Maria ohne Sünde

Ich gestehe, dem Katechismus der katholischen Kirche gegenüber nicht immer sehr wohlwollend eingestellt gewesen zu sein. Der handlichen kleinen Ausgabe gegenüber, dem Kompendium, schon, aber der „große Staubfänger“? Diese Einleitung lässt vermuten, dass sich meine Einstellung geändert hat. So ist es, denn mein aktualisiertes Motto lautet: In der Not frisst der Teufel viele Fliegen und der Katechismus alle Zweifel.

Nun war es wieder so weit, als ein ungehaltener Leser und Kommentarschreiber aus seinen Ansichten keinen Hehl machte, und ich dachte mir: Wenn die Lehre unserer Kirche in Frage gestellt wird, dann nichts wie her mit dem großen Katechismus! Und tatsächlich: Nicht nur den Zweifeln von unwirschen Lesern ist beizukommen, sondern man erhält auch noch wunderbare Einblicke in die Theologie der Kirchenväter…

„Maria ohne Sünde: Hören Sie auf, die Menschen in die Irre zu führen! Jesus ist der einzige Mensch ohne Sünde! Verweisen Sie Katholiken auf das Wort Gottes und die Wahrheit wird Menschen frei machen!!“ hieß es plötzlich in der Kommentarbox auf der Blogseite, die >>> zu den Mariengebeten führt. Eigentlich habe ich das ja ganz gerne, diese Angriffe und Herausforderungen, schließlich sind wir alle aufgefordert, unseren Glauben immer genauer zu kennen, Stichwort Neuevangelisation.

Maria ohne Sünde – das war auch schon Thema unserer Familienrunde (monatliches Treffen befreundeter Familien zu christlichen Themen) und kein anderer als ich selber hatte das Thema eingebracht. Für „Verstandesmenschen“ ist diese Frage eine echte Herausforderung. Wie kann ein Mensch ein ganzes Leben ohne Sünde bleiben? Ist das nicht wieder eine typische Behauptung übermotivierter Marienverehrer?

In solchen Situationen ist es hilfreich, mit den Begrifflichkeiten zu beginnen. Was ist eigentlich eine Sünde? Ich überlasse es dem Leser, den Katechismus aus dem Regal zu ziehen, und versuche eine Antwort in einfachen Worten: Sünde ist immer dann gegeben, wenn der Mensch sich von Gott abwendet oder entfernt.

Diese These finde ich sehr hilfreich, weil sie so gut wie alles einschließt, was unsere Kirche als Sünde ansieht: Das Sich-Abwenden von Gott (Seinem Wort, Seinem Gesetz) und die Hinwendung zu Weltlichem (Begierden, Gegenständen, Haltungen, verletzenden Handlungen…, die ihre Ursache in dieser Welt haben). Das reicht vom Kleinsten (ein unfreundliches Wort im Alltag) bis zum Schrecklichsten (Mißhandlung und Tötung von Leben, bewußte Handlungen wider den Geist Gottes), und ist auf Verfehlungen in Gedanken, Worten und Werken anzuwenden. Mit dieser Definition komme ich (als Nicht-Theologe) eigentlich ganz gut durchs Leben.

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Madonna della Salute - Mailand

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Im siebten Absatz (ja, ich habe eine kleine Schwäche für heilige Zahlen) ist es nun wirklich an der Zeit, auf Maria zu sprechen zu kommen. Gibt es eigentlich einen Menschen (von Jesus abgesehen), der einem mehr ans Herz wachsen kann, als diese biblische Frau? Okay, wir wollen jetzt nicht sentimental werden, denn schließlich hat Glaube wenig mit Gefühlsüberschwang zu tun. Zur Abkühlung schlage ich den Katechismus der katholischen Kirche auf:

