DARUM IST ER HEILIG (2) – Johannes Paul II.

Im ersten Teil dieses Beitrags haben wir den Menschen Karol Wojtyla und seine herausragenden Eigenschaften – aus Sicht des Postulators im Heiligsprechungsprozess –  kennengelernt. Die folgenden Abschnitte versuchen die spirituellen Wurzeln und den Mystiker Wojtyla vorzustellen. Gleich zu Beginn des dritten Kapitels seines Buches „Darum ist er heilig“ verweist Slawomir Oder auf ein intimes Geständnis von Johannes Paul II.:

Sie versuchen, mich von außen zu verstehen. Aber ich kann nur von innen her verstanden werden.“ (S. 128)

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DER BETENDE WOJTYLA

„Das Leben von Johannes Paul II. war eine bewundernswerte Synthese von Gebet und Tätigkeit. Das Gebet war die Quelle seiner Aktivitäten.  Eine Person aus seinem inneren Bekanntenkreis gibt an, dass Johannes Paul II. sich bewusst war, dass „die erste Aufgabe des Papstes für die Kirche und die Welt das Gebet ist“ und dass „aus dem Gebet seine Fähigkeit kam, die Wahrheit ohne Angst zu sagen, weil derjenige, der vor Gott allein ist, keine Angst vor den Menschen hat“.

In allen schwierigen Situationen seines Pontifikats, oder gerade in besonders kritischen historischen Momenten, widmete sich Papst Johannes Paul II. dem Gebet, um die richtige Entscheidung zu treffen. Seine Mitarbeiter erinnern sich, wie er sie nach möglichen Vorschlägen zur Lösung eines Problems fragte und sie dann, als sie keine Ideen hatten, fröhlich und vertrauensvoll ermutigte: „Wir werden die Lösung finden, wenn wir mehr gebetet haben.“

Eines Abends, während der Vorbereitung der Enzyklika Evangelium Vitae, die am 25. März 1995 erschien, gab es eine lebendige Diskussion unter den Gästen, von denen jeder seinen Standpunkt verteidigte. Der Papst hörte den Rednern mit großer Geduld und Verständnis für fast 2 Stunden zu, dann sagte er: „Gut, gehen sie jetzt nachhause, ich werde beten. Morgen werde ich Ihnen die Antwort geben.“

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Johannes Paul II als BETER

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„Wenn der Heilige Vater in die Sakristei hereinkam“, erinnert sich einer der Zeremonienmeister, „kniete er nieder oder in den letzten Jahren des Pontifikats saß er auf dem Stuhl und betete in der Stille. Das Gebet dauerte 10, 15, manchmal sogar 20 Minuten und man hatte den Eindruck, dass er nicht anwesend war unter uns. Irgendwann erhob er seine rechte Hand, dann näherten wir uns ihm, um in anzukleiden, in völliger Stille. Ich bin überzeugt, dass sich Johannes Paul II., bevor er sich an die Menschen richtete, zuallererst an Gott wandte, oder besser – mit Gott sprach. Bevor er Gott vertrat, bat er ihn, seine lebendige Verkörperung vor den Menschen sein zu dürfen. Das Gleiche passierte nach der Zeremonie: sobald die sakralen Gewänder abgelegt worden waren, kniete er in der Sakristei nieder und begann zu beten.“ (S.142)

Ein anderer Zeuge erzählt: „Ich kam zu dem Ergebnis, dass er das eucharistische Geheimnis, dass er feierte, in einer ungewöhnlichen Weise wahrnahm. Ich war besonders davon berührt, wie er das eucharistische Gebet nach der Konsekration sprach: wie er die ganze Kirche und die Welt auf seinen Schultern trug.“ (S.143)

Schon zu der Zeit, als Karol Wojtyla in der Pfarre Niegowic arbeitete, erzählten die Bewohner des Dorfes einander, dass der junge Priester viele Nächte vor dem Allerheiligsten verbringe, und so begannen sie, seine nächtlichen Anbetungen zu beobachten; oft sahen sie ihn, wie er auf dem kalten Fußboden lag. (S.144)

