GOTT spricht zu Wim Wenders

„Mich selbst zu fragen ist wahrscheinlich nicht der richtige Ansatz. Das wird dich, den Leser, nicht packen.“ So beginnt Wim Wenders ein Selbstgespräch über die Frage nach Gott, veröffentlicht in Image. Ein spannende Reise ins Innenleben des Ausnahmekünstlers, finde ich, und so fährt der Filmemacher fort:

Kultfilm von Wim Wenders

Ich sollte mir jemand vorstellen, der mit dieser brennenden Frage beschäftigt ist, und dem ich antworten kann. Dabei denke ich jetzt an jemanden, der nicht an Gott glaubt…

*

„Wie geht’s“ frage ich ihn. (Irgendwie stelle ich mir einen Mann vor. Ich treffe weit weniger Frauen, die nicht an Gott glauben.)

„Gut“, antwortet er.

„Kommen wir zum Punkt“, sage ich. „Du machst den Eindruck eines intelligenten, einfühlsamen, ehrlichen Menschen. Es ist schwierig für mich zu verstehen, wie Du dein Leben lebst ohne mitzubekommen, dass Gott ein Auge auf Dich hat.“

Er lächelt mich an. „So geht’s mir auch. Wie kannst Du überhaupt wissen, dass er ein Auge auf uns hat? Ich meine wissen, nicht es irgendwie vage spüren.“

„Wenn wir Gott als bewiesen annehmen könnten, so dass wir alle ganz sicher wären, würde es keinen Sinn mehr machen, zu glauben…“

Er unterbricht mich: „Sicher. Aber ‚zu glauben oder nicht zu glauben‘ lässt mir eine Wahlmöglichkeit. Ich habe mich für’s Nichtglauben entschieden. Gott wollte sich mir offenbar nicht zu deutlich zeigen.“

„Hast Du versucht hinzuhören?

„Ja, sehr. Ich habe einfach nichts gehört.“

Wir schweigen eine Weile.

„Das war wohl der falsche Weg“, sage ich schließlich. „Sag mir was anderes. Wie kommt es, dass wir hier überhaupt über Gott nachdenken?“

„Wir könnten auch über irgendein anderes Konzept nachdenken.“

„Es ist allein Gottes Existenz, die jedes Konzept sprengt.“

„Ich bin nicht sicher, dass ich Dir folgen kann“, sagt er.

„Für mich ist Gott der Schöpfer allen Seins, daher auch jedes Konzeptes.“

„Ich höre Dir zu. Aber für mich sind das alles biochemische Reaktionen, Zellaktivitäten und Evolution. Da gibt es keine Notwendigkeit für einen Schöpfer.“

„Du meinst also, das Faktum des Lebens, die eigentliche Existenz der Liebe, kann dadurch erklärt werden?“

„Ja, mein Freund.“

Wiederum Stille. Und ich verstehe, dass es auf Sicht gesehen keine überzeugende Argumentation zwischen einem Gläubigen und einem Nichtgläubigen gibt.

*

Wenn ich einen Atheisten nicht überzeugen (geschweige denn konvertieren) kann, wenn die Frage an mich selbst redundant ist, wie kann ich dann überhaupt eine Antwort geben?

Ich mache einen Spaziergang. Momentan bin ich am Land in Italien, nicht länger in einer Großstadt. Eigenartig, wie das die Perspektive verändern kann. Manchmal, umgeben von viel Technik und Konsum, haben Leute Schwierigkeiten, Gott zu erfahren. Sie empfinden sich als so selbstgenügend, dass Gott nur eine second-hand-Erfahrung sein kann. (Das ist ziemlich verbreitet heutzutage. Es ist verblüffend wie Menschen heute sich daran gewöhnt haben, ohne eigenes Zutun und Wissen zu leben, ohne ein wirkliches Bedürfnis für ein Leben aus erster Hand.)

*

Einmal mehr, während ich in einem Feld sitze und die Sonne auf mich herabscheint, frage ich mich: „Warum glaubst Du an Gott, Wim?“

„ER hat mich mit meinem Namen gerufen.“

Er hat es getan. Das ist alles, was ich am Ende sagen kann.

Dafür danke ich ihm jeden Tag.

Gnade.

Die packendste Erfahrung meines Lebens.

