Albert Camus – Christentum, Nihilismus, Wahrheit

Albert Camus notierte im letzten Band seiner Tagebücher: „Das Wort Atheismus hat keinen Sinn für mich. Bei mir ist es so: Ich glaube zwar nicht an Gott, ich bin aber auch kein Atheist“. Streitbar, aber sachlich hat er sich seit seiner Diplomarbeit über Augustinus lebenslang mit dem Christentum auseinandergesetzt. Wieviel von diesen christlichen Wurzeln ist geblieben?

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Albert Camus

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Lesen wir zunächst, was Kardinal Gianfranco Ravasi mit Albert Camus verbindet (im Gespräch mit Radio Vatikan):

„Ich muss sagen, dass ich eine persönliche Beziehung zu Camus habe, denn in einem meiner aufwändigsten Werke zur Exegese, meinem Kommentar zu Hiob, gibt es ein Kapitel, das sich gerade der ,Pest‘ von Camus widmet. In diesem Roman des französischen Agnostikers gibt es eine schwierige Debatte über das Verhältnis von Gott und dem Bösen. Es scheint, als würde sich mit dem ,Vorhof der Völker‘ hier etwas wiederholen, was in Camus‘ Roman geschildert wird: Nämlich der dialektische Schlagabtausch zwischen der Romanfigur Dr. Rieux, der ein atheistischer Arzt ist, und dem Jesuitenpater Paleoux. Der Arzt ist schockiert und verwirrt, weil ein Kind an der Pest stirbt. Der Jesuitenpater versucht hingegen, die transzendenten Gründe zu sehen, die dieses Ereignis rechtfertigen können.“

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Albert Camus

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CHRISTLICHE SOZIALISATION

Das Aufwachsen von Albert Camus fand zwar unter christlichem Einfluss statt und sein Denken arbeitete sich an Fragestellungen ab, die im christlichen Kontext entstanden sind. Aber er hat sich letztlich gegen das Christentum – genauer gesagt gegen jede Form von Glaube und Religion –  entschieden. Für Christen wie Nicht-Christen ist es nicht unwesentlich, diese Gründe zu kennen.

Wenn es eine Sünde gegen das Leben gibt, so besteht diese Sünde darin, auf ein anderes, jenseitiges Leben zu hoffen und sich der unerbittlichen Größe dieses jetzigen Lebens zu entziehen. Ich behaupte, dass ich am Glück der Engel im Himmel keinen Geschmack finde.

Beim Stichwort „Geschmack“ muss ich an Exegesen denken, die ich im Stift Heiligenkreuz zu Texten von Bernhard von Clairvaux hören durfte. Wenn man nur weit genug zurück geht, dann findet man die großen Lehrmeister, die „Geschmack“ am Glauben und an der Heiligen Schrift gefunden haben. Der Hl.Bernhard sagt: „Das Gebet ist ein Vorgeschmack auf den Himmel, es entströmt dem Paradies. Es hinterlässt in uns immer Sanftmut. Es ist Honig, der in Tropfen auf die Seele fällt und alles leichter macht“. Überhaupt spricht die zisterziensische Spiritualität vom Schmecken, Riechen und Hören, also vom sinnlichen Erfassen der Worte Gottes… Offenbar war es Camus nicht bestimmt, diesen Geschmack für die geistige Welt in der Nachfolge Jesu Christi zu entwickeln.

EIN LEBEN IM JETZT

Das Leben in den anonymen Großstädten kann Camus nur mit seiner eigenen humanistischen Spiritualität ertragen. Sie folgt keiner speziellen Tradition, aber einer festen Überzeugung: Niemand sollte sich einreden lassen, das wahre menschliche Leben beginne erst in ferner Zukunft, etwa in der klassenlosen Gesellschaft oder – religiös gedacht – im Himmel. Wer heute leidet, will trotz allem jetzt sinnvoll leben.

Der einzelne Mensch erlebt, dass er sinnvoll leben will, das gehört zu seinem Wesen. Gleichzeitig aber erleben wir, wie unsere Versuche, dem Leben Sinn zu geben, auch wieder scheitern und uns in Verderben ziehen können.

Diese Doppelbödigkeit des Lebens ist für Camus bestimmend: Es gibt auf dieser Welt nie das vollständig Gute, es gibt nur die Mischung aus Ja und Nein, aus Glück und dem „Absurden“.

