Progromnacht: Gedenken in Form einer Haggada

Als „Startschuss“ für die Schoa, „die gezielte, geplante Vernichtung des jüdischen Volkes„, hat Kardinal Christoph Schönborn die Novemberpogrome von 1938 bezeichnet. „Auch in Österreich hätten die Nazis gewütet, besonders schlimm in Wien, wo 24 der 25 Synagogen vernichtet wurden. Fehlende Proteste gegen die Gewaltakte – auch seitens der Kirchen – hätten Hitler freie Hand gegeben, „seine mörderischen Pläne anzugehen“.

Die Christen hätten aus diesem Versagen gelernt, versicherte Kardinal Schönborn: „Dankbar bekennen wir jetzt, dass wir im Judentum unsere Wurzeln haben, nicht nur historisch, als Jesus, der Jude, der Messias, lebte. Sondern wir leben aus dieser Wurzel, bis heute.“

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Links zum Thema NOVEMBER-PROGROME / SCHOA

siehe am Ende des Beitrags.

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Heute ist für Juden das Gedenken an die Schoa mit dem Lesen von Texten oder Bildern zur Geschichte verbunden, denn nur noch wenige Zeitzeugen können ein Bild der traurigen Erlebnisse vermitteln. »Secher Liziat Mizrajim« (Zum Gedenken an den Auszug aus Ägypten) ist eine Standardformel jüdischer Gottesdienste an Pessach.

Die Nacherzählung (Haggada) dieses im Buch Exodus des Tanach erzählten Auszugs aus Ägypten verbindet jede neue Generation der Juden mit ihrer zentralen Befreiungserfahrung. So darf die im Familienkreis abgehaltene Seder (Feier) anhand einer Haggada als eine Form des Gedenkens auch an die Opfer des Nationalsozialismus gesehen werden.

Haggadah 14.Jhdt
Haggada aus dem 14. Jahrhundert

Es folgen Auszüge aus einer Haggada, das ist die Erzählung und Handlungsanweisung für den Seder am Erev Pessach, dem Vorabend des Fests der Befreiung der Israeliten aus der ägyptischer Sklaverei: Es ist ein mitunter bebildertes Büchlein, aus dem beim Festmahl mit der Familie gemeinsam gelesen und gesungen wird. Die folgende von der Judaistin Tanja Esther Kröni  erstellte Haggada vermittelt die Grundlagen des Festes und enthält aktuelle Überlegungen zur Bedeutung von Pessach in der heutigen Zeit – und zum Gedenken an die Progromnacht und den Holocaust.

Pessach - Haggada-Buch
Haggada-Buch zum Seder

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Die Haggada

Die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, wird auch sman cherutenu, Zeit unserer Freiheit, Zeit unserer Befreiung, genannt. Viele religiöse Autoritäten aus früherer und unserer Zeit sagen, dass wir uns in diesen Tagen nicht nur der Befreiung aus Ägypten erinnern, sondern auch  überlegen sollen, wie und wo wir heute unfrei, versklavt sind. Und wir sollen darüber nachdenken, wie wir uns aus selbst auferlegten und aus von außen auferzwungenen Unfreiheiten lösen, respektive unsere  Situation verbessern können.

Trotz Fronarbeit und Unterdrückung verloren die Jüdinnen und Juden ihre Hoffnung auf Befreiung nie vollständig. „Mit starker Hand“ des Ewigen fühlen wir uns bis heute aus Ägypten geführt. Doch es brauchte auch  eigenen Mut, eigenen Überlebenswillen und geistigen sowie körperlichen Widerstand. Letzteren oft nur im Geheimen, versteckt. Ein Beispiel dafür sind die Hebammen, die die männlichen Neugeborenen nicht töteten.

Durch unsere ganze Geschichte hindurch gab es immer wieder, Zerstörungen, Katastrophen, in der die Juden, trotz Verfolgung, Ermordung, einen letzten Funken Hoffnung nie verloren und deshalb immer wieder neu beginnen konnten. In unserer Gegenwart herrschen Verunsicherung und Ängste, durch Klimaerwärmung, Globalisierung, Finanzkrisen, Abbau der Sozialwerke, Kriege und Terror, Gewalt auf den Straßen und Fremdenfeindlichkeit, Entsolidarisierung der Regierungen von den Bürgern und von Mensch zu Mensch.

