Die Feindesliebe

Die Feindesliebe

In der Gemeinschaft gibt es eine Schwester, die das Talent hat, mir in allem zuwider zu sein; ihr Benehmen, ihre Art zu reden, ihr Wesen waren mir sehr unangenehm. Sie ist jedoch eine heilige Nonne, an der der liebe Gott sein Wohlgefallen haben muss. Daher wollte ich meiner natürlichen Antipathie nicht nachgeben und sagte mir, dass Nächstenliebe nicht in Gefühlen, sondern in Taten bestehe. So gab ich mir Mühe, für diese Schwester das zu tun, was ich für den Menschen getan hätte, den ich am meisten liebe. Bei jeder Begegnung betete ich zum lieben Gott für sie und opferte ihm alle ihre Tugenden und Verdienste auf. Ich spürte sehr wohl, dass Jesus das gefiel; denn es gibt keinen Künstler, der nicht möchte, dass seine Werke ihn loben, und Jesus, der Seelen kunstvoll gestaltet, freut sich, wenn man sich nicht bei Äußerlichkeiten aufhält, sondern zum Heiligtum im Innern vordringt, das er sich als Wohnstatt erwählt hat, und wenn man dessen Schönheit bewundert.
Ich begnügte mich nicht damit, viel zu beten für diese Schwester, der ich so viele Kämpfe verdankte, sondern nahm mir vor, ihr alle nur denkbaren Dienste zu erweisen; und wenn ich versucht war, ihr eine verdrießliche Antwort zu geben, begnügte ich mich damit, ihr mein liebenswürdigstes Lächeln zu schenken, und bemühte mich, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben… Wenn ich und die Schwester uns eine Arbeit teilen sollten und meine inneren Kämpfe zu heftig wurden, versteckte ich mich oft auch wie ein Deserteur. Da sie nicht die geringste Ahnung hatte, was ich für sie empfand, forschte sie auch nie argwöhnisch nach der Ursache meines Verhaltens und blieb davon überzeugt, dass mir ihr Wesen angenehm war. Eines Tages sprach sie mich bei der Rekreation mit überaus zufriedener Miene etwa so an: „Würden Sie mir, liebe Schwester Theresia vom Kinde Jesu, sagen, was an mir sie so anzieht? Ich sehe Sie jedesmal lächeln, wenn Sie mich ansehen“. O ja, was mich anzog, das war Jesus, der im Grunde ihrer Seele verborgen war, Jesus, der auch das Bitterste süß macht.

Hl. Theresia vom Kinde Jesus (1873-1897), Karmelitin, Kirchenlehrerin
Selbstbiographische Schriften

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Vergleiche Tagesevangelium  nach Matthäus 5,43-48

> benachbarte Spalte rechts > „Bibeltexte des Tages“

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4 Gedanken zu “Die Feindesliebe

  1. Danke für diesen wunderbaren Text. Ich kenne leider viele Menschen, mit denen ich oft zu tun habe, die mich immer wieder nerven, obwohl sie wertvolle Menschen sind. Trotzdem könnte ich im Zusammensein mit ihnen an die Decke gehen. Ich nehme mir nun vor, dass ich in diesen Situationen dann an die heilige Theresia vom Kinde Jesu denken werde und hoffe, dass ich dann auch ganz geduldig und liebevoll reagieren kann.

    1. Liebe Jutta,
      Vielen Dank für deinen Beitrag!
      Genau das lehrt uns die „kleine Therese“: geduldig zu sein, uns klein zu machen, und alles was nervt und ungerecht scheint, auf liebevolle Weise Jesus zu übergeben bzw. Ihm aufzuopfern!
      Daraus entsteht so viel Ruhe – die Er uns schenkt – und vor allem neue Chancen zu kleinen oder großen Akten der Liebe.
      Nichts weniger wollte Theresia vom Kinde Jesus sein: Eine Lehrerin der Liebe.
      LG, Stefan.

  2. Was ich schon länger mal sagen wollte….
    Ich bin froh auf diese seite gekommen zu sein,und danke unserem Herrn dafür, dass es euch gibt und ihr euch die arbeit und mühe macht, dinge des glaubens klar und verständlich weiter zu geben.
    bitte macht weiter so.
    segen johann

    1. Vielen Dank, Johann!
      Es sind nicht zuletzt die Aufmunterungen, die wieder Kraft spenden und Freude geben, an diesem Projekt weiterzuarbeiten – DANKE!!!

      PS: Die nächsten Tage werden es „nur“ Kommentare zu den Tagesevangelien sein, weil wir eine Woche Urlaub machen… alles Gute bis gegen Ende nächster Woche und darüber hinaus ;-)))

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