Gastbeitrag von BETEN 2.0

Gastbeitrag Georg Schimmerl***

Beten ist erfüllend und ein zutiefst menschlicher Vollzug. Es ist aber immer auch Resultat einer Entscheidung gegen die natürliche Schwerkraft. Spontan haben wir meist keine Lust dazu. Mitunter scheint es uns nutzlos oder nicht authentisch. Zeit haben wir eigentlich nie. Auf jeden Fall nicht genug, um uns zu sammeln, um nicht einfach geistlos Formeln abzuspulen.

Vor einiger Zeit habe ich Romano Guardinis Vorschule des Betens gelesen. Guardini spricht sehr nüchtern vom Kampf gegen den natürlichen Widerwillen zu beten. Mir schien das anfangs etwas überzeichnet. Je mehr ich mich aber selbst beobachtete, stellte ich fest, wie gut Guardini das innere Leben kennt.

Zwei Punkte, die mir helfen

Zunächst eine Anleihe beim Theologen Guardini: Schon das Bemühen um Sammlung ist Gebet. Es mag ein Kampf und unter Umständen scheinbar erfolglos sein, aber es ist Gebet. Und genauso wichtig:

Die Sehnsucht danach, zu beten, die Sehnsucht, „beim Herrn zu sein“, ist schon Beten. Psalm 41 beispielsweise spricht davon: die Seele mag noch so aufgewühlt sein, doch die Sehnsucht und das Ausharren führen direkt zu Gott, auch jenseits aller widersprüchlichen Gefühle.

Und der zweite Punkt betrifft meine persönliche Erfahrung: es gibt ein Netz, das mich auffängt, und mir hilft, dran zu bleiben. Ich sage „mir“, denn nicht jeder findet Zugang dazu: Die Struktur des Stundengebets hilft mir, den Kampf mit den Schwerkräften aufzunehmen. Es ist wie ein Netz, das mich auffängt und zugleich mit anderen Betern verbindet.

Einmal den Psalmen auf den Geschmack gekommen, lassen sie einen nicht mehr so leicht los. Gerade sie helfen mir, mich zu sammeln… jedenfalls meistens: an den Bildern und längst vertrauten Themen entlang, wird der widerspenstige, zerstreute Geist langsam ruhig und still, wie ein „kleines Kind bei seiner Mutter“… selbst dann, wenn das Kind quengelt, ist es doch auf dem Schoß seiner Mutter.
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Stundenbuch
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Seit einiger Zeit gibt es, vermutlich wissen die meisten schon davon, sehr einfache Zugänge zum Stundengebet in beinahe allen Sprachen, (endlich auch auf Deutsch!) als Apps auf den verschiedenen Endgeräten. Einfach versuchen, und sich beharrlich herantasten mithilfe dieser alten Lieder. Es ist nicht so, dass die eingangs zitierte Schwerkraft verschwindet, aber die Psalmen sind starke Taue, an denen man sich anhalten, ja richtig festhalten kann.

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Georg Schimmerl betreibt das katholische Weblog BETEN 2.0 (www.beten20.com)

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Mehr zu ROMANO GUARDINI >>> liest du hier

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Romano Guardini wurde am 17. Februar 1885 in Verona geboren. Seine Mutter Paola Maria stammte aus dem Trentino, sein Vater Romano Tullo war Geflügelgroßhändler. Die beiden hatten neben Romano noch drei weitere Söhne. 1886 siedelte die Familie nach Mainz über, so dass Guardini dort zur Schule ging und 1903 am Humanistischen Gymnasium in Mainz die Reifeprüfung ablegte. Seit der Schulzeit war er mit Karl Neundörfer bis zu dessen Tod 1926 eng befreundet. Nachdem er zwei Semester Chemie in Tübingen und drei Semester Nationalökonomie in München und Berlin studiert hatte, entschied er sich, katholischer Priester zu werden.

