Die Mystik des Rosenkranzes (1)

BETENIm Tagesgebet der Messe des 7. Oktobers, des Rosenkranzfestes, heißt es sinngemäß: „Alle Geheimnisse unseres Heiles sind im Rosenkranz zu finden.“ So können wir im freudenreichen Rosenkranz die Geheimnisse der Geburt und des Anfangs Christi betrachten, im schmerzreichen Rosenkranz die Geheimnisse des Leidens und Sterbens Christi, im glorreichen Rosenkranz die Geheimnisse der Auferstehung Christi und Verherrlichung Mariens.

Im „Jahr des Rosenkranzes“ (2002/2003) hat Papst Johannes Paul II. den drei bisherigen Rosenkranzgeheimnissen einen vierten hinzugefügt, den „lichtreichen“ Rosenkranz. In ihm geht es um die zentralen Geheimnisse des irdischen Wirkens Jesu: 1. Jesus, der von Johannes getauft worden ist; 2. Jesus, der sich bei der Hochzeit in Kana offenbart hat; 3. Jesus, der uns das Reich Gottes verkündet hat; 4. Jesus, der auf dem Berg verklärt worden ist, und 5. Jesus, der uns die Eucharistie geschenkt hat.

Durch die Hinzufügung eines vierten Rosenkranzes wird noch deutlicher, was schon Papst Paul VI. ausgesprochen hat: „Der Rosenkranz ist ein Abriss des Evangeliums Christi.“ Alles was für das Heil der Welt und somit auch für unser persönliches Heil wichtig ist, ist in den Rosenkranzgeheimnissen enthalten. Der Rosenkranz ist eine Kurzfassung des Evangeliums, eine Zusammenfassung der Bibel.

Wenn ich den Rosenkranz bete, dann kaue ich ja das Wort Gottes wieder, ich halte „meditatio“, indem ich die Heilsgeheimnisse durch die beständigen Wiederholungen in die Mitte meines Ichs aufnehme. Das Rosenkranzbeten ist das meditative „Essen der Geheimnisse Gottes“. Unsere Mönchsväter haben das Rezitieren und Memorieren von Bibelworten „ruminatio“ genannt, „Wiederkäuen“. Genau das geschieht beim Rosenkranz: ich kaue wieder, was Jesus zu meinem Heil getan hat.

Rosenkranz beten - Johannes Paul II

Romano Guardini sagt: „Der Rosenkranz bedeutet das Verweilen in der Lebenssphäre Mariens, deren Inhalt Jesus Christus ist. Immer neu wird ein Übergang geschaffen vom mündlichen zum betrachtenden Gebet, vom vorsätzlichen zum geschenkten Gebet, in dessen Reichtümer wir einfach hinein genommen werden.“

Einerseits ist das Wort Gottes beim Beten des Rosenkranzes in meinem Munde, andererseits gelangt es in meine Seele und wird dadurch zu einem betrachtenden Gebet. Das Wort „betrachten“ kommt von Tracht und leitet sich von tragen ab. Mit anderen Worten: ich trage die Worte in mir, oder in den Worten des Evangeliums: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (LK 2,19).

Daher ist der Rosenkranz nicht so sehr ein Gebet der Lippen, sondern ein Gebet des Herzens. Er ist betrachtendes Gebet. Dazu kommt, dass er nicht so sehr aus meiner Leistung, meinem Vorsatz heraus gelingt, sondern aus der Gnade Gottes. Wir spüren das ja: wenn wir den Rosenkranz zur Hand nehmen, müssen wir uns vielleicht zuerst überwinden. Dann aber, wenn sich Wort an Wort und Gedanke an Gedanke fügt, verfliegt die Zeit; ja mehr noch: Gnade fließt in mich hinein. In der Betrachtung wird das Heil Gottes zu meiner Tracht, gleichsam ins Herz getragen und verinnerlicht.

Maria hat sich nicht gescheut, ihr Ja-Wort zu geben. Sie hat stellvertretend für die gesamte Menschheit „Ja“ gesagt. Und unter dem Kreuz hat sie dann wieder uns alle vertreten, als sie nochmals „Ja“ gesagt hat zur Hingabe ihres Sohnes. Für eine Mutter ist es unendlich schwer, „Ja“ zu sagen, wenn der eigene Sohn am Kreuze stirbt. Doch Maria hat die Lebenshingabe ihres Sohnes Jesus Christus am Kreuz für das Heil der Menschheit bejaht.

