Eretz Israel, Teil 2: Die ersten Israelis

„Israel hat eine relativ liberale Politik der Archivöffnung – nicht liberal genug für meinen Geschmack, aber liberaler als viele andere Länder – und so war es möglich, die Geschichte zu studieren. Davor hatten wir keine Geschichte, wir hatten Mythologie, Ideologie und Indoktrination. Geschichte ist in Israel immer noch Teil der Politik.“ Im Jahr 2008, zwanzig Jahre nach Veröffentlichung des Originals und zur 60. Wiederkehr der Staatsgründung Israels, ist das Buch „Die ersten Israelis“ des Historikers Tom Segev über die Anfänge des jüdischen Staates auf Deutsch erschienen. Segevs Buch zeigt, dass in der israelischen Gesellschaft eine Aufarbeitung der Mythen erfolgt, die mit der jüdischen Besiedelung Palästinas und der Staatsgründung Israels verbunden sind.

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Jerusalem - westliches Tal um 1900
Jerusalem – westliches Tal um 1890-1900

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Die ersten Israelis

Als Segev ab den 1950er Jahren in Jerusalem zur Schule ging, wurden unkritisch verschiedene Mythen um die Gründung des damals noch jungen Staates tradiert. Menschen aus Dutzenden Ländern und unterschiedlichen Kulturen hatten sich aus unterschiedlichen Motiven in Israel angesiedelt: Eine einigende Kraft war nötig, etwas, das diese Menschen gemeinsam entwickelten und das ihnen über die enormen Differenzen, Probleme und Bedrohungen hinweghelfen würde. Damit entzog man ihnen aber gleichzeitig eine Art demokratisches Recht, nämlich das Recht zu zweifeln, schreibt Tom Segev rückblickend.

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Jewish Refugees - Haifa, Palestine
Jüdische Siedler landen in Haifa (1920)

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Ein völlig neuer Blick

Dreißig Jahre nach der Gründung des Staates Israel wurden Ende der 1970er Jahre Archive geöffnet. Bis dahin nicht zugängliche Dokumente, Protokolle geheimer Sitzungen, Briefwechsel der Entscheidungsträger und persönliches, wie zum Beispiel die Tagebücher Ben Gurions, konnten ausgewertet werden. Tom Segev hatte als Historiker und Journalist der kritischen Zeitung „Ha’aretz“ sein Thema gefunden: „Über kein Ereignis wollte ich lieber schreiben, als über die Gründung des Staates Israel“ sagt er. Und Segev kam bei seinen Recherchen aus dem Staunen nicht heraus: Nie hatte er in der Schule gehört, dass Palästinenser aus ihren Häusern vertrieben worden waren, dass man sie daran hinderte, zurückzukehren.

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Palestine Arab Refugees
Palästinensische Flüchtlinge in Syrien halten eine Kundgebung (1929)

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So kam auch der Mythos von der gerechten Gesellschaft ins Wanken als Dokumente auftauchten, die die Diskriminierung der Einwanderer aus den afrikanischen Ländern belegten. Selbst die Vorstellung vom Friedenswillen der Israeli den kriegswütigen arabischen Nachbarn gegenüber erwies sich als Trugbild, etwa wenn sich Akten fanden in denen ein syrischer Präsident für den Abschluss eines Friedensvertrags bereit gewesen wäre, 250.000 palästinensische Flüchtlinge aufzunehmen. Es kam nicht dazu, denn der syrische Präsident wurde ermordet und Ben Gurion dachte, dass Israel auch so stark genug sei, die Syrer so zu besiegen.

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Nordafrikanische Siedler in Palästina
Nordafrikanische Siedler in Palästina (1925)

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Heimatlose Juden auf der King Carol
Heimatlose Juden auf der King Carol, die aufgrund des Quotensystems nicht einreisen können (1934)

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Ein europäisches Projekt

Die für die israelische Gesellschaft – und Tom Segev – schwer zu verkraftenden Erkenntnisse betrafen auch die Geschichte der Einwanderung. Die Zionisten hatten von einem Land ohne Volk gesprochen, das für ein Volk ohne Land zur Verfügung stünde. Nach der Staatsgründung sah man daher die Notwendigkeit, das Land möglichst schnell zu besiedeln – die erste Million jüdische Einwohner zu erreichen war der Traum. Schon wenige Tage nach der Staatsgründung 1948 wurden alle Einwanderungsbeschränkungen abgeschafft. Der Mossad warb in vielen Ländern – oft mit fragwürdigen Methoden, unter Druck und mit falschen Versprechungen – Juden für die Ausreise nach Israel an. So trafen in den ersten sechs Monaten 100.000 Immigranten ein, im Jahr 1949 waren es über 250.000.

