Heiliges, ungeheiltes Land

Man muss den Bestsellerautor Frank Schätzing nicht mögen. Ein Nobelpreisträger für Literatur wird definitiv nicht aus ihm. Aber neben seiner „schreibenden Arbeitswut“ besitzt der Mann eine analytische Intelligenz. Über Israel und Palästina (Thema seines letzten Buches „Breaking News“) resümiert Schätzing gegenüber DOMRADIO wie folgt:

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Soldaten an der Mauer
Soldaten an der Mauer. Foto MOR / FLICKR

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Wenn Sie in ein Land wie Israel gehen, werden Sie schnell sehen, dass dieses Land in der Anfangszeit seines Bestehens eine verschworene Gemeinschaft war, die engstens zusammenhalten musste, weil sie von außen bedroht wurde. Es war eine Gesellschaft, die darauf eingerichtet war, jede dieser Bedrohungen zu parieren. Aus diesem bedrängten Volk von Selbstverteidigern ist ein Volk geworden, dass viele, viele Menschen in anderen Gebieten besetzt hat. Und es ist eine Besatzung, sagen wir es, wie es ist. Und wenn Sie plötzlich Besatzer werden, dann ändert sich Ihr komplettes Verhalten, Ihr komplettes Selbstbild, dann sind Sie gezwungen, einen Geheimdienststaat und eine repressive Armee aufzubauen, die Aufstände unterdrückt, die grausam wird. Und je länger ein solcher Zustand anhält, je mehr man sich damit arrangiert, je grausamer man zwangsweise sein muss, um diese unnatürliche Situation aufrecht zu erhalten, desto grausamer wird man auch zu sich selbst. Man verroht, ob man will oder nicht. Jede Armee, die das tut, verroht.

Und das sagen Ihnen auch viele Israelis, wenn Sie da sind – wir sind grausam zu uns selbst geworden. Unsere eigene Gesellschaft muss wieder heilen. Eine Gesellschaft mit unterschiedlichen Interessengruppen, wo die einen sagen, lass uns da raus gehen, die anderen aber sagen, nein, das ist Gottes Land, wir müssen hier siedeln, dieses Land ist im Innersten gespalten. Und das kumuliert dann letzten Endes in einem Ereignis wie die Ermordung des israelischen Premierministers Yitzak Rabins, der von einem Landsmann erschossen worden ist. Eine solche Gesellschaft ist grausam zu sich selbst. Und meine feste Überzeugung ist, weil das auch für die palästinensische Gesellschaft gilt: die Gesellschaften im Nahen Osten müssen erst einmal in sich heilen, bevor sie miteinander Frieden finden können.

Es sind nicht einfach zwei Kulturen oder Systeme, die sich im Nahen Osten gegenüberstehen. Vielmehr sind diese „Systeme“ in sich gespalten und verwundet. Alle Anstrengungen müssen weiterhin auf Frieden ausgerichtet sein, die inhärenten Schwierigkeiten jedoch bringt Schätzing auf den Punkt – ohne die eine oder andere Seite zu verurteilen.

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