Papst Franziskus – ein „revolutionäres“ Interview?

wpa Vatikan„Ich bin einer, der vom Herrn angeschaut wird. Meinen Wahlspruch Miserando atque eligendo habe ich immer als sehr zutreffend für mich empfunden.“ Der Wahlspruch des Papstes stammt aus den Homilien des heiligen Beda Venerabilis, der in seinem Kommentar zur Episode der Berufung des heiligen Matthäus schreibt: „Jesus sah einen Zöllner, und als er ihn liebevoll anblickte und erwählte, sagte er zu ihm: Folge mir!

So fährt Papst Franziskus in dem „revolutionären“ Interview/Gespräch fort, nachdem er den vielzitierten Satz vom „Sünder Bergoglio“ gesprochen hat. Nachdem die populistischen Schlagzeilen bekannter Medien an uns vorbeigezogen sind, soll die Frage nochmals gestellt werden: Gibt es tatsächlich „revolutionäre Inhalte“ im Interview mit Franziskus?

Führung und Fehler

Um die Wahrheit zu sagen: In meiner Erfahrung als Oberer in der Gesellschaft habe ich mich nicht immer so korrekt verhalten, dass ich die notwendigen Konsultationen durchführte. Und das war keineswegs gut. Mein Führungsstil als Jesuit hatte anfangs viele Mängel… Ich war erst 36 Jahre alt – eine Verrücktheit! Ich musste mich mit sehr schwierigen Situationen auseinandersetzen und traf meine Entscheidungen auf sehr schroffe und persönliche Weise… Meine autoritäre und schnelle Art, Entscheidungen zu treffen, hat mir ernste Probleme und die Beschuldigung eingebracht, ultrakonservativ zu sein. Ich habe eine Zeit einer großen inneren Krise durchgemacht, als ich in Cordova lebte. Nun bin ich sicher nicht wie die selige Imelda gewesen, aber ich bin nie einer von den ,Rechten‘ gewesen. Es war meine autoritäre Art, die Entscheidungen zu treffen, die Probleme verursachte.

Das ist – auch und gerade aus Sicht hochrangiger Jesuiten – etwas Besonderes: Einer der großen kirchlichen Amtsträger dieser Zeit gibt offen und ohne Zurückhaltung Auskunft über seine Fehler als Oberer im Jesuitenorden. Franziskus ist locker, offen und souverän zugleich, was für ein Geschenk an eine zum Teil verkrampfte Riege an Kirchenführern, die oftmals nicht aus ihrer Haut kann. Dementsprechend ist der Pontifex auch glaubwürdig, wenn er sich über das Verhältnis von Kirchenrecht und Pastoral äußert.

Dogmatik und Pastoral

Die Kirche hat sich manchmal in kleine Dinge einschließen lassen, in kleine Vorschriften. Die wichtigste Sache ist aber die erste Botschaft: ‚Jesus Christus hat dich gerettet.‘ Die Diener der Kirche müssen vor allem Diener der Barmherzigkeit sein. Der Beichtvater – zum Beispiel – ist immer in Gefahr, zu streng oder zu lax zu sein. Keiner von beiden ist barmherzig, denn keiner nimmt sich wirklich des Menschen an. Der Rigorist wäscht sich die Hände, denn er beschränkt sich auf das Gebot. Der Laxe wäscht sich die Hände, indem er einfach sagt: ‚Das ist keine Sünde‘ – oder so ähnlich. Die Menschen müssen begleitet werden, die Wunden geheilt.

Viel war vom „Feldlazarett nach der Schlacht“ die Rede und Franziskus spricht es deutlich aus: „Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem Anderen sprechen. Die Wunden heilen, die Wunden heilen … Man muss unten anfangen.“