Gemeinsam mit seinem Schulfreund Karl Neundörfer begann er schon damals eine eigene Gegensatzlehre zu entwickeln. Sein Theologiestudium absolvierte er in Freiburg im Breisgau und Tübingen. In Tübingen bildeten er und Neundörfer einen studentischen Zirkel, unter anderem mit Josef Weiger und Philipp Funk. 1910 erhielt er in Mainz die Priesterweihe, arbeitete kurze Zeit als Seelsorger, bevor er erneut nach Freiburg im Breisgau ging, um in Theologie bei Engelbert Krebs zu promovieren. 1915 erhielt er den Doktortitel mit einer Arbeit über Bonaventura. 1922 folgte dann – während er weiter in der Seelsorge vor allem für Jugendliche tätig war – die Habilitation für Dogmatik an der Universität Bonn, erneut mit einer Arbeit über Bonaventura. Er verbrachte einen Teil seiner Bonner Zeit im Herz-Jesu-Kloster in Bonn–Pützchen, in dem er als Hausgeistlicher tätig war.

Er arbeitete in der katholischen Jugendbewegung mit, ab 1916 im Mainzer Juventus, ab 1920 vor allem im Quickborn, deren geistliches Zentrum die Burg Rothenfels am Main war. Alsbald wurde er zum geistlichen Mentor der Quickborner. Von 1927 bis 1933 war er Mitglied der Bundesleitung, von 1927 bis zur Konfiszierung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1939 Burgleiter.

1923 wurde Guardini auf einen Lehrstuhl für katholische Weltanschauung an der Universität Breslau berufen. Unmittelbar nach seiner Berufung wurde er in Breslau dauerhaft beurlaubt und lehrte fortan als „ständiger Gast“ (so die offizielle Bezeichnung im Vorlesungsverzeichnis) katholische Weltanschauung an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Dort blieb er bis zur erzwungenen Emeritierung 1939 durch die Nationalsozialisten. 1935 hatte er sich in seiner Schrift Der Heiland offen gegen die von den nationalsozialistischen Deutschen Christen propagierte Mythisierung der Person des Jesus gewandt und dagegen die enge Verbundenheit von Christentum und „jüdischer Religion“ mit der Historizität Jesu begründet. 1943 bis 1945 zog er sich nach Mooshausen zurück, wo sein Freund Josef Weiger Pfarrer war und sich schon seit 1917 ein Freundeskreis gebildet hatte.

1945 wurde Guardini an die Philosophische Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen berufen und lehrte dort wieder über Religionsphilosophie und christliche Weltanschauung. 1948 folgte er schließlich einem Ruf der Ludwig-Maximilians-Universität nach München, wo er bis zur Emeritierung erneut Christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie lehrte. 1962 beendete Guardini die Vorlesungstätigkeit an der Universität München aus gesundheitlichen Gründen.

In seinen letzten Lebensjahren war der ohnehin von Schwermut geplagte Guardini häufig krank. Dadurch konnte er auch nicht wie vorgesehen als Theologe in der Liturgie-Kommission des Zweiten Vatikanischen Konzils eintreten.

Am 1. Oktober 1968 starb Romano Guardini in München. Er wurde auf dem Priesterfriedhof des Oratoriums des Hl. Philipp Neri in München (St. Laurentius) beigesetzt. 1997 wurde Guardinis Gebeine im Angedenken an seine Lehrtätigkeit an der Münchner Universität und seine Predigttätigkeit in die Münchner Stadt- und Universitätskirche St. Ludwig umgebettet. Die Zeremonie wurde durch Weihbischof Ernst Tewes geleitet. Den Nachlass verwaltet die von Guardini selbst mitbegründete Katholische Akademie in Bayern.

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Ein Gedanke zu “Gastbeitrag von BETEN 2.0

  1. Ich finde, das Stundengebet ist wirklich ein Schatz der katholischen Kirche – egal, ob einem die einzelnen Psalmen zusagen oder die Liedtexte, man übt einfach durch die ständige Wiederholung (und die Struktur hilft dabei) eine Haltung ein, die helfen und tragen kann. Bei meiner dementen Großmutter habe ich gesehen, dass ihr Texte, die sie vor langer Zeit gelernt und immer wiederholt hatte, präsent blieben, als sie sich schon fast nicht mehr äußern konnte. Ich stelle mir das sehr beruhigend vor, in einer solchen Situation noch Zugang zu so tiefsinnigen und oft so positiven, stärkenden Texten wie einigen Psalmen zu haben.

    ….ja, aber die menschliche Faulheit is hoit a Hund…:-)

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