Eretz Israel, Teil 4: Staatsgründung Israels

Wie im dritten Teil dieser Serie zu lesen war, gehen die neuzeitlichen Ideen der jüdischen Wiederbesiedelung Palästinas auf die zionistische Bewegung zurück.

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Theodor Herzl - in Basel
Theodor Herzl auf dem Balkon des Hotels Drei Könige in Basel 1901 – Foto Ephraim Moses Lilien

 

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Herzl und das Baseler Programm

Erst Theodor Herzl (1860-1904) gelang es, den auf Palästina gerichteten geistigen Bestrebungen und den zaghaften Migrationsimpulsen einen tragfähigen organisatorischen Rahmen zu verleihen. Herzl wuchs in Budapest in einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie auf. Er studierte in Wien Jura und war als Korrespondent der liberalen „Neuen Freien Presse“ tätig. Sein 1896 veröffentlichtes Manifest „Der Judenstaat“ wurde zum Programm des politischen Zionismus. Die 1897 durch ihn initiierte Gründung der Zionistischen Weltorganisation (ZWO) in Basel leitete eine neue Phase jüdischen Emanzipationsstrebens und nationaler Selbstbesinnung ein.

Das Baseler Programm – bis 1948 Leitlinie zionistischen Wirkens – verkündete als zentrales Ziel die „Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“. Verwirklicht werden sollte dieses durch die „Besiedlung Palästinas“ mit „lebenskräftigen, arbeitslustigen jungen Leuten, Handwerkern und Gewerbetreibenden“, die „durch Arbeit und Fleiß das verwüstete Land in ein Eden verwandeln“ (Alterspräsident Karl Lippe, Basel 1897). Es gehe um die Organisierung der Diaspora-Juden in Landesverbänden, die „Stärkung des jüdischen Volksgefühls und Volksbewusstseins“ sowie die politische Unterstützung seitens der Großmächte jener Zeit.

Die ZWO verstand sich als Nationalversammlung, in der alle Teile des jüdischen Volkes vertreten sein sollten. Zur Finanzierung des Landkaufs und der Besiedlung Palästinas gründete sie 1899 die Jüdische Kolonisationsbank, 1901 den Jüdischen Nationalfonds, 1908 die Gesellschaft zur Entwicklung Palästinas und 1921 den Jüdischen Stiftungsfonds.

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Familie aus Ramallah um 1900
Palästina – Zionisten sprachen von einem Land ohne Volk, das für ein Volk ohne Land zur Verfügung stünde? Im Bild eine arabisch-palästinensische Familie aus Ramallah um 1900 – Library of Congress ppmsca.13196

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„Zunächst schien Herzls Vision eines jüdischen Nationalstaates in weiter Ferne zu liegen. In den zur osmanischen Provinz Damaskus gehörenden Bezirken Akko, Nablus und Jerusalem, die dem späteren britischen Mandatsgebiet Palästina entsprachen, lebten 1882 unter 450.000 zumeist muslimischen, zum Teil auch christlichen Arabern etwa 24.000 Juden. Die lokale Wirtschaft wurde durch hohe Pachtzinsen bzw. Steuern niedergehalten. Traditionelle Sozialstrukturen und Lebensweisen dominierten, und die Analphabetenrate lag bei 90 Prozent. Der osmanische Sultan Abdul Hamid II. und seine Nachfolger lehnten das zionistische Projekt ab, und auch die europäischen Großmächte hielten sich zunächst zurück. Erfolglos sprach Herzl bei einflussreichen Politikern vor – darunter der deutsche Kaiser Wilhelm II., der italienische König Viktor Emanuel II. und Papst Pius X. Die große Mehrheit der europäischen Juden stand der zionistischen Idee zudem neutral oder ablehnend gegenüber“ (Deutsche Bundeszentrale für Politische Bildung).

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Jüdische Einwanderer im Hafen von Haifa 1948
Jüdische Einwanderer im Hafen von Haifa 1948 – Foto Dmitri Kessel Life Images

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Zweite Rückkehr ins gelobte Land

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besaßen viele Landbewohner Palästinas nicht mehr ihren eigenen Grund, sondern bestellten ihn als Pächter. Beinahe alle Großgrundbesitzer (Effendis) waren Stadtpatrizier, einige lebten außerhalb des Landes, unter anderem in Beirut, Damaskus und Paris.