Das führte bei vielen Jüdinnen und Juden zu einer Wiederbesinnung auf den Tikkun Olam, die Verbesserung, Vervollkommnung der Welt durch uns Menschen. Ökologie ist angesagt, Einsatz für soziale Gerechtigkeit, Wohltätigkeit, nicht nur für jüdische Menschen. Die Achtsamkeit gegenüber allen Menschen soll zu innerjüdischem Frieden, Frieden zwischen den Religionen und Nationen führen, zu einer Welt, in der jede und jeder alles hat, was er/sie braucht, niemand mehr diskriminiert, unterdrückt und verfolgt wird. Ein Ziel, für das es sich zu arbeiten und zu leben lohnt.

So wollen wir nun gemeinsam diesen Seder, das Fest unserer Befreiung, in der Hoffnung, auf die Befreiung von Unfrieden und Krieg in unserer Zeit begehen. Wenn wir alle uns genügend um den Tikkun Olam bemühen, dann kann sie zu einer messianischen Zeit werden. Wir wissen, dass die Freiheit ihren Preis hat, und dass die Befreiung mit Schmerzen gepaart ist, und dass sie niemals zur Unterdrückung Anderer führen darf.

Wir entzünden nun die Festtagskerzen:

Baruch ata adonaj, …
Gesegnet seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns durch seine Gebote geheiligt hat und uns befohlen hat, die Kerzen für das Pessachfest anzuzünden. 

Jitromem libbenu…
Mögen unsere Herzen sich erheben, unsere Seelen sich beleben, wenn wir das Festlicht entzünden.

Zu Pessach wird jede feiernde Generation mit der ersten vereint und mit allen, die ihr folgten. Wie bei jenem ersten Pessach die Familien sich zu einem lebendigen Volk vereinten, so vereinen sich in der Pessachnacht  die Generationen unseres Volkes von Jahr zu Jahr.
Martin Buber

Bevor wir den ersten Becher einschenken, möchten wir unserer Vorfahren gedenken, denen an die wir uns erinnern, und auch denen, deren Namen  wir nicht kennen.

Für alle Flügel, die zu wachsen sich freuten,
aber nicht empor flogen;
für den Frohsinn, der sich hinauf schwang, um sich zu freuen,
aber abgekappt hinunter sank –
erhebe, meine Seele, Gebet.
Für jeden Traum, der am Felsen zerschellte –
offenen Auges und sehnsuchtsvoll;
für ein Lied, das in der Ferne wie ein Wunder erklang
und erstickt wurde –
erhebe, meine Seele, Gebet.

Für jeden, der seine Seele anhob, um sie empor zu reissen
im Tal des Jammers;
für jeden der es zu bannen suchte –
erhebe, meine Seele, Gebet.
Moscheh Bassok

1941
Irgendwo sind die Felder gelb und schwer
und die Wälder sind dicht,
als gäbe es nirgends mehr
eine Welt, die zerbricht.
 
Irgendwo steht eine Frau beim Feuer
und die Nächte sind still
und ein Leben so teuer
wie die Erde es will.

Es gibt auch noch Bild und Lied und Gedicht –
Die wird es immer geben.
Denn wenn auch eine Welt zerbricht:
die Welt muss weiter leben.
Miriam Laserson    

Kadesch

Der erste Becher wird eingeschenkt.

Nevarech et Schechinah, matzmichat pri hagafen… Gesegnet die Schechina, die die Frucht des Weinstocks gedeihen lässt

[…]

U’rachatz Karpass

Der Leiter/die Leiterin nimmt ein Stückchen Karpass (Petersilie, Radieschen) und taucht es ins Salzwasser und sagt:

Nevarech et Schechinah, matzmichat pri ha’adama
Gesegnet die Schechinah, die die Frucht der Erde gedeihen lässt.

Baruch ata, Adonaj, …  Gelobt seist Du, Ewiger, König der Welt, der die Frucht der Erde erschaffen hat.

Dann gibt er/sie ein Stück an die anderen weiter.

