Das Wunder von Naïn (Ev. vom 10. So im JK)

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Einige Zeit später ging er in eine Stadt namens Naïn; seine Jünger und eine große Menschenmenge folgten ihm. Als er in die Nähe des Stadttors kam, trug man gerade einen Toten heraus. Es war der einzige Sohn seiner Mutter, einer Witwe. Und viele Leute aus der Stadt begleiteten sie. Als der Herr die Frau sah, hatte er Mitleid mit ihr und sagte zu ihr: Weine nicht! Dann ging er zu der Bahre hin und fasste sie an. Die Träger blieben stehen und er sagte: Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf! Da richtete sich der Tote auf und begann zu sprechen und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück. Alle wurden von Furcht ergriffen; sie priesen Gott und sagten: Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten: Gott hat sich seines Volkes angenommen. Und die Kunde davon verbreitete sich überall in Judäa und im ganzen Gebiet ringsum. (Lukas 7, 11-17)

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Das Wunder von Naïn

Wie soll man das nun wieder verstehen? Da reißt Gott erst einen offenbar noch recht jungen Mann aus dem Leben, den „einzigen Sohn seiner Mutter“, die zuvor bereits ihren Mann verloren hat, denn sie wird uns zudem als „Witwe“ vorgestellt. Dann hat Jesus, Gottes Sohn, Mitleid mit der Frau, als Er sie „sah“, als Er mit ihr in Beziehung trat, könnte man sagen. Und dann erweckt Jesus den Toten zu neuem Leben. Ändert Gott Seine Meinung? Spielt Er gar mit den Gefühlen der trauernden Mutter, um einen missionarischen Wirkungstreffer zu erzielen – schließlich ist die Situation günstig („eine große Menschenmenge folgte ihm“) und der ‚PR-Effekt‘ nicht zu verachten („Und die Kunde davon verbreitete sich überall in Judäa und im ganzen Gebiet ringsum“)? Ist das Ganze also eine ‚Show‘, die ‚über Leichen geht‘? Noch einmal: Wie soll man das verstehen?

Zunächst: Gott ändert sich nicht. Gott ist der ewig Gleiche. Zugleich der Allwissende und der Allmächtige und der Allgute. Er weiß also um den Lauf der Dinge, auch dieses Geschehens in Naïn. Er hätte es auch anders gestalten können, doch Er will, dass es genauso abläuft, wie es abläuft, weil es so, wie es ist, gut ist. Warum? Damit sich die Welt ändert! Um den Preis des Leids? Nein, Gott hat beides eingeplant: den Tod des jungen Mannes und dessen Auferstehung, Leid und Heil. Gott kann nur neues Leben spenden, indem er das alte Leben enden lässt. Gott nutzt seine Allmacht nicht, um mit dem Leben der Menschen zu spielen, sondern um sie für das neue Leben zu öffnen, um Veränderung zum Guten zu ermöglichen.

Gott will die Menschen durch Jesus Christus zum Heil führen. Dazu begibt sich der Absolute – der Allmächtige, Allwissende, Allgute – in eine Beziehung zum Menschen. Über Christus (wie hier in Naïn) und in Christus. Hier in Naïn geschieht eine regional begrenzte Miniaturausgabe dessen, was wir an Ostern feiern: Auferstehung und Ausbreitung der Nachricht von der Auferstehung. In der Tat gibt es einige Parallelen zwischen dem Geschehen in Naïn und dem kurze Zeit später in Jerusalem: Der einzige Sohn stirbt, eine Witwe trauert – und der Tote gelangt durch Gottes Macht zu neuem Leben. Das Wunder von Naïn gibt einen Vorgeschmack auf das ungleich größere Wunder von Jerusalem. Das neue Leben, das Gott schenkt, nachdem er das alte Leben nahm, ist dabei keine Prolongation dieses alten Lebens, so dass man fragen könnte, warum Gott diesen für die Witwe emotional so belastenden Umweg wählt, sondern etwas qualitativ völlig Neues, das die Menschen verändert – die Menschen in Naïn und Umgebung, die Menschen in Jerusalem und weit darüber hinaus.

Dass wir uns heute noch diese Geschichten erzählen, zeigt, dass sie die Menschen bis heute verändert. Wenn nur jeder siebte Katholik sonntags zur Heiligen Messe geht, werden mehr als 170 Millionen Menschen heute das Wunder von Naïn hören – rund 2000 Jahre nachdem es geschah. Und von der Auferstehung Jesu hörte zu Ostern vielleicht ein Drittel der Christenheit, also rund 800 Millionen Menschen. Sie hören die Botschaft, sind beeindruckt, verstört, verzückt, sie gehen zweifelnd, hoffend, glaubend in den Ostermorgen hinein – so wie die ersten Zeugen des leeren Grabes. Und die Botschaft lässt sie nicht mehr los. Denn sie (und auch wir, wenn wir zu diesen Menschen gehören, die sich immer wieder von der Osterbotschaft fesseln lassen) ahnen, dass es hier um mehr geht als um das Leben eines einzelnen Menschen, das noch einmal um ein paar Jahre verlängert wird. Es geht darum, neues Leben zu schenken. So wie es auch im Fall des Mannes aus Naïn nicht um bloße physische Restitution geht, sondern um eine neue Perspektive auf Leid und Leben. Um damit Naïn zu verändern. Und die nähere Umgebung. Und schließlich – infolge des Geschehens in Jerusalem – die ganze Welt.

Das Motiv für den Anstoß zur Veränderung – sowohl in Naïn als auch in Jerusalem – ist Mitleid, ein  Leid, das Beziehung sucht. Gott leidet mit uns. Das ist eine Grunderfahrung des Christen. Sie verschiebt den Fokus von der Frage nach dem Ursprung des Übels auf die Bewährung im Übel und dessen Überwindung im Heil. Gott bewahrt nicht vor dem Leid, sondern im Leid – durch das Mit-Leid. Diese Erfahrung ist für den christlichen Glauben von ganz zentraler Bedeutung. Sie öffnet den schwarz verhangenen Horizont und lässt das Licht des Heils einströmen – nicht als Vertröstung auf eine ferne Zukunft hin, sondern bereits hier und jetzt.

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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