Insbesondere die Arbeiterzionisten vertraten die Auffassung, das jüdische Volk müsse sich durch körperliche Arbeit und Urbarmachung des Bodens ein Recht auf Palästina erwerben. Arabische Lohnarbeit lehnten sie strikt ab.

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Palästina - 1930 Landwirtschaftliche Siedlungen -Kibbuzim
Palästina – 1930 Landwirtschaftliche Siedlungen -Kibbuzim bzw. Moshavim- in denen es kein Privateigentum gab – Copyright National Photo Collection Israel

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Die jüdische „Eroberung des Bodens, der Arbeit und des Marktes“ wurde zu einem zentralen Slogan der europäischen Migrantinnen und Migranten. Mit dieser Motivation gründeten sie landwirtschaftliche Kollektivsiedlungen (Kibbuzim und Moschavim), organisierten sie jüdische Arbeitskräfte in der Gewerkschaft Histadrut und riefen sie militärische Organisationen zum Schutz der neu angelegten Siedlungen ins Leben.

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Palästina - 1930 ArbeiterInnen auf dem Feld eines Kibbuz in der Negev Wüste
Palästina – 1930 ArbeiterInnen auf dem Feld eines Kibbuz in der Negev Wüste – Copyright National Photo Collection Israel

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„In den folgenden Jahrzehnten durchlief die Kibbuzbewegung einen erfolgreichen Prozess der Industrialisierung – noch heute produzieren die Kollektive etwa 30 Prozent aller Agrarprodukte (!) und 7 Prozent aller Industriegüter. Als engagierte Mitglieder der Arbeitspartei und der Gewerkschaft waren die Kibbuzniks eng in das von der Arbeiterbewegung geprägte politische Leben Israels einbezogen, waren im Parlament, in Regierung und Armee überproportional vertreten. Die Kollektivsiedlungen genossen hohes Ansehen“ (DIE ZEIT, 2009).

Nach Angaben der Jewish Colonization Association (1903) lebten im Jahre 1898 rund 5.200 Juden in Palästina in landwirtschaftlichen Kollektivsiedlungen. Die anschließende zweite Alija (Rückkehr von Juden ins Gelobte Land) erfolgte zwischen 1904 und 1914; bereits im Jahre 1909 wird mit Tel Aviv die erste moderne jüdische Stadt gegründet.

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Erster Weltkrieg und britisch-französische Interessen

Wegen des Anfang November 1914 erfolgten Eintrittes des Osmanischen Reichs in den Ersten Weltkrieg auf Seiten der Mittelmächte ging Großbritannien von der Politik ab, den Bestand des Osmanischen Reichs gegen die Expansionsversuche Russlands zu stützen. In der Hussein-McMahon-Korrespondenz, einem Briefwechsel 1915/1916 zwischen Hussein ibn Ali (Hedschas) und dem britischen Hochkommissar in Ägypten Henry McMahon, hatte die politische Zukunft der arabischen Länder des Nahen Ostens sowie das Bestreben Großbritanniens, eine arabische Revolte gegen die osmanische Herrschaft anzufachen zum Inhalt. McMahons Aussagen wurden von den Arabern als Zusage für eine arabische Unabhängigkeit gewertet.

1916 wurde im geheimen britisch-französischen Sykes-Picot-Abkommen eine Vereinbarung über die Aufteilung des Osmanischen Reichs in Interessensphären getroffen, welche 1918 von den siegreichen Bolschewiki publiziert wurde. Drei Tage später erschien der Inhalt des Abkommens auch in der britischen Tageszeitung The Guardian. Die Veröffentlichung löste große Verärgerung unter den Entente-Mächten und wachsendes Misstrauen bei den Arabern aus, wodurch die Arabische Revolte zusätzlich angestachelt wurde.

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Der britische Außenminister Arthur James Balfour Portrait und seine Erklärung
Der britische Außenminister Arthur James Balfour und seine Erklärung von 1917 – United States public domain

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Balfour-Deklaration

In der Balfour-Deklaration vom 2. November 1917 wurde das Wohlwollen der britischen Regierung für eine jüdische Heimstatt in Palästina erklärt, die als Quasi-Rechtsgrundlage des zionistischen Plans nach einer jüdischen Staatsgründung galt. Dabei sollten die Rechte bestehender nicht-jüdischer Gemeinschaften gewahrt bleiben. Palästina war zu diesem Zeitpunkt noch ein Teil des Osmanischen Reiches.

