Vatikanischer Familienfragebogen: Kommentar eines Bischofsvikars

Angenommen die Fussballbundesliga erlebt eine dramatischen Niedergang, die Mehrzahl der Vereine ist mehr oder weniger bankrott. Dortmund und Bayern schreiben gerade noch eine schwarze Null aufgrund von Spenden und Subventionen. Dann tritt ein Funktionär des Deutschen Fußballbundes an die Öffentlichkeit und klagt das eigene System an:

„Über Jahrzehnte hinweg wurde im deutschen Sprachraum die tatsächliche Lehre des DFB den Vereinen und Mitgliedern erfolgreich verschwiegen bzw. in den wesentlichen und entscheidenden Teilen bewusst falsch auf den Universitäten und in den Seminaren gelehrt.

Bereits ein Jahr vor der Veröffentlichung des Lehrbuchs „Freistoß und Foul: Erfolgreich mit dem DFB“ wurde bei einer großen Tagung der deutschsprachigen Fußballlehrer mit großer Mehrheit beschlossen, dass die Lehre des DFB auf jeden Fall geändert werden müsse. Für diese Fachleute war die Veröffentlichung des genannten Lehrbuchs ein Schock und ein Affront.

Sowohl „Fairplay forever“, wie auch „Gewinne auch ohne Wettbetrug“ und „Der DFB und die Fußballfamilie“ sind unter Mitgliedern praktisch nicht bekannt, abgesehen von kleinen Zellen von Fachleuten, die voll und ganz dahinter stehen, jedoch an den Rand gedrängt und vielfach vernachlässigt werden.“

Nun sind dies nicht die Worte eines DFB-Funktionärs über den Fußballbund, sondern eines Kirchendieners über unsere katholische Kirche: Dieser Beitrag von Bischofsvikar Helmut Prader wurde von kath.net ohne jeden Kommentar veröffentlicht, als ob seine Aussagen das Normalste der Welt wären.

Man fragt sich: Wie gebrochen ist eine Kirche, in der hohe Funktionäre Selbstanklage betreiben? Auch wenn Helmut Prader (Diözese St.Pölten, Österreich) feststellt, dass in seiner Diözese die „wahre Lehre“ der Kirche verkündet wurde, muss er sich die Gegenfrage gefallen lassen, warum „überdiözesane“ Maßnahmen und Reaktionen aus St.Pölten im selben Zeitraum als bescheiden bezeichnet werden dürfen.

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Diözesen in Österreich

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Warum beschäftigt sich dieser Blog nun mit dem Kommentar des Bischofsvikars? Weil der für Ehe, Familie und Lebensschutz zuständige Helmut Prader in seinem Kommentar eine fundierte Kritik an der Katholischen Kirche der letzten Jahrzehnte in Österreich und Deutschland übt. Folgende Punkte seien auszugsweise genannt.

1. Zur Verbreitung der Heiligen Schrift und des Lehramtes der Kirche in Bezug auf die Familie

Der Fragenblock 1 bezieht sich auf die Verbreitung und die Kenntnis der Lehre der Katholischen Kirche. Dazu ist zu sagen, dass die tatsächliche Lehre der Kirche über Jahrzehnte hinweg im deutschen Sprachraum erfolgreich verschwiegen, bzw. in den wesentlichen und entscheidenden Teilen bewusst falsch auf den Universitäten und in den Seminaren gelehrt wurde.

Bereits ein Jahr vor der Veröffentlichung der Enzyklika Humanae vitae wurde bei einer großen Tagung der deutschsprachigen Moraltheologen mit großer Mehrheit beschlossen, dass die Lehre der Kirche auf jeden Fall geändert werden müsse. Für diese Theologen war die Veröffentlichung der Enzyklika „Humanae vitae“ ein Schock und ein Affront.

Sowohl „Gaudium et spes“, wie auch „Humanae vitae“ und „Familiaris consortio“ sind unter Gläubigen praktisch nicht bekannt, abgesehen von kleinen Zellen von Gläubigen, die voll und ganz dahinter stehen, innerkirchlich jedoch an den Rand gedrängt und vielfach vernachlässigt werden.

[Anm. des Blogbetreibers: Dieser Zustand wurde hier des öfteren beklagt. Meine eigene Bekehrung ist u.a. Benedikt XVI. zu verdanken, der für die wahre Lehre unserer Kirche steht.]

