Die barmherzigen Hells Angels (Ev. vom 15. So im JK)

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Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben. Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!  (Lukas 10, 25-37)

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Die barmherzigen Hells Angels

Zeiten von Katastrophen sind Zeiten der Hilfsbereitschaft. Nach der Flut kommt die breite Solidarität großer Bevölkerungsschichten. So war es 2002, so ist es derzeit, überall dort, wo das Wasser über die Ufer trat. Helfen kann in solchen Fällen jede und jeder. Sei es durch eine Geldspende oder ganz konkret und tatkräftig. Bilder von Pfadfindern, die Sandsäcke füllen (und das auch schon vor der 72-Stunden-Sozialaktion), sind mir aus den letzten Tagen ganz besonders im Gedächtnis geblieben.

Hilfe ist erwünscht – möchte man meinen. Doch manchmal wird die Hilfe bestimmter Helfer abgelehnt. In Österreich etwa rief die Muslimische Jugend dazu auf, die Aufräumarbeiten tatkräftig zu unterstützen: „Österreich braucht dich jetzt!“ lautete das Motto, mit dem muslimische Jugendliche via Facebook & Co. zur Mithilfe motiviert wurden. „Die Österreicher kommen sehr gut ohne euch zurecht.“, konterte der FPÖ-Ortsverband im niederösterreichischen Traismauer. Nach Protesten wurde der Facebook-Kommentar zurückgezogen, eine Entschuldigung folgte.

Nun gibt es auch in Deutschland einen Fall von „unerwünschter Hilfeleistung“. Die Hells Angels, Motorradrocker, deren Handlungsoptionen für gewöhnlich über Spritztouren ins Grüne und gemeinsames Tofu-Grillen weit hinausgehen, was in der Vergangenheit schon zu Konflikten mit der Polizei führte, haben mit ihrem Hilfseinsatz in Colditz an der Mulde (ein Nebenfluss der Elbe) gemischte Gefühle ausgelöst. Während die professionellen Hilfskräfte von der Feuerwehr zufrieden Bilanz zogen („Die Rocker haben richtig rangeklotzt, waren wirklich eine große Unterstützung.“), haben einige Anwohner die Hilfe der Höllenengel abgelehnt.

Wie ist das aus christlicher Sicht – gibt es eine „Hilfe aus der falschen Ecke“, die man ablehnen sollte? Wie verhalten sich Vorgeschichte und Hilfsaktion, grundsätzliche Haltung und konkrete Handlung von Menschen aus der Sicht christlicher Ethik? Konkret: Wie geht man um mit Fluthelfern aus dem kriminellen Milieu? Dazu drei Gedanken.

Zunächst gilt aus christlicher Sicht die Unterscheidung von Sünde und Sünder, von Tat und Person. Die Hells Angels sind Menschen, die anders sündigen als Andere. Das ist wahr. Doch sind es zunächst Menschen, die auch und gerade als Sünder von Gott geliebt sind. Sie pauschal zu verurteilen und abzuweisen – dazu haben wir kein Recht. Wir müssen Sünde Sünde nennen und Wohltat Wohltat, doch zugleich müssen wir sehen, dass wir alle Sünder und Wohltäter sind. Kein Sünder kann nicht auch mal Gutes tun und kein Heiliger ist frei von Sünde.

Sodann komme ich zum Motiv des Handelns. Worum geht es den Hells Angels? Wenn es ihnen um Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit geht, dann ist das genau das, was wir derzeit brauchen. Wenn es ihnen um ein besseres Image geht, gar um Strafmilderung in anhängigen oder künftigen Verfahren, wäre ein Punkt erreicht, an dem die Opfer und ihr Leid instrumentalisiert werden würden. Das wäre nicht in Ordnung. Nur: Eine solche „strategische“ Einstellung zur Hilfeleistung kann man niemandem, der hilft, einfach so unterstellen. Also: Zunächst ist das Gute zu sehen, das die Hells Angels tun, und anzunehmen, dass sie es tun, weil es das Gute ist. Wenn sie – oder andere – die Flut als Bühne begreifen, dann ist allerdings Vorsicht angezeigt. Das gilt aber nicht nur für Motorradrocker.

Und schließlich: Niemand hat ein Monopol auf das Gute, auch nicht der Christ. Zwar handelt gut, wer christlich handelt (also: so, wie Jesus es uns lehrt), doch ist das Christentum nicht notwendig für gutes Handeln hier und jetzt. Gutes Handeln ist jedem Menschen möglich. Jesus selbst macht das deutlich, als er im barmherzigen Samariter einen krassen Außenseiter der Gesellschaft Alt-Israels zum moralischen Vorbild erhebt: „Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“

Der Mann aus Samarien hat sich damit als jener „Nächste“ erwiesen, von dem im wichtigsten Gebot Gottes die Rede ist. Und damit ist klar, was Jesus von uns erwartet: „Geh und handle genauso!“ Handle so wie der Samariter. Diese Aufforderung Jesu gilt für alle – nicht nur für Kirchenmitglieder, nicht nur für Christen. Sondern auch für die Hells Angels. Gut, wenn auch sie dem Beispiel des Mannes aus Samarien folgen.

 

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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