Was ist ein Christ für mich?

Es gibt Fragen, die einem nicht so oft gestellt werden – und die man sich selber gar nicht oft genug stellen kann. Was ist ein Christ für mich? Hat diese Welt ein Ende, und kommt das Schlimmste noch auf uns zu? – Das sind einfache und doch anspruchsvolle Fragen, denen ich nicht durch Schweigen oder gar großartige Zitate ausweichen will. Hier also ein kleiner Versuch, aus dem Herzen zu antworten.

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Die Welt ist kein Zufall

Wer mich kennt, weiss, dass ich gerne einen prominenten Evolutionsbiologen zitiere, der sich sehr geplagt hat, die Nichtexistenz Gottes zu beweisen; es ist ihm nicht gelungen, wie er selber einräumt. Aber selbst wenn ein Wissenschaftler einen nachvollziehbaren Beweis gegen Gott hervorbrächte: Diese Hypothese wäre nichts als ein wissenschaftlicher Versuch, eine stichhaltige Aussage zu treffen, die jederzeit falsifiziert werden kann – nämlich dann, wenn eine zutreffendere Hypothese aufgestellt wird. Was aber sind diese Versuche im Vergleich zum Glauben eines Christen, der versucht sich sein ganzes Leben Gott unterzuordnen? Ein erstes Merkmal eines Christen ist also ein tiefer Glaube an den ursprünglichen „Beweger“, der alles geschaffen hat, und der seine Geschöpfe zutiefst liebt.

Die Geschichte zwischen Gott und den Menschen

Wenn der Mensch also von einem Schöpfer ausgeht und sich als Geschöpf begreift, dann verstehen wir: Auf der Erde wird eine Geschichte zwischen Gott und den Menschen (Geschöpfen) geschrieben. Davon geht der christliche Mensch aus, es ist die wichtigste Ebene seiner Lebensbetrachtung, da muss die Geschichte des Hip-Hop oder die Entwicklung der Genderpolitik zurücktreten: Christlich sein heißt, alle irdischen Zustände und Entwicklungen unter dem Blickwinkel „Gott – Mensch“ zu prüfen.

Gott auf der Suche nach den Menschen

Die eben erwähnte Geschichte zwischen Schöpfer und Geschöpfen wurde niedergeschrieben, nicht durch irgendwen und irgendwie, sondern als geoffenbartes Wort Gottes. „Gott, der Herr, rief Adam zu und sprach: Wo bist du?“ (1Mo 3,9) und nur ein Kapitel weiter: „Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel?“ (1Mo 4,9). Hier dürfen wir Gott als denjenigen erleben, der von Anfang an auf der Suche nach seinen geliebten Menschen ist. Und für einen Christen vergeht kein Tag, an dem er/sie diese Frage nicht hört: Wo bist du? Warum versteckst du dich? Wie zeigst du Mir deine Liebe? Achtest du wirklich darauf, wo du Mir im Laufe der Stunden, Minuten, Sekunden begegnest?

Gott ist ein naher Gott

Das zuvor Gesagte hat es bereits deutlich gemacht: Der christliche Gott ist kein ferner Gott, der unbeteiligt die Geschichte seines Werkes verfolgt, sondern Er ist hautnah bei uns, oder besser gesagt, Er geht uns unter die Haut wie sonst nichts in unserem Leben. Der christliche Mensch achtet sehr auf die Stimme in seinem Inneren. Der Christ begreift sein Gewissen als die mahnende Stimme des Heiligen Geistes, der immer wieder nachfragt: Ist das wirklich gut, was du tust? Was könntest du noch denken, was könntest du noch aussprechen, was könntest du genau jetzt tun, um Gott, deinem Herrn zu dienen und Ihm deine Liebe zu zeigen? Denk darüber nach, diese gnadenreiche Nähe findest du nur im christlichen Glauben…