Die Pastoralprogramme sind meist wenig hilfreich, weil sie entweder in den wesentlichen Punkten mehrdeutig formuliert sind oder ganz bewusst die Lehre der Kirche ablehnen oder für unlebbar erklären. Die Pastoralprogramme befassen sich vielfach nur damit, Rechtfertigungen für die Scheidung und Wiederverheiratung zu bieten und einen Zugang zu den Sakramenten doch zu rechtfertigen. Es wird dabei ein völlig verzerrter und falscher Begriff von Barmherzigkeit verwendet.

[Anm. des Blogbetreibers: Hier bin ich nicht ganz der Meinung des Vikars. Wie auch die Handschrift von Papst Franziskus zeigt, gibt es einen Grundsatz, der immer über den Lehrsätzen unserer Kirche steht: Das Heil des Menschen vor Gott. Dieses Heil der menschlichen Seele erfordert allerdings eine Seelsorge (sic!) in den Pfarren, die heute kaum mehr aufrecht ist…]

(…)

2. Zur Ehe nach dem Naturrecht

Der Begriff des Naturrechts wird im allgemeinen Sprachgebrauch nicht verwendet und war für viele, die sich an der Befragung beteiligten, praktisch unbekannt. Das Naturrecht selber wird – soweit im zivilen Recht noch vorhanden – praktisch verdrängt durch einen Rechtspositivismus.

Ein ganz markantes Beispiel dafür ist etwa die faktische Legalisierung der Abtreibung durch ihre Straffreiheit. So wird aus einem Unrecht, das durch die Abtreibung geschieht, aber nicht bestraft wird, „ein Recht auf Abtreibung“ gemacht. Es geht soweit, dass in Deutschland etwa 85% der Abtreibungen von den Krankenkassen und der öffentlichen Hand bezahlt werden. Das Naturrecht spielt faktisch keine Rolle im öffentlichen Bewusstsein.

[Anm. des Blogbetreibers: Man erinnere sich an die Rede von Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag…]

(…)

3. Die Familienpastoral im Kontext der Evangelisierung

Die Ehevorbereitungskurse werden von den Teilnehmern eher als notwendiges Übel und weniger als Chance betrachtet. Diejenigen, die aus einem religiösen Bewusstsein heraus heiraten, suchen sich zumeist spezielle Angebote, die von verschiedenen Gruppen angeboten werden.

(…)

Der Inhalt der Kurse beschränkt sich meist auf Kommunikation, Herkunftsfamilie, Konfliktberatung und Gesprächsführung. Diese Bereiche, die durchaus wichtig sind, werden aber so dominant, dass etwa die Sakramentalität der Ehe, die Lehre von „Humanae vitae“, die Bedeutung des Gebetes, die Familie als Hauskirche,… oft zu kurz kommen. So kommt es oft zu einer Reduzierung auf Konfliktberatung und Gesprächsführung. Manche empfinden es als Zumutung, in einem Ehevorbereitungskurs über das Gebet zu sprechen.

4. Zur Pastoral für Gläubige in schwierigen Ehesituationen

(…)

Als Zusammenfassung der Leitlinien der Jugendpastoral kann man sagen: „Lebe wie du willst und was dir Spaß macht – aber achte darauf, nicht schwanger zu werden!“

Auch bei den jungen Paaren, die z. B. sonntags regelmäßig die hl. Messe besuchen, ist das Zusammenleben wie Verheiratete faktisch der Normalfall – mit ganz wenigen Ausnahmen. Bei diesen Paaren wird die Taufe des ersten oder zweiten Kindes gerne zum Anlass genommen, um kirchlich zu heiraten.

5. Zu gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften

Im Bewusstsein der Bevölkerung ist durch die gesetzliche Einführung der „eingetragenen Partnerschaften“ von Homos und Lesben de facto eine Gleichstellung mit der Ehe von Mann und Frau geschehen. Es wird praktisch nicht von eingetragenen Partnerschaften, sondern einfach von der „Homo-Ehe“ gesprochen. Die Stiefkindadoption ist erlaubt, die Adoption anderer Kinder noch nicht. In vielen kirchlichen Kreisen wird eine Gleichstellung der Homobeziehungen als notwendig erachtet, schließlich gehe es ja um liebevolle und dauerhafte Beziehungen, die Gott auch so gewollt habe.

