Demut und Selbstlosigkeit. Oder Heilsegoismus? (Ev. vom 22. So im JK)

Artikel- Jobo zum SonntagsEvangelium***

Als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam, beobachtete man ihn genau. Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, nahm er das zum Anlass, ihnen eine Lehre zu erteilen. Er sagte zu ihnen: Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist, such dir nicht den Ehrenplatz aus. Denn es könnte ein anderer eingeladen sein, der vornehmer ist als du, und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen. Wenn du also eingeladen bist, setz dich lieber, wenn du hinkommst, auf den untersten Platz; dann wird der Gastgeber zu dir kommen und sagen: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten. Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten. (Lukas 14, 1. 7-14)

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Demut und Selbstlosigkeit. Oder Heilsegoismus?

In der heutigen Perikope werden zwei Prinzipien der christlichen Ethik vorgestellt: Demut und Selbstlosigkeit. Und ein drittes Phänomen taucht auf: der vermeintliche „Heilsegoismus“. Wovon ist das christliche Ethos, also das Verhalten nach der christlichen Ethik, bestimmt? Dieser Frage möchte ich heute anhand des Evangeliums nachgehen.

1. Zunächst die Demut: „Wenn du also eingeladen bist, setz dich lieber, wenn du hinkommst, auf den untersten Platz; dann wird der Gastgeber zu dir kommen und sagen: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen.“ Klar: Wer hoch pokert, kann hoch verlieren, wer sich bescheiden gibt, hat gute Karte, aufzusteigen: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt“, und: „wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“.

Andererseits: Liegt in diesem „understatement“ nicht auch ein gehöriges „fishing for compliments“ verborgen? Also: Wer sich selbst erniedrigt – will der nicht eigentlich erhöht werden? Das wäre dann jedoch keine Demut, denn Demut ist keine Strategie, keine Taktik, um am Ende doch im Mittelpunkt zu stehen. Demut wird als Tugend geübt, ohne Hintergedanken. Der Mensch bleibt bescheiden, auch wenn sich die Reaktion nicht einstellt. Das ist schwer.

Hier hat es Jesus jedoch mit einer Gruppe Menschen zu tun, die alles andere als demütig sind, sondern sich „die Ehrenplätze aussuchen“ – man mag sich dazu ein gewisses Gedränge und Geschubse vorstellen, weil es mehr Gäste als Ehrenplätze gibt. Hier wird mit Ellenbogen gearbeitet. Jesus spricht in diesem Zusammenhang von der klugen Wahl des Platzes und erhöht mit Seinem Hinweis auf eine resultierende Aufwertung sicherlich das Interesse der Egoisten. Entscheidend jedoch ist die Haltung der Demut, die nicht kalkuliert und spekuliert, sondern die eine natürliche Grundhaltung in der Nachfolge Christi sein sollte.

2. Sodann die Selbstlosigkeit: Der Mensch soll nicht deshalb handeln, weil eine Gegenleistung zu erwarten ist. Reziprozität ist nicht das Prinzip christlicher Ethik. Statt dessen geht es im christlichen Ethos darum, selbstlos zu geben, auch und gerade denen, die es nicht abgelten können – jetzt nicht und auch in Zukunft nicht: „Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten.“ Das sitzt erst einmal.

3. Doch jetzt stellt Jesus selbst das Heil als „Gegenleistung“ in Aussicht („Du wirst selig sein, […] es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.“). Ist das nicht das entscheidende Bonbon des christlichen Ethos: das Seelenheil? Ist das Christentum damit ein verkappter „Heilsegoismus“, bei dem einfach die erwartete Kompensation ins Jenseits verlagert wird, bis hin dazu, dass man sich den Heilsanspruch durch Wohlverhalten erarbeiten kann?

Eine Gesellschaft unter den Bedingungen der Reziprozitätsökonomie (und diese Bedingungen sind ansatzweise auch in der römischen Antike schon gegeben – do ut des) kann selbstloses Handeln nicht nur nicht verstehen, sondern muss religiöse Motive ablehnen und Ersatzerklärungen finden. Das zeigt sich in der oft anzutreffenden Missdeutung des Heils als Motiv für das moralische Handeln des Christen – auch innerhalb der Kirchengeschichte findet man diesen irrigen Gedanken, etwa in Gestalt der „Werkgerechtigkeit“.

4. Damit wird freilich das christliche Ethos auf den Kopf gestellt, denn darin ist Liebe das Motiv und Heil die Konsequenz. Das Heil ist nicht Motiv des Christen und seines Handelns, Gottes Abgeltung des guten Werks nicht der entscheidende Antrieb, was die Bezeichnung „Heilsegoismus“ rechtfertigen würde. Gottes Liebe ist der Antrieb. Zugespitzt: Gott ist die Ursache, der Mensch „nur“ die Vermittlungsinstanz. Gottes Liebe strahlt durch den Menschen hindurch und wirkt als dessen christliches Handeln in die Welt hinein. Das Gute als die Konsequenz des christlichen Ethos wird in seiner Aus- und Rückwirkung dem Menschen zuteil, bleibt ihm aber stets entzogen, insoweit er nicht die Zwecke und Ziele selber setzt.