Es gibt eine Offenbarung durch Propheten

Die Geschichte zwischen Gott und Mensch wurde also niedergeschrieben. Aber der Christ weiss, dass es Gott nicht darum geht, eine historische Abhandlung zu bewahren, ganz im Gegenteil: Der eigentliche Grund für die Offenbarung ist das prophetische Heilswort, das wiederum nur von einem Gott inspiriert sein kann, der Seine Geschöpfe bedingungslos liebt. Seine Liebe zeigt sich auch darin, dass Er uns oftmals ermahnt, die echten und die falschen Propheten zu unterscheiden. Viele werden in Seinem Namen auftreten; auch wenn Christen es nicht häufig aussprechen, aber der „größte Prophet“ und Gründer einer weiteren Weltreligion ist einer, der (in meinen Augen) dem gefallenen Engel zum Opfer gefallen ist und nichts anderes als eine satanische Versuchung darstellt. Wichtiger für das christliche Dasein ist es aber, im täglichen Leben und bei der täglichen Verkündigung des Evangeliums darauf zu achten, was wirklich dem Wort Gottes entspricht, um nicht auf falsche Wege zu geraten.

Jahwe ist ein liebender Gott

Der Gott der Bibel, also auch der Gott des Alten Testaments, ist ein liebender Gott. Die manchmal strenge, „eifernde“, an manchen Stellen auch gewalttätige Gottesliebe des Alten Bundes kann (so denke ich) nur im Kontext der damaligen Zeit verstanden werden: das geoffenbarte Wort trifft auf Schreiber, die in ihrer Zeit und Gesetzlichkeit leben. Für jeden Christen ist es die Lebensaufgabe, herauszufinden, was Liebe eigentlich (im konkreten Leben) erfordert und bedeutet. Paulus hat in seinem berühmten Kapitel im Römerbrief viele Eigenschaften benannt. Nun werden viele sagen, diesem hohen Anspruch nicht gerecht werden zu können. Vielleicht hilft es, zunächst daran zu denken, dass hier die vollkommene (vielleicht unerreichbare) Liebe (Gottes) beschrieben wird – ein Spiegel also, den sich der christliche Mensch immer wieder vorhalten sollte.

Jesus ist sein eingeborener Sohn

Hier kommen wir zum alles entscheidenden Punkt: Der unbedingte Glaube an Jesus Christus. Wie wunderbar dieser Gott Zeit und Raum erfüllt: Während wir Menschlein uns ständig die Nase stoßen an den Begrenzungen von Raum und Zeit, weist unser Schöpfer unermüdlich auf die eine Tugend hin, die alle Fesseln dieser Begrenzungen sprengen kann: die Liebe. Sie ist sichtbar geworden in Seinem Sohn Jesus von Nazaret bzw. Jesus von Gott. Was für eine unbeschreibliche Liebe, den einzigen Sohn als Mensch und Gott auf diese Erde zu schicken! Was für eine ewig-berührende Liebe, die es jedem Christen zu allen Zeiten ermöglicht, diesen Sohn in Form der Eucharistie aufzunehmen!

Jesus am Kreuz

Nachfolge Christi

Auf erschütternde Weise haben Vater und Sohn gezeigt, mit welch radikaler Konsequenz sie allen Sünden der Menschen begegnen: Jesus Christus erleidet für uns das grausamste und zugleich liebevollste Schicksal: den Tod am Kreuz. Der christliche Mensch hat also eine doppelte Aufgabe: Einerseits den Spuren und der Essenz Christi zu folgen, in hingebender Liebe. Wenn aber Gefahr droht, an diesen Herausforderungen zu verzweifeln, dann ist es höchste Zeit, sich an die hervorstechendste Eigenschaft göttlicher Liebe zu erinnern: sie ist bedingungslos, so kann der glaubende Mensch immer und überall wieder aufgefangen werden. Auch bei der zweiten Aufgabe, dem wichtigsten Gebot zu folgen, gibt es für den Christen keine Ausrede: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten“ (Mt 22,37ff). Und auch wenn der christliche Mensch zum wiederholten Mal gefehlt hat, gibt es ein weiteres großes Vermächtnis Jesu Christi, die Beichte: „“Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,23).

