Das Zusammenspiel von Kirche, jungen Gemeinschaften und Eucharistischer Anbetung („Stay and Pray“)

Inzwischen sind es über 30 Abende, die meine Frau und ich in unserer Pfarre betreuen durften. Ob diese Stunden der gestalteten Anbetung nun „Nightfever“, „Abend der Barmherzigkeit“, oder „Stay and Pray“ heißen, ist nicht entscheidend – die Chance zur Begegnung mit dem lebendigen Herrn allein zählt.

Stay and Pray, München
Stay and Pray, München

Es geht hier auch nicht um „überkomplex“ oder „unterkomplex“, wie von Peter Winnemöller angesprochen. Denn was zunächst „sehr, sehr einfach“ daherkommt, kann auch komplex dargebracht werden, die Bezeichnung „gestaltete“ Anbetung lässt alles offen.

Dann nämlich, wenn klar wird, dass es eigene Gebete zur eucharistischen Anbetung gibt, die Priester und Gläubige im Wechsel sprechen können, aber nicht müssen. Oder wenn der Abend genutzt wird, um bereicherndes Liedgut einzubringen, und wenn im Laufe des Abends spirituelle Texte von Heiligen oder Kirchenvätern gesprochen werden.

Stay and Pray, München
Stay and Pray, München

Mancherorts werden an diesen Abenden auch Zeugnisse von Menschen gegeben, die – vielleicht sogar im Rahmen einer gestalteten Anbetung – wieder zu Gott gefunden haben, sich wieder auf den Weg der Suche und der Nachfolge begeben haben. Da kann es zu sehr eindrucksvollen Momenten und Begegnungen kommen.

Es ist 23 Uhr, die Kirchentüren von Heilig Geist am Viktualienmarkt sind weit geöffnet, drinnen alles voller Menschen, Musik, Gebet. Viele sitzen still in den Bänken, andere stehen etwas orientierungslos da, als wäre es unglaublich, eine Kirche offen und voll zu sehen – und das um diese Uhrzeit. Was davon mehr Erstaunen auslöst, die Tatsache, dass eine Kirche offen ist oder voll, oder beides in Kombination, sei dahingestellt. Sicher ist, dass kaum jemand damit rechnet, in eine Kirche eingeladen zu werden, die große Mehrheit auf die Einladung aber sehr positiv reagiert und sie gerne annimmt. Das junge Paar nimmt die Kerzen, die ich ihnen schenke, und geht langsam, mit einer Mischung aus Unsicherheit und intuitiver Ehrfurcht, zum Altar, auf dem Christus im eucharistischen Brot ausgesetzt ist. „Stay and Pray“ nennt sich dieser offene Gebetsabend, der die so oft gehörte Forderung, die Kirche müsse nah am Menschen sein, in die Tat umsetzt. (Sophia Kuby)

Da darf man auch keine Angst haben, dass solche geistlichen Angebote ein Eigenleben entwickeln, hin zu kirchenfernen NGOs (Peter Winnemöller). Die Gefahr ist dann sehr, sehr klein, wenn Diözesen, junge Gemeinschaften und aktive Pfarren gemeinsam hinter diesen Initiativen stecken bzw. diese fördern, wie im Fall von „Stay and Pray“ und den mehr in Österreich beheimateten „Abenden der Barmherzigkeit“.

Heißt nah am Menschen zu sein nicht, ihm diesen Reichtum ganz neu anzubieten – und zwar dort, wo er ist, draußen auf der Straße, beim Einkaufen, auf dem Weg in die Bar, beim Flanieren durch die Stadt? Die Reaktionen auf eine solche freundliche, unaufdringliche Einladung reichen von Dankbarkeit bis zu Sprachlosigkeit. Auch unvermittelte Tränen habe ich schon erlebt. Vielleicht, weil so viele Menschen eine wohlwollende, uneigennützige Ansprache gar nicht mehr kennen und nicht mehr für möglich halten? Natürlich gibt es auch diejenigen, die sich abwenden oder ihrer Wut auf die Kirche freien Lauf lassen. Aber es gibt auch solche wie Elmar, ein Mann um die 30, der gerade auf dem Weg zum Feiern mit Freunden ist, aber aus irgendeinem Grund lange im hinteren Teil der Kirche stehenbleibt. (Sophia Kuby)

Wie die Schilderungen von Sophia Kuby zeigen, sind es vor allem jüngere Leute, die sich zu später Stunde ansprechen lassen. Und es ist ja gerade die Jugend im weiteren Sinn, die vielen kirchlichen Angeboten fern bleibt.  Ausgenommen ist eine scheinbar wieder wachsende Zahl engagierter Eltern mit ihren Kindern. Aber es gibt eine große Zahl an Singles, Patchworkern und Familien, die mit Kirche wenig bis gar nichts am Hut haben, und dann sind da noch die kirchenfernen Jüngeren von 10 Jahren aufwärts. Damit kommen wir zu einem ganz entscheidenden Punkt:

Innerhalb von zwei Generationen haben wir das verloren, was es einst an Jugendbewegungen gab: „Quickborn“ und all die vielen anderen Bewegungen, die noch dazu das Glück hatten, von großen „theologischen und mystischen Persönlichkeiten“ wie Romano Guardini (Deutschland) oder Carlo Carretto (Italien, katholische Aktion) geprägt zu werden.

