Romano Guardinis „Der Herr“ – Bericht zur Fachtagung in Stift Heiligenkreuz (3 – Lic.theol. F.-X. Heibl)

Am Freitag (26. April) hat Abt Dr. Maximilian Heim OCist die zahlreichen Teilnehmer eines weiteren Symposiums im Stift Heiligenkreuz begrüßt. Gut 100 Teilnehmer sind zu der Guardini-Fachtagung von Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Institutsvorstand des „EUPHRat“, gemeldet. Titel: Der Herr – gegen die Heilbringer. Die Christologie Romano Guardinis nach 75 Jahren. Versuche einer Würdigung.

Romano Guardini - Heiligenkreuzer Symposium 2013

Im Mittelpunkt des Symposiums stand Romano Guardinis herausragendes Werk „Der Herr – Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu Christi“. Es handelt sich um Predigten eines der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, herausgegeben im Jahr 1937, kurz vor der Katastrophe des zweiten Weltkriegs.

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Christus als „Mediator“ und souveräner Herr der Geschichte.
Guardinis Schulung am Denken Bonaventuras

Lic. theol. Franz-Xaver Heibl M.A., Regensburg

Institut Benedikt XVI
Institut Benedikt XVI – lic.theol.Franz-Xaver Heibl links

Das besondere Interesse Guardinis an Bonaventura

Die Geschichte der katholischen Theologie ist unglaublich reich an großen Persönlichkeiten und Geistesgrößen. Im Falle Romano Guardinis ist es der Hl. Bonaventura, der gleich zweimal Gegenstand von wissenschaftlichen Arbeiten Guardinis wird.

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Exkurs: Eine kurze Vita des Hl. Bonaventura

Giovanni di Fidanza wurde um 1220 als Sohn eines Arztes geboren. Die Überlieferung erzählt, dass das schwer kranke Kind geheilt wurde, nachdem seine Mutter ihn zu Franziskus von Assisi gebracht und der ihn gesegnet hatte. Als Franziskus 1226 im Sterben lag, besuchte ihn die Mutter mit dem gesunden Kind abermals, Franziskus rief über dem Kind aus: „o buona ventura“ (o gute Fügung), was später zum Ordensnamen von Johannes wurde: Bonaventura.

1256 promovierte Bonaventura in Philosophie und Theologie. 1257 wurde er zusammen mit Thomas von Aquin Professor der Theologie am Pariser Institut für arme Theologiestudenten, aus dem sich die berühmte Universität „Sorbonne“ entwickelte.

Bonaventura wurde in den 1252 aufgebrochenen Streit zwischen der sogenannten „Professorenpartei“ der Pariser Universität und den „Mendikantenorden“, den Bettelorden, hineingezogen und wurde neben seinem Mitbruder Johannes Pecham und Thomas von Aquin der bedeutendste Verteidiger der neuen Orden.

Bonaventura hielt dagegen: 1. Gott lenke die Kirchengeschichte so, dass jeder Herausforderung einer neuen Epoche eine neue Antwort entspricht: die Bettelorden seien die Antwort auf die Gefahr des Reichtums, die die Wirtschaftsentwicklung damals mit sich brachte. 2. Die Glieder am Leib Christi ergänzen sich; deshalb dürfen die Bettelorden ihre Mitchristen materiell belasten, da sie ihnen in ihrer Seelsorge auch viel geben. 3. Armut, das Verlassen der Sicherheit der Ständeordnung, ist der eigentliche Erscheinungsort Gottes; der Mensch soll arm sein, damit er von Gottes Reichtum erfüllt werde.

Während dieser Zeit schrieb Bonaventura seinen „Sentenzenkommentar“ und beschäftigte sich, wie auch Thomas von Aquin, mit der Aufnahme aristotelischen Gedankengutes in die theologische Tradition des Augustinus. Bonaventuras Kommentar der Sentenzen des Petrus Lombardus gilt als die reichhaltigste und bedeutendste Auslegung der Theologie der Kirchenväter im Mittelalter.

