TÖTUNGSVERBOT IM ISLAM

Der Islam regt auf, dominiert die Medien, und erzeugt täglich mehr Berührungspunkte mit unserem täglichen Leben – weltweit, in Europa und im deutschen Sprachraum. Was ist der Islam? Gibt es den einen Islam überhaupt? Wer darf sich Muslima und Muslim nennen? Wo sind die klar erfassbaren theologischen Unterschiede zum Christentum? An diesen und noch mehr Fragen kommen wir kaum mehr vorbei. Dieser Artikel ist ein Anfang, um einige aktuelle und historische Fragen anzusprechen.

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Hier befinden sich Artikel  >>> zum Thema ISLAM  auf diesem Blog.

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Beginnen wir mit der Frage nach einem Tötungsverbot im Islam und im Christentum – dazu gab es kürzlich eine spannende Kontroverse in der Neuen Zürcher Zeitung.

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9 / 11     –     foto wstera2 / Flickr

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Martin Rhonheimer, Professor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Hochschule Santa Croce in Rom, macht Schlagzeilen. „Töten im Namen Allahs“ lautet die Überschrift seines vieldiskutierten Artikels in der NZZ online. Seine Sprache ist präzise und direkt: „Geben Gründungsgeschichte und Gründungsidee des Islam eine Handhabe, um im Namen Allahs begangene Gewalttaten theologisch prinzipiell zu verurteilen? Nein – der Islam müsste sich erst in seiner religiösen Substanz wandeln.“ Aber wie kommt es zu dieser Bewertung? Die folgenden Ausschnitte aus seinem jüngsten Artikel für NZZ online geben hinreichend Aufschluss.

Eine politische Religion

„Der IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi hat sich bekanntlich zum Kalifen ernannt. In einem von dem zum Islam konvertierten Amerikaner Nuh Ha Mim Keller ins Englische übersetzten Kompendium der Scharia – es wurde von der Al-Azhar-Universität in Kairo als authentisch zertifiziert – kann man nachlesen, was Aufgabe eines Kalifen ist: «Der Kalif führt gegen Juden, Christen und Zoroastrier Krieg, nachdem er sie zuerst eingeladen hat, sich der sozialen Ordnung des Islam zu fügen, indem sie die Kopfsteuer zahlen.» Exakt das geschieht heute im Herrschaftsgebiet des IS. Die dort lebenden Christen sollen gedemütigt und unterworfen und durch die Kopfsteuer zur wirtschaftlichen Ressource islamischer Herrschaft werden.

Mohammed hatte zunächst die Juden aus Medina vertrieben, dann ließ er sie massenhaft köpfen. Später wurden Christen und Juden zu «Schriftbesitzern» erklärt: Sie durften nun unter islamischer Herrschaft ihre Religion weiter ausüben – sofern sie die Kopfsteuer zahlten und sich diskriminierenden Demütigungen aller Art unterwarfen. So steht in Sure 9, 29: «Kämpft gegen diejenigen, die [. . .] nicht der wahren Religion angehören – von denen, die die Schrift erhalten haben – kämpft gegen sie, bis sie kleinlaut Tribut entrichten.»

Zu Beginn waren die Muslime im muslimischen Herrschaftsgebiet meistens eine Minderheit. Ihre Herrschaft gründete auf der großen Zahl der «dhimmis», der «Schutzbefohlenen». Juden, Christen und andere «Schriftbesitzer» galten nicht als «Ungläubige»: Sie konnten als «dhimmis» ihr Leben behalten, auch wenn sie keine Muslime wurden. Die heute vom IS gejagten Jesiden gelten nicht als «Schriftbesitzer», für sie gibt es daher nur die Alternative: Konversion zum Islam oder Tod. Die islamische Theologie besitzt keine argumentativen Ressourcen, um das Vorgehen des IS als «unislamisch» zu verurteilen.
So gibt es im Islam kein generelles Tötungsverbot. Es gibt hingegen eine generelle Tötungslizenz: «Ungläubige», die sich der Konversion zum Islam widersetzen, sollen getötet werden. So heisst es in Sure 9, 5: «. . . tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf! Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet verrichten und die Almosensteuer geben, lasst sie ihres Weges ziehen! Gott ist barmherzig und bereit zu vergeben.»

