Eretz Israel, Teil 3: Die Geschichte Palästinas

Um verstehen zu können, auf welchem Boden der heutige Nahostkonflikt ausgetragen wird, braucht es eine Kenntnis dessen, was historisch unter „Palästina“ und „Israel“ zu verstehen ist. Der folgende 3. Teil beschäftigt sich mit der Geschichte Palästinas.

*

Palästinas wechselvolle Geschichte

Palästina (arabisch Falasṭīn, hebräisch Eretz Jisra’el „Land Israel“), auf manchen Karten auch Cisjordanien genannt, liegt an der südöstlichen Küste des Mittelmeeres und bezeichnet Teile der Gebiete des heutigen Israel und Jordanien, einschließlich des Golan, des Gazastreifens sowie des Westjordanlands. In historischen Zusammenhängen trägt das Land zudem verschiedene andere Namen wie Kanaan, Eretz Israel oder Heiliges Land; in altägyptischen Texten tritt es als Retenu oder Retinu auf. Für das Judentum, den Islam und das Christentum besitzt die Region eine besondere geschichtliche und religiöse Bedeutung.

*

Palästina - Karte 1020 v. Chr
Palästina 1020 v. Chr. : An der Küste das von Philistern besetzte Gebiet (grün) sowie das Reich Israel unter König Saul (rot).  –  Historische Karte, George Adam Smith, Atlas of the Historical Geography of the Holy Land

*

Die erste bekannte Schriftquelle für das Land und den Namen „Palästina“ ist die Septuaginta. Hier wird der Begriff als Ableitung von dem hebräischen Begriffs „Pleschet“ verwendet. Als Pleschet wurde ursprünglich nur die Küstenebene südlich von Joppe (dem späteren Jaffa – Tel Aviv), die vom Volk der Philister bewohnt wurde, bezeichnet.

*

Palästina - Karte 1000 v. Chr Königszeit
Karte 1000 v. Chr. zur Königszeit: Bezeichnet werden die Staaten um Israel, wie Aram, Baschan, Gelead, Ammon, Moab, Edon und Juda, sowie das Gebiet der Philister.  –   Karte von http://www.bibelwerk.de

*

Ein Teil des Seevolks der Philister ist vermutlich von Kreta oder der Ägäis zunächst an die Ostküste des Mittelmeeres gelangt, oder im Zusammenhang mit Eroberungen, die im 12. Jahrhundert v. Chr. Ägypten betrafen, nachdem es zuvor verschiedene Länder an der asiatischen Küste überfallen hatte. Als die Angriffe auf Ägypten abgewehrt wurden, ließen sich die Philister schließlich in der Küstenebene bei Gaza nieder. Nach ihnen wurde die Region etwa des heutigen Gazastreifens bis AshkalonPalastu(Philistäa) benannt, wie assyrische Texte des achten Jahrhunderts v. Chr. zeigen.

Um 1250 v. Chr. fielen die Israeliten, mit denen nach ägyptischer Inschrift der Pharao Merenptah gekämpft hat, unter Josua in Kanaan ein, eroberten Jericho und besiegten in der Schlacht bei Gibeon die fünf Stadtkönige von Jerusalem, Hebron, Jarmut, Lachisch und Eglon. Hierauf eroberten sich die Stämme (Ruben, Gad, halb Manasse blieben auf dem östlichen Jordanufer) in Einzelkämpfen ihre Gebiete; lange Zeit blieben noch Reste der alten Einwohner unter den Israeliten wohnen. Die Philister behaupteten nicht nur ihre Unabhängigkeit, sondern eroberten sich in den Zeiten der Spaltung der Israeliten einen großen Teil des Landes, und erst unter David wurde ihre Macht gebrochen und die Unterwerfung von ganz Palästina unter die Herrschaft der Israeliten vollendet, die sich im 10. Jahrhundert v. Chr. in die Reiche Juda und Israel teilten. (Quelle Meyers Großes Konversations-Lexikon)

*

Palästina - Karte 1100 v. Chr.: Die 12 Stämme
Palästina – Karte 11. Jahrhundert v. Chr.:   Die 12 Stämme.      Autor Janz – Wikimedia Commons