Als Bonaventura Magister der Universität Pisa war, habe ihn Thomas von Aquin besucht und gefragt, wo seine Bibliothek sei, aus der er sich so große Kenntnisse und Beredsamkeit erworben habe. Bonaventura zog einen Vorhang zurück und deutete auf den gekreuzigten Christus. Seine demütige Bescheidenheit veranlasste ihn lange Zeit, keine Kommunion zu nehmen, bis sie ihm angeblich von einem Engel gereicht wurde.

Die aufgebrochene innere Spaltung des Franziskanerordens, bedingt durch die Frage, wie streng der Orden die von Franziskus geforderte Verpflichtung zur Armut befolgen müsse, konnte Bonaventura überwinden durch Generalstatuten, die die Franziskusregel auf die veränderten Zeitverhältnisse hin aktualisierten.

Ähnlich wichtig waren die zwei von ihm verfassten Lebensgeschichten des Franziskus, die er schrieb, um die Differenzen im Verständnis der Botschaft von Franziskus auszugleichen. Es gelang Bonaventura, den durch Streitigkeiten zerrissenen Orden vor dem Zerfall zu bewahren, was ihm den Ruf eines „zweiten Stifters des Franziskanerordens“ eintrug. Auch die Einführung des Ave Maria zur Vesper wird ihm zugeschrieben.

Der Ehrentitel „Doctor devotus“ kennzeichnet Bonaventuras aufopferungsvolle Arbeit für den Orden; seine große Bedeutung als Theologe zeigt der Ehrentitel „Doctor seraphicus“. Wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin suchte auch er Vernunft und Glauben miteinander in Einklang zu bringen. Er akzeptierte den größten Teil der aristotelischen Philosophie, lehnte aber deren Metaphysik als unzulänglich ab, da sich Aristoteles nicht vom Licht des christlichen Glaubens leiten ließ.

Die Lehre von der Erleuchtung des menschlichen Geistes durch das Göttliche übernahm Bonaventura von Augustinus. Bonaventuras Werk „Reise des Geistes zu Gott“ von 1259 sowie seine kurzen mystischen Abhandlungen spiegeln seine Beschäftigung mit den Möglichkeiten der Seele wider, Gott zu erkennen und mit ihm eins zu werden. Dreh- und Angelpunkt seines Denkens und Glaubens war die Bibel als Quelle der Gotteserkenntnis, „ein Garten, in dem wir Nahrung finden“, „das Herz Gottes“, „Mund, Zunge und Griffel Gottes“. Seiner Meinung nach solle man aber „nicht zu viel philosophisches Wasser in den Wein der Heiligen Schrift gießen“.

Bonaventura leitete das Konzil von Lyon vom Beginn im Mai 1274 bis zu seinem Tod im Juli; tatsächlich gelang die Wiederherstellung der Gemeinschaft mit der Ostkirche für einige Zeit. Bonaventura starb noch vor Beendigung des Konzils in Lyon und wurde in der dortigen Franziskanerkirche begraben, die heute seinen Namen trägt. Papst Leo XIII. würdigte Bonaventura als „den Fürsten unter den Mystikern“.

Papst Benedikt XVI. sagte 2010 über Bonaventura, der Thema seiner Doktorarbeit war, in einer Katechese: Er lebte „im 13. Jahrhundert, einem Zeitalter, in dem der christliche Glaube zutiefst in die Kultur und Gesellschaft Europas eingedrungen war und so im Bereich der Literatur, der Kunst, der Philosophie und Theologie unvergängliche Werke inspirierte. Unter den christlichen Gestalten, die zum Zustandekommen dieser Harmonie zwischen Glaube und Kultur beigetragen haben, tritt eben Bonaventura hervor, ein Mann des Handelns und der Kontemplation von großer Frömmigkeit und Klugheit in der Leitung“.

