Bruder Klaus von Flüe – ein Leben der Entweltlichung

wpa kirche und heiligeKaum ein Heiliger ist dem Rat Jesu so spektakulär gefolgt wie der heilige Bruder Klaus von Flüe. Sein Lebensweg widerspricht allen weltlichen Maßstäben und aller Vernünftigkeit, sprengt jede bürgerliche Normalität, und gerade das macht sein Leben so spannend. Aus der geschäftigen Welt in die heilige Ehelosigkeit: so lässt sich der Weg von Bruder Klaus im Telegrammstil beschreiben. Ein Verzicht auf Sexualität gilt, auch wenn die Häufigkeit von Sexualkontakten über die letzten Jahrzehnte tendenziell abgenommen hat, nach wie vor als höchst merkwürdig. Gerade das macht diesen evangelischen Rat für viele – auch für gar nicht kirchliche – Menschen wieder interessant.

Ehelosigkeit bedeutete freilich in der Botschaft Jesu nicht bloß Verzicht auf gelebte Sexualität, sondern vor allem die Forderung an seine Jünger, in gewisser Weise „die Welt“ zu verlassen, „Häuser oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker“ (MT 19,29), also all das, was uns menschliches Wohlwollen und Geborgenheit schenkt. Sich von all dem trennen, Entweltlichung um des Himmelreiches willen? Auch der Schluss des zitierten Evangeliums: „Wer es fassen kann, der fasse es“, lässt noch einmal erkennen, dass eine solche Lebensweise bei den Zeitgenossen Jesu nicht gängig war.

Bruder Klaus von Flüe
ältestes Bild von Bruder Klaus (Museum Sachseln)

Nikolaus von Flüe wurde am 21. März 2014 17 in Flüeli bei Sachseln im Schweizer Kanton Obwalden geboren. Seine Eltern waren wohlhabende, regsame Bauerleute. Schon in seiner Kindheit gab es bei ihm Anzeichen einer besonderen Neigung, sich in die Stille zurückzuziehen. Ein Zeitzeuge berichtet:

Damals, als er noch ein ganz junger Knabe war, fing er an und fastete alle Freitage, hernach alle Wochen vier Tage und die ganze Fastenzeit hindurch, so dass er nichts aß, als täglich ein kleines Stücklein Brot oder ein wenig dürre Birnen. Und das tat er heimlich, um nicht damit zu prahlen. Und wenn er deshalb befragt oder von etlichen, die glaubten, er möchte es nicht leiden, getadelt wurde, so sprach er immer, Gott wolle es so haben. Und nach Möglichkeit zog er sich von der Welt zurück und verachtete alle zeitliche Ehre.

Als Heranwachsender machte er eine mystische Erfahrung, die ihn offenbar tief ergriff; „Schauung“ nannte man das damals. Seinem Jugendfreund Erni hat er später von dieser „Turmvision“ erzählt. Als er 16 Jahre alt gewesen sei, habe er einen hohen, prächtigen Turm in der „Ranft“, einem nahen Tal, gesehen. Deshalb sei er von Jugend auf stets Willens gewesen, die Einsamkeit zu suchen.

Doch lang war sein Weg heraus aus der Welt, aus Alltag und Öffentlichkeit. Zunächst hatte er seine Bürgerpflichten zu erfüllen. In Obwalden wurden Soldaten gebraucht, und Nikolaus musste in den verschiedenen Kriegen gegen Zürich und den Thurgau mitkämpfen (1440 bis 1460). Er verhehlte nicht, dass das Morden und Sengen ihn anwiderte. Zeugen hielten fest, dass er kaum eingriff, sich beiseite schlich und betete sowie die Feinde schützte, so gut er konnte.

Schließlich heiratete er Dorothee Wyss – eine hübsche Frau, wie es heißt. Er hat den Schritt in die Ehe wohl kaum getan, um das Familienerbe zu bewahren. Vielmehr suchte er, der Dreißigjährige, nach der ehelichen Gemeinschaft. Seine vitale Natur zeigte sich nicht zuletzt darin, dass seine Frau ihm fünf Söhne und fünf Töchter schenkte.