 *

Im Verlauf der geschichtlichen Entwickelung erlitt die alte Einteilung Palästinas bedeutende Abänderungen. Seit der Babylonischen Gefangenschaft verlor die Unterscheidung von zwölf Stammgebieten (siehe Karte oberhalb) ihre Bedeutung. Vielmehr zerfiel seit jener Zeit (siehe Karte unterhalb) der westliche, zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan gelegene Teil des Landes in die drei Distrikte Judäa, Samaria und Galiläa. Judäa, der südlichste und größte Teil des Westjordanlandes, zwischen dem Mittelmeer, dem unteren Jordan und dem Toten Meer, wurde zu Jesu Zeiten in das nördliche oder eigentliche Judäa und in das südliche Judäa oder Idumäa eingeteilt. Johannes Hyrkanos (135–106) hatte letzteres erobert, die Idumäer zur Annahme des Judentums gezwungen und die Länder zu einem Ganzen vereinigt. Mit Herodes dem Großen gelangte eine idumäische Dynastie zur Herrschaft. (Quelle ebendort)

*

Das biblische Palästina
Das biblische Palästina: Karte zur Zeit Christi mit den Orten der neutestamentlichen Offenbarung und betreffenden Bibelstellen     –     Quelle: classic.scriptures.lds.org

 *

Das gesamte Ostjordanland Palästinas bzw. Peräa zerfiel in die Provinzen: Trachonitis, die nördlichste, am Antilibanon und südwärts nach dem Gebirge Gilead zu, nebst Ituräa, Gaulonitis an der Ostküste des Sees Genezareth, Batanäa, südlich vom vorigen, und das eigentliche Peräa, die alten Stammgebiete von Gad und Ruben. (Quelle ebendort)

*

Palästina - Karte 400 v.Chr.  Pal I bis III - Dioecesis Orientis 400 v. Chr.
Altes Palästina – Karte 400 v.Chr.: Dioecesis Orientes, Palästina I, II und III  – Topographic Maps, Wikimedia Commons

*

Im Jahre 70 n. Chr. eroberten die Römer nach dreijährigem Kampfe Palästina, das nun, losgelöst von Syrien, eine römische Provinz unter dem Namen Judäa wurde. Im 4. Jahrhundert n. Chr. teilte man Palästina mit Zurechnung von Arabia peträa ein in: Palästina prima, Nordjudäa und Samaria umfassend, mit der Hauptstadt Cäsarea; Palästina secunda, das alte Galiläa mit der ganzen Umgegend des Sees Genezareth, sowohl an der Ost- als an der Westseite, und der Hauptstadt Skythopolis; Palästina tertia (P. salutaria), Südjudäa, Idumäa und das Peträische Arabien, mit der Hauptstadt Petra. Bei der Teilung des römischen Reiches (395) fiel Palästina dem morgenländischen Kaisertum zu und teilte das Schicksal des Osmanischen Reichs. (Quelle ebendort)

Der Name „Palästina“ wird schließlich im 20. Jahrhundert für das britische Völkerbundmandat für Palästina verwendet, das seinerseits in das kleinere Cisjordanien („Land diesseits des Jordanflusses“) vom Jordanfluss westwärts bis zum Mittelmeer und das größere Transjordanien („Land jenseits des Jordanflusses“) im Osten aufgeteilt war. Letzteres war bis 1950 die offizielle Staatsbezeichnung Jordaniens.

*

Palästinenser

Mit der Frage, wer eigentlich „Palästinenser“ ist, wird sich ein eigenes Kapitel beschäftigen. An dieser Stelle sollen nur einige wesentliche Stichworte zum Verständnis angeführt werden.

  • Das Adjektiv „palästinisch“ bezieht sich in der Regel auf das antike Palästina, so zum Beispiel der Begriff „palästinische Juden“. Das Wort „palästinensisch“ hingegen kam erst seit etwa Mitte der 1960er Jahre als Selbstbezeichnung der heutigen arabischen Bevölkerung von Ost-Jerusalem, Gazastreifen und Westjordanland in Gebrauch und verbreitete sich dann weltweit über die Medien.
  • Die Besatzung des Gazastreifens durch das arabische Ägypten und die Besetzung des Westjordanlandes durch das arabische Königreich Jordanien wechselten im Zuge des Sechstagekrieges von 1967 zu einer Besatzung der beiden palästinensischen Gebiete durch den (jüdischen) Staat Israel.
  • Erst durch diese politischen Entwicklungen und die Entstehung der PLO begannen die arabischen Bürger beider weiterhin besetzten Gebiete zunehmend Palästina und Palästinenser als Begriffe ihrer erhofften eigenständigen arabischen Nation zu propagieren (z. B. „palästinensischer Aufstand“, Intifada). Auch die Mehrheit der christlichen und muslimischen Araber, die in Israel wohnen, bezeichnen sich heute selbst als „Palästinenser“.