Sie hat, wie das 2. vatikanische Konzil in einer wundervollen Passage sagt, liebevoll dem Kreuzesopfer ihres göttlichen Sohnes zugestimmt: „Ihre Vereinigung mit dem Sohn hielt sie in Treue bis zum Kreuz, wo sie nicht ohne göttliche Absicht stand (vergleiche JOH 19,25), heftig mit ihrem Eingeborenen litt und sich mit seinem Opfer in mütterlichem Geist verband, indem sie der Darbringung des Schlachtopfers, das sie geboren hatte, liebevoll zustimmte“ (Lumen gentium 58).

Das ist die Ganzhingabe der Gottesmutter Maria, des Menschen Maria von Nazaret. Wir haben – in der Nachfolge des fleischgewordenen Sohnes Gottes – die Möglichkeit, der Mutter Gottes für ihr Ja-Wort zu danken. Mehr noch: wir können uns von Maria in ihre Hingabe an Gott mit hineinnehmen lassen. Das hat Karol Wojtyla gemacht, als er damals in der Sodafabrik in der Nähe von Krakau arbeitete, später als er Priester und dann Bischof wurde: Er hat sich an den Wallfahrtsort Kalwaria Zebrzydowska in Polen zurückgezogen. In der Nähe seiner Heimat Wadowice hat er zum ersten Mal die Ganzhingabe an Maria, in der Weihe an die Ewige Weisheit Jesus Christus durch die Hände Marias, vollzogen – in Gebeten nach Ludwig Maria Grignion von Montfort. Als Wahlspruch wählte er schon als junger Weihbischof eine Kurzformel der Marienweihe: „Totus tuus! Ganz der Deine!“.

Auf seiner letzten Reise in seine Heimat Polen wandte sich Johannes Paul II. am 16. Oktober 2002, zugleich der 24. Jahrestag seiner Wahl zum Papst, mit folgenden Worten an die Gottesmutter: „Heiligste Mutter, erwirke auch für mich die Kraft des Leibes und des Geistes, damit ich meine Sendung, die mir aufgegeben wurde bis zum Ende erfüllen kann. Dir übergebe ich alle Früchte meines Lebens und meines Dienstes; dir vertraue ich das Los der Kirche an; auf dich vertraue ich und noch einmal bekräftige ich dir gegenüber: Totos tuus, Maria! Ich bin ganz Dein, Maria! Totos tuus. Amen!“

Warum ist es so wichtig, sich durch die Hände Mariens Gott zu schenken? Die Antwort liegt in uns: weil unsere menschlichen Handlungen immer unvollkommen sind. Der große Marienverehrer und Mönch Pater Bernhard Vošicky OCist schreibt: „Ich bin nun schon seit vielen Jahren Mönch und strebe nach Heiligkeit. Doch je länger man im Kloster ist, umso mehr merkt man, dass alles was man tut, sehr unvollkommen ist. Nur Bruchstücke bleiben in unseren Händen: die Scherben der guten Vorsätze und die Scherben des Zu-wenig! Jeder von uns muss das traurig erkennen: ich habe zu wenig geliebt, zu wenig gehofft, zu wenig vertraut, zu wenig geglaubt! Mit dem Scherbenhaufen und Fragmenten unserer guten Vorsätze, mit diesem Stückwerk, wie der heilige Paulus es nennt (1KOR 13,9-10), dürfen wir kindlich zu Maria kommen und ihr alles übergeben. Sie ergänzt es in ihrer mütterlichen Liebe, macht es vollkommen und bringt es schließlich ihrem Sohne dar. Gott hat Maria erwählt, um durch sie sein Heil in unsere Welt zu tragen. Was gibt es da Klügeres, als eben diesen Weg über Maria zu Gott zu wählen.“

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>>> Die Mystik des Rosenkranzes (gesamter Beitrag)

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Quelle: Zusammenfassung des Kapitels „Mystik des Rosenkranzes“ aus
SCHAU AUF DEN HERRN“ von Pater Bernhard Vošicky OCist, Be & Be-Verlag 2010)

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