Der Mensch mag aus seinem freien Willen heraus absichtsvoll handeln können, bleibt hinsichtlich des Motivs (Liebe) und der Wirkung (Heil) auf die Gnade Gottes angewiesen, schon deshalb, weil sie es ist, die ihm den Glauben und damit die Erkenntnis der Liebe Gottes und die Achtung des moralischen Gebots von der Nächstenliebe ermöglicht. Er kann die Folgen aus seinem christlichen Verhalten nicht zur Stellgröße machen, denn das hieße, die Differenz von Moral und Geschichte aufzuheben. Versuche des Menschen, selbst Geschichte zu schreiben und aus sich das Heil herbeizuführen, haben immer nur Unheil hervorgebracht. Nicht ohne Grund ist die Hoffnung neben dem Glauben und der Liebe die dritte christliche Fundamentaltugend, die hier zum Tragen kommt, indem sie das Vertrauen in den sinnvollen Lauf der Dinge und das gute Ende stärkt, ohne die beiden anderen Tugenden und den in ihnen enthaltenen Auftrag des christlichen Ethos zu verdrängen.

5. In der Praxis ist es schwer, einen lupenreinen christlichen Altruismus zu realisieren. Der sündige Mensch steht der edlen Umsetzung göttlicher Liebe oft genug selbst im Weg. Nun braucht es einen „Trick“, die Trägheit zu überwinden. Und Gottes Liebe ist so groß, dass Er sich auf die Schwachheit des Menschen einlässt, um sie trotz ihrer begrenzten Vernunft und ihres harten Herzens zu erreichen.

Christus bringt hier den Gedanken der Kompensation nur ins Spiel, damit er überhaupt verstanden wird. Warum sollte ein Pharisäer „Arme, Krüppel, Lahme und Blinde“ zum Essen einladen? Weil es Ausdruck der Liebe ist – ja! Weil es gut ist, weil es richtig ist – ja! Doch auch, weil es eben die Seele – die eigene Seele – heil sein lässt. Christus kennt die Menschen und Er weiß, dass dies den Ausschlag geben kann, wenn es darum geht, Gutes zu tun. Entscheidend im christlichen Ethos ist jedoch die gelebte Liebe, die zu demütiger Haltung und selbstlosem Handeln führt – egal, was man selbst am Ende davon hat.

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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Ein Gedanke zu “Demut und Selbstlosigkeit. Oder Heilsegoismus? (Ev. vom 22. So im JK)

  1. Die Sache mit dem „Trick“ ist vom Gedanken her einsichtig, aber wo bleibt die praktische Hilfe – geht es doch im letzten Absatz um „praktische Realisierung“.

    Zwei Gedanken von Klaus Berger können womöglich hilfreich sein, die ich sinngemäß wiederzugeben versuche:

    1. Ein noch so subtiles Schielen nach dem Lohn … wäre albern. Alle Aussagen über den Himmel haben immer zwei Beine, eines in der Gegenwart und eines in der Zukunft. Demut kann verstanden und praktiziert werden, wenn man sich ganz intensiv an der faszinierenden und tröstlichen Gegenwart Gottes ausrichtet, sei sie im Herzen, wenn wir beten, sei sie im Tabernakel, wenn wir anbeten.

    2. Als Himmelsbürger auf Erden zu sein bedeutet einen ganz nüchternen Abstand zum Jahrmarkt der Eitelkeiten. Es geht um eine Versonnensein [Verliebtsein, Liebe], weil immer dann, wenn ich von etwas erfüllt bin, der Ehrgeiz meilenweit entfernt ist, und die Sache selbst [die Wahrheit] zählt. Wer wirklich von etwas erfüllt ist, kann demütig sein, weil es nicht Aufgabe ist, auf Prestige oder Lohn zu achten, sondern tiefer hineinzugelangen in das, um das man Tag und Nacht kreist, untrennbar damit [mit Ihm] verbunden zu sein.
    (Klaus Berger, Evangelium unseres Herrn Jesus Christus, Herder, 2006)

    Nachsatz: In Zeiten der Dunkelheit, wenn dieses Erfülltsein unmöglich wird, kann nur der Gehorsam gegenüber Gott hilfreich sein, um in der Demut nicht nachzulassen.
    Zitat von Charles de Foucauld: „Wir wollen uns dem Herrn nicht als Lebendige schenken, da Er für uns gestorben ist. Wir wollen uns Ihm so schenken, wie Er sich uns geschenkt hat, als Tote, als Leichnam: vollkommene Liebe ist vollkommener Gehorsam.“

    Das letzte Zitat ist so radikal, wie sein Verfasser letztlich gelebt hat – aber gewiss auch angreifbar, wie jedes menschliche Wort. Für die christliche Praxis scheint mir wichtig: Ohne jemals von Gott erfüllt gewesen zu sein, ohne jemals Gott geliebt zu haben in Seinem Sohn Jesus Christus, scheint mir Demut auf abstrakte Weise denkbar, jedoch nicht auf reale, praktische Weise lebbar. Und sollte einem die Liebe zu Christus abhanden kommen, bleibt nur – der Gehorsam. Und durch den Gehorsam – gelange ich wieder zur Liebe…

    Siehe auch die laufenden Beiträge zu Charles de Foucauld:
    https://zeitzubeten.org/christliche-spiritualitaet/die-nachfolge-jesu/nachfolge-charles-de-foucauld/nachfolge-charles-de-foucauld-1/
    https://zeitzubeten.org/christliche-spiritualitaet/die-nachfolge-jesu/nachfolge-charles-de-foucauld/nachfolge-charles-de-foucauld-2/

    Herzliche Grüße,
    Stefan

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