Wir müssen das Evangelium auf allen Straßen verkünden, die frohe Nachricht vom Reich Gottes verkünden und – auch mit unserer Verkündigung – jede Form der Krankheit und Wunde pflegen. In Buenos Aires habe ich Briefe von homosexuellen Personen erhalten, die ‚soziale Wunden‘ sind, denn sie fühlten sich immer von der Kirche verurteilt. Aber das will die Kirche nicht. Auf dem Rückflug von Rio de Janeiro habe ich gesagt, wenn eine homosexuelle Person guten Willen hat und Gott sucht, dann bin ich keiner, der sie verurteilt. Ich habe das gesagt, was der Katechismus erklärt. Die Religion hat das Recht, die eigene Überzeugung im Dienst am Menschen auszudrücken, aber Gott hat sie in der Schöpfung frei gemacht: Es darf keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben. Einmal hat mich jemand provozierend gefragt, ob ich Homosexualität billige. Ich habe ihm mit einer anderen Frage geantwortet: ‚Sag mir: Wenn Gott eine homosexuelle Person sieht, schaut er die Tatsache mit Liebe an oder verurteilt er sie und weist sie zurück?‘ Man muss immer die Person anschauen. Wir treten hier in das Geheimnis der Person ein. Gott begleitet die Menschen durch das Leben und wir müssen sie begleiten und ausgehen von ihrer Situation. Wir müssen sie mit Barmherzigkeit begleiten. Wenn das geschieht, gibt der heilige Geist dem Priester ein, das Richtige zu sagen.

Natürlich haken hier einige Zeitgenossen ein und sprechen von „Revolution“ oder „Unklarheit“, je nach liberalem oder konservativem Lager. Dabei hat sich – an der Lehre der Kirche – gar nichts geändert, wohl aber an der pastoralen Haltung, die der Papst vorlebt: Er sucht den seelsorglichen Dialog mit den Sündern, man denke nur an die diversen Telefonate mit Menschen aus dem Volk. Und damit bekräftigt er eine pastorale Haltung, die beispielsweise in der romtreuen Erzdiözese Wien gepflegt wird:

Als große Erzdiözese, die an das Kirchenrecht gebunden ist, müsse man bei der Suche nach neuen Wegen sehr achtsam vorgehen „, so die Pastoralamtsleitung der Erzdiözese. Zu den wiederkehrenden Aufrufen von ‚Wir sind Kirche‘ etc. heißt es, dass auch Geschieden-Wiederverheirateten oder fallweise aus der Kirche Ausgetretenen die Kommunion nicht zu verweigern ist, dass aus der Gemeinschaft am Tisch des Herrn niemand leichtfertig ausgeschlossen werden dürfe. So kann das seelsorgliche Gespräch vor Ort im Einzelfall auch zu „undogmatischen“ Entscheidungen gelangen – wenn das Heil von Mensch und Kirche (im Sinne der Gemeinschaft der Menschen) als höheres Prinzip zur Anwendung gelangt. „Dass auch solchen, für die nach geltendem Kirchenrecht der Sakramentenempfang nicht vorgesehen ist, nach einem aufmerksamen seelsorglichen Prozess in theologischer Verantwortung und im Vertrauen auf Gottes größere Barmherzigkeit die Kommunion gereicht wird, ist weithin pastorale Praxis, sinnvollerweise sei es aber nicht die Regel. Wer die Ausnahme zur Regel stilisiert, erspart sich und anderen zu schnell die notwendige, oft heilsame Konfrontation mit der Realität. (Erzdiözese Wien)

Absage an „Wir sind Kirche“ etc.

Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit der Verhütungsmethoden. Das geht nicht. Ich habe nicht viel über diese Sachen gesprochen. Das wurde mir vorgeworfen. Aber wenn man davon spricht, muss man den Kontext beachten. Man kennt ja übrigens die Ansichten der Kirche, und ich bin ein Sohn der Kirche. Aber man muss nicht endlos davon sprechen.

Schnell haben sich alle zu Wort gemeldet, die diversen Vertreter aus dem “liberalen Lager“. Alle dürfen sie nach Hause geschickt werden, denn eine Absage könnte nicht klarer formuliert sein: Die Kirche hat andere Sorgen, sie hat eben nicht nur die Wunden gesellschaftlich hochgespielter Betroffener, sondern die Wunden des GESAMTEN VOLKES (jedes einzelnen Menschen) zu heilen.