*

Islamische Expansion

Als im Zuge der islamischen Expansion die Region im Jahre 636 dem muslimischen Herrschaftsbereich eingegliedert wurde, teilten die neuen Herrscher das Land in „Djunds“ auf, die Militärdistrikte darstellten. Das Gebiet, das den wichtigsten Teil der römischen Provinz Judäa (Palästina Prima) bildete, erhielt den arabischen Namen „Djund Urdun“ (Jordanien) und „Djund Dimashq“ (Damaskus).

*

Nordafrika und Europa zwischen 600-750 n. Chr.
Nordafrika und Europa zwischen 600-750 n. Chr.: Islamische Expansion – University of Florida clas.ufl.edu

*

Die Region profitierte nun vom Handel des Reiches und von seiner religiösen Bedeutung während der ersten Kalifendynastie der Umayyaden von Damaskus, unter denen die arabischen Eroberungen ihren Höhepunkt erreichten. Nachdem die Abbasiden im Jahr 762 Bagdad zum politischen Zentrum gewählt hatten, nahm die Bedeutung Palästinas ab.

Über die arabischen Feldzüge berichten auf islamischer Seite unter anderem Baladhuri und Tabari detailliert, wobei ihre Schilderungen (etwa bzgl. Chronologie und Zahlenangaben) aber nicht immer zuverlässig sind und mit Vorsicht zu benutzen sind. Aus christlicher Sicht liegen nur verstreute Aussagen vor, die teilweise aber recht zeitnah zum Geschehen verfasst wurde und wichtige Informationen vermitteln. Dazu zählen etwa das armenische Geschichtswerk des Pseudo-Sebeos, das in der Forschung als zuverlässig gilt. Das folgende Zitat gibt Zeugnis nicht nur von der Grausamkeit muslimischer Feldzüge, sondern auch von Kriegen unter den arabischen Herrschern, hier am Beispiel von Muʿāwiya I., einem der bedeutendsten Herrscher der arabischen Geschichte:

Jetzt sandte Gott eine Unruhe in die Heere der Söhne Ismaels und ihre Einheit ging zu Bruche. Sie fingen an, sich gegenseitig zu be­kämpfen und teilten sich in vier Lager. Ein Teil, die in Richtung von Indien; ein Teil, die in Asorestan und im Norden saßen; ein Teil, die in Ägypten und in den Gegenden der T’etalk’; ein Teil im Gebiet der Araber in dem Ort namens Askarawn. Sie begannen, einander zu bekämpfen und sich in einer großen Schlächterei zu töten. Die in Ägypten und im Gebiet der Araber vereinigten sich; sie brachten ihren König um, plünderten die vielen Schätze und setzten einen anderen König ein. Dann begaben sie sich in ihre jeweiligen Gebiete. Der Fürst, der in der Gegend von Asorestan war, ihr Fürst Muawiya, war der Zweite nach ihrem König. Als er sah, was vorge­fallen war, sammelte er seine Mannen, zog selbst auch in die Wüste, schlug jenen anderen König, den sie eingesetzt hatten, führte Krieg mit seinem Heer im Gebiet der Araber, und fügte ihnen große Schlächterei zu. Er kehrte sehr siegreich nach Asorestan zurück. Aber das Heer, das in Ägypten war, vereinigte sich mit dem König der Griechen, machte einen Vertrag und schloß sich ihm an. Die ganze Menge der Mannen, etwa 15000, glaubte an Christus und wurde getauft. Das Blut der Schlächterei einer großen Menge floß dick zwischen den Heeren Ismaels. Der Krieg schwächte sie, als sie sich gegenseitig metzelten. Sie konnten keinen Augenblick dem Schwert und der Gefangenschaft und scharfen Schlachten zu See und zu Lande entsagen, bis Muawiya obsiegte und das Feld behauptete. Nachdem er sie unterworfen hatte, herrscht er über die Besitztümer der Söhne Ismaels und hält mit allen Frieden.”

Das Gebiet war wiederholt Schauplatz von Kämpfen und wurde von Seldschuken, Fatimiden und europäischen Kreuzfahrern beherrscht. Palästina profitierte jedoch auch von den Errungenschaften der muslimischen Welt, als diese ihr goldenes Zeitalter der Wissenschaft, Kunst, Philosophie und Literatur erlebte.