Neben seiner Sorge um Haus und Hof übte er sich zunächst mit dem Vater in die Tätigkeit eines Richters ein und wurde in den Rat des kleinen Kantons Obwalden gewählt. Er hatte in den folgenden Jahren viele Streitigkeiten zu schlichten. Bei den Amtskollegen nahm er empörende Ungerechtigkeiten wahr, die er nicht verhindern konnte. Von einer Art Amtsekel erfasst, war er eines Tages nicht länger zur Mitarbeit zu bewegen, lehnte die ihm angetragene hohe Stellung des Landamtmanns ab und legte – wohl nach zwanzigjährigem Wirken – auch die Richterstelle nieder. Melancholie, depressive Veranlagung, oder Midlife-Crisis?

Offenbar war Größeres im Spiel – und das Turmerlebnis wirkte nach. Nikolaus zog es vor, allein zu sein, und erschien anderen als Eigenbrötler. Am ehesten gab ihm Gottes Nähe im Gebet den Trost, nachdem er sich sehnte. Sein Biograf Robert Durrer berichtet:

Gott wandte die reinigende Feile und den antreiben Sporn an, d.h. eine schwere Versuchung, so dass er weder Tags noch nachts duldete, dass ich ruhig war, sondern ich war so tief niedergedrückt, dass mir selbst die liebe Frau und die Gesellschaft der Kinder lästig ward.

Im qualvollen Umgang mit dieser seelischen Last öffnete sich für Nikolaus die große Sendung seines Lebens. Er erkannte sie sozusagen negativ. Er konnte die Dinge der Welt nicht in Gott lieben, sie schoben sich zwischen ihn und Gott. So reifte in ihm der Entschluss, die Dinge und Menschen, die „Welt“ zu fliehen.

Er brauchte viel Zeit und traf seine Wahl nur schweren Herzens. Und nicht zuletzt galt es, mit seiner Frau Dorothea im Einvernehmen zu bleiben. Sie stand vor der Geburt des zehnten Kindes. Eindringlich und fest widersprach sie, wie es verständlich ist. Sie kämpfte leidenschaftlich für den Fortbestand der Gemeinschaft, die preiszugeben sie nicht gewillt war. Als er sie immer wieder drängte, gab sie schließlich, widerstrebend und unter vergeblichem Flehen, ihre Zustimmung.

50 Jahre habe ich den Mitmenschen gedient und bin durch die Dinge des Lebens hindurchgegangen, der Rest meines Daseins soll allein dem Ewigen gehören.

Zehn Jahre nach seinem Weggang, 1475, formulierte Bruder Klaus, wir jetzt genannt wird:

Wir sollen Gott so sehr lieben, dass wir seinetwegen alle Sünden lassen. Wer die Sünde aufgibt, der entgeht dem Gericht. Das Zweite ist, allen irdischen Dingen abzusterben und einfach nur zu leben. Wer allezeit in sich selber stirbt, der hat darin einen neuen Anfang seines Lebens. Gott spricht: „Wer mich sieht, der stirbt sich selber und lebt für mich.“ Die Stätte Gottes und sein Zelt, das ist die liebende Seele.

Selbstverständlich ist die radikale Entweltlichung, für die sich Bruder Klaus entschied, keineswegs ein Lebensmodell für alle Christen. Die „Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen“ ist vom Herrn selbst nur als „Rat“, nie als Verpflichtung bezeichnet worden. Doch kann der Geist dieses Rates durchaus auch den Verheirateten lenken und trösten. Wenn sich die gefühlte Sehnsucht nach dem Du nicht voll erfüllt, wenn sich die erhoffte Harmonie nicht einstellt, wenn jemand leidet unter dem, was der Völkerapostel als „Geteiltsein“ bezeichnet, dann kann sich auch der schmerzhaft empfundene Verzicht zur größeren Gottesgemeinschaft öffnen – wie bei Bruder Klaus: ohne Schaden für das Du, in wachsender Auslieferung an Gott, der die Liebe ist. Insofern kann es Entweltlichung in jedem christlichen Stand geben.

Um alles zu verlassen, lenkte Bruder Klaus seine Schritte ins Elsass. Es wird vermutet, dass er da einen neuen Aufbruch geistlichen Lebens – nach dem Aufleben einer christlichen Reformbewegung im Elsass – vorzufinden hoffte. Doch abermals stürzte er in eine Krise und vertraute einem Bauern an, dass er wieder heimgehen wolle. Am selben Abend wurde ihm wieder eine Schauung zuteil, die ihn für seine Rückkehr bestärkte.