(Quelle: Ökumenisches Heiligenlexikon)

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Aus dieser kurzen Vita von Bonaventura wird schnell verständlich, was Guardini am großen Kirchenlehrer besonders interessierte. Die Beschäftigung Bonaventuras mit Franziskus, und andererseits die Wurzeln aristotelischen Denkens in der Auseinandersetzung mit Augustinus und Thomas von Aquin. Dies wird in den folgenden von Lic. theol. Franz-Xaver Heibl ausgewählten Zitaten auf anschauliche Weise bestätigt.

1) Promotion: „Die Lehre des hl. Bonaventura von der Erlösung. Ein Beitrag zur Geschichte und zum System der Erlösungslehre“ 1915

„Einige Jahre vorher hatte ich die Gedanken, die ich zusammen mit Karl Neundörfer ausgearbeitet hatte, und von denen ich noch ausführlich berichten muß, nämlich die Gegensatzlehre, genauer formuliert. Darauf hatten wir eine Theorie der psychologischen Typen, denen Grundstrukturen des kulturellen Lebens entsprechen sollten, aufgebaut. Dieses Prinzip wollte ich hier durchführen. Bonaventura war in besonderer Weise dafür geeignet, denn seine Theologie vereinigt verschiedene Elemente. Er ist Augustinianer, der sich mit einiger Mühe in die aristotelische Zeitströmung fügt, und im übrigen mehr ,homo religiosus’ und Mystiker als Theoretiker. So konnte ich tatsächlich aus seinen Schriften das, worauf es mir ankam, nämlich die zwei bzw. drei Grundtypen der Erlösungsvorstellung herausholen.“

(Guardini, Berichte über mein Leben, 26f., geschrieben 1943 -45)

2) Habilitation: „Systembildende Elemente in der Theologie Bonventuras“ 1921/1964

„In Pützchen schrieb ich meine Habilitationsarbeit. Das von mir gewählte Thema begegnete zuerst Bedenken, da es den gleichen Theologen zum Gegenstand hatte, mit dem sich auch meine Promotionsarbeit beschäftigte, nämlich Bonaventura, doch war man schließlich damit einverstanden. Näherhin handelte es sich um drei Gedankengruppen, die das philosophisch-theologische System Bonaventuras tragen, nämlich die Lehren vom Geisteslicht, von der Stufenordnung des Seins und von den Lebensantrieben. In dieser Arbeit bewegte ich mich viel sicherer als in der ersten, da ich genauer wusste, was ich wollte.“

(Guardini, Berichte, 32f.)

3) Aufsatz: „Eine Denkergestalt des hohen Mittelalters: Bonaventura“ 1930

„Die lebendige Freiheit kommt in Bewegung, und diese Bewegung der Freiheit ist Liebe. Liebe ist immer irgendwie Liebesbegegnung. Ein Gewonnenwerden des Herzens und seiner Freiheit für das Ewig-Werthafte in dieser besonderen Gestalt2. Ja, mehr noch; aus einigen sehr bedeutungsvollen Stellen geht hervor, daß jenes lumen mentis, welches Wahrheitshelle ist und Liebeswärme, zugleich Gestaltkraft ist. Gestalten ist für Bonaventura ein Durchlichten. Und so wird ausdrücklich gesagt, das lumen mentis sei auch Befähigung zum rechten Tun. Dem entspricht es auch, wenn die Idee unter anderen Beziehungen immer wieder »ars« genannt wird; »ars divina«, »göttliche Kunst«, Kraft der hellen Gestaltung, der klaren Sichtbarmachung des Sinnes; Kraft, die das schafft, was angeschaut und geliebt werden kann. Noch einmal tiefer dringt der Gedanke, wenn auch das Innerste des Menschen, das »Gewissen« in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes, als Wissen vom Ewigen überhaupt; wenn ferner die scintilla animae, der Seelenfunke, das Innerste der Seele, in welchem deren Ähnlichkeit mit Gott am hellsten ist, gleichsam die offene Stelle nach Gott hin – wenn diese Momente mit dem Gedanken des lumen mentis und der Idee in Verbindung gesetzt: das innerste Wesen des Menschen, und seine innerste Rückbesinnung an das Ewige selbst lichtartig gesehen werden. Wenn wahres Erkennen ein solches Berühren des Ewigen ist, …, sondern eine Bewegung, ein Tun lebendigen Geistes – dann geht es nicht ohne weiteres vor sich. Dann ist Erkennen nicht eine Sache einer von selbst arbeitenden Apparatur. Dann genügt zum rechten Erkennen bloße Aufmerksamkeit, logische Sauberkeit und Anstrengung noch nicht, sondern es werden Voraussetzungen in der lebendigen Haltung, im Tun, ja im Sein gefordert.“

