Romano Guardinis „Der Herr“ – Bericht zur Fachtagung in Stift Heiligenkreuz (2 – Dr. Martin Brüske)

Am Freitag (26. April) hat Abt Dr. Maximilian Heim OCist die zahlreichen Teilnehmer eines weiteren Symposiums im Stift Heiligenkreuz begrüßt. Gut 100 Teilnehmer sind zu der Guardini-Fachtagung von Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Institutsvorstand des „EUPHRat“, gemeldet. Titel: Der Herr – gegen die Heilbringer. Die Christologie Romano Guardinis nach 75 Jahren. Versuche einer Würdigung.

Romano Guardini - Heiligenkreuzer Symposium 2013

Im Mittelpunkt des Symposiums stand Romano Guardinis herausragendes Werk „Der Herr – Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu Christi“. Es handelt sich um Predigten eines der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, herausgegeben im Jahr 1937, kurz vor der Katastrophe des zweiten Weltkriegs.

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Kerygmatische Christologie. „Der Herr“ im
theologiegeschichtlichen Zusammenhang

Prof. Dr. Martin Brüske
PD Dr. Martin Brüske, Fribourg

THEOLOGIEGESCHICHTLICHE SITUATION UM 1930

Um Romano Guardinis Ansatz näher verstehen zu können, ist zunächst zu betrachten, welche theologiegeschichtliche Situation um 1930 im Blick auf das neutestamentliche Christuszeugnis gegeben war.

Nach dem Ende der liberalen Leben-Jesu-Forschung

Wir befinden uns am Ende der liberalen Leben-Jesu-Forschung. Mit Albert Schweitzer gibt es zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Abgesang auf die Jesusforschung – Jesus ist zu den Seinen zurückgekehrt, in seine Fremdheit.

Eschatologie und Apokalyptik als Herausforderung

Aus der Theologie „individueller Frömmigkeit“ des 19. Jahrhunderts heraus gesehen gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts kein eschatologisches Denken. Diese Situation hat sich in der Folge des ersten Weltkrieges dramatisch geändert: Jetzt ist der Boden für Eschatologie neu bereitet, denn das Ende der Welt ist faktisch greifbar geworden.

Die Formgeschichte nach dem 1. Weltkrieg

Die Formgeschichte als Teil der historisch-kritischen Methode der Exegese wird durch Veröffentlichungen der 20er Jahre vorangetrieben. Dabei wird die Chance gesehen, vom rein historischen Jesusdenken wegzukommen.

Entweder / Oder

So formuliert Rudolf Bultmann 1926 sein Christuszeugnis: „Entweder/Oder“. Damit folgt er dem Blick durch die Brille Kierkegaards und verschreibt sich damit dem theologischen Antihistorismus:

„Was aber bedeutet nun „Gottesherrschaft“? Was soll man sich darunter vorstellen? Die Antwort ist zunächst einfach: Die Gottesherrschaft ist das Heil für den Menschen, und zwar das eschatologische Heil, das allem irdischen Wesen ein Ende macht. Dies Heil ist das einzige Heil, von dem man reden kann; eben deshalb fordert es vom Menschen die Entscheidung, ist nicht etwas, das man neben anderen Gütern besitzen, um das man sich neben anderen Interessen bemühen kann. Dies Heil steht vor dem Menschen als ein Entweder-Oder.“ (Rudolf Bultmann, JESUS, 1926)

Die Gottesherrschaft ist eschatologisches Heil, liegt quer zum „höchsten Gut“ der Ethik, und diese zentrale Botschaft Christi ist schlechthin unweltlich.

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GUARDINIS VERARBEITUNG DER SITUATION

Was Jesus nicht ist

Jesus ist nicht als religiöses Genie zu sehen, so etwas wie ein „religiöse Begabung“ gibt es auch nicht. Eine Biographie Jesu lässt das Neue Testament trotz historischer Anhaltspunkte nicht zu, aufgrund der Abweichungen zwischen den Evangelien ergäben sich unüberbrückbare Schwierigkeiten; auch eine Psychologie Jesu ist nicht möglich, diese würde sich nach wenigen Ansätzen im Nichts verlieren.

 „Jesus kommt nicht, um der Reihe der bisherigen Menschheitserkenntnisse eine neue hinzuzufügen; um eine Höhe zu erobern über jene hinaus, die bereits erschaut sind; um ein neues Ideal, eine neue Wertordnung aufzurichten, für die es nun an der Zeit wäre. Nein, sondern aus der Gott vorbehaltenen Fülle des Himmels trägt Jesus eine heilige Wirklichkeit vor. Aus Gottes Herzen führt er einen Lebensstrom in die dürstende Welt. Von „Oben“ her tut er ein neues Dasein auf, das aus der Schöpfung selbst nicht möglich und nach Ordnungen gebaut ist, die von „Unten“ her als Verwirrung und Umsturz erscheinen.“ (Romano Guardini, DER HERR, Würzburg, 1957, 78f.)

Jesu Kommen bedeutet keineswegs eine Verlängerung innerweltlicher Ordnungen. Die Wirklichkeit, die er bringt, kommt schlechthin von „Oben“, von „Unten“ erscheint sie als Verwirrung und Umsturz.

Hermeneutische Schlussfolgerungen – keine Chronologie, sondern Kerygma

Die historisch-kritische Methode schafft Distanz (mit dem Vorteil des Schutzes vor Ideologien), aber schlussendlich muss ich Jesus wieder an mich heranlassen!

Nach Guardinis Verständnis sind die Evangelisten weniger chronologisch als nach eigener Verantwortung vorgegangen, im Interesse der Verkündigung der wesentlichen Botschaften Jesu Christi. Das Neue Testament ist in erster Linie Verkündigung.