Einer der polnischen Freunde, der in Rom arbeitete, musste den kalten Marmorboden der Privatkapelle des Papstes im Vatikan mit einer hölzernen Plattform bedecken, weil der Heilige Vater viele Stunden in der Kapelle verbrachte, auf dem Boden liegend mit ausgestreckten Armen, die das Zeichen des Kreuzes formten. (S.145)

Ein muslimischer Botschafter im Vatikan vertraute während eines Abschiedsbesuchs einem vatikanischen Freund an: ‚Exzellenz, was mich in den vergangenen drei Jahren, die ich mit euch verbracht habe, am meisten beeindruckt hat, ist nicht eure geopolitische Vision, sondern wie der Papst während der öffentlichen Feierlichkeiten betet.‘“ (S.143)

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KAROL WOJTYLAS BESONDERE ZUGEHÖRIGKEIT ZU MARIA

Man darf annehmen, dass Johannes Paul II. eine außergewöhnliche Gabe besaß, übernatürliche Dinge wahrzunehmen. Eines der Mitglieder aus seinem engsten Kreis fragte ihn bei einem Gespräch über Marienerscheinungen, ob er die Jungfrau Maria je persönlich gesehen habe. Der Papst antwortete: „Nein, ich habe Maria nicht gesehen, aber ich höre sie.“

Vom Jahr 1933 an war er in einer Gruppe von Kandidaten für den Marianischen Jugendverband, bei dem er 1935 im Alter von 15 Jahren schließlich angenommen wurde. Anschließend wurde er zum Präsidenten des Marianischen Jugendverbandes im Gymnasium in Wadowice gewählt.

Von diesem Zeitpunkt an machte Wojtyla seine Zugehörigkeit zu Maria deutlich, zum Beispiel hatte er die Angewohnheit, während des Tages den Rosenkranz um die Hand gewickelt zu tragen, abends zog er ihn dann ab und legte ihn auf die Kommode neben dem Bett. 1958 wählte Karol Wojtyla anläßlich seiner Ernennung zum Weihbischof von Krakau „Totus Tuus“ zu seinem bischöflichen Motto. Von Jugend an trug Wojtyla um den Hals das Skapulier, das er nach dem Attentat 1981 nicht einmal im Operationssaal ablegen wollte.

Seine Verbundenheit mit Maria inspirierte ihn auch dazu, während der Feier der Unbefleckten Empfängnis im Jahr 1981 an der Wand des apostolischen Palastes ein Mosaik anbringen zu lassen, das Maria, die Mater Ecclesiae (Mutter der Kirche), darstellt, die sich hinauslehnt in Richtung Petersplatz – so kann man unter den vielen Figuren der Apostel und Heiligen, die seit Jahrhunderten die Vatikanische Basilika schmücken, endlich auch die Gottesmutter finden.

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MARIA Gospa Medjugorje

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Die Intensität und Konzentration, mit der Johannes Paul II. sich an Maria wandte, verliehen dem Papst in den Augen von jedem, der ihn dabei sah, eine fast übernatürliche Aura. Einer seiner Gäste während der Sommerferien in Castel Gandolfo sagt, dass, nachdem er mit dem Papst den üblichen Rosenkranz im Garten gebetet hatte, „Johannes Paul II. zur Marienstatue von Lourdes ging und mich bat, ihn allein zu lassen. Ich tat es, aber ohne ihn aus den Augen zu verlieren. Er zog sich für einen mindestens halbstündiges Gebet zurück, und man konnte den Eindruck gewinnen, dass seine Gestalt sich physisch veränderte.“

Obwohl Johannes Paul II. seinen Standpunkt zu den Marienerscheinungen in Medjugorje offiziell nie präsentierte, versteckte der Papst im Privatleben seine Anschauung nicht. Dem Erzbischof von Florianopolis (Brasilien), M. S. Ramos Krieger, der zum vierten Mal für eine Wallfahrt zum Heiligtum der Königin des Friedens ging, sagte er: „Medjugorje ist das spirituelle Zentrum der Welt!