*

Europa - Karte 1090 n. Chr.: Machtverhältnisse in Europa und Vorderasien
Europa – Karte 1090 n. Chr.:   Machtverhältnisse in Europa und Vorderasien am Vorabend der Orient-Kreuzzüge    –     klett.de

 

*

Kreuzzüge

Die sich von 1096 bis 1204 hinziehenden vier Orient-Kreuzzüge waren strategisch, religiös und wirtschaftlich motivierte Kriege. Zum einen rief der geschwächte byzantinische Kaiser Alexios I. den Westen um Hilfe nach dem erfolgreichen Vordringen der türkischen Seldschuken. Diese hatten als neue Machthaber in Bagdad und als militärische Vormacht des Islam bedeutende Erfolge erzielt und im Jahre 1071 Jerusalem eingenommen, das bis dahin der Herrschaft der Kalifen von Kairo aus dem Fatimidenhause unterstanden war. Im folgenden Jahr fügte der Seldschukensultan Alp Arslan in der Schlacht bei Manzikert dem byzantinischen Heer unter Kaiser Romanos eine vernichtende Niederlage zu.

Papst Urban II., der sich in Mitteleuropa vielfältigen Konflikten ausgesetzt sah (u.a. Gegenpapst Clemens III.) und die gespannten Beziehungen zum byzantinischen Reich verbessern suchte, verfasste schließlich den bekannten Aufruf zum Kreuzzug. Die verbreitete Sichtweise, die den Kreuzzug als vom Papst bewusst geplantes Unternehmen mit weitreichenden politischen Zielen beschreibt, übersieht, dass die Kreuzzugsbewegung schon bald eine vom Papst kaum mehr kontrollierbare Eigendynamik entwickelte.

Es fällt auch auf, dass nur bestimmte Chronisten, die Zeugen seines Kreuzzugsaufrufes waren, Jerusalem als dessen Ziel anführen. Schenken wir der Version des Fulcher von Chartres (Teilnehmer des 1. Kreuzzuges und späterer Kanoniker der Grabeskirche in Jerusalem), so wurde die Stadt Jerusalem in der Rede von Urban II. mit keinem Wort erwähnt (Karl-Friedrich Krieger/ Kai Brodersen: Große Reden, Primus Verlag 2009). So ist nicht auszuschließen, dass die „Befreiung“ Jerusalems erst unter dem Eindruck einer zunehmenden Verselbständigung der Kreuzzugsbewegung zum primären Ziel der christlichen Heerfahrer ausersehen wurde; Papst Urban dürfte nichts anderes übrig geblieben sein, als dem Druck der „öffentlichen Meinung“ nachzugeben und diese Änderung des Ziels nachträglich zu autorisieren.

Unter großen Verlusten und in mehreren Anläufen drangen die Kreuzzügler weiter ins Heilige Land vor. Nachdem ein Kreuzfahrerheer unter der Führung von Raimund von Toulouse und Gottfried von Bouillon 1099 Jerusalem – einschließlich eines unentschuldbar grausamen Gemetzels unter den Muslimen und Juden der Stadt – erobert hatte, wurden in der Levante insgesamt vier Kreuzfahrerstaaten gegründet.

Während Graf Raimund von Toulouse im Bewusstsein, unter den anwesenden Rittern keine Mehrheit zu finden, mit der Bemerkung „er wolle nicht König sein, wo Christus gelebt habe“ die ihm angebotene Krone ablehnte, übernahm Gottfried von Bouillon die Herrschaft, aber nicht als König, sondern als „Vogt des Heiligen Grabes“ (advocatus sancti Sepulchri). Nachdem Graf Raimund abgezogen war, wurde das orthodoxe Patriarchat Jerusalem durch ein lateinisches ersetzt und der Normanne Arnulf, allerdings ohne Bischofsweihe, zum Patriarchen bestellt.