Hier ist ein gravierender Unterschied zum Atheismus, der ja als einzigen (!) Inhalt (!) die Ablehnung des Gottesglaubens aufzuweisen hat, festzustellen: Camus ergeht sich nicht in einer primitiven Ablehnung der Kategorien „des Guten“ und „des Bösen“, sondern bei ihm werden diese Kategorien auf sehr intelligente Weise durch die Parameter „des Glücks“ und „des Absurden“ ersetzt. Das führt dazu, dass sich der Lebensinhalt eines Atheisten im ermüdenden und sinnlosen Kampf gegen den Glauben an Gott erschöpft, während sich der im philosophischen Sinne „griechisch-moderne Camus“ in einem sinnerfüllten irdischen Leben bewegen kann.

DAS ABSURDE

Im 20. Jahrhundert brachte absurdes Theater die Sinnlosigkeit, unsinnige Handlungen, sinnlose Ereignisse, dem gesunden Menschenverstand Widersprechendes, auch auf die Bühne. Und das Absurde ist ein zentraler Punkt in der Philosophie von Albert Camus.

In diesem Widerstand [des Sisyphus] zeigt sich eine stille Freude. Alles ist gut. Man muss sich Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen. Das Absurde hat nur Sinn in dem Maße, indem man ihm gerade nicht zustimmt.

Nach Camus schließt die Erfahrung von Absurdität und Sinnlosigkeit menschliche Entwicklung und Reifung gerade nicht aus. Er sieht darin die Erkenntnis eines Menschen, dass Leid und Elend in der Welt keinen Sinn haben, genauer: Dass jede Sinngebung bedeutet, vor dem Leid in der Welt die Augen zu verschließen.

An dieser Stelle zeigt sich ein klarer Gegensatz zum christlichen Glauben, weil weder Jesus noch seine heiligen Nachfolger Auge und Herz gegenüber leidenden Menschen verschließen; was wäre das neue Testament ohne die zahlreichen Heilungen durch Jesus und seine Jünger? Gerade hier geschieht Sinngebung in zweifacher Hinsicht: Leiden ist nicht ein endloser Zustand, sondern kann durch göttliches Wirken (Gnade) jeder Zeit in diesem (oder im jenseitigen) Leben beendet werden. Und zum zweiten bietet das menschliche Leiden eine große Chance, denn in der schmerzreichen Vereinigung mit unserem Erlöser Christus Jesus errichten wir gerade jenes Reich, das wir – gemäß unserem Glauben und Hoffen – schließlich als erlöst erfahren werden.

GEIST

Der Mensch kann immer seine schöpferische Kraft entwickeln und für sein eigenes Leben sinnvolle Horizonte erschließen. Diese Fähigkeit des Geistes befreit aus existentieller Bedrängnis. Camus hat dafür eine Art Formel:

Schöpferisch sein, bedeutet zweimal zu leben.

Denn es gibt neben dem unmittelbaren, alltäglichen Leben noch das reflektierte, das geistige Leben. Und das ist größer als alle Aussichtslosigkeit oder all das Gebundensein an schlimme Umstände. Deswegen kommt für Camus, so sehr er selbst im Laufe seines Lebens mit der Versuchung des Selbstmordes zu kämpfen hat, der Suizid nicht in Betracht. Hand an sich zu legen, lehnt er grundsätzlich ab: Denn das würde bedeuten, sich dem Absurden zu unterwerfen.

Es ist meine schwere Bestimmung, auf heidnischem Boden in einer christlichen Epoche geboren zu sein. In diesem Sinne fühle ich mich den Werten der antiken, griechischen Welt näher als dem Christentum. Griechenland ist für mich nur noch ein langer strahlender Tag und auch eine von Blüten bedeckte Insel, die unablässig auf einem Meer des Lichts dahin treibt. Dieses Licht gilt es festzuhalten.

Für Camus ist der Geist eine lebensbestimmende Kraft mit schöpferischer Dimension, doch auch an diesem Schnittpunkt mit dem christlichen Denken folgt der Autor einem Weg, der das Transzendente (jedenfalls im Sinn eines christlichen, muslimischen oder jüdischen Gottes) ablehnt.