Konzil und Ritus

Das Zweite Vatikanum war eine neue Lektüre des Evangeliums im Licht der zeitgenössischen Kultur. Es hat eine Bewegung der Erneuerung ausgelöst, die aus dem Evangelium selbst kommt. Die Früchte waren enorm. Es reicht, an die Liturgie zu erinnern. Die Arbeit der Liturgiereform war ein Dienst am Volk, wie eine neue Lektüre des Evangeliums, ausgehend von einer konkreten historischen Situation. Ja, da gibt es Linien, die auf eine Hermeneutik der Kontinuität und eine der Diskontinuität hinweisen. Aber eines ist klar: Die Dynamik der aktualisierten Lektüre des Evangeliums von heute, die dem Konzil eigen ist, ist absolut unumkehrbar. Dann gibt’s da spezielle Fragen wie die Liturgie nach dem Alten Ritus. Ich denke, dass die Entscheidung von Papst Benedikt weise gewesen ist. Sie war verbunden mit der Hilfe von einigen Personen, die diese besondere Sensibilität haben. Ich finde aber das Risiko einer Ideologisierung des ‚Ordo Vetus‘, seine Instrumentalisierung, sehr gefährlich.

Verhalten sind die Reaktionen auf diesen Passus des Interviews. Im Grunde gibt es auch nicht viel zu sagen:  Der Alte Ritus ist als eine mögliche Liturgieform akzeptiert, aber Misstrauen ist dann geboten, wenn diese Form der Liturgie über die Maßen betont und propagiert wird.

Kunst und Kreativität

Unter den Malern bewundere ich Caravaggio. Seine Bilder sprechen zu mir. Aber auch Chagall mit seiner weißen Kreuzigung … Bei der Musik liebe ich Mozart – natürlich. Das ‚Et Incarnatus est‘ aus der Messe in c-moll ist unübertrefflich: Es trägt Dich zu Gott. Ich liebe Mozart, gespielt von Clara Haskil. Mozart erfüllt mich. Ich kann nicht an ihn denken, muss ihn hören. Es gefällt mir, Beethoven zu hören, er ist prometheisch. Der am meisten an Prometheus herankommt, ist Furtwängler. Und dann die Passionen von Bach. Das Stück von Bach, das ich so liebe, ist das ‚Erbarme Dich‘, das Weinen Petri in der Matthäus-Passion. Es ist so sublim! Auf einer anderen Ebene liebe ich dann – nicht auf die gleiche innerliche Weise – Wagner. Es gefällt mir, ihn zu hören, aber nicht immer. Der ‚Ring‘ von Furtwängler in der Scala im Jahr 1950 ist das Beste. Aber auch ‚Parsifal‘ von Knappertsbusch aus dem Jahr 1962.

Was hier auffällt, ist die Kunst der Unterscheidung. Hier ist nicht die Rede davon, dass Mozart mehr oder weniger gefällt als Wagner. Vielmehr trifft Franziskus klare Unterscheidungen: Mozart und Bach tragen ihn zu Gott, Wagner berührt ihn dagegen „nicht auf die gleiche innerliche Weise“. (Wer von Wagner in den Himmel getragen wird, ist selbstverständlich nicht zu verurteilen (jedenfalls nicht sehr ;-). Es ist also die Qualität der Unterscheidung, die aufhorchen lässt: Für Franziskus – und viele andere gläubige Menschen – entscheidet die Qualität des innerlichen Berührtseins, und damit der seelischen Entwicklung.

Grenzen und Kulturen

Wenn ich besonders auf den Grenzen insistiere, dann beziehe ich mich auf die Notwendigkeit, dass der Mensch, der im Bereich der Kultur arbeitet, eingegliedert ist in einen Kontext, in dem er lebt und denkt. Es besteht immer die Gefahr, dass man in die Falle gerät, sich in einer Versuchsstation zu wähnen. Unser Glaube ist aber kein Experimentierfeld-Glaube, sondern ein Glaube unterwegs, ein geschichtlicher Glaube. Gott hat sich als Geschichte geoffenbart, nicht als ein Kompendium von abstrakten Wahrheiten. Ich habe Angst vor Versuchsstationen; denn in ihnen packt man die Probleme an und trägt sie nach Hause, um sie dort zu domestizieren, zu lackieren – außerhalb ihres Kontextes. Man darf Grenzen nicht nach Hause tragen, sondern muss an der Grenze leben und mutig sein.

