Große Gebete in einfacher Sprache – Komm Schöpfer Geist

Vorweg eine Warnung an alle, die die alten Übersetzungen der großen, bekannten Gebete lieben: Augen weg von diesem Text. Die zum Teil mehrere hundert Jahre alten Übertragungen von Gebeten aus dem Lateinischen seien den Lesern unbenommen. Ich will auch anerkennen, dass die Sprachgewandtheit der Übersetzer und das zumeist strenge Maß der Silben einen oftmals poetischen Fluß der Verse erzeugt, der auf viele Menschen eine sehr anziehende Wirkung entfaltet. Doch frage ich mich: Geht es um das Rezitieren?

Ist das Rezitieren von wohlgesetzten Versen bereits Beten?

Für mich persönlich habe ich diese Frage mit Nein beantwortet. Jedenfalls dann, wenn ich im stillen Kämmerlein bete, und mich (z.B. im Rahmen der Vorbereitung auf eine Marienweihe) aufgefordert sehe, bestimmte – in Druckform vorgegebene – Gebete täglich zu verrichten.

Sicherlich, wenn die Intention eines Gebetes eine rein persönliche ist, gibt es immer die Freiheit der eigenen Worte. Was aber, wenn das Gebet als Anforderung mitgegeben wird und konkret vor mir liegt? In diesem Fall mache ich mir – um wirklich mit dem Herzen beten zu können – die Mühe, die „poetischen Wendungen“ in einfache Sprache zu übersetzen.

Hilft eine zeitgemäße Sprache beim Beten?

Nach meiner Gebetserfahrung ist es wichtig, das Einfache und Wesentliche zu suchen. Manche der großen Heiligen – mit denen ich mich sicher nicht messen möchte – sind zu einem Punkt gekommen, an dem sie nur mehr das stumme, das hörende Gebet gesucht haben. Zum einen ist sich der Beter vielfach bewusst, dass Gott seine Gedanken kennt, noch bevor sie in Worte gefasst werden. Zum anderen ist es wesentlich, was Gott dem Beter mitteilt, und nicht umgekehrt.

Eine einfache und zeitgemäße Sprache beim Beten ist mir immer hilfreich gewesen. Das kann auch daher kommen, dass ich nicht mit vielen Gebeten aufgewachsen bin; wer in guten katholischen Familien sozialisiert ist und gewisse Gebete von Kindheit an nie anders gehört hat, wird vermutlich weniger Verständnis für die vorliegenden Ausführungen haben.

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Theologen Parade - Silesius Bone Guardini
Theologe/Übersetzer A.Silesius (1624-1677), Theologe/Übersetzer H.Bone (1813-1893), Theologe/Übersetzer Romano Guardini (1885-1968)

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Neuevangelisation, aber in welcher Sprache?

Gehen wir einen Schritt weiter, weg vom Privatissimum des Blogbetreibers. Wie sieht es nun aus, wenn wir es mit Menschen zu tun haben, die zum ersten Mal, oder nach sehr langer Zeit wieder einmal mit unserem Glauben in Berührung kommen? In solchen Fällen der Neuevangelisation ist es zielführend, mit einfachen und verständlichen Formulierungen bzw. Texten anzusetzen, und nicht gerade mit blumenreichen Wendungen aus dem 18. Jahrhundert. Man denke an die Kraft der in einfacher Sprache gehaltenen Gebete aus Taizé, an charismatische Lieder mit eingängigen Strophen, und an kirchliche Initiativen wie YOUCAT, die allesamt eine zeitgemäße und einfache Sprache bemühen.

Hier auf ZEIT ZU BETEN fällt auf, dass der Suchbegriff „moderne Gebete“ schon über 5.000mal auf diesen Blog geführt hat, und noch dazu etwa jeder zehnte Suchbegriff mit dem Adjektiv „modern“ versehen wird! Moderne Mariengebete, moderne Gebete zum Heiligen Geist, moderne Kreuzweggebete, moderne Psalmen… so gibt es auf diesem Blog schon seit einigen Jahren eine eigene Abteilung „modern beten„. Apropos „moderne Psalmen“: Der große Theologe Romano Guardini hat es sich nicht nehmen lassen, die Psalmen neu zu übertragen, siehe sein Buch „Deutscher Psalter“.

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Hier also ein kleiner Versuch, ein großes Gebet
in eine einfachere „betende“ Sprache zu übertragen:

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Komm Schöpfer Geist

Komm Du Schöpfer Geist, auf uns herab,
in die Gedanken Deiner Kinder,
erfülle mit Gnade die Herzen,
die von Deiner Macht erschaffen sind.

Beistand wirst Du immer schon genannt,
Geschenk des allmächtigen Gottes,
Du Lebensquell, Feuer, Liebe, Licht
Du höchste Heiligung der Seele.