(Guardini, Eine Denkergestalt, 18f.)

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Aspekte der soteriologischen Christologie Bonaventuras

Nun stellt sich die Frage, welche Aspekte der Christologie Bonaventuras Romano Guardini am meisten beeinflussten. Christus als „Mediator“ und „Herr der Geschichte“ sind die entscheidenden Stichworte. Die von Lic. theol. Franz-Xaver Heibl im Vortrag gewählten Zitate machen deutlich, worum es im einzelnen geht.

1) Christus als „Mediator“

Guardini, Die Lehre des hl. Bonaventura von der Erlösung. Ein Beitrag zur Geschichte und zum System der Erlösungslehre: 2. Kapitel. Begriff der Mittlerschaft und Person des Mittlers. 1. Der Zentralbegriff der Erlösungslehre ist der der Mittlerschaft.

[…] Der Begriff des „Mittleren“ („Medium“) spielt im Denken Bonaventuras eine große Rolle. Er hat ihn nach allen Seiten hin erörtert, wenn auch meist in kurzen, verstreuten Bemerkungen. Das Mittlere steht zwischen zwei Extremen1; ist von beiden verschieden2, steht aber mit beiden in Beziehung3; partizipiert an der Natur beider; setzt sich aus beiden zusammen („conficitur“), und zwar nach der entsprechenden Ordnung und wie es sich geziemt4. Zwischen zwei Naturen ist das „medium“ entweder eine Natur oder eine Person oder eine beiden Naturen entsprechende Eigenschaft5. Aus dem Begriffe des medium wird der des „Mittlers“ („mediator“) entwickelt6. „Mediator“ kann nur sein, wer medium ist7. Wie das Mittlere zwischen den Extremen, so steht der Mittler zwischen Gott und Mensch; tiefer als Gott, höher als der Mensch8. Wie jenes, muß auch er von beiden verschieden sein1; an beiden Anteil haben2; mit beiden verbunden sein3. Schärfer wird der Begriff gefaßt4, indem der Unterschied zwischen „esse medium“ und „esse mediatorem“ aufgezeigt wird. „Denn medius besagt bloß die Gemeinschaft („communicantia“) mit den beiden Extremen, mediator aber… besagt auch ein Amt der Versöhnung („officium reconciliationis“).“ Dieses Amt muß dem Mittler von der kompetenten Instanz übertragen, er muß „gesendet“ sein.

(Guardini, Die Lehre des hl. Bonaventura von der Erlösung. Ein Beitrag zur Geschichte und zum System der Erlösungslehre, 48–60)
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2) Christus als Herr der Geschichte

Guardini, Die Lehre des hl. Bonaventura von der Erlösung. Ein Beitrag zur Geschichte und zum System der Erlösungslehre: Dritter Teil: Spezielle Erlösungslehre, 12. Anmerkung: Christus als souveräner Herr.

