Die Liebe zu den Feinden (7. So im JK)

Artikel- Jobo zum SonntagsEvangelium***

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab. Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.

(Matthäus 5, 38-48)

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Die Liebe zu den Feinden

Heute geht es weiter mit der Gegenüberstellung von Tradition und Modifikation, der Gegenüberstellung von dem, was bislang als das Maß der Moral galt („Ihr habt gehört“) und dem, was Jesus uns lehrt („Ich aber sage euch“). Es sind dabei auch hier keine Gegensätze, sondern Fortführungen. Jesus denkt weiter, radikalisiert, spitzt zu, überlegt sich einen breiteren Anwendungsmodus. Ganz besonders gilt das für die Liebe. Die Liebe soll sich nicht nur auf den Nächsten (im wörtlichen Sinne) richten, also auf Familie und Freunde, sondern auf alle Menschen, auch auf die Feinde. Auch sie werden dem Christen zu Nächsten.

Doch: Feindesliebe – Wie kann das gehen? Klar ist, dass sich Jesu Forderung nicht mit dem Status quo menschlicher Denk- und Verhaltensweisen versöhnt lässt. Jesus will den menschlichen Erfahrungshorizont weiten. Das bedeutet: Er will uns ändern, besser: Er will, dass wir uns ändern. Es gibt vielleicht eine Möglichkeit, in drei Schritten im Geist der Veränderung die Essenz der Feindesliebe zu ergründen und damit Konflikte zwischen Menschen (Streit) und Völkern (Krieg) zu verhindern.

Feindesliebe ist grundlegende Herzenshaltung, keine konkrete Handlungsdisposition

Der heilige Augustinus denkt über Feindesliebe im Kontext der Frage nach, ob Christen an einem Krieg teilnehmen dürfen. Er kommt zu einer bejahenden Antwort für den Fall, dass mit dem Krieg die Friedensordnung wiederhergestellt wird, die auf der von Gott gesetzten Schöpfungsordnung beruht. Die Aufforderung Jesu zur Feindesliebe deutet Augustinus nicht auf konkrete Handlungen bezogen, sondern hinsichtlich einer Änderung der Einstellung. Feindesliebe meine, so Augustinus, eine prinzipielle innere Bereitschaft des Menschen zum Frieden, eine praeparatio cordis (Herzenshaltung).

Feindesliebe ist nach Augustinus eine Herzenshaltung, keine realpolitische Prämisse. Das Naturrecht auf Selbstverteidigung und die „Naturpflicht“, Nothilfe zu leisten, sind damit nicht aufgehoben, wohl aber sind der Art und Weise von Selbstverteidigung und Nothilfe enge Grenzen gesetzt. So sind nach Augustinus nur die jeweils gebotenen Mittel erlaubt, die den Frieden wiederherstellen und zur Umkehr des Sünders beitragen, nicht aber solche, die Rachegelüste befriedigen oder von Gier, Grausamkeit, Vergeltungswut, Eroberungstrieb und Unversöhnlichkeit zeugen.

Feindesliebe ist Entfeindungsliebe

Ausgehend von dieser pazifistischen Grundhaltung gilt es, eine Brücke zum „Feind“ zu bauen, damit der Selbstverteidigungs- bzw. der Nothilfefall gar nicht erst eintritt. Noch ehe überhaupt der „Feind“ zum Feind wird, ist der Feindschaft zu wehren. „Liebet eure Feinde!“ bedeutet damit: „Hasset eure Feindschaft!“. Wir sollen, so wir Jesu Worte nicht nur hören, sondern ihnen folgen wollen, das bekämpfen, was zwischen uns steht. Christliche Feindesliebe ist darum dem Wesen nach „Entfeindungsliebe“. Als solche fordert sie auf, den Irrenden und den Sünder zu lieben (und zu stützen), Irrtum und Sünde aber zu hassen (und zu bekämpfen).

Das erfordert Mut. Mut zum Perspektivwechsel und zur Entaktualisierung von Konfliktpotential, um es mit der modernen Psychologie zu sagen. Mut – um es aus der Sicht christlicher Ethik zu sagen –, den Anderen im Licht der Liebe Gottes zu sehen. Wenn in diesem Licht etwas aufscheint, das die Beziehung stört, bedeutet Feindesliebe, nicht den Menschen zu verurteilen, sondern zu helfen, dass dieses Störende verschwindet. Lässt es sich nicht beseitigen, bleibt angesichts des drohenden Bruchs immer noch die Möglichkeit, Gott im Gebet um Hilfe und um Heilung zu bitten. Diese Chance kann einem niemand nehmen. Wenn die menschlichen Optionen ausgeschöpft sind, kann Gott helfen – nur Gott. Gebet ist immer eine Alternative zur Gewalt.

Den „Feind in mir“ bekämpfen

Diesen Weg zu gehen – zum Anderen und zu Gott –, das erfordert schließlich den Mut, uns selbst zu verändern. Eine Starre im Denken und Fühlen ist wie ein „Feind in mir“, der zuerst und am hartnäckigsten bekämpft werden muss. Bedeutet das, um des Friedens willen für alles offen zu sein? Nein. Man braucht nicht seinen Standpunkt aufzugeben, damit Bewegung möglich wird. Doch sollte man probeweise die Perspektive des Anderen einnehmen, um entdecken zu können, wie die Sache sich von seiner Warte aus darstellt.

Der Ernst, mit dem man die eigene Position vertritt, darf nicht größer sein als der Ernst, mit dem man nach friedlichen Lösungen für einen Konflikt sucht. Und vor Gott zu treten, ohne die eigene Haltung zur Disposition zu stellen und bereit zu sein für Veränderung (das nennt man auch „Demut“), wäre ohnehin die falsche Einstellung für das Gebet.

Das ist anspruchsvoll, sehr sogar. Es führt uns an Grenzen. Aber dass alles beim Alten bleiben kann und der Weg zum Frieden ein leichter ist, behauptet Jesus ja gar nicht. Er sagt stattdessen: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen.“ Das zu versuchen, ist nicht einfach. Aber man kann es ja einfach mal versuchen.

 

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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