Du Gnade aller sieben Gaben,
Hand Gottes, die uns so sicher führt,
Du Geschenk des ewigen Vaters,
Geist Gottes, der uns die Worte gibt.

Sei wahres Licht in unserem Geist,
gieße Liebe in die Herzen ein,
stärke unsere schwachen Glieder
mit Deiner Kraft zu allen Zeiten.

Treib den bösen Feind weit weg von uns,
in Deinem Frieden erhalte uns,
sodass unter Deiner Führung wir
die Dunkelheit und Sünde meiden.

Durch Dich verstehen wir den Vater,
kennen wir den Sohn, unseren Herrn;
an Dich, beider Geist, der Liebe Frucht,
glauben wir treu zu allen Zeiten.

Dir, Gottvater, sei alle Ehre,
wie dem Sohn, der auferstanden ist,
und dem Beistand, unserem Tröster,
jetzt und für alle Zeiten, Amen.

(zeitzubeten.org, 2013)

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Es folgen die bekannten Übersetzungen von A. Silesius und H.Bone:

Veni creator spiritus – Komm Schöpfer Geist

Komm, Heilger Geist, o Schöpfer du,
sprich den bedrängten Seelen zu:
erfüll mit Gnaden, süßer Gast,
das Herz, das du geschaffen hast.

Der du der Tröster bist genannt,
des allerhöchsten Gottes Pfand,
du Liebesglut, du Lebensbronn,
du Herzenslabung, Gnadensonn.

Du siebenfaches Gnadengut,
du Hand des Herrn, die Wunder tut;
du lösest aller Zungen Band,
gibst frei das Wort in alle Land.

Zünd unsern Sinnen an dein Licht,
erfüll uns mit der Liebe Pflicht,
stärk unser schwaches Fleisch und Blut
mit deiner Gottheit Kraft und Glut.

Den Feind aus unsrer Mitte treib,
mit deinem Frieden bei uns bleib,
führ’ uns auf deiner lichten Bahn,
wo uns kein Unheil schaden kann.

Lehr uns den Vater kennen wohl
und wie den Sohn man ehren soll;
im Glauben mache uns bekannt,
wie du von beiden bist gesandt.

Ehr sei dem Vater, unserm Herrn,
und seinem Sohn, dem Lebensstern,
dem Heilgen Geiste gleicherweis,
sei jetzt und ewig Lob und Preis.

(Angelus Silesius, 1668)

*

Veni creator spiritus – Komm Schöpfer Geist

Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein,
besuch das Herz der Kinder dein:
Die deine Macht erschaffen hat,
erfülle nun mit deiner Gnad.

Der du der Tröster wirst genannt,
vom höchsten Gott ein Gnadenpfand,
du Lebensbrunn, Licht, Lieb und Glut,
der Seele Salbung, höchstes Gut.

O Schatz, der siebenfältig ziert,
o Finger Gottes, der uns führt,
Geschenk, vom Vater zugesagt,
du, der die Zungen reden macht.

Zünd an in uns des Lichtes Schein,
gieß Liebe in die Herzen ein,
stärk unsres Leibs Gebrechlichkeit
mit deiner Kraft zu jeder Zeit.

Treib weit von uns des Feinds Gewalt,
in deinem Frieden uns erhalt,
dass wir, geführt von deinem Licht,
in Sünd und Elend fallen nicht.

Gib, dass durch dich den Vater wir
und auch den Sohn erkennen hier
und dass als Geist von beiden dich
wir allzeit glauben festiglich.

Dem Vater Lob im höchsten Thron
und seinem auferstandnen Sohn,
dem Tröster auch sei Lob geweiht
jetzt und in alle Ewigkeit.

(Heinrich Bone, 1847)

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Das lateinische „Original“:

Veni creator spiritus

Veni, Creator Spiritus,
mentes tuorum visita,
imple superna gratia,
quae tu creasti, pectora.

Qui diceris Paraclitus,
donum Dei altissimi,
fons vivus, ignis, caritas
et spiritalis unctio.

Tu, septiformis munere,
dextrae Dei tu digitus,
Tu rite promissum Patris,
sermone ditans guttura.

Accende lumen sensibus,
infunde amorem cordibus,
infirma nostri corporis
virtute firmans perpeti.

Hostem repellas longius,
pacemque dones protinus:
ductore sic te praevio
vitemus omne noxium.

Per te sciamus, da, Patrem
noscamus atque Filium,
te utriusque Spiritum
credamus omni tempore.

(Deo Patri sit gloria
et Filio, qu[i] a mortuis
surrexit, ac Paraclito
in saeculorum saecula.)

(ursprünglich Rabanus Maurus, 9. Jhdt., zugeschrieben;
Textfassung lt. Graduale Romanum [1973] und im Gotteslob)

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