Israels Staatsgründung geht auf die Balfour-Deklaration von 1917 zurück. Darin versprach Arthur Balfour, der damalige Außenminister Großbritanniens, dem britischen Vertreter der Zionistischen Weltorganisation (WZO) Lord Lionel Walter Rothschild schriftlich, seine Regierung unterstütze die „Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“:

Mein lieber Lord Rothschild!
Zu meiner großen Genugtuung übermittle ich Ihnen namens Seiner Majestät Regierung die folgende Sympathie-Erklärung mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen, die vom Kabinett geprüft und gebilligt worden ist:
„Seiner Majestät Regierung betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei klar verstanden werde, dass nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen Lande beeinträchtigen könnte.“
Ich bitte Sie, diese Erklärung zur Kenntnis der Zionistischen Föderation zu bringen.
gez.: Arthur James Balfour
(Britisches Ministerium des Äußeren, 2. November 1917)

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Britisches Völkerbundmandat für Palästina (1922)

Nach Ende des Ersten Weltkriegs hatte der Vertrag von Versailles festgelegt, dass die Unabhängigkeit der ehemals unter osmanischer Herrschaft stehenden arabischen Länder anerkannt würde, wenn diese das „Mandat“ eines Staates akzeptieren würden.

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Palästina - Britisches Mandat 1922
Britisches Mandat für Palästina 1922- Grafik mythsandfacts.org

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Der Völkerbund übertrug Großbritannien am 24. Juli 1922 das Völkerbundsmandat für Palästina, das bis 1918 zum Osmanischen Reich gehört hatte. Seine Präambel enthielt die Balfour-Deklaration. Indem der Völkerbund diese ratifizierte, gab er ihr völkerrechtliche Verbindlichkeit. „In Anerkennung der historischen Verknüpfung des jüdischen Volkes mit Palästina“ sei Großbritannien nunmehr dafür verantwortlich,

„ …dass das Land unter solche politische, verwaltungsmäßige und wirtschaftliche Bedingungen gestellt wird, welche die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte und die Entwicklung von Selbstverwaltungsinstitutionen, sowie die Wahrung der bürgerlichen und religiösen Rechte aller Einwohner Palästinas, ohne Unterscheid der Rasse und Religion, sichern.“

Das britische Mandat umfasste Mesopotamien auf dem Gebiet des heutigen Irak sowie das Völkerbundmandat für Palästina, welches den südlichen Teil der osmanischen Provinz Syrien (Syrien, Palästina und Jordanien) umfasste. Frankreich wurde das Völkerbundmandat für Syrien und Libanon auf dem restlichen Gebiet des osmanischen Syriens (das heutige Syrien, den Libanon und Hatay) zugesprochen.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg verfolgten fünf europäische Großmächte ihre Interessen im Nahen Osten, teilweise auch gegeneinander; danach waren Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn dazu nicht mehr in der Lage. Nunmehr war der gesamte Nahe Osten für mehrere Jahrzehnte uneingeschränkt britisch-französisches Einflussgebiet.

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Palästina 1947 Partition Plan
Palästina-Karte: UN Teilungsplan von 1947 – Grafik mythsandfacts.org

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UN-Resolution 181 (1947)

Zur Lösung des jüdisch-arabischen Konflikts im britischen Mandatsgebiet Palästina schlug eine von den Vereinten Nationen ernannte Staatenkommission 1947 die Gründung zweier unabhängiger Staaten vor. Am 29. November 1947 nahm die für die völkerrechtliche Geltung nötige Zweidrittelmehrheit der Generalvollversammlung den UN-Teilungsplan für Palästina als Resolution 181 an. Der Plan sah einen israelischen und einen arabischen Staat in Palästina sowie einen exterritorialen, von der UNO verwalteten Bezirk um Jerusalem vor. Obwohl das Israel zugewiesene Staatsgebiet zum Großteil aus unfruchtbaren Wüstengegenden bestand, nahezu dreigeteilt war und Jerusalem nicht umfasste, stimmte die WZO dem Plan zu. Die arabischen Vertreter dagegen lehnten ihn ab und begannen schon Monate vor dem Beschluss mit bewaffneten Übergriffen auf jüdische Siedler.

Die Resolution enthielt keine Aussage über die nationale Identität der Palästinenser, da diese sich damals noch nicht als eigene Nation, sondern als Araber – meist Syrer – verstanden. Sie sprach von Israel als einem „jüdischen Staat“, erlaubte „substantielle jüdische Einwanderung“ und legte Grenzen, Gründungszeitraum, Wahl des Bürgerrechtes und sonstige Übergangsmodalitäten für beide Staaten fest. Sie gilt daher als rechtsgültige Grundlage für beider Existenzrecht und Basis für noch ausstehende Friedensverträge Israels mit einigen seiner arabischen und islamischen Nachbarstaaten.