Papst Franziskus lebt es vor. Einerseits steht er ganz in der Tradition einer langen Reihe von Päpsten, wozu auch das Verfassen einer oder mehrerer Enzykliken gehört: „Das Licht des Glaubens: Mit diesem Ausdruck hat die Tradition der Kirche das große Geschenk bezeichnet, das Jesus gebracht hat, der im Johannesevangelium über sich selber sagt: »Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt« (Joh 12,46)“ – ist die Einleitung von Franziskus‘ Enzyklika Lumen Fidei. Andererseits versucht er Grenzen auszuloten und lässt uns in sehr persönlichen Worten an seinen Gedanken, Erlebnissen und Haltungen teilhaben – dafür können wir ihm gar nicht genug danken.

Mensch und Entwicklung

Ich denke über das Faktum nach, dass der Mensch sich heute anders interpretiert als früher, mit anderen Kategorien. Und dies auch aufgrund von großen Änderungen in der Gesellschaft und aufgrund eines erweiterten Wissens über sich selbst.  „Auch das Dogma der christlichen Religion muss diesen Gesetzen folgen. Es schreitet voran, festigt sich mit den Jahren, entwickelt sich mit der Zeit und vertieft sich mit dem Alter“ (Vinzenz von Lérins)… Also: Das Verständnis des Menschen ändert sich mit der Zeit und so vertieft sich auch das Gewissen des Menschen. Wir denken daran, dass Sklaverei oder die Todesstrafe fraglos akzeptiert waren. Man wächst im Verständnis der Wahrheit. Die Exegeten und die Theologen helfen der Kirche, im eigenen Urteil zu wachsen. Auch die anderen Wissenschaften und ihre Entwicklung helfen der Kirche bei diesem Wachstum des Verständnisses. Es gibt zweitrangige kirchliche Normen und Vorschriften, die früher einmal effizient waren, die aber jetzt ihren Wert und ihre Bedeutung verloren haben. Die Sicht der Kirche als Monolith, der ohne jeden Abstrich verteidigt werden muss, ist ein Irrtum… Beim Nachdenken über den Menschen muss die Kirche die Genialität suchen und nicht die Dekadenz. Wann also ist ein Denkausdruck nicht gültig? Wenn ein Gedanke das Humanum aus den Augen verliert oder wenn er das Humanum gar fürchtet oder wenn er sich über sich selbst täuschen lässt. Das in die Irre geführte Denken kann als Odysseus vor dem Gesang der Sirenen dargestellt werden oder als Tannhäuser, der umgeben ist von Satyrn und Bacchanten oder als Parsifal im zweiten Akt der Wagneroper am Hof von Klingsor. Das Denken der Kirche muss wieder Genialität gewinnen und muss immer besser begreifen, wie der Mensch sich heute versteht, um so ihre eigene Lehre besser zu entwickeln und zu vertiefen.

Diese Passage ist eine der wenigen, der nichts Unmittelbares zu entnehmen ist; und doch ist es bemerkenswert und tröstlich, dass hier kein Kirchenführer auftritt, der Letztgültiges aufschreiben und „festhalten“ möchte, sondern einer, der sich deutlich dazu bekennt, anthropologische Entwicklungen zu erkennen, die mit dem Geist des Evangeliums zu beleben sind.

Gott in allem suchen und finden

Es gibt de facto die Versuchung, Gott in der Vergangenheit zu suchen oder in den Zukunftsmöglichkeiten. Gott ist sicher in der Vergangenheit, denn man findet ihn in den Abdrücken, die er hinterlassen hat. Er ist auch in der Zukunft, als Versprechen. Aber der – sagen wir – ,konkrete Gott‘ ist heute. Daher hilft das Jammern nie, nie, um Gott zu finden. Die Klage darüber, wie barbarisch die Welt heute sei, will manchmal nur verstecken, dass man in der Kirche den Wunsch nach einer rein bewahrenden Ordnung, nach Verteidigung hat. Nein – Gott kommt im Heute entgegen.

Suchen wir Gott, der uns im Heute entgegenkommt – und beten wir für Papst Franziskus, dessen wahrhaftiges Auftreten mit Risiko und Gefahren einhergeht (es gibt Gerüchte persönlicher Bedrohungen). Er möge uns weiterhin seine lockere und zugleich standhafte Lebensart zeigen, die die Herzen der Menschen immer weiter im Sinne Jesus Christi öffne. Lang lebe der Papst – Gott segne ihn!

***

Ein Gedanke zu “Papst Franziskus – ein „revolutionäres“ Interview?

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s