Die Logik der Liebe – von Johannes bis Franziskus

Papst Franziskus-SMS vom 14. April.: „Die Karwoche recht leben heißt sich immer mehr auf die Logik Gottes einlassen, auf die Logik der Liebe und Hingabe.“ Verkürzte Botschaften eignen sich hervorragend als Erinnerungsinstrument. Moment mal, hat Franziskus nicht kürzlich zum Thema „Logik der Liebe“ gesprochen oder geschrieben? Was aber, wenn unser Wissen oder unser Gedächtnis nicht mitspielen? Es kann Ansporn sein, ein wenig zu recherchieren…

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JOHANNES – Die Logik des Wortes und der Hingabe

So wie Pater Karl Wallner OCist (Stift Heiligenkreuz) Lukas als den Literaturnobelpreisträger unter den Evangelisten bezeichnet, erlaube ich mir, Johannes als den „Evangelisten der Liebe“ zu sehen. Sicherlich kennen die Leser alle folgenden Stellen aus den Kapiteln 13 bis 17, aber wir befinden uns in der semana sancta und im Lesejahr des Johannes…

Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung. Es fand ein Mahl statt, und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn zu verraten und auszuliefern. Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte, stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war… Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe… Selig seid ihr, wenn ihr das wisst und danach handelt… Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt. (vgl. Joh 13)

Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. (vgl. Joh 14)

Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet. Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. (vgl. Joh 15)

Aber ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich. Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt. Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin. (vgl. Joh 17)

Spätestens seit dem Evangelium des Johannes kann es an der „Logik der Liebe“ keinen Zweifel mehr geben; sie ist im logos begründet, in allen Menschen angelegt, und führt auf geradem Weg zum Heil.

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SCHOLASTIK – Die Logik des Übermaßes

Tausend Jahre später versuchte Anselm von Canterbury, die traditionsgebundene Theologie seiner Zeit auf eine neue Grundlage zu stellen; nicht mehr mit Berufung auf Autoritäten und Bibelstellen will er seine theologischen Beweise führen, sondern in strenger vernünftiger Logik. Der Glaube soll für die Vernunft einsichtig werden. Damit steht Anselm in der Mitte zwischen Augustinus und Thomas von Aquin.

Nach Prof. Dr. Martin Kirschner („Gott – größer als gedacht“) finden sich die folgenden Übergänge in Anselm von Canterburys Philosophie bzw. Theologie und machen dabei deutlich, wie sich der Schwerpunkt der Anselmschen Theologie verlagert: von der Gottesfrage zur Freiheit des Menschen, die auf Gott ausgerichtet ist; von dort zur Einsicht der zweifelhaften Selbstverstrickung der Freiheit, die je schon mit ihrer Ausrichtung auf das Gute und Wahre gebrochen hat und nicht mehr tun kann wozu sie geschaffen ist; schließlich zur tastenden Annäherung an das Ereignis einer Liebe und Gabe, die jedes Maß unendlich übersteigt und die Verstrickung löst – allerdings unter der Voraussetzung, dass ein Ereignis wirklich stattgefunden hat: die Selbsthingabe des Gott-Menschen Jesus Christus.

Die Logik begrifflicher Notwendigkeit (wer „a“ sagt muss auch „b“ sagen) und die Logik des Geschuldeten (Freiheit muss sich selbst, der Freiheit der Anderen und Gott genüge tun, um gerecht zu sein) werden hier überschritten aus einer Logik der Liebe und des Übermaßes, in der Gott und Mensch in Jesus sich ganz für uns hin-gibt über alles was wir verdient hätten oder fordern könnten hinaus.

Man kann sich fragen, ob dieser Ansatz irgendetwas Neues gebracht hat. Wenn auch inhaltlich, oder sagen wir vom Ursprung und Wesen nichts mehr dazukommen konnte, so handelt es sich von der Form her um einen modernen Ansatz: Auch der zeitgemäße Humanismus will seinen „Glauben“ aus der Vernunft heraus definieren.

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BUDDHISMUS – Die Logik des Miteinander

Googelt man zum Thema „Logik der Liebe“ stößt man sehr schnell auf fernöstliche Philosophien. Dort geht es um einen Ansatz, den auch moderne europäische Humanisten gerne für sich reklamieren: Liebe – gewissermaßen als höchste Form des Altruismus – ist dem Menschen angeboren und birgt nichts Göttliches in sich.