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Palästina-Karte 1947-49: Ursprung des Nahostkonflikts
Palästina-Karte 1947-49: Ursprung des Nahostkonflikts – Linke Karte Passia; Mitte und rechts Philippe Rekacewicz – Le Monde Diplomatique – vox.com

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Der Teilungsplan und seine Folgen

In Palästina spitzte sich der jüdisch-arabische Konflikt zu, wobei beide Nationalbewegungen und ihre jeweiligen Militärorganisationen auch gegen die britische Mandatsmacht mobilmachten. Überfälle auf Einrichtungen der Mandatsbehörden waren an der Tagesordnung. Die britische Regierung sah sich außer Stande, das Mandat weiterhin auszuüben. Sie bat schließlich die Vereinten Nationen um Vermittlung. Vom 28. April bis 15. Mai 1947 befasste sich eine außerordentliche UN-Vollversammlung mit dem Palästinaproblem. Sie setzte einen Sonderausschuss (UNSCOP, United Nations Special Committee on Palestine) zur Prüfung der Situation und zur Erarbeitung von Lösungsvorschlägen ein. Den Anlass hierfür gaben nicht zuletzt viele tausende jüdische Überlebende der Schoah (hebr.; Katastrophe), die in Lagern für Displaced Persons (Abk. DP, engl.; verschleppte Personen) notdürftig untergebracht waren. Hinzu kamen der zunehmende Einwanderungsdruck seitens der Passagiere „illegaler“ Flüchtlingsschiffe und die militant artikulierten Unabhängigkeitsbestrebungen sowohl der arabischen als auch der jüdischen Bewohner Palästinas.

Nach dem Besuch eines DP-Camps in Europa und nach ausführlichen Befragungen in Palästina schlug der durch Repräsentanten von elf Staaten gebildete Ausschuss einstimmig vor, das britische Mandat zu beenden. Während sieben Vertreter für die Teilung Palästinas stimmten, sprachen sich die restlichen vier für einen binationalen Föderativstaat aus. Nach monatelanger Prüfung votierte die II. UN-Vollversammlung am 29. November 1947 mit 33 Für- und 13 Gegenstimmen bei zehn Enthaltungen für die Resolution 181 (II), nach der das Mandat Großbritanniens zum nächstmöglichen Zeitpunkt beendet und Palästina geteilt werden sollte. In dem circa 25.000 Quadratkilometer umfassenden Territorium mit einer Bevölkerung von 1,3 Millionen Arabern und 608.000 Juden sollten ein arabisch-palästinensischer und ein jüdischer Staat entstehen. Jerusalem – von zentraler Bedeutung für Juden, Christen und Muslime – war als neutrale Enklave gedacht. Das dreigeteilte Palästina sollte zu einer Wirtschaftsunion zusammengefasst werden.

Die Resolution enthielt keine Aussage über die nationale Identität der Palästinenser, da diese sich damals noch nicht als eigene Nation, sondern als Araber – meist Syrer – verstanden. Sie sprach von Israel als einem „jüdischen Staat“, erlaubte „substantielle jüdische Einwanderung“ und legte Grenzen, Gründungszeitraum, Wahl des Bürgerrechtes und sonstige Übergangsmodalitäten für beide Staaten fest. Obwohl nur teilweise verwirklicht, gilt die UN-Resolution bis heute als völkerrechtliche Legitimation sowohl des Staates Israel als auch des palästinensischen Rechtsanspruchs auf einen eigenen Staat.

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Demonstration polnischer Juden für freie Einwanderung in Eretz Israel
Demonstration polnischer Juden für freie Einwanderung in Eretz Israel 1932 – Simon Wiesenthal Center

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Weitere Einwanderungswellen

Mit der vierten Alija (1924 bis 1931) kamen weitere 80.000 Juden aus Polen und der Sowjetunion nach Palästina. Im Unterschied zu den vorangegangenen Einwanderungswellen waren sie in der Mehrheit Angehörige des Mittelstandes, die sich in den Städten niederließen und sich vorwiegend privatwirtschaftlichen Tätigkeiten widmeten. 1931 hatte sich die jüdische Bevölkerung Palästinas bereits auf 175.000 Personen erhöht.