Im Glauben gehorchen [ob–audire] heißt, sich dem gehörten Wort in Freiheit unterwerfen, weil dessen Wahrheit von Gott, der Wahrheit selbst, verbürgt ist. Als das Vorbild dieses Gehorsams stellt die Heilige Schrift uns Abraham vor Augen. Die Jungfrau Maria verwirklicht ihn am vollkommensten (KKK 144). Wie man zu dieser Einschätzung kommt, wird wenige Zeilen weiter erläutert: Die Jungfrau Maria übt den vollkommensten Glaubensgehorsam. Da sie glaubte, daß für Gott „nichts unmöglich“ ist (Lk 1, 37) [Vgl. Gen 18, 14], nahm sie die vom Engel gebrachte Ankündigung und Verheißung im Glauben entgegen und gab ihre Einwilligung: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort“ (Lk 1, 38). Elisabet begrüßte sie: „Selig ist die, die geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“ (Lk 1, 45). Um dieses Glaubens willen werden alle Geschlechter sie seligpreisen [Vgl. Lk 1, 48] (KKK 148).

„Um dieses Glaubens willen werden sie alle Geschlechter selig preisen“. Wenn ich bis hierhin gelesen habe, sehe ich schon einen konkreten Widerspruch: Glaube und Sünde, diese beiden passen nicht zusammen, jedenfalls nicht dauerhaft. Was ich damit meine, ist die Erfahrung, dass gläubige Menschen sehr wohl Fehler begehen und vorübergehend sündhaft werden; wir können es auch eine zeitweise Abwendung von Gott nennen. Aber dann kommen einige der großen Geheimnisse des Glaubens ins Spiel: Gewissen, Reue, Versöhnung und Vergebung. Es würde jetzt zu weit führen, auf das reumütige Eingeständnis vor Gott und Seine Barmherzigkeit näher einzugehen. Aber festhalten wollen wir, dass jeder Mensch diesen gnadenreichen Prozess durchlaufen kann, und schließlich sündenfrei vor Gott steht.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde sich die Kirche bewußt, daß Maria, von Gott „mit Gnade erfüllt“ (Lk 1,28), schon bei ihrer Empfängnis erlöst worden ist (KKK 491) …daß sie „vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an im Glanz einer einzigartigen Heiligkeit“ erstrahlt, kommt ihr nur Christi wegen zu: Sie wurde im „Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabenere Weise erlöst“. Mehr als jede andere erschaffene Person hat der Vater sie „mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch [die] Gemeinschaft mit Christus im Himmel“ (Eph 1,3). Er hat sie erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit sie in Liebe heilig und untadelig vor ihm lebe [Vgl. Eph 1,4] (KKK 492).

„Damit sie in Liebe heilig und untadelig vor ihm lebe“. Maria ist also nicht nur ohne Erbsünde in diese Welt eingetreten, sondern sie wurde von Gott erwählt, ihr Leben in Liebe heilig und untadelig vor Ihm zu vollbringen. So ein Verhalten nennt man ein Leben in Ganzhingabe, und was anderes soll ich mir bei Maria vorstellen? Vielleicht eine Frau, die sexuell unglücklich an Scheidung denkt? Die wegen materiellen Beschränkungen und unattraktiven Urlauben beginnt, über ein anderes Leben nachzudenken? Die launisch und/oder mürrisch in den Tag geht, und ihre Nächsten nicht liebt? Die von der Zumutung Gottes spricht, ihr ein Kind untergejubelt zu haben? Das ist alles schlichtweg absurd, wenn man an ihre Liebe zu Josef denkt, ihre Wachsamkeit über das Wohlergehen Jesu, ihr Verhältnis zu Elisabet, ihr Verhalten gegenüber den Hochzeitsgästen zu Kana, ihr Verhältnis zu den Aposteln… Ehe, Kindererziehung, die Liebe zu Verwandten und zu den Menschen ganz allgemein: Alles ist durch Bibelstellen belegt, und alles ist untadelig sowie heilig.

