Romano Guardinis „Der Herr“ – Bericht zur Fachtagung in Stift Heiligenkreuz (1 – Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz)

Am Freitag hat Abt Dr. Maximilian Heim OCist die zahlreichen Teilnehmer eines weiteren Symposiums im Stift Heiligenkreuz begrüßt. Gut 100 Teilnehmer sind zu der Guardini-Fachtagung von Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Institutsvorstand des „EUPHRat“, gemeldet. Titel: Der Herr – gegen die Heilbringer. Die Christologie Romano Guardinis nach 75 Jahren. Versuche einer Würdigung.

Im Mittelpunkt des Symposiums stand Romano Guardinis herausragendes Werk „Der Herr – Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu Christi“. Es handelt sich um Predigten eines der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, herausgegeben im Jahr 1937, kurz vor der Katastrophe des zweiten Weltkriegs.

Die Bedeutung des Theologen und Philosophen Romano Guardinis ist noch gar nicht richtig abzuschätzen. Inzwischen wird auch die Einleitung eines Seligsprechungsprozesses geprüft. Warum hat Stift Heiligenkreuz gerade diese Veranstaltung mit großer Freude beherbergt?

Zum einen ist es die spannende und bedeutsame Verbindung von Theologie und Philosophie im Werk Guardinis. Zum anderen stehen sowohl der emeritierte als auch der gegenwärtige Papst unter dem Einfluss des Werkes von Romano Guardini.

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Heiligenkreuz Fachtagung GUARDINI 2013
Univ.-Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Dresden/Heiligenkreuz

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„Christologie als Macht gegen Ideologie.
Zu Guardinis Zeitdiagnose“

Beim Werk Romano Guardinis fallen zwei Eigenschaften sehr rasch auf – die Klarheit des Denkens und die Eleganz im Ausdruck. Darüber hinaus zählt Guardini zu den Theologen des 20. Jahrhunderts, die die Herausforderung der Moderne umfassend angenommen haben.

Gottferne, Nihilismus und Autonomismus sind Entwicklungen, mit denen Guardini sich ausgiebig beschäftigt hat. Damit nicht genug hat Guardini hohe Vertreter der Kunst zu fruchtbaren Auseinandersetzungen herangezogen; von Sokrates über Dante bis Nietzsche, Dostojewskij, Hölderlin, Rilke und Kafka war kein Autor vor seiner Analyse sicher.

Der Ton Guardinis ist immer sachlich, aber nicht leidenschaftslos. Man spüre immer „ein gewisses Beben“, zitiert Gerl-Falkovitz eine Leserstimme. Die gute Lesbarkeit der guardinischen Texte darf über eines nicht hinwegtäuschen: Romano Guardini verfügt über eine außergewöhnliche philosophische und analytische Kompetenz bzw. Schärfe.

Sein Charakter ist von Phasen der Schwermut geprägt. Zum einen darf hier erwähnt werden, dass nach Guardini der Mensch als geschaffenes Wesen sich immerfort in der Krisis befindet. Andererseits ist für Guardinis Haltung kennzeichnend, dass er seine persönlichen Krisen „in Christo“ bewältigt hat.

Die unerhörte Ansage „Gott hat ein Schicksal“ ist die für die Tiefe und Weite guardinischen Denkens kennzeichnend; dies sei keine Anmaßung, sondern vielmehr ein Hinweis auf die vom Autor aufs Tiefste erfasste Liebesbeziehung zwischen Schöpfer und Mensch.

Das Annehmen einer Religion dient oft der persönlichen Wunscherfüllung, während tatsächlicher Glaube zur Vollendung in Gott führt. Guardini ist ein großer Wahrheitssuchender, bei ihm „steht die Wahrheit wie ein Wesen im Raum“, sie gilt es zu entdecken und zu begreifen.

ROMANO GUARDINI IN DER ZEIT

Guardinis Werk „Der Herr“ liegt heute in der 11. Auflage vor. Die Rezeption seines Werkes ist bis heute andauernd und geht weiter. Sein Titel ist vor dem Hintergrund der Zeit zu sehen; eine Zeitgenossin spricht von der „brüllenden Gegenwart“ des Jahres 1933, in welchem Guardini dem „Herrenmenschen“ den Herrn gegenüberstellt.

