Romano Guardinis „Der Herr“ – Bericht zur Fachtagung in Stift Heiligenkreuz (4 – Pater Kosmas OCist)

Am Freitag (26. April) hat Abt Dr. Maximilian Heim OCist die zahlreichen Teilnehmer eines weiteren Symposiums im Stift Heiligenkreuz begrüßt. Gut 100 Teilnehmer sind zu der Guardini-Fachtagung von Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Institutsvorstand des „EUPHRat“, gemeldet. Titel: Der Herr – gegen die Heilbringer. Die Christologie Romano Guardinis nach 75 Jahren. Versuche einer Würdigung.

Romano Guardini - Heiligenkreuzer Symposium 2013

Im Mittelpunkt des Symposiums stand Romano Guardinis herausragendes Werk „Der Herr – Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu Christi“. Es handelt sich um Predigten eines der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, herausgegeben im Jahr 1937, kurz vor der Katastrophe des zweiten Weltkriegs.

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Guardini als Mystagoge. Bemerkungen
zur geistlichen Lektüre des „Herrn“

P. Kosmas Thielmann OCist
Prof. P. Dr. Kosmas Thielmann OCist

Den Abschluss der Guardini-Tagung bildet der Vortrag von P. Kosmas OCist – und wie erhofft ist es ein ganz wunderbarer Abschluss des Symposiums. Denn was kann schöneres passieren, als einem durchgeistigten Mann zuzuhören, der von der Liebe zu Gott und dem Gegenstand der Betrachtung erfüllt ist.

Anregungen zur Geistlichen Lektüre von „Der Herr“

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war auf Gott hingewendet, und das Wort war [von Wesen] Gott. Es war im Anfang auf Gott hingewendet. Alles ist durch es geworden, und ohne es ist auch nicht eines geworden [von dem], was geworden ist…Es war in der Welt, und die Welt ist durch es geworden und die Welt hat es nicht erkannt… Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, als die Herrlichkeit des Einziggeborenen vom Vater, voll der Gnade und der Wahrheit“ (Joh 1,1-14).

Wenn Romano Guardini in seiner Schrift „Der Herr“ zitiert, dann zitiert er ausgiebig. Zu Beginn des ersten Teils von „Der Herr“ setzt der Autor ein mit „Am Anfang war das Wort“, um dann den Johannes-Prolog auszuführen – Guardini ist immer ganz nahe am Text.

1937 ist das Jahr der Ersterscheinung von Guardinis Werk „Der Herr“. Seitdem erfährt die Predigtensammlung eine ungebrochene Wertschätzung. Erst die Jesus-Bücher von Benedikt XVI. erfahren eine ähnliche Rezeption, aber doch nur annähernd.

Guardini als Mystagoge

Das Mystagogische (die Einführung in die heiligen Geheimnisse) erlebt eine Renaissance: Das Geheimnis Christi soll also nicht nur durch historisch-kritische Exegese, und nicht nur durch Meditation erfasst werden; nach Guardini müssen die Anstrengungen über diese Ansätze hinausgehen und der zu empfehlende Zugang sei ein unmittelbarer.

Ergänzend zu „Der Herr“ können zwei Schriften Romano Guardinis empfohlen werden: „Das Christusbild“ (1941) und „Das Wesen des Christentums“ (1938), nach Guardini eine Art Einleitung zu seinem Werk „Der Herr“.

Zum Vorhaben Guardinis

Kann die Christusgestalt über den Umweg der Psychologie zugänglich gemacht werden? Guardini verweist darauf, dass es von Franziskus eine Psychologie gebe, dies aber bei Christus nach seiner Überzeugung zum Scheitern verurteilt wäre. Auch eine geschichtliche Deutung des Herrn mache angesichts der Differenzen zwischen den Evangelien nicht wirklich Sinn.

Guardinis Ansatz ist ein anderer; es geht um die Zusammenhänge. Begegnung und Verstehen sind die Schlüsselwörter. Die rechte Herangehensweise sei immer wieder stehenzubleiben, zu lauschen und zu gehorchen. Der Leser soll Emmauserlebnisse haben; das Geheimnis des Miteinandergehens, des sich Austauschens ist wesentlich, und wird gefolgt vom Erkennen und Gehorchen.

„Dieses Buch dient nicht der wissenschaftlichen Theologie, sondern der religiösen Vertiefung… Doch soll die theologische Klarheitsforderung ebenfals ihr Recht erhalten; vor allem darin, dass der Lesende Jesus Christus als den Sohn Gottes sieht, der Mensch geworden und dadurch in unsere irdische Geschichte eingetreten ist“ heißt es in der Nachbemerkung zu „Der Herr“ (18. Auflage 2011, S.669). Guardini nimmt den Leser mit bis zu den letzten Geheimnissen der Offenbarung.

„Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu. (Offenbarung 21,1-5)

Der geistliche Zugang, den Guardini den Lesern zu eröffnen sucht, ist von einem „Er- und Durchleben“ der Heiligen Schrift bestimmt. Mit Hilfe Guardinis Überlegungen und Meditationen erschließt sich dem Leser ein offenes Geschichts- und Heilsbild: „Wenn die Menschen… Christi Botschaft angenommen und geglaubt hätten, dann hätte sich vollzogen, was dieser angekündigt hatte (Mk 1,15): „Das Reich Gottes ist nahe“ (Nachbemerkung in „Der Herr“, S.674). Dies wäre nicht die eben noch zitierte Wiederkunft am Ende der Zeit gewesen, sondern das „der Fülle der Zeit“ zugeordnete Kommen, „ein Menschenwerk ‚im Paradies’…, aber im Gehorsam gegen Gott“ (ebendort).

In dem feierlichen Gebet am letzten Abend sagt Jesus: „Das aber ist das ewige Leben, dass sie Dich erkennen, den allein wahren Gott, und, den Du gesandt hast, Jesus Christus“ (Joh 17,3). „Die Voraussetzung solcher Erkenntnis ist zuerst und wesentlicherweise die Gnade der Pfingsten, denn vom Heiligen Geist hat Jesus gesagt. „Er wird vom Meinigen nehmen und euch geben“ (Joh 16,14). Das „Seinige“ aber ist vor allem Er selbst. Um diese Gnade müssen wir bitten“ (Nachbemerkung in „Der Herr“, S.669f). Und nach Guardinis Überzeugung geht nichts verloren, was zu Jesus führt.

„Christus ist reines Dasein in der Liebe, die Liebe aber ist der Geist. Der König steigt die Stufen herab, und unendliche Ströme des Segens ergießen sich…“  diese Ausdrucksformen in „Der Herr“ veranschaulichen, wie Guardini das Bild zum Text entwirft. Die ganze neue Schöpfung steht in der Liebe:

„Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens. Ich bezeuge jedem, der die prophetischen Worte dieses Buches hört: Wer etwas hinzufügt, dem wird Gott die Plagen zufügen, von denen in diesem Buch geschrieben steht. 19 Und wer etwas wegnimmt von den prophetischen Worten dieses Buches, dem wird Gott seinen Anteil am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt wegnehmen, von denen in diesem Buch geschrieben steht. 20 Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. – Amen. Komm, Herr Jesus! 21 Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“ (Off 22,17-21)

Das Innen und Außen

Das, was nun nach außen kommen darf, ist das Innere, das Innerste des Menschen. Innen und außen wird es nicht mehr geben, alles wird nur mehr fließend sein, nur mehr Bewegung in Liebe.

Wir und das Lamm brauchen die Unterscheidung zwischen Innen und Außen nicht mehr. Das Reich Gottes ist im Kommen, das Himmelreich auf Erden ist möglich, wenn wir „ins Eigene kommen“ über die Begegnung mit Christus.

Das neue Reich entsteht nicht durch den Drang des Geschaffenen zum Herrn, sondern durch die Liebe Gottes zum Geschöpf. „Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6).

Begegnungsraum

Christologie ist keine Lehre. Entscheidend ist, einen Begegnungsraum zu öffnen, um schließlich Jesus zu begegnen. Guardini will als Schreibender Räume öffnen, die sich wiederum auf die Offenbarung hin öffnen, um schließlich Raum für die Christusbegegnung zu schaffen.

Romano Guardini ist ein Theologe, der seinen eigenen Gebrauchsanleitungen folgt: So kommen viele Texte aus Predigten, aus der Verkündigung; es sind Texte, die aus Emmauserlebnissen mit der Offenbarung geschöpft wurden.

Keine Lehre, Psychologie und Geschichte ersetzen die eigentliche Christologie: Denn das Christliche ist ER selbst, Jesus Christus.

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In dem anschließenden offenen Gespräch erzählt Pater Kosmas, dass auf seinem Nachtkästchen „Der Herr“ in einer älteren Ausgabe seit vielen Jahren einen festen Platz einnimmt. Seine Predigten könne er immer wieder aus dem Werk des mystagogischen Denkers Romano Guardini schöpfen. Nachsatz: Dadurch erspare er sich einen Internetanschluss, denn das das Wesentliche habe er ohnehin bei sich.

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Der Text ist eine nicht autorisierte Fassung des Vortrags
von Prof. P. Dr. Kosmas Thielmann OCist, Heiligenkreuz,
nach einer gewissenhaften Mitschrift des Blogbetreibers.

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Am Ende der Tagung weist Frau Prof. Gerl-Falkovitz darauf hin, wie eindrücklich Zeitzeugen das Wirkung Guardinis beschreiben. So erinnere sie sich an den Bericht eines Priesters, der den Gottesdienst im Anschluss an die Messe, die Guardini gerade zelebrierte, leiten sollte.

Dieser Priester trifft frühzeitig ein, und erlebt ab dem Hochgebet, wie Guardini die Messe feiert. Nach dem Gottesdienst kniet der Priester noch in der Bank, und teilt dem Küster schließlich mit: „Ich kann jetzt keine Messe feiern. Es ist bereits alles gesagt und alles getan.“

Dazu passt die demütige Unterschrift, die Guardini auf Dokumenten zu leisten pflegte:

Romano Guardini, sacerdos.

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Link zu  > > > ROMANO GUARDINI – Alle Themen zu “ DER HERR “ plus Biographie

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