Infolge ihrer Bedrohung durch die muslimischen Anrainerstaaten wurden weitere Kreuzzüge durchgeführt, denen relativ wenig Erfolg beschieden war. Das Königreich Jerusalem erlitt 1187 in der Schlacht bei Hattin eine schwere Niederlage, in der die „fränkischen“ Streitkräfte fast völlig aufgerieben, und die überlebenden Ordensritter – als wichtigstes militärisches Potential des Königreichs – von Saladins Soldaten massakriert wurden. In den nächsten Monaten überrannte Saladin fast ohne Widerstand das gesamte Königreich, mit Ausnahme der Hafenstadt Tyrus, die durch den fähigen Neuankömmling Konrad von Montferrat verteidigt wurde. Am 2. Oktober 1187 kapitulierte auch Jerusalem, wo Saladin der Bevölkerung gegen entsprechende Zahlung freien Abzug gewährte.

*

Palästina - Karte 1100 n. Chr.: Kreuzfahrerstaaten
Palästina – Karte 1100 n. Chr.: Kreuzfahrerstaaten – Historiker M.M.Wolf

*

Kreuzfahrerstaaten

Das Königreich Jerusalem in der Region Palästinas bestand von 1099 bis 1291. Im Verlauf der Kreuzzüge am Ende des 11. Jahrhunderts wurden in Palästina vier christliche Kreuzfahrerstaaten (Outremer) errichtet, darunter im Jahr 1099 das Königreich Jerusalem unter Balduin von Flandern, der den Felsendom in ein christliches Heiligtum umwidmete und in der Al-Aksa-Moschee residierte. Diese besetzte Region nannten die Kreuzzügler „Heiliges Land“.

Die landwirtschaftliche Produktion wurde durch das dem feudalen System äquivalente muslimische System (Iqta) gesteuert, das von den Kreuzrittern nicht angetastet wurde. Während die Muslime in den Städten teils verfolgt wurden (in Jerusalem war ihnen der Aufenthalt sogar verboten), lebten sie auf dem Land nicht anders als zuvor auch. Der Rais, das Oberhaupt ihrer Gemeinschaft, war eine Art Vasall des lokalen (christlichen) Grundherrn, deren fast ständige Abwesenheit ihnen jedoch einen hohen Grad an Autonomie verschaffte. Er produzierte die Nahrungsmittel für die Kreuzritter, war aber, anders als in Europa, nicht verpflichtet, zum Militärdienst beizutragen. Im Ergebnis war die Armee des Landes eher klein und rekrutierte sich aus den europäischen Familien der Städte.

Die urbane Zusammensetzung des Landes, vereint mit der Anwesenheit der italienischen Händler, führte dazu, dass die Wirtschaft des Landes wesentlich stärker vom Handel als von der Landwirtschaft lebte. Palästina, ein Landstrich, in dem sich schon immer die Handelsrouten gekreuzt hatten, begann nun die Routen nach Europa für sich zu entdecken. Europäische Waren, unter anderem Textilien aus Nordeuropa, fanden ihren Weg nach Asien, während Güter des Orients nach Europa transportiert wurden. Die italienischen Seerepubliken machten nicht nur enorme Gewinne bei diesem Handel, sondern wurden bis in die Renaissance der späteren Jahrhunderte hinein von dem Kontakt beeinflusst.

Da die Adligen vorwiegend in Jerusalem wohnten, hatten sie einen wesentlich größeren Einfluss auf den König als in Europa. Die Bischöfe und der Hochadel bildeten die Haute Cour, eines der ersten Parlamente, dem die Wahl des neuen Königs, die Finanzausstattung des Herrschers und das Ausheben der Armee oblag.

Die Lebensweise der europäisch-stämmigen Bewohner von Outremer unterschied sich stark vom Leben in Europa. Sie war eher orientalisch geprägt. Europäer, die lange in der Levante gelebt hatten oder dort geboren waren, nahmen Bräuche und Lebensweise der Einheimischen an, was bei den kirchlichen Autoritäten und bei Neuankömmlingen aus Europa oft Unverständnis und Unmut erregte. Neben den in Europa unbekannten Gewürzen und kosmetischen Artikeln, den von der Kirche verpönten Bädern und einer gelasseneren Lebensweise gab es dank der kundigen muslimischen Ärzte auch eine bessere medizinische Versorgung.