Stay and Pray, München
Stay and Pray, München

Wie mir Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz kürzlich im Stift Heiligenkreuz im Gespräch bestätigte: „In den Jugendbewegungen konnten wir uns austoben und bis zum Abwinken diskutieren – da sind die Fetzen geflogen. Dann gab es die einfachen, besinnlichen Stunden, mit Kerzen und Liedern, mit positiver Wirkung für die Gemeinschaft. Und schließlich haben wir beeindruckende Heilige Messen gefeiert, die beispielsweise ein Romano Guardini mit größter Feierlichkeit und Innigkeit begangen hat.“

Da steckt ein wesentlicher Schlüssel, der heute nicht mehr in unsere Türen passen will: Die „Jugend im weiteren Sinn“ hatte vormals konkrete und vor allem attraktive Angebote in Nachbarschaft zur Kirche: Beides zusammen – das freie Spiel „außerhalb“ der Kirche und die heilige Liturgie in ihr – haben vielfach zu einem gewachsenen und gelebten Glauben geführt.

Was sich somit anbietet, ist die  – vor allem in der deutschsprachigen Blogozese beheimatete – Fixierung auf die Institution Kirche und ihre Liturgie zu lockern. Oder besser gesagt: Der Horizont in den Betrachtungen der Blogozesaner soll nicht an den Mauern der Kirchen enden, sondern ganz bewusst das sichten, was an jungen Gemeinschaften heranwächst – und hier auf diesem Blog schon wiederholte Male angeführt wurde.

Eines aber ist in Zeiten der zunehmenden Gottferne unbestritten: Die Kirche von morgen wird missionarisch sein oder sie wird nicht sein. Nur sind heute der Mangel an und die daraus resultierende Sehnsucht nach Sinn, nach Orientierung, nach Hoffnung, nach Freude, nach Gemeinschaft vielleicht noch viel größer. Jeder kann dazu beitragen, dass für die Menschen Kirche wieder eine Option, vielleicht sogar neue oder wiedergefundene Heimat wird. Geben wir uns doch diesen Ruck, auf andere, auch fremde Menschen zuzugehen, und zum Beispiel einmal pro Woche auf dem Weg zur Sonntagsmesse eine Person einzuladen, mitzugehen. (Sophia Kuby)

Beschäftigen wir uns also mehr mit den lebendigen Gemeinschaften wie der Gemeinschaft Emmanuel, Loretto, Gemeinschaft vom Lamm, Jugendvigil Stift Heiligenkreuz, und vielen anderen mehr: Hier ist Zukunft! Hier findet Missionierung statt! Hier ist der jugendliche Ausgleich, der auch dazu führt, dass die Freude und die Liebe zur heiligen und feierlichen Liturgie wieder wächst, ja zum Bedürfnis wird!

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Link zu >>> ABENDE DER BARMHERZIGKEIT

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Link zu >>> TEXTE FÜR GESTALTETE ANBETUNGEN

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9 Gedanken zu “Das Zusammenspiel von Kirche, jungen Gemeinschaften und Eucharistischer Anbetung („Stay and Pray“)

  1. Ich finde das Nightfever in Nürnberg wunderschön, mein Mann und ich nennen es die „Vitaminspritze“ das ist einfach Wohltat und pure Liebe zu wie von Gott und absolute Anwesenheit des Heiligen Geistes. Dort erleben wir Pfarrer/Priester die lieben und das strömt aus jeder Pore. Ja eine wahre Vitaminspritze😃😊

    1. Schön, dass ihr diese „Vitaminspritze“ gefunden habt!
      Vitamine sind lebenswichtig, und der Herr ist es noch mehr…

      Junge Gemeinschaften werden manchmal als „Durchlauferhitzer“ bezeichnet, eine nicht so sympathische Benamsung – aber was damit gemeint ist, wird schnell klar:
      Die Abfolge von
      – Anrufung des Heiligen Geistes
      – Lobpreis
      – im Wechselspiel mit meist charismatischen Liedern
      – Angebot des Sakraments der Versöhnung (Beichte)
      – eucharistische Anbetung
      – und anschließende Agape
      hat etwas sehr ansteckendes, befreiendes und „erweckendes“!
      Eine Wärme („Durchlauferhitzung“) im Glauben wird gefördert, ein Raum des Gebets und der Liebe wird geöffnet, die Agape mit Begegnungen und lebhaften Diskussionen bereichert die Gemeinschaft.

      Das ist genau das, wodurch ein lebendiger Glaube in Nachbarschaft zu Pfarren entstehen kann, und dann die Früchte in den heiligen Messen (und über andere Pfarrangebote) geerntet werden können!