In seiner Epoche hat sich Guardinis Kampf gegen den Bolschewismus und den Faschismus gerichtet. Heute sprechen wir von politischen Religionen, die einzig der Machterhaltung von Systemen und Diktatoren dienten. Es ist in der Geschichte nachzulesen, dass religiöse Schübe auch für Ideologien nutzbringend waren.

Von Guardini stammt die theologisch-politische Schrift „Der Heilsbringer“, in der er wie schon zu Beginn des „Dritten Reichs“ Hitlers Versuch, sich als Heilsbringer zu stilisieren, als totalitaristisch brandmarkte; 1935 hatte er sich in seiner Schrift „Der Heiland“ offen gegen die von den nationalsozialistischen Deutschen Christen propagierte Mythisierung der Person des Jesus gewandt und dagegen die enge Verbundenheit von Christentum und „jüdischer Religion“ mit der Historizität Jesu begründet.

Die Problematik der religiösen Kraft und Gewalt hat Guardini auf weitreichende Weise analysiert. Seine Klarsicht zeigt, wie der Führer nach und nach zur Christusfigur stilisiert wird. Gerl-Falkovitz erinnert an die nationalsozialistische Kindergartenerziehung: „Händchen falten, Köpfchen senken – immer an den Führer denken. Er gibt euch euer täglich Brot und rettet euch aus aller Not.“

Die zunehmende Verfolgung der Glaubenden bleibt Romano Guardini nicht verborgen. In der Offenbarung des Johannes sieht er die entsprechenden prophetischen Hinweise: „Als das Lamm das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten… (Offenbarung 6,9)“

Kennzeichnend für Romano Guardini ist eine durchaus apokalyptische Sicht der Welt. Viele Erscheinungen der Kunst, der Technik und Politik sieht er im Licht der Endzeit – „wenn der große Gesendete kommt“. Wie sehr Guardini die Zeichen der Zeit nicht nur erkennt sondern damit ringt, ist ein beeindruckender Aspekt seines Werkes.

FREILEGUNG DER GESTALT JESU

In seinem Werk „Der Herr“ geht es Romano Guardini darum, die Gestalt Christi wieder freizulegen. Dabei wird der Autor den Heiland vergleichend darstellen, im Vergleich zu Sokrates und Buddha. In seiner Hellsichtigkeit äußert Guardini, dass nicht Atheismus oder Nihilismus die großen Widersacher des christlichen Glaubens sein werden, sondern Buddha wird am Ende der Zeit als Gegenfigur zu Christus übrigbleiben.

Der Autor ist kein Anhänger der historisch-kritischen Exegese, somit bemüht er kein mittelbares Verstehen der heiligen Schrift; aus Sicht Guardinis ist die pneumatische Herangehensweise die ratsamste, nicht unähnlich der lectio divina: Die göttliche Offenbarung muss einem unmittelbaren Verstehen durch die Glaubenden zugänglich sein.

Im Neuen Testament finden wir zunächst eine geschichtliche Einwurzelung vor, und zum anderen Teil die Deutung der Offenbarung. Bei den vier Evangelisten ist beides vorzufinden, auch in den ausgeprägt deutenden Abschnitten ist Johannes noch historisch, so wie Markus selbst in den stark historischen Kapiteln einiges an Deutung ermöglicht. Paulus hingegen ist als der rein deutende Schreiber des Heilsgeschehens zu sehen.

Es geht um eine natürliche Form des Lesens, wobei der Empfänger der Offenbarung immer der heutige, gegenwärtige Leser ist – das ist als Absage an eine Theologie zu sehen, die das mittelbare Aufschlüsseln und Verstehen der Bibel bevorzugt.

POLITISCHE EINORDNUNG

Der Christus des Romano Guardini ist auch als Ideologiekritik zu verstehen. Es geht um eine mittelbare Entwaffnung der Heilsbringer: Seine Waffe ist die Wahrheit. Das Böse wird als ein Nichts entlarvt, das für sich genommen keinen Bestand hat. Selbst im Nichts des Bösen ist Gott, daher ist Satan letztlich nicht überlebensfähig.

Die leisen Mächte sind die eigentlich starken, die Wahrheit dabei die stärkste: Die heilige Wahrheit kommt in der Knechtsgestalt. Es gibt ein Gericht über das Böse, dieses vollzieht seine Entmachtung. Auch die Frage, wie Jesu Ohnmacht trotz seiner Macht zu begreifen sei, löst Guardini auf: Gott ist geduldig.