Die fünfte Alija zwischen 1932 und 1938 umfasste circa 200.000 europäische Juden – darunter 70.000 aus dem deutschsprachigen Raum. Letztere, die sogenannten Jeckes, leisteten aufgrund ihres hohen Bildungsstandes und ihrer Berufserfahrung einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens sowie des Rechts- und Pressewesens im Jischuw (jüdische Bevölkerung in Palästina vor der Staatsgründung).

Wichtige Impulse für die Herausbildung eines jüdischen Nationalbewusstseins und einer neuen sozialen und kulturellen Identität gingen von der Verbreitung des modernen Hebräisch als Umgangs- und Schriftsprache aus. Ebenso spielten die Errichtung der Technischen Hochschule in Haifa (1912) und der Hebräischen Universität in Jerusalem (1925) sowie die Eröffnung des Nationaltheaters Ha-Bimah in Tel Aviv (1931) eine bedeutende Rolle. Bei der Staatsgründung 1948 zählte der Jischuw bereits 649.600 Menschen.

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Holocaust - Yad Vashem Archives
Holocaust – Yad Vashem Archives

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Holocaust

Nach Ende des zweiten Weltkriegs wurde der internationalen Öffentlichkeit das Ausmaß der deutsch-österreichischen Judenvernichtung immer deutlicher bewusst: Ein Drittel der jüdischen Weltbevölkerung waren durch die Nationalsozialisten und ihre Helfer ermordet worden. Hunderte jüdische Gemeinden waren ausgelöscht worden. Von den Überlebenden, die durch Europa irrten und eine neue Heimat suchten, wandten sich nicht wenige Palästina zu.

Die britische Mandatsmacht verweigerte ihnen jedoch weiterhin die Einwanderung. Internationales Aufsehen erregte 1947 die Tragödie des Flüchtlingsschiffes „Exodus“, das 4500 Passagiere an Bord hatte. Diese wurden von der britischen Flotte gezwungen, die Küste Palästinas wieder zu verlassen und nach Südfrankreich zurückzukehren, um schließlich nach Deutschland gebracht zu werden.

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 Israelis hissen erstmals ihre Flagge
New York 1948: Israelischer Außenminister und der erste Botschafter bei den UN hissen erstmals die israelische Flagge – Wikimedia Commons

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Staatsgründung Israels (1948)

Die israelische Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948 begründet Israels Staatsgründung mit der Entstehung des jüdischen Volkes im Land Israel und seiner dort geformten nationalen und religiösen Identität, die der Menschheit zugutegekommen sei (Art. 1), der in Zerstreuung und Exil (Diaspora) durchgehaltenen Hoffnung der Juden auf Rückkehr und Wiederherstellung ihrer politischen Freiheit dort (Art. 2), der Einwanderung (Alija) von Juden in Palästina, die das besiedelte Land kultiviert und zivilisiert hätten (Art. 3), der 1897 gegründeten Nationalbewegung des Zionismus, die das Recht der Juden auf ihr eigenes Land proklamiert habe (Art. 4), der Anerkennung dieses Rechtes in der Balfourerklärung von 1917 und dem Völkerbundmandat von 1922 (Art. 5), dem Holocaust, der die Dringlichkeit einer Heimat für verfolgte Juden weltweit gezeigt habe, so dass der jüdische Staat ihnen offenstehe (Art. 6), der nach 1945 gegen alle Widerstände fortgesetzten Einwanderung von Holocaustüberlebenden und anderen Juden nach Israel, die ihr Recht auf ein Leben in Würde, Freiheit und Bodenanteil dort bekräftigt habe (Art. 7), der Beteiligung und Todesopfer von palästinischen Juden im Kampf der freien Völker gegen den Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg, der ihr Recht auf Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen begründe (Art. 8).

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Flagge Israels*

Die Flagge Israels ist weiß mit einem blauen Davidstern in der Mitte, und zeigt oben und unten je einen blauen Streifen. Sie wurde von dem zionistischen Führer David Wolfsohn entworfen und erstmals am 21.07.1891 bei der Einweihung der Zion-Halle in Boston (USA) in der Öffentlichkeit gezeigt. Am 14. Mai 1948 wurde sie erstmals in Palästina gehisst, und am 12.09.1948 offiziell als Flagge des jüdischen Staates bestätigt. David Wolfsohn berichtet (The Jewish Virtual Library – A Division of the American-Israeli Cooperative Enterprise):