Im Jahre 1987 vertraute Johannes Paul II. während eines kurzen Gesprächs einem der Seher, Mirjana Dragicevic, an: „Wenn ich nicht der Papst wäre, wäre ich schon in Medjugorje, um dort die Beichte zu hören.“ Dieser Vorsatz wurde von Kardinal Frantisek Tomasek, dem emeritierten Erzbischof von Prag, bestätigt, der den Heiligen Vater ebenfalls sagen hörte, dass er, wenn er nicht Papst wäre, nach Medjugorje fahren würde, um seine Hilfe bei der Betreuung der Pilger anzubieten.

Schon im Jahr 1984 gab Johannes Paul II. dem slowakischen Erzbischof Pavel Hnilicka folgenden Auftrag: „Geh inkognito dorthin und nach der Rückkehr sag mir alles, was du gesehen hast.“ Anschließend führte er ihn zu seiner Privatbibliothek und zeigte ihm das Buch von Pater René Laurentin, in dem einige Botschaften der Königin des Friedens zitiert werden, und sagte dann: „Medjugorje ist die Fortsetzung von Fatima, es ist die Realisierung von Fatima.“ (S.156-161)

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Johannes Paul II mit Mutter Teresa

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DER KREUZWEG WOJTYLAS

Erwiesenermaßen ist uns kein Papst bekannt, der auch nur annähernd mit der intensiven Reisetätigkeit von Johannes Paul II. mithalten könnte. Von den vielen Reisen werden entsprechende Begebenheiten berichtet, die aufzuzählen diesen Rahmen weit sprengen würde. Stellvertretend sei folgendes Beispiel aus der Chronik Slawomir Oders zitiert:

„Besonders berührend war die letzte Feier des Fronleichnamsfestes (Corpus Domini), das der Heilige Vater im Jahr 2004 beging. Der Papst konnte sich nicht mehr aus eigener Kraft bewegen und sein Rollstuhl wurde auf einer speziellen Plattform des Autos, das für den Umzug vorbereitet war, befestigt. Vor ihm auf dem Betschemel stand die Monstranz mit dem heiligsten Sakrament. Kurz nach dem Start der Prozession bat Johannes Paul II. den Zeremonienmeister, ihm beim Niederknien zu helfen, was dieser aber vorsichtig ablehnte, da es zu riskant sei angesichts des unebenen Weges, der leicht den Verlust der Stabilität des Fahrzeugs verursachen könne. Nach ein paar Minuten wiederholte der Papst: „Ich möchte niederknien.“ Als Reaktion darauf wurde ihm vorgeschlagen, zu warten, bis der Straßenbelag in einem besseren Zustand sei. Einige Zeit später sagte der Heilige Vater sehr bestimmt, sogar fast schon aufschreiend: „Hier ist Jesus. Bitte.“ Es war nicht möglich, im weiterhin zu widersprechen, und zwei Zeremoniare setzten ihn auf den Betschemel. Da er aber nicht in der Lage war, das Gleichgewicht zu halten, versuchte der Papst, sich am Rand des Beetschemel festzuhalten, so dass er schnell wieder in den Rollstuhl zurückgesetzt werden musste. Es war eine große Demonstration des Glaubens: selbst als er keine Kontrolle mehr über seinen Körper hatte, blieb sein Glaube unverändert.“ (S.146)

Es gibt wohl kaum jemanden, den das schwere Leiden von Papst Johannes Paul II. in seinem letzten Lebensabschnitt nicht beschäftigt hätte. Wer das abschließende Zitat liest, versteht noch mehr, welch herausragende Dimension der Kreuzweg im Leben und im Gebet Wojtylas einnahm.

„In Zeiten des Leidens, zum Beispiel in der Zeit nach der Operation, sagte er: „Man muss die Menge des Leidens, das Jesus Christus erlebt hat, ausgleichen.“ Das Gleiche wiederholte er während sehr schwerer Momente seiner Krankheit, wenn er Durst hatte, aber man nichts zu trinken geben konnte.