Göttliche Barmherzigkeit

Die soeben zitierte bedingungslose Liebe nimmt dem christlichen Menschen den letzten Zweifel: Die göttliche Barmherzigkeit ist weder Gerücht, noch Nebelwolke oder gar falsche Hoffnung: Es gibt sie! Schwester Faustyna Kowalska durfte vor gut 80 Jahren die überreiche Gnade Gottes erfahren, von Jesus über das unendliche Erbarmen unseres Meisters belehrt zu werden; so wurde sie zur Apostelin der göttlichen Barmherzigkeit. Für viele Christen ist ganz offensichtlich: Gott spricht immer und zu allen Zeiten zu den Menschen! Oft hören wir Ihn nicht, aber wenn ja, dann treten die wunderbarsten Zeugnisse hervor. An dieser Stelle sei auf einen unbeschreiblichen Ausbruch an Liebe verwiesen, der uns im wahrsten Sinne Trost ist: Der Heilige Geist, hervorgegangen aus der Liebe zwischen Vater und Sohn, ist unser Beistand (Tröster) für alle Zeit…

Das Ziel heißt Auferstehung

Gerne erinnere ich mich an eine Osterpredigt, in der die Frage gestellt wurde, wie wir Christen unsere Zukunft sehen. Im Alltag antworten viele mit ihren Sorgen um Gesundheit und Einkommen. Die Antwort des Pfarrers dagegen erinnerte an die glasklare Zukunft des christlichen Menschen: Auferstehung! „Unser tägliches Brot gib uns heute“, mit dieser täglichen Bitte sollten wir Christen uns eigentlich bescheiden, um dann in vollen Zügen aus der Freude über die kommende Auferstehung zu leben! Ich weiß, das ist viel leichter gesagt als getan… aber wir haben alle Mittel in der Hand – und vor allem die wahrhaftige, die spürbare, die tröstende Liebe unseres Schöpfers, um uns immer wieder aufrichten zu können: Unser Ziel heißt Auferstehung!

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Ich bete, also bin ich. „Oro ergo sum“, zum Schluss also doch ein Zitat, es stammt von Abraham Joshua Heschel. Dieses Zitat habe ich vor 2 Tagen zum ersten Mal gehört, anlässlich eines berührenden Vortrags zum Thema „Gebet im Judentum“. Der Rabbi und große jüdische Gelehrte betrachtete es als sein geistiges Vermächtnis und zeigt damit, wie nahe Judentum und Christentum einander sind. Auch wenn viele Christen die Nähe zum Beten verloren haben, dürfen wir uns daran erinnern: Allein in der Bibel finden wir über 400 Gebete! Und wenn wir von einem liebenden und barmherzigen Gott sprechen, wie können wir dann schweigen? Beginnt Liebe nicht damit, dass ein übervolles Herz sich öffnet? Ist Liebe nicht ein immerwährender Anspruch, und wird daraus nicht die Aufforderung zum unablässigen Beten verständlich? Jedem Christen sei gesagt: Es ist ZEIT ZU BETEN.

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Dieser Text ist auch Teil der folgenden Beitragsreihe:

>>> 1. Terror und Antisemitismus

>>> 2. Die ersten Israelis

>>> 3. Die Geschichte Palästinas

>>> 4. Staatsgründung Israel

>>> 5. Israel von der Gründung bis ins 21. Jahrhundert

>>> 6. PLO und HAMAS

>>> 7. Palästinensische Autonomie und Politik

>>> 8. Siedlungspolitik

>>> 9. Christsein mit jüdischen Wurzeln

>>> 10. Progromnacht: Gedenken mit einer Haggada

>>> 11. Gedenken an das Progrom – jüdische Gebete

>>> 12. Bericht aus der Hölle (Marcel Reich-Ranicki)

>>> 13. Papst Benedikt XVI. in Yad Vashem

>>> 14. Papst Franziskus in Yad Vashem

>>> 15. Das Herz von Jenin

>>> 16. Glik oder Glück, das ist die Frage…

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