Gehen wir es von der anderen Seite an. Kann es sein, dass Maria in ihrem gesamten Leben keine einzige Sünde begangen hat? Gut, diese Zuspitzung ist schon viel schwerer zu beantworten, und ist doch nichts anderes als eine Spitzfindigkeit. Glaube ich, dass Maria niemals auch nur einen missmutigen oder gar sündhaften Gedanken gehabt hat? Selbst wenn ich es nicht glaubte, hätte dies keine Bedeutung… Glaube ich, dass Maria nie auch nur ein unangemessenes Wort herausgerutscht ist? Selbst wenn ich es nicht glaubte, hätte dies keine Bedeutung… Glaube ich, dass Maria nie auch nur die kleinste sündige (gottabgewandte) Handlung gesetzt hat? Selbst wenn ich es nicht glaubte, hätte dies keine Bedeutung… Es hat nicht nur deshalb keine Bedeutung, weil ich kein göttlicher Richter bin. Es ist de facto und de jure bedeutungslos, weil die vollkommene Liebe Gottes sich nicht mit Nichtigkeiten befasst, dazu ist sie definitiv viel zu groß. Glaube ich andererseits, dass Jesus in all diesen konkreten Beispielen, also selbst in diesen Nichtigkeiten untadelig und heilig (als Mensch) war: Ja, ich glaube.

Aus diesem Versuch einer Antwort möchte ich zwei Dinge ableiten: (1) Ob Jesus und Maria in absolut gleicher Weise ohne Sünde geblieben sind, vermag ich nicht zu beurteilen; (2) wie meine Darlegung aber zeigt, ist es auch nicht wirklich von Bedeutung für den Glauben des Einzelnen. Jetzt denke ich, können wir die nächsten Zeilen des Katechismus ganz entspannt lesen und verinnerlichen: Die ostkirchlichen Väter nennen die Gottesmutter „die Ganzheilige“ [Panhagia]; sie preisen sie als „von jeder Sündenmakel frei, gewissermaßen vom Heiligen Geist gebildet und zu einer neuen Kreatur gemacht“. Durch die Gnade Gottes ist Maria während ihres ganzen Lebens frei von jeder persönlichen Sünde geblieben (KKK 493). Auf die Ankündigung, daß sie durch die Kraft des Heiligen Geistes den „Sohn des Höchsten“ gebären werde, ohne einen Mann zu erkennen [Vgl. Lk 1,28–37], antwortete Maria im „Gehorsam des Glaubens“ (Röm 1,5), in der Gewißheit, daß „für Gott nichts unmöglich“ ist: „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort“ (Lk 1,37–38). Indem Maria dem Worte Gottes ihre Zustimmung gab, wurde sie zur Mutter Jesu. Sie machte sich aus ganzem Herzen, ohne daß eine Sünde sie davon abgehalten hätte, den göttlichen Heilswillen zu eigen und gab sich ganz der Person und dem Werk ihres Sohnes hin, um mit der Gnade Gottes in Abhängigkeit vom Sohn und in Verbundenheit mit ihm dem Erlösungsgeheimnis zu dienen (KKK 494).

Ich hoffe sehr, nicht zuviel versprochen zu haben; für meinen Teil darf ich sagen, dass die zitierten Stellen aus dem großen Katechismus mir geholfen haben, dem Geheimnis Mariens ein Stückweit näher zu kommen. Weiter oben habe ich gefragt, ob es einen Menschen (von Jesus abgesehen) gibt, der einem mehr ans Herz wachsen kann als Maria: Für mich definitiv nicht. Danke, heilige Maria, Mutter Gottes, du bist mein größter Trost und höchster Zuspruch, Jesus Christus zu folgen.

Und ich frage mich ernsthaft, ob hier nicht ein Schlüssel zum Unglauben dieser herzlosen, unzärtlichen, materialistischen Welt von heute liegt. Maria ist eine unbeschreiblich herzliche, zärtliche, familienorientierte, hilfreiche, soziale und gottergebene Frau – oder noch etwas prägnanter formuliert: Maria ist für uns der heilige Mensch schlechthin.

Würden nur mehr Menschen (Männer und Frauen) den Glauben der Maria von Nazaret zum Vorbild nehmen, um Jesus nachzufolgen, wäre diese Welt auf dem Weg zum Himmel auf Erden!

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