„Der Gedanke an Christi göttlich-souveräne Macht, die durch sich selbst den Sündern vergibt und sie rechtfertigt, geht beständig neben dem der stellvertretenden Tätigkeit Christi her. Das liegt einmal in der immer wiederkehrenden Betonung der göttlichen Allmacht Christi: „Das Wollen Christi ist ein Wollen der Allmacht1; „er ist auf jede Weise mächtig in seiner Herrschaft über die Tiere, die Krankheiten, den Teufel2; er ist Herr über alles, ihm gehorcht alles.3 Er ist der Schöpfer; die Auferstehung des Lazarus ist der Gehorsam des Schöpfers gegen den Schöpfer4 von ihm ist gesagt: „Alles hast du nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.“ Oft kehrt der Gedanke seiner Gottheit wieder, indem Bonaventura den Gegensatz hervorhebt in dem sie zum äußerlich erscheinenden menschlichen Leben Christi tritt. Seine Gottheit bricht sichtbar hervor; Bonaventura erklärt das Verhalten der Juden bei der Austreibung aus dem Tempel mit der Stelle beim heiligen Hieronymus5: „Der Glanz des Feuers und der Gestirne strahlte aus seinen Augen, und die Majestät der Gottheit leuchtete auf seinem Antlitz.“ Er hat Gewalt über den Sabbat, aus eigener Autorität schaltet er über ihn. Und zwar hat er diese Gewalt „kraft seiner verborgenen Gottheit6. Er ist „Rex Regum“ und „Dominus Dominantium“ ; er hat Gewalt über die Heilige Schrift, er ist es, der ihre Siegel löst, ihren Sinn offenbart, das Lamm der Apokalypse, das die Siegel öffnet.7 Er erhört Gebete, und das kann er, weil er dem Vater gleich ist8; er hat Macht über die Straffolgen der Sünde, indem er dem Fieber „gebietet… als Herr und König, … dessen göttlichen Geboten die Folge der Sünde gehorcht.“9

Vor allem aber kann er aus eigener Machtvollkommenheit Sünden vergeben. Er ist Gott, deshalb konnte er der Ehebrecherin verzeihen und das Urteil der Richter aufheben10, konnte den bittenden Schacher erhören und begnadigen.1 Er läßt Sünden nach, ihre Schuld und Strafe, und zwar aus eigener Macht, und deshalb paßt auf ihn das Wort Js. 43, 25.: „Ich bin es, ich bin es selbst, der um seinetwillen dein Vergehen tilgt.2“ Er ist es, der die Gerechtigkeit wiedergibt. Die Sünde, die eine Beleidigung Gottes ist, ist eine Beleidigung Christi4, und die Stelle Zach. 1,3: „Bekehrt euch zu mir, und ich will mich zu euch wenden“, wird auf Christi Hinwendung zu Magdalena nach der Fußsalbung angewandt.5

 (Guardini, Die Lehre des hl. Bonaventura, 101–103)*

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Aus Romano Guardinis Werk „Der Herr“

Nachdem ein gewisses Fundament für ein tieferes Verstehen von Romano Guardinis „Der Herr“ gelegt wurde, ist es an der Zeit, aus dem Werk selbst zu zitieren. Die folgenden von Lic. theol. Franz-Xaver Heibl ausgewählten Stellen lassen uns erahnen, wie Guardini über die Predigt zu seinen inspirierenden Einsichten über Kirche, christliches Bewusstsein und Ewigkeit gelangt.

1) Predigtzyklus als Ursprung

Guardini schreibt darüber: „Im Jahre 19.. ging ich daran, die Gestalt und das Leben Jesu aus dem neuen Testament heraus darzustellen; immer ausgehend von der sorgfältigen Analyse einzelner Texte oder Textgruppen, um dann von ihnen aus den Weg ins Ganze zu suchen. Diese Predigten erstreckten sich auf acht Semester, und aus ihnen entstand dann das Buch „Der Herr“. […] So geht durch die Jahre 1920 bis 1943 ein breiter Strom des Predigens, und ich muß sagen, dass wenige Dinge im Rückblick mich so glücklich machen, wie dieses. Je länger, desto weniger ging es mir dabei um unmittelbare Wirkung. Was ich von Anfang an, erst instinktiv, dann immer bewusster gewollt habe, war, die Wahrheit zum Leuchten zu bringen. […] Die Offenbarung sagt ja, dass „Gott Licht ist“. Licht ist mehr als Wahrheit; aber dieses Mehr liegt doch wohl in ihrer Richtung; so daß die Verkündigung, welche die heilige Wahrheit aufleuchten macht, Ihm die Tür öffnet. […] Manchmal, besonders in den letzten Jahren, war mir zu Mute, als ob die Wahrheit wie ein Wesen im Raum stünde.“