      1. Da gebe ich dir recht! Es ist ansteckend, befreiend und erweckend! Wie sagte mein Mann beim Nigthfever am Samstag „hier ist wirklich der Heilige Geist da“. Gott ist präsent und ich denke er sieht mit großer Liebe und Wohlwollen auf Nigthfever/Abend der Barmherzigkeit/Stay and Pry (egal welchen Namen sie haben).
        Schade ist für mich und meinem Mann nur dass wir dies überhaupt nicht oder kaum rüberbringen, wir erzählen davon auch in der Gemeinde aber mehr als ein „mh“ hört man selbst vom Pfarrer nicht. Das ist überhaupt schade, ich wünschte wir könnten dieses Feuer nur einmal in unserer Gemeinde aufflammen sehen. Ok. wir sind eine Gemeinde mitten in der Diaspora (und das ist noch gelinde ausgedrückt), noch dazu finden sich vielleicht 20 Leute zum Gottesdienst ein und junge Leute sind Mangelware. Doch der größte Feind oder anders ausgedrückt das Böse hat sich durch „Routine“ eingeschlichen. Es ist schwer durchzudringen. Hoffe ich drücke mich richtig aus, bei so Nächten/Abenden wie Nigthfever sind die Herzen der Menschen offen (selbst bei Jenen die so nicht viel mit der Kirche am Hut haben) bei unserem Gottesdienst geht nur ein Spalt auf und man muss sehr vorsichtig sein dass dieser nicht zuknallt. Tja eine Vitaminspritze würde uns allen immer wieder gut tun, absolut. Missionsland, auch Deutschland und Österreich?! Ja, aber nicht nur bei jenen die mit Kirche nichts am Hut haben oder meinen ohne Gott leben zu können, wir sind auch Missionsland mitten drin in den Gläubigen.
        Oh je nun habe ich genug gejammert…….
        Wer weiß wenn es Gottes Wille ist wird es viele Feuerbrände geben oder auch nur wenige aber dafür weit leuchtende, wer bin ich schon um alles zu verstehen. Doch ich bin dankbar dass es Nigthfever und Co gibt, vor allem eben die Menschen die es ermöglichen.

        In diesem Sinne auch mal danke für diesen Blog eure Mühe und Hingabe, für das offene
        Ohr und Herz

        1. Liebe Pia,
          „Missionsland selbst mitten drin in den Gläubigen“ …da weiß ich was du meinst, und es ist öfter der Fall als sich viele vorstellen können.

          Wie auch immer: Wir dürfen nicht müde werden!
          Und meist fehlt es an den ‚einfachsten‘ Dingen:

          Beten, umkehren, fasten, liebevoll und aufmerksam sein, sich versöhnen…

          …deshalb erinnere ich auch gerne an die Botschaften der Gottesmutter, die genau das einmahnen!!

          LG, Stefan

  2. „Wir dürfen nicht müde werden“, da hast du recht und ich habe oft den Eindruck die Menschen verzehren sich nach einem Stückchen Liebe ausgedrückt in einem offenen Ohr, in einem Lächeln, einem freundlichen Wort, in einer reichenden Hand…..
    Aber woran liegt es, dass selbst wir Christen so bedürftig geworden sind und Gott in vielen kleinen/großen Dingen aus den Augen verloren habe oder anders gefragt dass selbst wir Christen ihn so wenig in unserem Leben teilhaben lassen und an ihm teilnehmen, woran liegt es dass auch wir Christen (gerade bei uns in den reichen Ländern) zu Missionsländern wurden.????

    1. So erfolgreich Nightfever ist, darf man es als das niederschwelligste Angebot eucharistischer Anbetung sehen – das ist keine Kritik, sondern eine Einordnung; es eignet sich ähnlich wie „Stay and Pray“ perfekt dazu, Leute spontan anzusprechen.

      Bei „Stay and Pray“ wird – was ich noch nicht näher hinterfragen konnte – von einer (mehreren?) jungen Gemeinschaft(en) ausgegangen, die dahinter stehen; so ein Back-up kann sehr wichtig sein, wenn jemand etwas regelmäßiges und vor allem einen geistlich fundierten (Gebets-)Kreis sucht.

      Manche „Abende/Stunden der Barmherzigkeit“ versuchen, einen wachsenden und regelmäßigen Kreis von Teilnehmern zu erreichen, indem beispielsweise sehr anspruchsvolle Texte und Gebete angeboten werden; hier findet man ein altersmäßig reiferes Publikum; hier bilden zumeist aktive Pfarren den Hintergrund.

      Das meine ich, wenn ich sage, dass eine Beschäftigung mit all den neueren Initiativen notwendig ist, um Kirche nicht nur als das zu verstehen, was sich innerhalb von Kirchenmauern abspielt, sondern als das, was sie tatsächlich ist: Eine riesige Gemeinschaft von Menschen, die sich unter anderem in Gottesdiensten trifft.

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