Jachatz

Keha lachma anja … Dies ist der Armut Brot: Unsere Vorfahren aßen es in Ägypten. Der Hungernde komme und esse mit uns. Der  Bedürftige komme und halte Pessach. Nächstes Jahr in Israel. Im nächsten Jahr in Freiheit.
aus der überlieferten Haggada

Alle, die Hunger haben, sollen kommen und mit uns essen. Alle, die Hunger nach geistiger Nahrung haben, sollen kommen und Pessach mit uns feiern, damit wir zusammen unser geistiges Erbe wieder entdecken und miteinander erneuern. Jetzt sind wir noch bedrückt. Wir leben in einer Welt, in der mächtige Kräfte ihre Macht missbrauchen – gegen Minderheiten, gegen Arme, Hilflose, Alte, gegen Tiere und gegen unser aller Mutter, die Erde. Nächstes Jahr wollen wir Freie sein in einer befriedeten Welt.       
aus der Haggada von “Yachad”, Berlin 1999         

Der zweite Becher Wein wird eingeschenkt

Eine Frau deutet auf das Glas Wasser:

Sot Kos Miryam.,… Dieses ist das Glas der Prophetin Mirjam, ein Glas Leben spendendes Wasser, als Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Diesen hätte es ohne Mirjam, die ihrem Bruder Mosche das Leben rettete, und wegen deren Verdienste die Hàbräer in der Wüste Wasser bekamen, nicht gegeben. Die Legende sagt, dass der Brunnen der Mirjam die Hebräer durch die Wüste begleitete und dann in den Kinnereth, den See Genesareth fiel.      

Hier steht das jüngste Kind der Gesellschaft auf und fragt Vater und Mutter

Mah nischtanah haleila haseh mikol haleilot…
Wodurch unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten?
In allen anderen Nächten essen wir Gesäuertes und Ungesäuertes.
In dieser Nacht essen wir nur Matzah.
In allen anderen Nächten essen wir viele Arten Gemüse.
In dieser Nacht essen wir nur Bitterkraut.
In allen anderen Nächten brauchen wir nicht einzutauchen, nicht einmal.
In dieser Nacht tauchen wir zweimal ein.
In allen anderen Nächten sitzen wir, manche aufrecht und andere angelehnt.  In dieser Nacht lehnen wir uns alle an. 
Aus der traditionellen Pessach-Haggada

Nevarech et Schechinah, … Gesegnet die Schechinah, die die Frucht des Weinstocks gedeihen lässt

Baruch Ata, Adonaj, … Gelobt seist Du, Ewiger, König der Welt, der die Frucht des Weinstocks geschaffen hat.

Wir trinken nun den zweiten Becher

Rabbi Chijah lehrte uns:
Die Lehre spricht über vier Söhne:
Einen weisen, einen bösen, einen dummen und einen, der nicht fragen kann.

Der Weise, was sagt er uns? Welches sind die Regeln und die Gesetze die ER, unser Gott uns auferlegt hat? Du aber sage ihm: Mit starker Hand hat unser Gott uns aus Ägypten geführt.
Der Böse, was sagt er uns? Was soll euch all dieser Dienst? Wozu die Arbeit, die ihr euch da macht, euch und uns, Jahr für Jahr?
Weil er sich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen hat, sage ihm: Uns hat er aus
Ägypten geführt, uns und dich nicht. Wärst du damals in Ägypten gewesen, hättest du kein Anrecht darauf gehabt, es zu verlassen.
Der Dumme, was sagt er uns? Was ist das?
Du also lehre ihn alle Verordnungen des Pessach, bis zur letzten hin: Man soll nach dem Afikoman keinen Nachtisch mehr essen. Er soll sich also nicht zuerst am Sederabend erfreuen, und dann noch in eine andere Gesellschaft gehen.
Der, welcher nicht fragen kann – Beginn du ihm zu erzählen.
Auf Grund des Jerusalemer Talmuds Traktat Pessachim               

[…]

Awadim hajinu, Awadim! Ata bnej chorin, bnej chorin!
Unfreie waren wir, Unfreie! Frei sind wir jetzt, frei!

Immer wurden wir gerettet: aus den Händen der Ägypter und der BabyIonier, aus den Händen der Griechen und der Römer, aus den Händen der Kreuzfahrer und der Inquisition. Polen, Russen und Rumänen haben uns getötet. Im letzten Jahrhundert übertrafen die Deutschen sie alle. Und immer noch hebt man die Hand gegen uns auf. Auch jetzt noch, wo die Fahnen der Freiheit sich überall entfalten wollen.