(Guardini, Berichte, 109f.)

2) Der Herr ist „in“ der Kirche, die geschichtlich vermittelnde „Instanz“ von Offenbarung im Heiligen Geist ist:

„Es ist mir vielmehr klar geworden, dass sie das wesenhafte dritte Element in der Ordnung der Offenbarung verkörpert. Der Herr hat gesagt: „niemand kennt den Vater als der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren“. Der Sohn aber, Christus, steht nicht irgendwo im geschichtlichen Raum, sondern der heilige Geist ist gesandt, uns „in alle Wahrheit einzuführen“. Das ist so wesentlich, daß wir nach den Worten des Apostels ohne Ihn nicht einmal das Bekenntniswort „Herr Jesus“ zu sprechen vermögen. Der Geist wirkt aber nicht als freiströmende spirituelle Macht, sondern von einer geschichtlichen Instanz her, nämlich der Kirche. Das ist die Ordnung: Zum Vater kommt man nur durch Christus; Christus aber sieht man richtig nur in dem vom Heiligen Geist geordneten Raum der Kirche. […] Allerdings ist Kirche nicht identisch mit einem einzelnen Teil der Hierarchie, oder mit einer theologischen Schule, oder einer traditionellen Praxis. Sie ist mehr als das, und jedem Einzelmoment gegenüber ist der Rückgriff auf ihre Totalität und ihr Wesen offen.“

(Guardini, Berichte, 117)

3) Christliches Bewusstsein als Aneignung von Offenbarung:

„Sehr viel hat mich das Problem des christlichen Bewusstseins beschäftigt. Mit dem Wort ist nicht einfachhin der Glaube gemeint. Gläubig wird einer in dem Augenblick, da er die Offenbarung erkennt und versucht, ihrem Wort gehorsam zu sein; unter christlichem Bewusstsein hingegen verstehe ich, dass die Tatsache der Offenbarung zum Ausgangspunkt und ihre geistige Ordnung zur Ordnung des Denkens werden. Danach habe ich gestrebt, denn ich war überzeugt, erst von dorther auch den vollen Blick auf die Welt und auf die Dinge des Lebens gewinnen zu können. Das Dogma habe ich nie als Schranke, sondern als Koordinatensystem meines Bewusstseins empfunden. Damit will ich nicht sagen, ich hätte das, was in diesen Sätzen steht, auch wirklich vollzogen, aber es war das nie in Frage gestellte Ziel.“

(Guardini, Berichte, 118)

4) Exitus – Reditus Christi im Kapitel „Zeit und Ewigkeit“:

„Der auf dem Thron sitzt, ist Jener, von dem alles ausgeht und zu dem alles zurückkehrt: Der Vater, der Schöpfer der Welt, der Herr des Daseins. Er waltet über allem, was in der Apokalypse geschieht. Aber unmittelbar ist´s nicht er, der handelt, sondern der, den er gesendet hat, Christus. […] Das Lamm nun steht „vor“ Dem auf dem Thron; denn der Sohn Gottes ist in die Schöpfung eingetreten. Christus hat „vor Gott“ gelebt; und nicht nur tatsächlich, weil er Mensch war in Welt und Zeit, sondern weil er den Vater liebte, und in Gehorsam gegen ihn lebte. Zugleich freilich ist er selbst Gott; so klingt das Kapitel, von dem wir sprechen, in die Anbetung aus, die Dem auf dem Throne und dem Lamme zugleich gegeben wird.“

(Guardini, Der Herr, 682 f.)