Die buddhistische Philosophie kann als ein Weg der Praxis beschrieben werden. So besagt die „buddhistische Logik der Liebe“, dass ein jedes seine Existenz im anderen hat. Kommunikation ist die Basis, auf der ein Miteinander funktionieren kann. Die gesellschaftliche Realität wird jedoch von Egozentrik und Trennung zwischen Herz und Verstand geprägt. Und der buddhistische Weg will diese selbstsüchtigen und herzlosen Mauern durchbrechen…

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BENEDIKT XVI. – Die Logik der göttlichen, universalen Liebe

Kehren wir wieder zur christlichen Wurzel der „logischen Liebe“ zurück. In einem Kommentar hebt Michael Willam (ethikcenter.at) drei Punkte aus der Enzyklika CARITAS IN VERITATE hervor, die zu einer genialen „Logik der Liebe“ führen.

Zum einen spricht Benedikt XVI. nicht von konkreten Handlungsoptionen zur Lösung der drängendsten Probleme in Ökonomie und Umwelt, sondern er betont die Grundhaltung, die uns befähigt, unser Zusammenleben als Menschen zu gestalten und dem Menschen in einer ganzheitlichen Dimension gerecht zu werden. Aus einer bestimmten Einstellung oder Grundhaltung heraus ergreift der Mensch konkrete Handlungen und Maßnahmen.
Zum zweiten befähigt uns diese Liebe im Blick auf die Mitmenschen, zu einem „Mehr“ als der bloßen Pflichterfüllung zu gelangen. Wahre Liebe möchte das Wohlergehen des anderen. Sie geht über die Gerechtigkeit hinaus, welche dem anderen das gibt, was ihm rechtmäßig zusteht. Liebe ist keine Pflichterfüllung, sondern Geschenk. Sie gibt mehr als sie muss. Nicht aus einem strategischen Kalkül heraus, sondern weil es ihr um das Wohl des Nächsten geht.
Drittens, und das ist der wesentliche Ansatz Benedikts: Die Liebe kommt bei ihm nicht individualisiert oder relativiert – sondern im Gewand der Wahrheit vor. Wahrheit lässt sich nicht relativieren. In Bezug auf die letzte Wirklichkeit allen Daseins kann es nur eine gültige Wahrheit geben – oder eben gar keine…für Benedikt hat die „Liebe in der Wahrheit“ universellen Geltungsanspruch.

Die Liebe ist somit die einzige universell gültige Wahrheit für die gesamte Menschheit. Über alle kulturellen, geographischen und politischen Grenzen hinweg wirkt die Liebe als Brückenbauerin zwischen den Menschen. Weil sie Wahrheit ist. Und diese Wahrheit ist es, die Papst Benedikt als Grundhaltung für eine globale Veränderung der Rahmenbedingungen vorschlägt und die für ihn universale Gültigkeit hat. Für ihn und für uns Christen verweist diese Liebe auf das Transzendente, auf Gott selbst hin. Gott ist für uns die Liebe. Diese Prämisse müssen jedoch nicht alle teilen – auch wenn jemand nicht an Gott glaubt, wirkt diese Liebe in ihm.

Es hängt zunächst nicht davon ab, ob ein Mensch sich zu Gott bekennt und an ihn glaubt, damit er Liebe geben und erfahren kann. Diese Tatsache löst einerseits die Wahrheit der Liebe vom Glauben an den christlichen Gott, sie breitet andererseits den Kern, die absolute Substanz christlich-theologischer Ethik über die ganze Menschheit aus. In der Liebe als letzte Wahrheit können wir uns alle miteinander verständigen. Was für den einen im transzendenten Gott begründet ist, bedeutet für den anderen vielleicht „nur“ eine humane Haltung, die ihm viel Wert ist.