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Albert Camus

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ERLÖSUNG

Die Sonne schenkt zwar Leben; sie kann es aber auch mit ihrer unbezähmbaren Kraft vernichten. Nur mit Klugheit und Maß kann sich der Mensch der Natur aussetzen. Dann aber wird er reich beschenkt, gelegentlich sogar in Großstädten; in dem von ihm als abweisend und hässlich erlebten Prag wurde Camus eine besondere Erfahrung geschenkt:

In einem Barockkloster am Rande der Stadt, ließen die Lieblichkeiten des Augenblicks, der gemächliche, helle Ton der Glocken, die vom Turm auffliegenden Tauben und auch ein Duft von Kräutern ein tränenerfülltes Schweigen in mir entstehen. Es brachte mich der Erlösung auf Haaresbreite nahe.

Es hat schon fast die Spannung eines Krimis, wenn man bei Camus nachverfolgt, wie nahe er dem christlichen Weg immer wieder gekommen ist. Warum hat die göttliche Liebe gerade in diesem bestimmtem Moment in Prag ihre Wirkung nicht entfaltet? So absurd es klingt: Es ist genau die Freiheit, die Camus sich wünscht – und die Gott gewährt: Zum Glauben wird keiner verführt, gestoßen oder gezwungen.

GEGEN DEN NIHILISMUS

Der Mensch muss rebellieren, einfach nur, weil er Mensch ist, das gehört zu seinem Wesen! Dabei ist die Rebellion oder die Revolte grundlegend verschieden von der Revolution. Diese lässt sich von brutaler Macht und tötender Gewalt leiten. Auch in der westlichen Welt, mit ihrer Lust am unbegrenzten Konsumieren und Vernichten der natürlichen Ressourcen, sieht Camus nichts als zerstörerischen Nihilismus, es ist die Ideologie: Alles auf dieser Erde ist letztlich wertlos und deswegen zu verbrauchen.

Nur der Rebell, also der „Mensch in der Revolte“, kann dem herrschenden Nihilismus Einhalt gebieten: Camus findet Bündnispartner, denn es gilt, eine breite Bewegung der Solidarität aufzubauen, beispielsweise mit kritischen Gewerkschaften.

Selbst wenn die Welt nach Camus’schem Denken nichts anders als ein glücklicher oder auch absurder Zufall sein sollte, zeigt sich hier die positive Qualität seines Denkens: Die Erde ist nicht dazu da, zerstört zu werden, im Gegenteil, ihre Schönheiten, ihre „Sonnenseiten“ sind zu erhalten.

GEMEINSCHAFT

Camus erlebt und sieht, wie sich rebellische Menschen unterstützen, wenn sie ein gemeinsames, humanes Projekt haben. Der Autor formuliert diese Einsicht in einer weithin bekannten Formel:

Ich empöre mich. Also sind wir!

Ein denkwürdiges und anspruchsvolles Wort – denn wenn das Leben wesentlich Protest ist gegen Ungerechtigkeit und Rebellion gegen den Nihilismus, dann erlebt man Außergewöhnliches: Der einzelne weitet sich auf die anderen hin, es entstehen Verabredungen, es wächst Gemeinschaft.

In der Revolte zeigt sich eine Bejahung des Lebens; diese Zustimmung übersteigt den Einzelnen. Sie zieht ihn aus seiner Einsamkeit und gibt ihm einen Grund zum Handeln. Der Revoltierende kämpft für eine Unversehrtheit seines Wesens. In der Revolte übersteigt sich der Mensch.

Gemeinschaft ist – nach Liebe und Gottesfurcht – der wohl zentrale christliche Wert: Kirche als Gemeinschaft, Gemeinschaft der Heiligen, Gemeinschaft im mystischen Leib, Gemeinschaft in der Gemeinde, Gemeinschaft im Gebet. Auch wenn die Camus’sche Lebenshaltung nicht die religiösen Dimensionen der Gemeinschaft begreifen will, so sehen wir auch hier eine Möglichkeit eines gemeinsamen Engagements für mehr Gerechtigkeit.

WAS IST WAHRHEIT?

Wenn Camus immer wieder betont, nicht an den Gott der Christen und ihrer Kirchen zu glauben, so ist er alles andere als ein militanter Feind der Religionen. Er meint zwar, die Theologen wüssten ‚zu viel‘ von der göttlichen Wirklichkeit und dem Geheimnis des Lebens. Dennoch ist es für ihn wichtig, mit den Christen zu diskutieren. So folgte er gern einer Einladung der Dominikaner in Paris und erläuterte ihnen seine religionsphilosophische Haltung:

Ich möchte festhalten, dass ich mich nicht im Besitz irgendeiner absoluten Wahrheit fühle, aber auch niemals von dem Grundsatz ausgehen werde, die christliche Wahrheit sei eine Illusion. Vielmehr möchte ich Ihnen sagen, dass die Welt heute ein echtes Zwiegespräch nötig hat.