„Der hat die Macht, das Buch zu öffnen, weil er die Welt und ihre Frage bis ans Ende durchgelitten hat, obwohl er ihr unterworfen war. Er kann antworten. Und nicht nur durch diese oder jene aussprechbare Lehre, sondern durch das Licht, das von ihm her auf alles fällt, und durch die Lösung, die sein Hauch im Herzen vollzieht. Im Maße der Glaubende in Christus eingeht, lösen sich ihm die Siegel, und er weiß den Sinn, auch wenn er ihn nicht aussprechen kann.

Vom Lamme wird gesagt, dass es die Verlorenen aus der Hörigkeit erkauft hat: aus der Knechtschaft der Sinne, aus dem Stolz des Geistes, aus dem Bann des Werkes, aus der Gewalt des Todes. Überall lastet diese Knechtschaft; um so tiefer, je sicherer der Mensch fühlt und je mehr er von Freiheit redet. Das Lamm hat von ihr frei gemacht, denn es ist bis auf den Grund von Allem niedergestiegen. Wir haben schon früher von dem dunklen Nichts gesprochen, in das Christus erlösend hinabgedrungen ist. Er hat seine Erlösten ,Gott zu Reich und Priestern gemacht’; ihnen das heilige und die Herrscherliebe gegeben. Und nicht nur den Einen oder Andern; nicht nur den Begabten; nicht aus besonderen menschlichen Voraussetzungen heraus, sondern ,aus allen Sprachen, Völkern und Nationen’, aus allen Bereichen des Menschlichen heraus hat er das große neue Volk der Erlösten geholt. Unermeßlich Viele. Zum ersten Mal vernehmen wir die Stimme der apokalyptischen Massen.

(Guardini, Der Herr, 687)

Hier, im Raum der Apokalypse, rührt sich dieses Ewige. Es wird zu einer Macht, erhebt sich, drängt herein. Das vorher so sichere Endliche wird erschüttert. Seine „Natürlichkeit“ hört auf. Es enthüllt sich als das, was es wirklich ist – jenes Endliche vor allem, das in der Empörung steht; das getan hat, als gebe es Gott nicht. Es erscheint sonderbar, erschreckt, fragwürdig durch und durch. Das Apokalyptische deutet an, was mit dem Endlichen geschieht, wenn das Ewige hereindrängt.“

(Guardini, Der Herr, 695)

„Für die Offenbarung liegt der Sinn der Geschichte im Vollzug der Erlösung. Das bedeutet, von Gott her gesehen, dass sich der Ratschluß vollendet, und die Zahl der Auserwählten heimgeholt wird; vom Menschen her gesehen, dass dieser sich für oder gegen Christus entscheidet. […] Einmal wird der Antichrist kommen; ein Mensch und, von ihm heraufgeführt, eine Ordnung der Dinge, worin der Widerspruch gegen Gott seine letzte Entschiedenheit erreicht. Dieser Mensch wird voll Erkenntnis und Kraft sein. Im Letzten, als Absicht hinter allen Absichten, wird er nur eines wollen: beweisen, dass das Dasein ohne Christus möglich – nein, dass Christus der Feind des Daseins ist, und dieses nur erfüllt werden kann, wenn alles Christliche vernichtet wird.“

(Guardini, Der Herr, 709)

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Alle Zitate verdanken sich Lic. theol. Franz-Xaver Heibl M.A.
Die textliche Gesaltung ist eine nicht autorisierte Fassung des Vortrags

von Lic. theol. Franz-Xaver Heibl M.A.
Die Quelle für die Vita Bonaventuras ist das Ökumenische Heiligenlexikon.

Weitere Zusammenfassungen folgen.

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Link zu > > > ROMANO GUARDINI – Alle Themen zu „DER HERR“ plus Biographie

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