*

(Im Original geht der nachfolgende Absatz dem Gespräch voraus. Er liest sich an dieser Stelle vielleicht noch besser:)

Eine lange Zeit meines Lebens war ich fern von Gott, deshalb erinnere ich mich an seine Abwesenheit. Nein, es so zu sagen ist verkehrt. Er war nicht abwesend, ich war es. Ich war in das Exil meines eigenen freien Willens gegangen. Ich irrte durch alle Arten von Philosophien, Ersatzaufklärungen, geistigen Abenteuern, Sozialismus, Psychoanalyse (ebenfalls eine Ersatzreligion). Einige von ihnen werde ich nicht verleugnen oder schlecht reden. Ich bin froh, daß ich dort war – und zurück bin.

Ich erinnere mich, wie ich versuchsweise wieder zu beten begann. Ich erinnere mich, wie es mich langsam veränderte. Ich erinnere mich, wie ich weinte, als ich merkte, dass ich endlich heimgekommen war. Als ich fühlte, wiedergefunden zu sein.

Und wie sich dieses Gefühl langsam in eine Gewissheit verwandelte.

Ja, eine Gewissheit.

*

PS: Die kleinen Freiheiten beim Übersetzen möge man mir verzeihen. Danke!

*

Bilder: flickr.com, annab.texter, pm.libelli, commons creative-Lizenz

3 Gedanken zu “GOTT spricht zu Wim Wenders

  1. Oh ja ich weiß wovon hier geredet wird und was es heißt „nach Hause“ zu kommen. Ja es ist eine Gnade! Absolut! Und ich kann es kaum fassen dass gerade ich beim Namen gerufen wurde, es ist unglaublich, ein Wunder, eine Gnade! Was mich überwältigt ist auch dass ich „hören“ durfte.
    Es ist schwer, fast schon unmöglich (erscheint es mir meist) Mitmenschen auf Gottes Ruf und offene Hand aufmerksam zu machen. Wenn man mal „hörte“ versteht man gar nicht wie man so taub sein konnte, Gott ist da ganz fest. Aber Menschen die noch nicht hören sind verwundert über das was man hört….
    Ja es ist Gottes Gnade
    Erklären kann ich’s nicht…

    1. Danke Pia, für deinen Beitrag!!

      Ein schönes Zeugnis von Dir und Deiner Gotteserfahrung –

      – und Du hast einen guten Hinweis gegeben, dass man dieses „Innenleben“ nur ganz schwer beschreiben und erklären kann.

      Am wichtigsten für mich ist, immer offen zu bleiben in der Beziehung zu IHM, offen zu sein für Sein Wort, für Seine Zeichen.

      LG, Stefan

  2. Es sind sehr berührende Worte von Wim Wenders, ebenso von Pia, für die wir dankbar sein dürfen. Die Welt braucht solche Zeugnisse.

    Ja, auch ich durfte die Erfahrung machen, dass Gott Wirklichkeit ist.
    Wenn mir früher jemand sagte: „Gott liebt die Menschen, liebt dich!“ antwortete ich immer mit der Frage: „Woher weißt du das, hast du ihn gefragt?“
    Insgeheim aber beneidete ich die Menschen, die glauben konnten.
    Sie hatten etwas, das ich nicht hatte.

    Jahre später – eine Annäherung.
    Dort, unerreichbar auf der anderen Seite war Gott.
    Ich stand hier – und dazwischen ein tiefer Abgrund, von dem ich nicht wusste, wie ich ihn hätte überqueren sollen.

    Irgendwann wurde mir bewusst, dass der Abgrund überwunden war.
    Wie dies geschah, weiß ich nicht. Es war einfach so!
    Eine neue Welt tat sich auf!
    Und dieses Staunen, Freuen, Erfahren hat bis auf den heutigen Tag nicht nachgelassen.
    Es plagen mich keine oder nur äußerst selten Zweifel.
    Trotz all meiner Mängel und Defizite bin ich mir stets der Gegenwart Gottes bewusst.
    Dass Gott neben allen Menschen auch mich liebt, diese Erkenntnis wurde mir durch ein bestimmtes Ereignis, das sich in einer Kirche zutrug, zuteil.
    Solch eine Freude hatte ich nie zuvor erlebt!
    Und ich bin mir gewiss: GOTT i s t !

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s