Der Islam ist seinem Wesen nach mehr als eine Religion. Er ist ein kultisches, politisches und soziales Regelwerk, will religiöse und politisch-soziale Ordnung in einem sein. Und er war von Anfang an kriegerisch. Der Islam will das «Haus des Islam» auf der ganzen Welt verbreiten. Es geht ihm dabei nicht so sehr um religiöse Bekehrung der Nichtmuslime als um ihre Unterwerfung unter die Scharia. In Sure 2, 256 heißt es: «In der Religion gibt es keinen Zwang.» Glaube lässt sich eben nicht erzwingen, Unterwerfung unter das islamische Recht aber sehr wohl. Sich diesem Zwang zu widersetzen, kann tödlich sein.“

Es gibt Stimmen, die Rhonheimer widersprechen. Aber es klingt nicht sehr überzeugend, wenn Katajun Amirpur, Professorin für „Islamische Studien/Islamische Theologie“ an der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg, ein [für gewisse Situationen geltendes] Tötungsverbot in den Raum stellt, nicht aber auf das von Rhonheimer angesprochene Fehlen eines generellen Tötungsverbots Bezug nimmt:

„…weil, wie kürzlich in der Neuen Zürcher Zeitung behauptet wurde, der Islam kein Tötungsverbot kennt? Der das behauptet hat, Martin Rhonheimer, ist Professor für Ethik an der Päpstlichen Hochschule Santa Croce in Rom. Er meint, die islamische Theologie verfüge über keine argumentativen Ressourcen, um das Morden des sogenannten Islamischen Staates zu verurteilen. Deshalb, so seine Folgerung, können islamische Theologen und dementsprechend muslimische Laien gar nicht gegen den sogenannten Islamischen Staat sein… Ob Rhonheimer das Tötungsverbot des Islams tatsächlich nicht kennt, oder unterschlägt er sein Wissen bewusst? Ich halte Letzteres für wahrscheinlicher – und das wäre, weil bewusst verfälschend, eindeutig islamophob motiviert.“

Wie steht es nun mit einem „generellen Tötungsverbot“ im Islam? In einer Replik auf einen Leserbrief präzisiert Rhonheimer seine Position:

„…ich leugne nicht, dass es innerhalb der etablierten Ordnung der Scharia ein Tötungsverbot gibt. Darauf bezieht sich z. B. die oft angeführte Sure 5, 32. Sie besagt: Wenn einer «jemanden zu Unrecht tötet, ist [es], als ob er die ganze Menschheit getötet» hätte. Im gerade darauffolgenden Vers dieser Sure (5, 33) heißt es dann aber: «Der Lohn derer, die gegen Gott und seinen Gesandten Krieg führen und im Land eifrig auf Unheil bedacht sind, soll darin bestehen, dass sie umgebracht oder gekreuzigt werden, oder dass ihnen wechselweise (rechts und links) Hand und Fuß abgehauen wird, oder dass sie des Landes verwiesen werden.»

Das gilt für jeden, der sich der Ausbreitung des Islams widersetzt, indem er sich nicht bekehren lässt oder die Kopfsteuer nicht bezahlt. In meinem Artikel heißt es deshalb korrekt: «Es gibt im Islam nämlich kein generelles Tötungsverbot. Es gibt hingegen eine generelle Tötungslizenz: ‹Ungläubige›, die sich der Konversion zum Islam widersetzen, sollen getötet werden.» Dem widerspricht auch Sure 17, 33 nicht, im Gegenteil: «Und tötet niemand, den (zu töten) Gott verboten hat, außer wenn ihr dazu berechtigt seid.» Diese Berechtigung ist genau die Tötungslizenz, von der ich spreche.“