*

Palästina - Karte 1100 n. Chr.: Kreuzfahrerstaaten
Palästina – Karte 1100 n. Chr.: Die vier Kreuzfahrerstaaten im „Heiligen Land“  – welfenburg.de

*

Als König Balduin II. erschöpft von pausenlosen Kriegszügen 1131 starb, war im Heiligen Land aus dem Nachwuchs der Kreuzritter und eingewanderten Siedlern ein neues Staatsvolk entstanden, das seine Heimat im Orient sah und ein eigenes Staatsgefühl entwickelte. Der Chronist Fulcher von Chartres beschrieb diese Wandlung 1127 in seiner Kreuzzugschronik mit den folgenden Sätzen:

„Die wir Abendländer waren, sind jetzt zu Orientalen geworden; wer Römer oder Franzose war, ist in diesem Lande zum Galiläer oder Palästinenser geworden; wer aus Reims oder Chartres stammte, wurde zum Tyrer oder Antiochener. Schon haben wir die Orte unserer Geburt vergessen; schon sind sie den meisten von uns unbekannte oder nie gehörte Namen. Schon besitzt der eine eigene Häuser und Diener wie aus väterlichem Erbrecht, andere freiten, aber nicht nur eine Landsmännin, sondern auch eine Syrerin oder Armenierin, bisweilen auch eine getaufte Sarazenin…wer ein Fremdling war ist jetzt gleichsam ein Eingeborener.“

Der Chronist nennt auch die Gründe, die das Leben im Heiligen Land für die „Franken“, wie alle Kreuzfahrer genannt wurden, attraktiv erscheinen ließ:

„Tagtäglich folgen uns unsere Angehörigen und Verwandten, die, ohne es gewollt zu haben, allen Besitz zurücklassen. Denn wer dort mittellos war, den hat Gott hier reich gemacht, wer wenig Geld hatte, besitzt hier zahllose Byzantiner (Goldmünzen) und wer kein Dorf besaß, dem gehört hier durch die Gabe Gottes eine ganze Stadt. Warum also sollte ins Abendland zurückkehren, wer hier einen solchen Orient fand?“

Viele „Franken“ schätzten die Annehmlichkeiten orientalischer Lebensformen und übernahmen sie. Von solchen „orientalisierten Franken“ berichtet der Emir von Šaizar, Us ā ma ibn Munqid:

„Es gibt unter den Franken einige, die sich im Lande angesiedelt und begonnen haben, auf vertrautem Fuße mit den Muslimen zu leben. Sie sind besser als die anderen, die gerade neu aus ihren Heimatländern gekommen sind, aber jene sind eine Ausnahme, und man kann sie nicht als Regel nehmen. Dann bringt er als Beispiel eine Episode aus Antiochia, die ihm ein Freund erzählte: Er sagte eines Tages zu meinem Gefährten: „Ein fränkischer Freund hat mich eingeladen. Komm doch mit dann siehst du ihre Gebräuche“. „Ich ging mit“, erzählte mein Freund, „und wir kamen zum Hause eines der alten Ritter, die mit dem ersten Zug der Franken gekommen waren. Er hatte sich von seinem Amt und Dienst zurückgezogen und lebte von den Einkünften seines Besitzes in Antiochia. Er ließ einen schönen Tisch bringen, mit ganz reinlichen und vorzüglichen Speisen. Als er sah, dass ich nicht zulangte, sagte er: ‚Iß getrost, denn ich esse nie von den Speisen der Franken, sondern habe ägyptische Köchinnen und esse nur was sie zubereiten…“

Wie bereits angeführt fügte Sultan Saladin (Salad ad-Di) den Kreuzrittern im Jahr 1187 in der Schlacht bei Hattin eine entscheidende Niederlage zu: Er besetzte Palästina und eroberte Jerusalem. Kirchen und Tempel wurden zum großen Teil in Moscheen umgewandelt, zu denen Christen und Juden allerdings Zutritt hatten. Die Kreuzritter mussten sich in das nördliche Palästina um Akkon zurückziehen, das schließlich nach einer Belagerung im Jahr 1291 als letzter christlicher Stützpunkt in Palästina verloren ging. In der Folgezeit beherrschten mamlukische Dynastien Palästina.

*

Osmanische Herrschaft

Die Mamluken zerstörten die von den Kreuzrittern in Syrien und Palästina gegründeten Staaten endgültig. Die osmanischen Türken besiegten die Mamluken 1516, Ägypten, Syrien und Palästina wurden für 400 Jahre in das Osmanische Reich eingegliedert. 1517 fiel auch das Kalifat an die Osmanen; sie stellten damit auch das religiöse Oberhaupt. Das Land war in verschiedene Bezirke unterteilt. Den christlichen und jüdischen Gemeinden wurde ein großes Maß an Autonomie zugebilligt. Während des 16. Jahrhunderts erlebte Palästina eine erneute Blüte bis zum Abstieg des Osmanischen Reiches im 17. Jahrhundert.