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Jüdische Siedler in einem Lager nahe Jerusalem
Jüdische Siedler in einem Lager nahe Jerusalem (1938)

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Arabische Palästinenser
Arabische Palästinenser verbrennen jüdische Habe aus Protest gegen den Teilungsplan für Palästina (1947)

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Es gab nicht die Infrastruktur, um sie zu versorgen, nicht die Unterkünfte, um sie zu beherbergen. Viele – gerade die Einwanderer aus Nordafrika – lebten unter elenden Bedingungen, litten Hunger, hatten oft nicht einmal Zelte, es fehlte an medizinischer Versorgung und dem Nötigsten für den Aufbau eines neuen Lebens. „Es gab viel Fremdheit“, schreibt Segev, der israelische Traum war ein europäischer Traum. Leider waren die Juden, die nach Israel kommen hätten können, ermordet worden und so kamen Juden aus arabischen Ländern, die man früher so in der zionistischen Bewegung gar nicht wahrgenommen hat.“

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Mufti von Jerusalem, Sprecher der Araber
Mufti von Jerusalem, Sprecher der Araber (1937)

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Rabbi Isaac Hertzog of Dublin wird Oberrabiner
Rabbi Isaac Hertzog of Dublin wird Oberrabiner von Palästina (1937)

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Palästina-Konferenz in London
Palästina-Konferenz in London mit Premierminister Chamberlain (1939)

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Der gemeinsame Traum

Die objektiven Schwierigkeiten jedenfalls waren enorm und Segev beantwortet die Frage, warum es nicht zu einem andauernden Bürgerkrieg gekommen ist, mit dem gemeinsamen Traum, den die Einwanderer hatten: „Manchmal beneide ich sie darum“.

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ISRAEL IS BORN - The Palestine Post
ISRAEL IS BORN – The Palestine Post (1948)

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„Anwesend Abwesende“

Die Anfangs zurückhaltende Vergabe leerstehender palästinensischer Häuser oder Ansiedlungen an jüdische Einwanderer wurde bald von der Praxis überrollt. Obdachlose Neuankömmlinge nahmen sich, was sie fanden, oft in Konflikt mit den eigenen Leuten, die diese Häuser hätten bekommen sollen. Gesetze wurden unter Staatschef Ben Gurion erlassen, um die Enteignung von geflohenen Palästinensern rechtlich zu ermöglichen. Es stellte sich aber heraus, dass viele nicht außer Landes gegangen waren, sondern nur vorübergehend vor den Kämpfen des Unabhängigkeitskrieges in benachbarten Dörfern oder bei Verwandten Schutz gesucht hatten. Es handelte sich also, nicht wie im Gesetz definiert um „Abwesende“ – also ergänzte man die Enteignungsgesetze um den Begriff der anwesend Abwesenden die ebenfalls das Recht auf Haus und Hof verloren.

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 Jüdische Palästinenser in Tel Aviv jubeln
Jüdische Palästinenser in Tel Aviv jubeln nach dem UN-Teilungsbeschluss für Palästina (1947)

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Ben Gurion mit dem Dokument der Staatsgründung
Ben Gurion mit dem Dokument der Staatsgründung Israels (1948)

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Golda Meir
Golda Meir als einzige Frau der provisorischen Regierung des Staates Israel (1948)

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Stoff für Schulbücher

Tom Segev war in den 1980er Jahren einer der so genannter „Jungen Historiker“, die die wahre Geschichte der Anfänge Israels erforschten und beschrieben. Als 1984 sein Buch über „Die ersten Israelis“ zuerst in Hebräisch, dann auf Englisch herauskam, gab es einen Sturm der Entrüstung. Aber vieles, das damals empörte, wurde schon wenige Jahre später Stoff israelischer Schulbücher. Da viele der Geschichten von damals bis in die Gegenwart nachwirken, ist „Die ersten Israelis“ auch ein aktuelles Buch.

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Fotos Wiki Commons

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Um überhaupt verstehen zu können, auf „welchem Boden“ der heutige Nahostkonflikt ausgetragen wird, braucht es eine Kenntnis dessen, was historisch unter „Palästina“ und „Israel“ zu verstehen ist.

Der folgende >>> 3.Teil beschäftigt sich mit der Geschichte Palästinas. 

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2 Gedanken zu “Eretz Israel, Teil 2: Die ersten Israelis

  1. Sowohl der erste, wie auch zweite Teil beschreibt eindeutig die Lage im Nahen Osten. Denke ebenso das kommende Kapitel.
    Leider kennen zu wenig Deutsche die Geschichte und vorallem ziehen die richtigen Schlüsse daraus, um die Gegenwart zu bewältigen und die Zukunft besser zu gestalten. Und dennoch müssen die beiden Völker und Nationen lernen mit einander auszukommen und zu respektieren. Bei den einfachen Leuten klappt es in der Regel.

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