Im oben zitierten NZZ-Artikel fährt Rhonheimer fort wie folgt:

Historisch war die islamische Einheit von Politik und Religion zwar meist nur Programm und selten Realität. Andere politische Machtzentren entstanden, die sich nicht unter der geistlichen Führung eines Kalifen befanden. Und gemäß islamischer Lehre konnte der Kampf (Jihad) gegen die Nichtmuslime genau dann unterbrochen und mit den Ungläubigen ein Waffenstillstand geschlossen werden, wenn für weitere Expansion keine Aussicht auf Erfolg bestand. Das führte zu langen und oft friedlichen Perioden der Koexistenz. Zudem sind muslimische Minderheiten in nichtmuslimischen Ländern verpflichtet, sich an die lokale Rechtsordnung zu halten.

In unseren westlichen Gesellschaften gibt es unzählige integrierte Muslime, die nichts vom Jihad wissen wollen; und selbst in Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit lässt sich nur ein kleiner Teil für ihn begeistern. Die meisten Leute kämpfen um ihr tägliches Brot und sind oft selber Opfer von Gewalt. Doch gerade sie sind auch anfällig für Radikalisierung – und zwar genau dann, wenn sie die Quellen ihrer Religion genauer studieren und angesichts der Erstarkung des politisch radikalen Islam auf den Gedanken kommen, die Zeit der Waffenruhe könnte vorbei und Gewaltanwendung wieder Pflicht sein.

In seinem durchaus umstrittenen letzten Buch erläutert Hamed Abdel-Samad die Veränderung, die in der praktischen Anwendung des Dschihad stattgefunden haben (Hamed Abdel-Samad „Der islamische Faschismus“ Droemer 2014):

„Damit die Herrschaft Gottes auf Erden nicht nur ermöglicht, sondern dauerhaft gefestigt werden könne, müsse der Dschihad zur Lebensphilosophie erhoben werden, zur sechsten Säule des Islam, zur Pflicht für jeden Muslim. Das Gedankengut von Sayyid Qutb [1906 – 1966, ägyptischer Journalist und Theoretiker der ägyptischen Muslimbruderschaft, einer der wichtigsten islamistischen Denker des 20. Jahrhunderts] war konservativ und fundamentalistisch. Und dennoch war es in gewisser Weise revolutionär. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten islamische Gelehrte nämlich selbst Willkür und Dekadenz mancher Herrscher in Kauf genommen, um Bürgerkriege zu vermeiden. Man gab sich staatstragend im Wortsinn, der Dschihad galt als eine zeitlich begrenzte Aktion, die ein Herrscher ausrief, wenn muslimische Gebiete angegriffen wurden oder wenn ein neues Gebiet erobert werden sollte. Doch mit Qutb wurde der Dschihad privatisiert: Wer als Herrscher keinem Gottesstaat vorstand, war nicht legitimiert; aus Qutbs Sicht dürfen sich die Gläubigen dann zusammentun und ihrerseits den Dschihad ausrufen… Wenige Monate bevor er zum Präsidenten Ägyptens gewählt wurde, sagte Mohamed Mursi über Sayyid Qutb: ‚Ich habe seine Schriften gelesen und darin den wahren Islam wiedergefunden‘.“

Heute also braucht es nicht mehr Gottesstaaten bzw. muslimische Herrscher, um den Dschihad auszurufen, sondern einfache Gruppen von Gläubigen!

Um die historischen und aktuellen Betrachtungen nicht einseitig zu gestalten ist es angebracht, auch nach Positionen und Entwicklungen in christlich dominierten Regionen bzw. Epochen zu fragen. Rhonheimer fährt fort:

Christliche Parallelen?