[Anm. des Blogbetreibers zu Punkt 4 und 5: Wie hieß es im Beitrag „Katholische Ehe – schon mal gehört?“ auf ZEIT ZU BETEN – Eine zivilrechtliche “Ehe” unterscheidet sich fundamental von der sakramental geschlossenen Ehe – und ebendiese kirchliche, katholische Ehe muss von der Kirche in engagierter Weise dargestellt, vorbereitet und thematisiert werden!]

6. Zur Erziehung der Kinder in irregulären Ehesituationen

Kinder in irregulären Ehesituationen sind so selbstverständlich, dass sogar schon der Begriff „irregulär“ als diskriminierend bezeichnet wird. 1970 wurden 12,8% der Kinder nichtehelich geboren, 1980 waren es 17,7%, 1990 waren es 23,6%, 2000 waren es 31,3%, 2012 waren es 41,5%.

Vielfach bitten die Eltern um die Taufe ihres Kindes, wollen oftmals jedoch einfach „nur“ einen Segen, weil vielfach das Sakramentenverständnis fehlt. Es werden aber Programme erarbeitet, um eine tatsächliche Sakramentenvorbereitung über einen längeren Zeitraum anzubieten.

[Anm. des Blogbetreibers: Dieser Blog ZEIT ZU BETEN wird sich mittelfristig bemühen, die Sakramente so zu vermitteln, dass ihr Kern wieder sichtbar wird. Bereits geschehen ist dies für das Sakrament der Versöhnung.]

7. Zur Offenheit der Eheleute für das Leben

Die Lehre von Humanae vitae ist nicht bekannt, weil sie auch von offiziellen Seiten über Jahrzehnte erfolgreich niedergehalten, verschwiegen oder verfälscht wurde (z. B. Mariatroster und Königsteiner Erklärung).

In der Zwischenzeit haben wir bereits die dritte Generation, für die Verhütung der Normalfall ist. Kirchlicherseits wurde sehr viel unternommen, um die Verbreitung der Natürlichen Empfängnisregelung zu unterbinden.

[Anm. des Blogbetreibers: Das ist Selbstanklage pur – aber leider richtig.]

8. Zur Beziehung zwischen Familie und Individuum

Die Familie als Hauskirche ist auf jeden Fall der privilegierte Ort, um als Christ leben zu können und in den Glauben hinein zu wachsen. Darüber hinaus kommen aber auch Gemeinschaften, Orden und einzelnen herausragenden Persönlichkeiten große Bedeutung zu in der Weitergabe des Glaubens.

In der Zwischenzeit müssen wir von einer sehr glaubensfeindlichen Atmosphäre in der Gesellschaft sprechen und Familien haben es sehr schwer, den Glauben zu leben.

Wenn man sich so manche Stellungnahmen ansieht, die bezüglich des Fragebogens veröffentlicht werden, hat man manchmal den Eindruck: Zuerst machen wir die Lehre der Kirche lächerlich, damit wir dann behaupten können, dass sie nicht lebbar ist, weil sich „niemand“ daran hält. Die paar Ausnahmen sind vernachlässigbar – sowohl bei den Ehepaaren wie auch bei den Priestern und Katecheten.

Die Aufgabe der Glaubensverkündigung sollte es jedoch sein, denjenigen, die es hören wollen, die Lehre der Kirche in ihrer Fülle und Schönheit nahezubringen und sie nicht auf falsche Wege zu führen. Ansonsten werden die Hirten und Katecheten zu blinden Blindenführern.

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Diese Bestandsaufnahme war es wert, denke ich, gelesen zu werden. Und im Grunde genommen ist es gut, wenn hohe Vertreter der Kirche klar eingestehen, dass ihr Schiff ziemlich aus dem Ruder gelaufen ist.

Wie es nun weitergeht? Zunächst werden die Familienfragebögen vom Vatikan verarbeitet werden. Ganz sicher wird dies nicht dazu führen, dass kirchliche Lehren revidiert werden – Gott sei Dank. Vermutlich wird es am Ende des Liedes heißen: Wir brauchen mehr authentische Verkündigung und mehr Seelsorge – ja bitte!

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