Morgen war Weihnachten – die Sache mit der Zeit

Genau genommen ist es eine Predigt anlässlich des vierten Sonntags im Advent, die mich darauf gebracht hat, dem Phänomen Zeit mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Morgen war Weihnachten. Die Überlagerung von Vergangenheit und Zukunft in diesem aus nur drei Wörtern bestehenden Satz bringt eine zeitliche Paradoxie zum Ausdruck.

*

Zeit - Fügelschlag
Zeit – zu schnell für die menschliche Wahrnehmung
Zeit - Mensch
Zeit – geteilt in fortlaufende Abschnitte

*

ZEIT UND CHRISTSEIN

Ausgangspunkt war die allzu bekannte Erfahrung, dass uns gerade im Advent die Zeit so zu schaffen macht – sie scheint uns davonzulaufen: Adventsonntage vorbereiten, Nikolaus feiern, Kekse backen, besondere adventliche Wachsamkeit üben, Geschenke besorgen, Saubermachen, vorweihnachtliche Besinnung zeigen, Baum besorgen, Feiertagsbesuche, Urlaub…  Wenn wir über unser christliches Leben nachdenken, wäre es allerdings viel zu kurz gegriffen, nur den adventlichen Organisationsfragen Aufmerksamkeit zu schenken.

Das Phänomen Zeit beschäftigt uns von der ersten bis zur letzten Sekunde unseres Daseins. Wie lange dauert es, bis uns Mami endlich wieder die Brust gibt, wie lange zieht es sich denn noch bis zum nächsten Geburtstag, wann wird die ungeliebte Schule endlich abgeschlossen sein, warum haben wir immer noch keinen idealen Partner für’s Leben gefunden, wie lange haben wir überhaupt noch zu leben?

GEISTIGE UND MENSCHLICHE ENTWICKLUNG

Günter Grass hat für seinen berühmten Protagonisten der Blechtrommel das Problem Zeit ein für alle Mal abgeschafft. So beginnt Oskar Matzerath seine Familiensaga und Lebensgeschichte – anscheinend allwissend – zwei Generationen vor seiner eigenen Geburt und beruft sich dabei auf sein ausdifferenziertes Bewusstsein im pränatalen Stadium: „Damit es sogleich gesagt sei: Ich gehörte zu den hellhörigen Säuglingen, deren geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist und sich fortan nur noch bestätigen muss.“

*

Oskar Mazerath (Die Blechtrommel)
Pränatale Reife: Oskar Mazerath (Die Blechtrommel)
Treue und Reife
Menschliche Reife – mit der Zeit

*

Wir Normalos müssen den harten Kampf mit der Zeit bestehen. Um es etwas comicmäßig auszudrücken: Ständig schieben wir eine Blase vor uns her (die Zeit), die wir mit Inhalten füllen können. Mal ist es eine gute Tat, dann folgen wieder diese unseligen Aktionen, die uns von Gott wegführen. Und manchmal ist es ein schlichtes Nichts, das wir der Blase verkaufen wollen; apropos „Nichts“: wer hat zuletzt darüber nachgedacht, aus wieviel Unterlassungen unser Leben eigentlich besteht?

TUN UND UNTERLASSEN

Heute könnte ich meiner Frau etwas kleines Süßes mitbringen, die handgemachten Trüffelpralinen, aber ob sich das im Abendverkehr noch ausgeht, lieber doch ein anderes Mal… wollte Oma nicht, dass die Fernsehkanäle neu eingerichtet werden, ach, da schick ich jemand anderen vorbei… braucht die Tochter nicht wieder etwas zum Anziehen, hm, da warten wir doch besser, bis wir alle wieder zu H&M müssen…

Na , diese Beispiele sind ja nicht so schlimm, jedenfalls scheinen keine Megasünden dabei zu sein. Aber wie sieht es mit unserem geistlichen Leben aus? Ja, vor Weihnachten wollte ich noch beichten gehen, aber jetzt muss ich alle diese Dinge noch zusätzlich erledigen, das geht sich einfach nicht mehr aus… Gebete wollte ich doch für Weihnachten heraussuchen, aber dazu ist die Zeit jetzt wirklich zu knapp geworden… die Oma ist so traurig, dass wir nicht mit ihr in die Mette gehen, aber die Nachbarn haben uns auf ihre berühmte Xmas-Nightcup eingeladen, da kann man nicht nein sagen…

WISSEN UND ALLWISSENHEIT

Oskar Matzeraths pränatale ›Allwissenheit‹ überschreitet den menschlichen Wahrnehmungshorizont. Die Tatsache, dass ein Teil des erzählten Geschehens aus der persönlichen Erinnerung eines zur Zeit der Ereignisse noch Ungeborenen präsentiert wird, dürfte im Modus des Wirklichkeitsbewusstseins ebenso überraschen wie das vorgeburtlich ausgeprägte Bewusstsein und die Präzision der Merkfähigkeit, aufgrund derer der Ich-Erzähler Gespräche seiner Eltern noch Jahrzehnte später in wörtlicher Rede wiederzugeben vermag.

Jesus Christus dürfen wir uns auch „außerhalb der Zeit“ vorstellen, natürlich viel „größer“ als jede literarische Figur, im menschlichen und göttlichen Sinn. Wenn es eine Art Zeit gibt, die Jesus nötig hatte, dann ist es die des körperlichen Heranwachsens. Es ist kaum anzunehmen, dass der Messias eine geistige Reifung durchlaufen musste, außer eben im menschlichen Sinn: Schreiben, Lesen, Rechnen, Handwerken…

*

Dietrich Bonhoeffer
Christ in der Zeit: Dietrich Bonhoeffer
Jesus Kind
In und außerhalb der Zeit: Jesus Kind

*

KOSTBARSTES, WEIL UNWIEDERBRINGLICHES GUT

Die Zeit ist das kostbarste Gut, schreibt Dietrich Bonhoeffer, und er weiß, wovon er spricht: „Da Zeit das kostbarste, weil unwiederbringlichste Gut ist, über das wir verfügen, beunruhigt uns bei jedem Rückblick der Gedanke etwa verlorener Zeit. Verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Mensch gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten.“

Als Mensch leben – da ist an Nächstenliebe zu denken; Erfahrungen machen – das meint nicht nur diesseits der Komfortzone zu verharren; lernen – bereit zu sein für neue Zugänge zu Beten/Lieben/Fasten; schaffen – unser kreatives Potential im täglichen Christsein abzurufen; leiden – mit Jesus zu leiden/Krankheit zu durchleiden/Verlust zu bewältigen/umzukehren.

DER DIE ZEIT AUF SICH GENOMMEN HAT

Sehen wir die Geschichte einmal so: Mit Weihnachten ist uns der Retter geboren, der Messias, unser Herr, der die furchtbarsten Leiden – und auch die Zeit auf sich genommen hat!

Sein Geist war von allem Anfang an vollendet, so wird Er die Weisheit der Schöpfung genannt. Wie anders geht es uns Menschen! Ohne Zeit hätten wir gar keine Chance zur Entwicklung, erst die Zeit ermöglicht den Sinn unseres Lebens – die Nachfolge Christi.

*

Weihnachten 2013

*

Eine Frohe Weihnacht und Gottes Segen

für alle Leser!

***

2 Gedanken zu “Morgen war Weihnachten – die Sache mit der Zeit

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s