„Natürlich gibt es den «gemäßigten» und reformerischen Islam. Seine Vertreter sind meist gutbezahlte Professoren an amerikanischen und europäischen Universitäten. Doch auch sie sind mit dem zentralen Problem ihrer Religion konfrontiert: Gehen sie zu ihren Ursprüngen zurück, stoßen sie auf den kriegerischen, expansiven Islam von Medina, die Legitimierung des Tötens zur Ehre Allahs und einen gewalttätigen Mohammed.

Hier gibt es einen wesentlichen Unterschied zum Christentum. Auch in seiner Geschichte spielte Gewalt eine gestaltende Rolle und wurde als «gerechter Krieg» oder zur Verteidigung der religiösen Wahrheit gegen Ketzer legitimiert. Auch Christen haben in der Vergangenheit gemordet und gebrandschatzt. Kriegsrecht und Foltermethoden waren brutal. Beschäftigt man sich jedoch mit den ursprünglichen Quellen des Christentums, etwa den Evangelien, findet man Sätze Jesu wie «Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört» oder «Alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen».

Zur Gründungsidee des Christentums gehören die Scheidung von Religion und Politik – von geistlicher und weltlicher Macht –, die Ächtung physischer Gewalt und das Gebot der Feindesliebe. Das Christentum hat aus seinen heiligen Texten auch keine Rechts- und Sozialordnung abgeleitet, sondern römisches Recht und heidnisch-antike Kultur assimiliert. Die mannigfachen Verbindungen von Politik und Religion gingen meist nicht von der Kirche, sondern von den weltlichen Machthabern aus. Gerade der dem Christentum in die Wiege gelegte Dualismus von «geistlich» und «weltlich» provozierte immer wieder innerkirchliche Reformbewegungen, die zu Prozessen der institutionellen Differenzierung und Selbstreinigung führten.“

Ein weiterer Islamwissenschafter hat sich in einer Replik auf Rhonheimer versucht. Doch auch Andreas Tunger-Zanetti, Koordinator am interuniversitären Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik in Zürich, bringt keine präzisen Entgegnungen vor:

„Dass Religion Gesellschaft gestalten will, ist der häufigere Fall als absolute Weltflucht. Die römische Kirche hat diesen Impuls bis heute ähnlich stark gepflegt wie verschiedenste islamisch geführte Gemeinwesen. Dabei hat sie Dinge, wie sie Rhonheimer am Islamischen Staat zu Recht geißelt, nicht nur durch Wegschauen geduldet, sondern teilweise initiiert oder legitimiert. Bei seiner pauschalen Gegenüberstellung historischer Taten und Untaten ist Rhonheimer allerdings wählerisch. 200 Jahre Kreuzzüge vergisst er zum Beispiel völlig. Mit der konstantinischen Wende hatte sich die Kirche eben auf genau jenen Weg Mohammeds eingelassen, selber politische Macht auszuüben oder die politischen Machthaber zu dirigieren.

Handlungsspielräume sind allerdings überall von knallharter Tagespolitik und Machtstrukturen bestimmt. Deshalb sei Rhonheimer an den Anteil erinnert, den westliche Kolonial-, Geo-, Erdöl- und selbst Innenpolitik seit über 200 Jahren am Gang der Dinge im Nahen Osten hat. Muslime und Nichtmuslime in der Region waren dabei stets besonders verbittert darüber, dass westliche Sonntagsreden und konkrete Tagespolitik sich nach unterschiedlichem Maß richteten.

Wie lange es gedauert hat, bis sich die römische Kirche mit dem säkularen Staat und der Moderne arrangiert und die Rolle der verhinderten Regentin gegen die der Mahnerin eingetauscht hat, weiß Rhonheimer besser als ich. Gerade dieses Beispiel zeigt aber: Religiöse Institutionen inklusive ihrer Theologien wandeln sich im Kontext. Sie haben eben kein unwandelbares Wesen seit Gründungszeit.“

Der Versuch, in Nachahmung der islamischen Polemik die Kreuzzüge als Beleg anzuführen, ist nicht zielführend. Zum einen ist die Geschichte der Kreuzzüge wesentlich komplexer (stellvertretend sei der Hilferuf aus Byzanz genannt, der nun gar nichts mit einer militärisch geplanten Expansion „christlichem Territoriums“ zu tun hat) und zudem stehen die wenigen Jahre der Kreuzzüge gegen bald 1400 Jahre islamische Geschichte.