Es ist die Herrengesinnung Gottes, die uns gegenübersteht. Gott ruft den Menschen in die Freiheit, und daraus folgt, dass der Herr warten kann. Er gibt der Lüge und der Sünde Raum; doch die Lüge ist nichts, sie hat keinen Bestand und wird gerichtet.

Alles Böse, das uns in der Welt begegnet, nimmt seine Kraft aus etwas anderem. Das Böse hat keinen eigenen Bestand, ist nur etwas Aufgeblähtes. Der Tod führt nicht in ein Nichts, sondern Gott haucht dem Tod Leben ein. Das letzte Gericht geschieht durch die Macht der Wahrheit: Aller Schein zerreißt. Dies ist ein leiser Vorgang und geschieht durch Aufrichten des Geknechteten.

APOKALYPSE ALS GEGENWART

Die Apokalypse ist immer gegenwärtig, wobei der Mensch seine Hoffnung aus dem Glauben gewinnt, der auf die Ewigkeit gerichtet ist. Guardini sieht Satan als ein von Gott abgefallenes Wesen, das in großer Verzweiflung mit der Errichtung eines Gegenreiches beschäftigt ist.

In den Augen des großen Theologen Romano Guardini ist die Geschichte ein Raum des Daseins, aber nichts abgeschlossenes. Die Leser dürfen Guardini als einen Wächter begreifen, einen Hirten bis zum Aufgehen der Wahrheit.

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Univ.-Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Dresden/Heiligenkreuz

Der Text ist eine nicht autorisierte Fassung des Vortrags
von Frau Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz,

nach einer gewissenhaften Mitschrift des Blogbetreibers.
Weitere Zusammenfassungen folgen.

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Link zu > > > ROMANO GUARDINI – Alle Themen zu „DER HERR“ plus Biographie

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„Der Herr – gegen die Heilbringer.
Die Christologie Romano Guardinis nach 75 Jahren.
Versuche einer Würdigung“

Freitag, 26. April 2013

19.30 Uhr Begrüßung durch den Großkanzler der Hochschule (Abt Dr. Maximilian Heim OCist, Heiligenkreuz)

19.45 Uhr Christologie als Macht gegen Ideologie. Zu Guardinis Zeitdiagnose (Univ.-Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Dresden/Heiligenkreuz)

Samstag, 27. April 2013

9.00 Uhr Kerygmatische Christologie. „Der Herr“ im theologiegeschichtlichen Zusammenhang (PD Dr. Martin Brüske, Fribourg)

10.30 Uhr Annäherungen an die Gestalt Christi. Guardinis große Interpretationen (Pascal, Dostojewski, Hölderlin) (Univ.-Prof. Dr. Alfons Knoll, Regensburg)

12.00 Uhr Terz und Sext

12.30 Uhr Mittagessen

14.30 Uhr „Dieser konsequenteste aller Individualisten aber löst die Personalität auf.“ Recht und Unrecht in Guardinis Rilke-Interpretationen (Univ.-Prof. Dr. Michael Wladika, Trumau)

15.30 Uhr Das Maß Christi als Krisis der Moderne. Junge Forschung zu Guardini (cand. phil. Beatrix Kersten M. A., Dresden, cand. phil. Paul Metzlaff, München)

Dionysos oder der Gekreuzigte? Guardinis Blick auf Nietzsche (cand. phil. Albrecht Voigt M. A., Dresden)

Christus als „Mediator“ und souveräner Herr der Geschichte. Guardinis Schulung am soteriologischen und systembildenden Denken Bonaventuras (cand. theol. Franz-Xaver Heibl, Regensburg)

18.00 Uhr Vesper

18.30 Uhr Abendessen

20.00 Uhr Christliche Weltanschauung und Gegenwart. Wie liest ein evangelischer Philosoph Guardini? (Univ.-Prof. Dr. Harald Seubert, Basel/München)

21.15 Uhr „Der unvollständige Mensch und die Macht“. Ein Vortrag Guardinis im Film, 1956

Sonntag, 28. April 2013

9.30 Uhr Konventamt

10.45 Uhr Guardini als Mystagoge. Bemerkungen zur geistlichen Lektüre des „Herrn“ (Prof. P. Dr. Kosmas Thielmann OCist, Heiligenkreuz)

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