Albert Camus darf zu den Menschen gezählt werden, die sich tatsächlich auf die Suche nach Wahrheit gemacht haben. In der Ablehnung des Glaubens bewegt er sich zunächst auf einer Ebene mit Atheisten (Gottesglaube ist als Aberglaube abzulehnen!) und Agnostikern (die Gottesfrage kann letztlich nicht geklärt werden!), aber bei genauerer Betrachtung hat er diese beiden Grundpositionen deutlich hinter sich gelassen. Camus steht dem christlichen Glauben nicht einfach nur feindselig gegenüber, wie Atheisten dies mit großer Lust praktizieren. Und im Unterschied zu vielen Agnostikern bekennt sich Albert Camus erstens zu vielen sozialen Werten der Gemeinschaft, und zweitens zu einem ernsthaften Dialog mit den Kirchen. Während heute vorwiegend von Atheisten und Agnostikern gesprochen wird, stellen engagierte Menschen im Sinne der Camus’schen Lebenshaltung und -führung die eigentliche Herausforderung für gläubige Menschen dar: Es ist nun einmal schwer, Menschen, die ohnehin schon Gutes tun, davon überzeugen zu wollen, dass sie dafür auch noch Gott bräuchten, vor allem dann, wenn kirchliche Vertreter und Institutionen sich mehr oder weniger regelmäßig Fehltritte leisten.

GEMEINSAMER KAMPF FÜR DAS LEBEN

Camus ist überzeugt: Die Zeit ist gekommen, dass sich Ungläubige wie Gläubige vereinen in ihrer Rebellion gegen jegliche Verachtung menschlichen Lebens. Seine christlichen Freunde hat er mehrfach aufgefordert, über die eigenen Dogmen hinauszublicken zugunsten elementarer Lebenserfahrungen.

An dieser Stelle fragt man sich unwillkürlich, wie in nur wenigen Jahrzehnten diese solidarischen und lebensbejahenden gesellschaftlichen Ansätze völlig in den Hintergrund geraten konnten. 1957 erhielt Camus den Nobelpreis für Literatur und war auch für seine gesellschaftspolitischen Anschauungen weithin respektiert. Heute setzen sich in der Gesellschaftspolitik keine intelligenten (nachhaltigen) Ansätze durch, sondern ausschließlich die „Mein“- Philosophien: Mein Geld, mein Urlaub, mein Haus, mein Körper, meine Würde,…

Auch wenn Camus den oft so naheliegenden Schritt zum christlichen Glauben nicht vollzogen hat, so respektiere ich sein Engagement gegen den zerstörerischen Nihilismus, für einen schöpferischen Geist, und für eine nach Gerechtigkeit strebende Gemeinschaft. Gott schenke dir, Albert Camus, ewigen Frieden!

Quellen: Albert Camus „Hochzeit des Lichts“ Arche Verlag, Hamburg, Zürich, 2013;
Christian Modehn, Theologe und Journalist aus Berlin; www.religionsphilosophischer-salon.de

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Literaturtipp:

Michel Onfray
Übersetzung: Stephanie Singh
„Im Namen der Freiheit: Leben und Philosophie des Albert Camus“
Albrecht-Knaus-Verlag 2013
ISBN-13: 978-3813505337

Der französische Philosoph Michel Onfray ist von Camus‘ Denken fasziniert. Onfray sieht Camus als entschiedenen Gegner einer nordeuropäischen Mentalität. Und die bedeutet für ihn Aufschieben, Vertagen – und den Ruf nach einem Staat, nach einer Zentrale, die alles regelt. „Das ist ein Denken, das die Brutalität des Zentralismus vermeidet“, so Onfray. „Wenn es eine Zentralisierung gibt, dann gibt es eine Macht in wenigen Händen, eine zentrale Macht herrscht über die Mehrheit des Volkes. Camus suchte eine libertäre, freiheitliche Formel, das Verschwinden der Staatsnationen zum Vorteil von föderalen Bündnissen.“ Der Mensch des Südens will heute leben, der Mensch des Nordens verschiebt das Glück auf morgen, er will sich und sein Geld für die Rente aufsparen. Dagegen hilft der Gleichmut, die Sonne und die Besonnenheit des Südens.

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