Folgerichtig wendet sich Guardini dem Kerygma zu, der Verkündigung durch Predigt. Das Neue Testament begreift er als Urkunde predigtgeschichtlicher Verkündigung. Die Offenbarung ist als Handlung und Gericht zu verstehen.

Guardini „schielt“ nicht

Aber mit welchem Ziel will Guardini die Verkündigung verstanden wissen? Seinem zentralen Gedanken entsprechend führt eine auf rechte Weise gelesene Offenbarung zur Begegnung mit dem Herrn:

  • Es gilt den Blick ganz konsequent auf Christus zu richten; die Differenzen in den Evangelien sind keine Brüche, solange der Blick auf Christus gerichtet bleibt.
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  • Das Christentum ist keine Lehre, keine Moral, keine Weltanschauung: Das Christentum ist Jesus Christus.
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  • Was die Verkündigung ist, kann nur sie selbst aussagen!

Guardini ist unglaublich nah an den Texten, wogegen die Jesus-Bücher von Benedikt XVI. mehr nach interpretatorischen Nebenschauplätzen „schielen“.

Die Person Christi als Kategorie des Christentums

Es sei besser, Jesus zu menschlich als zu philosophisch zu verstehen; schließlich habe Jesus gehandelt und nicht philosophiert. Romano Guardini versteht Kerygma als Mystagogie in das Geheimnis Christi.

Möglichkeit und Wirklichkeit

Im Alten Testament haben wir noch zwei Möglichkeiten: Das Kommen des Gottesknechts oder der Marsch zum Berg Zion. Das Schicksal wendet sich – als sich die Menschen der Verwerfung immer mehr nähern – zum Gottesknecht.

Die Schöpfung ist als Gottes Drama mit den Freiheiten des Menschen zu begreifen, ein „Drama sich begegnender Freiheiten“. Die Liebe Gottes trifft auf die gottgeschenkte Freiheit des Menschen – daraus resultiert ein andauernder Konflikt!

Der „zweite Sündenfall“

Erst durch die Freiheit ist die Entscheidung für das Gute möglich, aber auch für Lüge und Sünde. Der Mensch, der sündigt, stürzt richtig: Er stürzt einem schlechten Nichts entgegen. Aber der Mensch ist nicht in der Lage, sich in ein „völliges Nichts“ zu begeben, sich zu absentieren.  Gott belässt es beim Sturz des Menschen, einem Wegstürzen von Gott.

Soteriologie: Demut Gottes und Erlösung

Daraus wird der Erlösungsschritt des Herrn verständlich: Es braucht Christi Hingabe, die tatsächlich ins Nichts führt – und Jesus/Gott kann ins Nichts, denn selbst im Nichts ist Gott gegenwärtig. Durch diesen Schritt geschieht Erlösung, die die qualitativ schrecklichen Stürze der Menschen ungeschehen macht.

Das Reich Gottes

Das Reich Gottes ist künftig, weil der Mensch in der Freiheit ist. Das Reich ist im Kommen, bleibt im Modus des Kommens. Das Reich, das im Kommen ist, bedeutet Drama, eine existentielle Spannung.

Das angenommene Schicksal

Gottes Reich und Gericht sind im Kommen. Letztlich ist die Annahme des Schicksals der Weg zum Reich Gottes: Nach Guardini soll der Mensch sein Schicksal annehmen, um dann die Fähigkeit zur Einheit mit Gott zu suchen, die „Aneignung der Einheit mit Gott“ anzustreben.

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ZUSAMMENFASSUNG

Der Verlust der Theologie der Mysterien des Lebens Jesu

Die Christologie (das Nachdenken über und die Lehre von Jesus Christus) hat nicht nur dogmatisch zu erfolgen, sondern soll die Auslegung der Mysterien Jesu im Licht der Kirche sein. Es geht darum, die Evangelien im Lichte kirchlichen Glaubens zu lesen!

Ihre hermeneutisch reflektierte Wiedergewinnung bei Guardini

Guardini sieht das Auseinanderbrechen der Theologie in Fundamentaltheologie, Dogmatik, und die Ansätze der Frommen. Was er als seine Aufgabe erkennt, ist, die Gestalt Christi wieder sichtbar zu machen!

Künftige Christologie (Historische Jesusfrage)

Die historische Frage Jesu ist legitim, aber nicht erfüllend. Jesus ist konsequent im Kontext seiner Zeit zu verstehen. Im wesentlichen geht es Guardini darum, die Christusgestalt von innen her leuchten zu lassen!

Künftige Christologie (Dogmatik)

Wenn wir die Basilea-Predigt (Kehrt um, das Himmelreich ist nahe; Mt 4,17) lesen und anschließend die Rede vom Kreuz (So muss der Menschensohn erhöht werden; Joh 3,14) hören, dann stellt sich Guardini diesen herausfordernden Übergängen. Ziel ist es, die Basileabotschaft, die Person Jesu und das christologische Dogma systematisch zusammenzudenken in einer sakramentalen Christologie.

Romano Guardini: Eine Sicht im Ganzen

Nach Guardinis Vorstellung sind Christen Hörer des Wortes, die sich hineinstellen lassen in einen Vorgang, sich dabei formen lassen zu Menschen, die sie vorher nicht gewesen sind.

Der Konnex in der Theologie bis zu Benedikt XVI. ist darin gegeben, dass wir keine Lehre verkünden, sondern eine Person.

PD Dr. Martin Brüske, Fribourg

Der Text ist eine nicht autorisierte Fassung des Vortrags
von PD
Dr. Martin Brüske, Fribourg,
nach einer gewissenhaften Mitschrift des Blogbetreibers.
Weitere Zusammenfassungen folgen.

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Link zu > > > ROMANO GUARDINI – Alle Themen zu „DER HERR“ plus Biographie

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