Während dieser Zeit der osmanischen Herrschaft war Palästina nur dünn bevölkert und stagnierte wirtschaftlich. Joseph Nasi, ein Berater des osmanischen Sultan Suleiman des Prächtigen setzte sich dafür ein, die Gegend um Tiberias ab 1561 mit europäischen Juden neu zu besiedeln; doch das Projekt gestaltete sich aus ökonomischen Gründen schwierig und scheiterte im Zuge der Türkenkriege vollständig. Am Anfang des 19. Jahrhunderts lebten zwischen 275.000 und 300.000 Menschen im Land. 90 % von ihnen waren muslimische Araber, 7.000 bis 10.000 Juden und 20.000 bis 30.000 christliche Araber. Zwischen 1831 und 1840 dehnte Muhammad Ali Pascha (türkisch Mehmed Ali), Vizekönig und Begründer des modernen Ägypten, seine Herrschaft über Syrien aus.

*

Besiedelungsprojekt für europäische Juden

1881, zu Beginn der jüdischen Einwanderung lebten 457.000 Menschen in Palästina. 400.000 waren Muslime, 13.000–20.000 Juden und 42.000 – meist griechisch-orthodoxe – Christen. Hinzu kamen einige tausend Juden, die zwar dauerhaft in Palästina lebten, aber keine osmanischen Bürger waren. Die im Lande wohnenden Juden (Jischuw), sowohl Sephardim als auch Aschkenasim, waren meist orthodox und recht arm; sie wurden von Glaubensgenossen aus dem Ausland unterstützt. Siedlungszentren waren die vier Städte Jerusalem, Hebron, Safed und Tiberias. Etwa ein Drittel der Bevölkerung lebte um diese Zeit in Städten. Jerusalem zählte 30.000 Einwohner (davon waren die Hälfte Juden), Gaza 19.000, Jaffa 10.000 und Haifa 6.000.

*

Palästina - 1881 Baron Edmond Rothschild
Zionismus – 1881:    Baron Edmond de Rothschild       –      Wikimedia Commons

 

*

Zionismus

Der Begriff „Zionismus“ wurde 1890 von dem Wiener Journalisten Nathan Birnbaum (1864-1937) geprägt. „Zion“ – die Bezeichnung eines Hügels im Süden der Altstadt Jerusalems – war im Verlauf von Jahrhunderten zum Synonym für das Areal des Tempelbergs und später für ganz Jerusalem und das Land Israel geworden. Die Sehnsucht nach Zion als dem Ursprung jüdischen Glaubens und Volkstums war den seit der Zerstörung des Zweiten jüdischen Tempels durch die Römer (70 n. Chr.) in alle Welt zerstreuten Juden gemeinsam. Sie wurde in Gebeten, Gesängen und Legenden lebendig gehalten und von Generation zu Generation weitergegeben. Es ist somit nicht verwunderlich, dass die sich Ende des 19. Jahrhunderts herausbildende jüdische Nationalbewegung die Renaissance des Judentums mit der „Rückkehr nach Zion“ verband.

Für die Errichtung eines geistig-kulturellen Zentrums in Palästina als Voraussetzung für die Wiedergeburt des Judentums setzte sich der Schriftsteller Achad Haam (Ascher Ginsberg, 1856-1927) ein. Sein Kulturzionismus bildet – ebenso wie die Haskalah und der Messianismus – einen Meilenstein auf dem Weg zum modernen jüdischen Nationalbewusstsein.

In den 1880er Jahren begann der französische Baron Edmond Rothschild sich für den aufkommenden Zionismus zu engagieren. 1882 erwarb er Grundstücke in Palästina und förderte die Gründung von Zichron Ja’akow und Rischon leTzion. 1889 übergab er 25.000 Hektar palästinensischen Agrarlandes samt den sich darauf befindenden Ansiedlungen an die Jewish Colonization Association. Zudem ermöglichte er russischen Juden, infolge des dortigen Antisemitismus und der auf die Ermordung des Zaren Alexander II. folgenden Pogrome nach Palästina umzusiedeln.

*

Der folgende 4.Teil beschäftigt sich mit der >>> Gründung des Staates Israel

***

2 Gedanken zu “Eretz Israel, Teil 3: Die Geschichte Palästinas

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s