„Auf Geheiß unsres Anführers Herzl kam ich nach Basel, um Vorbereitungen für den Zionistischen Kongress zu treffen. Unter den vielen Problemen, die mich damals beschäftigten, war eines, das in gewisser Weise das Wesen des jüdischen Problems in sich barg: Welche Flagge würde in der Kongresshalle hängen? Da durchfuhr mich eine Idee: Wir haben eine Flagge – und die ist blau und weiß. Der Tallit, den wir um uns wickeln, wenn wir beten: das ist unser Symbol. Lass uns diesen Tallit hervornehmen und vor den Augen Israels und aller Völker entrollen! Also bestellte ich eine blauweiße Flagge, auf die der Davidstern gezeichnet wäre. Und so entstand die Nationalflagge, die über der Kongresshalle wehte.“

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Staatsgründung Israel 1948:  Ben Gurion
Staatsgründung Israel 1948: Ben Gurion – Wikimedia Commons

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Die Festlegung der Staatsgrenzen nach dem UN-Teilungsplan, die Ben Gurions Textentwurf enthielt, lehnte der Nationalrat mehrheitlich ab. Die Erklärung verpflichtet Israel jedoch auf die UN-Charta, die Menschenrechte, Frieden, Ausgleich und Zusammenarbeit mit allen seinen Nachbarn. Dieser Staat soll zur dauerhaften Sicherheit jüdischer Minderheiten in anderen Staaten und der jüdischen Bevölkerung im Land beitragen. Das Existenzrecht beinhaltet demnach für Israel Demokratie und nationale Selbstbestimmung im Rahmen des Völkerrechts, verstanden als Wahrung der aus der jüdischen Geschichte hervorgegangenen jüdischen Identität.

Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948

Im Land Israel entstand das jüdische Volk. Hier prägte sich sein geistiges, religiöses und politisches Wesen. Hier lebte es frei und unabhängig, Hier schuf es eine nationale und universelle Kultur und schenkte der Welt das Ewige Buch der Bücher.

Durch Gewalt vertrieben, blieb das jüdische Volk auch in der Verbannung seiner Heimat in Treue verbunden. Nie wich seine Hoffnung. Nie verstummte sein Gebet um Heimkehr und Freiheit.

Beseelt von der Kraft der Geschichte und der Überlieferung, suchten Juden aller Generationen in ihrem alten Lande wieder Fuß zu fassen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte kamen sie in großen Scharen. Pioniere, Verteidiger und Einwanderer, die trotz der Blockade den Weg in das Land unternahmen, erweckten Einöden zur Blüte, belebten aufs Neue die hebräische Sprache, bauten Dörfer und Städte und errichteten eine stets wachsende Gemeinschaft mit eigener Wirtschaft und Kultur, die nach Frieden strebte, aber sich auch zu schützen wusste, die allen im Lande die Segnungen des Fortschritts brachte und sich vollkommene Unabhängigkeit zum Ziel setzte.

Im Jahre 1897 trat der erste Zionistenkongress zusammen. Er folgte dem Rufe Dr. Theodor Herzels, dem Seher des jüdischen Staates, und verkündete das Recht des jüdischen Volkes auf nationale Erneuerung in seinem Lande. Dieses Recht wurde am 2. November 1917 in der Balfour-Deklaration anerkannt und auch durch das Völkerbundmandat bestätigt, das der historischen Verbindung des jüdischen Volkes mit dem Lande Israel und seinem Anspruch auf die Wiedererrichtung seiner nationalen Heimstätte internationale Geltung verschaffte.

Die Katastrophe, die in unserer Zeit über das jüdische Volk hereinbrach und in Europa Millionen von Juden vernichtete, bewies unwiderleglich aufs Neue, dass das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit durch die Wiederherstellung des jüdischen Staates im Lande Israel gelöst werden muss, in einem Staat, dessen Pforten jedem Juden offenstehen, und der dem jüdischen Volk den Rang einer gleichberechtigten Nation in der Völkerfamilie sichert.

Die Überlebenden des Holocaust in Europa sowie Juden anderer Länder scheuten weder Mühsal noch Gefahren, um nach dem Lande Israel aufzubrechen und ihr Recht auf ein Dasein in Würde und Freiheit und ein Leben redlicher Arbeit in der Heimat durchzusetzen.

Im Zweiten Weltkrieg leistete die jüdische Gemeinschaft im Lande Israel ihren vollen Beitrag zum Kampfe der frieden- und freiheitsliebenden Nationen gegen die Achsenmächte. Mit dem Blute ihrer Soldaten und ihrem Einsatz für den Sieg erwarb sie das Recht auf Mitwirkung bei der Gründung der Vereinten Nationen.