In dieser Welt, in der es noch überall Unrecht gibt, besteht eine furchtbare Gefahr: dass wir uns den Gebräuchen unserer Feinde anpassen und handeln wie sie und, dass wir, um unserer Freiheit willen, die wir uns erkämpft haben, andere unterdrücken. Wenn wir jedoch unser menschliches Antlitz verlieren, gefährden wir auch die beschränkte Freiheit die wir erreicht haben.
Nach der Pessach-Haggada 1999 von Rafael Rosenzweig

Man muss so Vieles vergessen
um sich an das Vergessene zu erinnern
 

Den Hass des kahlen Hofes
zu Füssen des träumenden Kindes
Die Versprechen die wahr wurden
als die Freunde im Rauch aufgingen;
Die Rückkehr nach Hause
und die Botschaft im Leintuch;
Die Maden in der süssen Frucht
die in der Saison der Trauben reifte;
Der Strahlenpilz
über der eben noch bevölkerten Stadt.
 
Man muss sich an so Vieles erinnern
um all das Erinnerte zu vergessen,
um die Kommenden zu erlösen
um leben zu wollen.
Israel Ben Yosef

Sind wir also befreit? Sind wir frei? Ja, wir wurden befreit, mehrmals. Ja, wir sind freier als andere, aber …Wir wissen nicht, was auf uns zukommen wird. Es ist so Vieles aus den Fugen, im Wandel. Wohin es führen wird, ist nicht absehbar. Mehrere Staaten stehen vor dem Bankrott. Die Schweizer Regierung wirkt orientierungslos. Gewalt, Terror und Krieg gehören überall zum Alltag. Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit sind wieder salonfähig. Es gilt das Recht der Stärkeren und Mächtigeren. Auch das wird sich wieder ändern. Es fragt sich nur wann…
Tanja Kröni

[…]

Maror

Der Leiter/die Leiterin nimmt von dem Maror, taucht es in Salzwasser und gibt jedem und sagt:

Baruch Ata, Adonaj, …  Gelobt seist Du Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns befohlen hat, Bitterkraut zu essen.

Jippatach libbenu,…  Mögen unsere Herzen aufgetan werden und unser Verständnis des Leidens sich vertiefen.

Man nimmt zwei Stücke Matzah und legt Maror dazwischen. Vor dem Essen sagt man:

Secher lemikdasch k’hillel… Dies ist eine Erinnerung an das Heiligtum, wie es bei Hillel Brauch war. So tat Hillel zur Zeit als der Tempel noch stand: Er nahm Matzah und Bitterkraut, ass sie vereint, um zu erfüllen, was geschrieben steht: Mit Matzot und Bitterkraut soll man das Pessachopfer essen.

[…]

Auszüge aus einer Haggada, zusammengestellt von der Judaistin >>>>  Tanja Esther Kröni.

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Im Judentum ist die Familie sehr stark in die großen Feste des kirchlichen und weltlichen Lebens eingebunden, was in den christlichen Familien des Westens mehr und mehr verloren geht. Dasselbe gilt für das Gedenken an die großen geschichtlichen und religiösen Brüche. Oder wann gedenken wir Christen – in den Familien und unter Begleitung einer religiösen Zeremonie – der Kreuzzüge, der Katastrophen der großen Religionskriege, oder der dramatischen Abspaltungen von unserer Kirche… Vielleicht könnten wir besser umgehen mit den „schwierigen Themen“ des Christentums (eben den Kreuzzügen, Hexenverfolgungen, Religionskriegen, Abspaltungen der orthodoxen, protestantischen, altkatholischen Kirche, etc.) und unsere Geschichte auch besser im Dialog mit Anders- oder Nichtgläubigen vertreten.

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Gedenken

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Dieser Text ist auch Teil der folgenden Beitragsreihe:

>>> 1. Terror und Antisemitismus

>>> 2. Die ersten Israelis

>>> 3. Die Geschichte Palästinas

>>> 4. Staatsgründung Israel

>>> 5. Israel von der Gründung bis ins 21. Jahrhundert

>>> 6. PLO und HAMAS

>>> 7. Palästinensische Autonomie und Politik

>>> 8. Siedlungspolitik

>>> 9. Christsein mit jüdischen Wurzeln

>>> 10. Progromnacht: Gedenken mit einer Haggada

>>> 11. Gedenken an das Progrom – jüdische Gebete

>>> 12. Bericht aus der Hölle (Marcel Reich-Ranicki)

>>> 13. Papst Benedikt XVI. in Yad Vashem

>>> 14. Papst Franziskus in Yad Vashem

>>> 15. Das Herz von Jenin

>>> 16. Glik oder Glück, das ist die Frage…

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