben mag, aber sicher keine intersubjektive Wirklichkeit gibt. Wirklichkeit, also die auf mich wirkende, erlebte Welt, ist immer subjektiv. Jeder sieht nur das, was er zu sehen glaubt (selbst wenn er das erst mal unglaublich findet).

    Für sehr wichtig halte ich deine Schlussfolgerung:
    „Gott stattet unseren Glauben mit Visionen, Erleuchtungen, Stimmen aus, um uns zu helfen.“
    Mir fällt kein einziger biblischer Beleg ein, in der eine Erleuchtung oder wundersame Begebenheit einfach nur so passiert wäre – oder gar als Ergebnis esoterischer Neugier.

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