Der Kalvarienberg Christi, in dessen Licht er sein Leiden interpretierte, wurde vom Papst symbolisch an jedem Freitag durch die Praxis der Via Crucis, das Gehen des Kreuzweges, erneuert. Im Vatikan betete der Heilige Vater ihn in seiner Privatkapelle oder auf der Terrasse, die sich oberhalb der päpstlichen Wohnung befindet und dadurch in eine wirkliche Kapelle unter freiem Himmel, geschmückt mit vielen Pflanzen, verwandelt wurde.

In der Kapelle im Castel Gandolfo war kein Kreuzweg, also ging der Papst in den Sommerferien heimlich jeden Freitag, um zu beten, vor den 14 Lithographien mit der Darstellung der Via Crucis entlang, die er per Zufall in dem meist unbenutzten Flur neben dem Esszimmer entdeckt hatte.

Während einer Pastoralreise bemerkte eine der Personen, die ihn begleitete, wie sehr der Papst dieser religiösen Praxis treu war. „Wir flogen in einem Hubschrauber von Jerusalem nach Galiläa, und es war Freitag. Ich bemerkte, dass der Papst nicht durch Fenster schaute, aber in seiner Hand ein Buch ohne Deckel hielt. Er las davon eine Seite und fing an zu beten, dann las er die nächste Seite und wieder betete er. Ich schaute ihn an und erkannte, dass er den Kreuzweg betete, weil an diesem Tag ein sehr dichtes Programm auf ihn wartete und er fürchtete, dass er nicht in der üblichen Weise in der Kapelle dazukommen könne.“

Er blieb diesem Gebet bis zum Ende treu. Am Tag vor seinem Tod, dem 1. April 2005, versuchte er um 10:00 Uhr morgens herum, den Menschen, die neben seinem Bett standen, etwas zu sagen, aber sie konnten nichts verstehen. Das sehr hohe Fieber und große Atemprobleme waren die Ursache dafür, dass er kein einziges Wort mehr aussprechen konnte. Man gab ihm also ein Blatt Papier und einen Bleistift und der Papst schrieb, dass Freitag sei, weshalb er den Kreuzweg beten wolle. Eine der Schwestern begann vorzulesen, und er machte, nicht ohne Anstrengung, das Zeichen des Kreuzes, sobald eine weitere Station begann.“ (S.166)

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Johanness Paul II und Johannes XXIII - Heiligsprechung

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Schon die Studienkollegen des künftigen Papstes hatten ihm an seine Tür die Worte ‚Zukünftiger Heiliger’ geschrieben. Von seinem Vater und von dem Erzbischof, der ihn ins Priesterseminar aufnahm, hat Wojtyla einen marianisch gefärbten, „einfachen Volksglauben“ übernommen, und hier liegt auch eine starke Ähnlichkeit zu seinem Mit-Heiligen Johannes XXIII. Wie der Italiener Roncalli hat auch der Pole Wojtyla Einfachheit und Zugehen auf die Menschen mit einem gerüttelt Maß Hartnäckigkeit verbunden:

„Er brauchte die Menschen, die lebendige, einfache Kirche, aus dieser Art des Glaubens bezog er seine Kraft. Und seine mystische Tiefe brachte Johannes Paul II. dazu, das Geheimnis Gottes nahezu am eigenen Leib zu durchleben. Hier ist das Herz seiner Heiligkeit. Wenn wir einen Heiligen definieren sollten, dann würden wir wohl sagen: ein Mann Gottes. Johannes Paul II. war ein Mann, der in Gott die Quelle des Lebens zu finden wusste. Das Gebet war für ihn wie atmen, Wasser trinken, das tägliche Brot.“ (Radio Vatikan)

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Im >>> 1. Teil geht es um die tätige und spirituelle Liebe des Menschen und Papstes Johannes Paul II.

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Zitate aus: „Darum ist er heilig“, Slawomir Oder, Fe-medienverlags GmbH Kißlegg, 2014

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Gewidmet P. Johannes Paul OCist (Stift Heiligenkreuz), der den Aufruf von Johannes Paul II. „nicht in Mittelmäßigkeit zu verharren und Christus zu folgen“ lebt.

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