Die Quellen berichten, dass er nachts zuhause eintraf, im Kuhstall nächtigte und sich am Morgen davonschlich, noch bevor die Söhne zum Melken auftauchten. Ohne mit den Seinen zusammenzutreffen, suchte er eine der benachbarten Alpengegenden auf. Bald zwang ihn der Winter, talwärts zu gehen. Er wählte den „Ranfttobel“ zu seiner Bleibe, nicht mehr als 1000 m von seinem Hof entfernt. Dort schuf er sich zunächst notdürftigen Schutz gegen Schnee und Wetter.

Kapelle Ranft
Obere Ranftkapelle mit angebauter Klause

Dann ließ die Heimatsgemeinde ihm eine kleine Kapelle und ein Holzhäuschen bauen. Hier vollzog sich künftig sein Leben in aller Abgeschiedenheit. Nur sonntags verließ er zum Besuch der heiligen Messe in Sachseln seine kärgliche Zelle.

Nicht er ging also zu den Menschen, sondern Sie kamen bald zu ihm. Humanisten, Bürgersöhne, kirchliche Würdenträger, Gesandte von Städten und Fürsten suchten ihn auf. Viele stiegen ihm recht indiskret nach, denn das Gerede von seinem ununterbrochenen strengen Fasten hatte sie neugierig gemacht.

Nach alten Zeugnissen war der Zulauf der Besucher sehr groß. Solange sie ihn nicht behelligten, verweilte er bei Gott. Das bewegende Gebet, das er uns hinterlassen hat, sagt alles über die Radikalität und Tiefe seiner weltentsagenden Frömmigkeit; es wurde erstmals um 1500 aufgeschrieben:

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir,
was mich hindert zu Dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir,
was mich fördert zu Dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen Dir.
Amen.

Zunehmend wurde er in politischen Angelegenheiten um Rat gefragt – war er doch selbst als Ratsherr und Richter oft genug mit weltlichen Dingen befasst gewesen. Die Regierungen von Bern, von Luzern, von Solothurn, von Konstanz, ja sogar die Herzöge von Österreich und Mailand erbaten von ihm Lösungen in ihren Schwierigkeiten; die präzisen historischen Dokumente lassen daran keinen Zweifel. Er musste sich schließlich sogar ein eigenes Siegel zulegen, damit seine schriftlichen Antworten als authentisch angenommen wurden.

Frieden zu schaffen und zu bewahren – dazu hatte Gott offenbar den Einsiedler Bruder Klaus berufen. „Er lobte sehr den Gehorsam und den Frieden, welchen Frieden zu halten er die Eidgenossen immer ermahnte und auch alle, die zu ihm kommen“, heißt es in Robert Durrers Biografie.

Veranlagung und Erfahrung, mehr noch: Freiheit von aller Anhänglichkeit an die „Welt“ und die Bereitschaft zur totalen Überantwortung an Gott haben Bruder Klaus zum unbezwingbaren Friedensboten gemacht. Die Schweizer Volksfrömmigkeit glaubt, dass er es war, der die Schweizer in all den Jahrhunderten vor Krieg bewahrt hat. Sein Verzicht auf alle Weltlichkeit brachte ihm im Tausch die Gabe eines kostbaren Gutes, das wir besonders dann hoch schätzen, wenn wir es entbehren. Menschen wie ihm hatte Jesus in der Bergpredigt zugerufen: „Selig, die Frieden stiften“, um solchen dann einen allerhöchsten Ehrentitel zu geben; „Denn sie werden Söhne Gottes genannt werden“ (MT 5,9).

Was sagt uns das Beispiel von Bruder Klaus für unser weltliches Leben? Wer das Wort Gottes hört, ist verpflichtet zu ernsthaftem weltlichen, womöglich auch politischem Engagement für Versöhnung und Ausgleich unter den Menschen. Im Licht des Glaubens öffnen sich friedliche Gesinnung und Friedfertigkeit aber darüber hinaus auf Gott selbst hin. Er ist es, der umfassenden Frieden gewährt. Und wer seinen Frieden unter die Menschen bringt, wird auch selbst zum Spiegel der himmlischen Gnade.

Der Text ist eine Zusammenfassung des Blogbetreibers aus dem Buch
“Benedikts Vermächtnis und Franziskus’ Auftrag –
ENTWELTLICHUNG – eine Streitschrift”, Herder 2013

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2 Gedanken zu “Bruder Klaus von Flüe – ein Leben der Entweltlichung

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