Schließlich lässt sich sagen, dass Gott alle seine Geschöpfe mit dem „Gen der Liebe“ versehen hat; noch bevor wir über den Glauben reden, können wir uns über die Liebe (die aus der Wahrheit d.h. Gott kommt) verständigen, wertschätzen und befrieden. Dann allerdings sind weitere Entscheidungen möglich, ja notwendig, die durch das Leben in Christus dazu führen, dass wir nicht nur aus der Wahrheit heraus, sondern in Wahrheit lieben.

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FRANZISKUS – Die Logik der wahrhaftigen, hingebenden Liebe

Wie nun diese christliche Anforderung – ‚in Wahrheit zu lieben‘ – zu verstehen ist, vermittelt uns Papst Franziskus in seiner Fastenbotschaft:

…Der Zweck des Armwerdens Jesu besteht nicht in der Armut an sich, sondern – wie der heilige Paulus sagt – darin, “euch durch seine Armut reich zu machen”. Dabei handelt es sich nicht etwa um ein Wortspiel oder um einen effekthascherischen Ausdruck! Diese Worte bringen die Logik Gottes auf den Punkt, die Logik der Liebe, die Logik der Menschwerdung und des Kreuzes. Gott hat das Heil nicht von oben auf uns herabfallen lassen, wie das Almosen dessen, der einen Teil des eigenen Überflusses mit mitleidiger Geste hergibt. Die Liebe Christi ist nicht solcher Art! Als Jesus in den Jordan hinabsteigt und sich von Johannes dem Täufer taufen lässt, tut er dies nicht, weil er der Buße, der Bekehrung bedarf. Er tut es, um sich mitten unter die Menschen zu begeben, die Vergebung brauchen, mitten unter uns Sünder, und um die Last unserer Sünden auf sich zu nehmen. Das ist der Weg, den er gewählt hat, um uns zu trösten, um uns zu retten und aus unserem Elend zu befreien. Uns beeindrucken die Worte des Apostels, der sagt, dass wir nicht durch den Reichtum Christi, sondern durch seine Armut befreit wurden. Und doch weiß der heilige Paulus sehr wohl um “den unergründlichen Reichtum Christi” (Eph 3,8), des “Erben des Alls” (Hebr 1,2).

Was also ist diese Armut, durch die Jesus uns befreit und uns reich macht? Es ist gerade die Art, wie er uns liebt, die Tatsache, dass er für uns zum Nächsten wird wie der barmherzige Samariter, der zu dem Mann hingeht, der halb tot am Straßenrand zurückgelassen wurde (vgl. Lk 10,25ff). Was uns wahre Freiheit, wahres Heil und wahres Glück schenkt, ist seine barmherzige, zärtliche und teilnahmsvolle Liebe. Die Armut Christi, die uns reich macht, ist seine Menschwerdung, dass er unsere Schwächen, unsere Sünden auf sich nimmt und uns so an der unendlichen Barmherzigkeit Gottes teilhaben lässt. Die Armut Christi ist der größte Reichtum: Jesus ist reich durch sein grenzenloses Vertrauen auf Gott den Vater, dadurch, dass er sich in jedem Moment ihm anvertraut und dabei stets und ausschließlich seinen Willen und seine Ehre im Sinn hat. Er ist reich, wie es ein Kind ist, das sich geliebt fühlt und seine Eltern liebt und keinen Augenblick an ihrer Liebe und Zuwendung zweifelt. Der Reichtum Jesu ist seine Sohnschaft, seine einzigartige Beziehung zum Vater stellt das unumschränkte Vorrecht dieses armen Messias dar. Wenn Jesus uns dazu aufruft, sein „leichtes Joch“ auf uns zu nehmen, dann fordert er uns damit auf, uns mit dieser seiner „reichen Armut“ und seinem „armen Reichtum“ zu bereichern, seinen Geist der Sohnschaft und der Brüderlichkeit mit ihm zu teilen, Söhne und Töchter im Sohn, Brüder und Schwestern im erstgeborenen Bruder zu werden (vgl. Röm 8,29).

Nach Léon Bloy gibt es nur eine einzige wahre Traurigkeit: kein Heiliger zu sein. Wir könnten auch sagen, dass es nur ein einziges wahres Elend gibt: nicht als Kinder Gottes und als Brüder und Schwestern Christi zu leben.

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Eine gesegnete Woche für alle Leser, in Wahrheit und Liebe!

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