Am 29. November 1947 fasste die Vollversammlung der Vereinten Nationen einen Beschluss, der die Errichtung eines jüdischen Staates im Lande Israel forderte. Sie rief die Bewohner des Landes auf, ihrerseits zur Durchführung dieses Beschlusses alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen. Die damalige Anerkennung der staatlichen Existenzberechtigung des jüdischen Volkes durch die Vereinten Nationen ist unwiderruflich.

Gleich allen anderen Völkern, ist es das natürliche Recht des jüdischen Volkes, seine Geschichte unter eigener Hoheit selbst zu bestimmen.

Demzufolge haben wir, die Mitglieder des Nationalrates, als Vertreter der jüdischen Bevölkerung und der zionistischen Organisation, heute, am letzten Tage des britischen Mandats über Palästina, uns hier eingefunden und verkünden hiermit kraft unseres natürlichen und historischen Rechtes und aufgrund des Beschlusses der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Errichtung eines jüdischen Staates im Lande Israel – des Staates Israel.
Zweiter Teil: Eigentliche Unabhängigkeitserklärung

Wir beschließen, dass vom Augenblick der Beendigung des Mandates, heute um Mitternacht, dem sechsten Tage des Monats Ijar des Jahres 5708, dem 15. Mai 1948, bis zur Amtsübernahme durch verfassungsgemäß zu bestimmende Staatsbehörden, doch nicht später als bis zum 1. Oktober 1948, der Nationalrat als vorläufiger Staatsrat und dessen ausführendes Organ, die Volksverwaltung, als zeitweilige Regierung des jüdischen Staates wirken sollen. Der Name des Staates lautet Israel.
Dritter Teil: Politische Richtlinien und Festlegungen

Der Staat Israel wird der jüdischen Einwanderung und der Sammlung der Juden im Exil offenstehen. Er wird sich der Entwicklung des Landes zum Wohle aller seiner Bewohner widmen. Er wird auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Visionen der Propheten Israels gestützt sein. Er wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen. Er wird Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Sprache, Erziehung und Kultur gewährleisten, die Heiligen Stätten unter seinen Schutz nehmen und den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen treu bleiben.

Der Staat Israel wird bereit sein, mit den Organen und Vertretern der Vereinten Nationen bei der Durchführung des Beschlusses vom 29. November 1947 zusammenzuwirken und sich um die Herstellung der gesamtpalästinensischen Wirtschaftseinheit bemühen.

Wir wenden uns an die Vereinten Nationen mit der Bitte, dem jüdischen Volk beim Aufbau seines Staates Hilfe zu leisten und den Staat Israel in die Völkerfamilie aufzunehmen.

Wir wenden uns – selbst inmitten mörderischer Angriffe, denen wir seit Monaten ausgesetzt sind – an die in Israel lebenden Araber mit dem Aufrufe, den Frieden zu wahren und sich aufgrund voller bürgerlicher Gleichberechtigung und entsprechender Vertretung in allen provisorischen und permanenten Organen des Staates an seinem Aufbau zu beteiligen.

Wir reichen allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und zu guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe mit dem selbständigen jüdischen Volk in seiner Heimat auf.

Der Staat Israel ist bereit, seinen Beitrag bei gemeinsamen Bemühungen um den Fortschritt des gesamten Nahen Ostens zu leisten.

Unser Ruf ergeht an das jüdische Volk in allen Ländern der Diaspora, uns auf dem Gebiete der Einwanderung und des Aufbaues zu helfen und uns im Streben nach der Erfüllung des Traumes von Generationen – der Erlösung Israels – beizustehen.
Abschlussparagraph

Mit Zuversicht auf den Fels Israels setzen wir unsere Namen zum Zeugnis unter diese Erklärung, gegeben in der Sitzung des zeitweiligen Staatsrates auf dem Boden unserer Heimat in der Stadt Tel Aviv. Heute am Vorabend des Sabbat, dem 5. Ijar 5708, 14. Mai 1948.

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Palästinakrieg

Die große Freude über die Staatsgründung währte nur wenige Stunden. In der Nacht vom 14. zum 15. Mai 1948 marschierten die Armeen Ägyptens, Transjordaniens, Syriens, des Irak und des Libanon in Palästina ein, um die Proklamation des jüdischen Staates rückgängig zu machen.

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Arabische Invasion 1948
Arabische Invasion 1948 – E J Krasnoborski and F Martini Department of History, U.S. Military Academy – translation by Nasiruddin – Wikimedia Commons

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Beide Supermächte – die Vereinigten Staaten erkannten Israel de facto am 14. Mai 1948, die Sowjetunion de iure am 16. Mai 1948 an – belieferten Israel mit Waffen. Auch die Tschechoslowakei und einige andere Länder halfen mit substantiellen Waffenlieferungen.

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Palästina-Krieg 1948-49: Arabische Palästinenser flüchten
Palästina-Krieg 1948-49: Arabische Palästinenser flüchten 1948 aus Galiläa – Fred Csasznik – Wikimedia Commons

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Der Unabhängigkeitskrieg endete im Januar 1949 mit dem militärischen Sieg Israels. Unter Vermittlung der Vereinten Nationen kamen Waffenstillstandsverträge mit Ägypten (24. Februar 1949), Libanon (23. März 1949), Transjordanien (3. April 1949) und Syrien (20. Juli 1949) zustande. Der Irak zog seine Truppen ohne vertragliche Regelung ab.

Die Chancen für die Ausrufung eines arabisch-palästinensischen Staates waren durch die Besetzung eines Teils der dafür vorgesehenen Gebiete durch Israel, die Annektierung des Westjordanlandes und Ost-Jerusalems durch Jordanien (ab 1950 von König Abdallah ausgerufene Haschemitische Königreich), sowie die Unterstellung des Gaza-Streifens unter ägyptische Verwaltung für einen langen Zeitraum hinfällig geworden.

In das kollektive Gedächtnis der arabischen Palästinenser gingen der erste Nahost-Krieg und seine Folgen als Nakba (arab.: Katastrophe) ein. Im Kriegsverlauf flohen etwa 710.000 arabische Palästinenser aus ihren Wohngebieten oder wurden vertrieben (Nakba). Zugleich wurden etwa ähnlich viele Juden aus arabischen Staaten vertrieben und enteignet. Viele von ihnen kamen nach Israel und wurden dort gleichberechtigt aufgenommen.

Nach dem Ende der Kampfhandlungen nahm die UNO-Generalversammlung Israel am 11. März 1949 als 59. Mitgliedstaat auf. Bis dahin hatten die meisten westlichen Staaten Israel anerkannt oder taten dies nun, unter anderem die Schweiz und die USA, die den neuen Staat nun auch de jure anerkannten. Die arabischen und mehrheitlich islamischen Staaten verweigerten Israel die Anerkennung.

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Exodus aus arabischen Ländern nach Israel
1948-1957 Exodus aus arabischen Ländern nach Israel – Foto via 20min-blog.ch

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Friedenshypothek

Eine schwere Friedenshypothek bildete das Problem der arabischen Palästina-Flüchtlinge. Der Exodus hatte im Dezember 1947 mit dem Weggang eines großen Teils der begüterten städtischen Oberschicht begonnen, dem die Einwohnerschaften ganzer Stadtviertel und Dörfer folgten. Eine zweite Fluchtwelle wurde durch die Offensive der Haganah und die gegen die arabische Bevölkerung gerichteten Terrorakte von Ezel und Lechi im April/Mai 1948 ausgelöst. Die meisten Menschen flohen jedoch im Gefolge der unmittelbaren Kriegshandlungen. Arabische Einheiten ließen Ortschaften evakuieren, und israelische Verbände zerstörten Dörfer, die sie nach der Eroberung nicht besetzt halten konnten, um eine Rückkehr der palästinensischen Bewohnerinnen und Bewohner zu verhindern.

Umstritten ist bis heute, inwieweit arabische Politiker die palästinensische Bevölkerung zur – zeitweiligen – Flucht aufgefordert haben. Die Zahl der in den Zeltlagern der Nachbarstaaten zu Versorgenden stieg schnellan: Bis Oktober 1948 registrierte das UNO-Hilfswerk für Palästina bereits über 650.000 Flüchtlinge. Nur wenigen wurde erlaubt, nach dem Waffenstillstand in ihre Heimat zurückzukehren. Heute wird die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge und deren Nachkommen auf mehr als drei Millionen Menschen geschätzt.

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Wie entwickelten sich der Staat Israel und seine Beziehungen zu den arabischen Nachbarn bis heute?

Damit beschäftigt sich der >>> 5. Teil der Serie.

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