Auch der der Hinweis auf die Kolonialpolitik des Westens erscheint zunächst legitim. Aber wie können die rohstofforientierte Machtausübung westlicher Konzerne bzw. Staaten einerseits und die christlich-religiöse Lehre andererseits so in Zusammenhang gebracht werden, dass letztere als Verursacherin von Unterdrückung und Gewalt festgemacht werden könnte?

Wem diese Hinweise nicht ausreichend erscheinen, dem sei entgegnet: Die Anmerkungen Zanettis sind diskussionswürdig, aber die oberflächliche Vermengung von Offenbarungslehre einerseits und realpolitischer Geschichte andererseits ist ein grundsätzlich unzulässiges Manöver, wie Rhonheimer verdeutlicht:

„In der jüdisch-christlichen Tradition ist Gewalt rechtfertigungsbedürftig. «Du sollst nicht töten», heißt es im Dekalog. Ein solch grundsätzliches Tötungsverbot ist dem Islam unbekannt. In der jüdischen und christlichen Bibel erscheint Gott als der alleinige Herr über Leben und Tod. Kein Mensch kann sich das Recht zum Töten anmaßen. Oft wird das Alte Testament – auch in antisemitischer Absicht – als Beispiel für Grausamkeit und Gewaltlegitimation angeführt. Das Gegenteil ist wahr: Der Gott Israels entzieht dem Menschen die Kompetenz zum eigenmächtigen Töten.

Im Christentum führte die Erfahrung des Unglaubens nicht zum Aufruf, die Ungläubigen zu töten, sondern zum Missionseifer und – nach der Entdeckung Amerikas – zu Gestalten wie Vitoria und Bartolomé de las Casas: In der christlichen Tradition stehend machten sie geltend, dass Ungläubige als Menschen die gleichen grundlegenden Rechte besitzen wie Christen. Dabei wurden sie von päpstlichen Verlautbarungen unterstützt (obwohl die spanischen Könige deren Verbreitung zu verhindern suchten).

Und hier liegt der entscheidende Punkt: Für den Islam sind Nichtmuslime keine vollwertigen Menschen. Denn islamischer Lehre gemäß ist der Mensch von Natur aus Muslim, die menschliche Natur selbst, die «fitra», ist muslimisch. Nichtmuslime sind folglich Abtrünnige, «denaturierte» Menschen. Im Islam kann es deshalb keine prinzipielle Gleichheit aller Menschen aufgrund ihrer Natur und kein für alle – unabhängig von der Religionszugehörigkeit – geltendes Naturrecht geben. Der Islam akzeptiert die modernen Menschenrechte immer nur unter dem Vorbehalt der Bestimmungen der Scharia. Deshalb kann sich gerade der «wahre Islam» nicht in die Moderne integrieren.“

Abschließend kommt Rhonheimer auf Tradition und Exegese zu sprechen. Wo gibt es Unterschiede und wessen Frucht sind die modernen Menschenrechte? Wo endet die Barmherzigkeit einer Religion, deren Vertreter so gerne über den barmherzigen Allah sprechen? Rhonheimer führt aus:

Schwierige Selbstreinigung

„Die modernen Menschenrechte sind eine Frucht der jüdisch-christlichen Zivilisation. Deren Vermächtnis ist die Anerkennung einer allen Menschen, unabhängig von ihrer Religion, gemeinsamen Menschennatur und Würde. Ihr Ethos von Recht und Barmherzigkeit führte, in einem stetig fortschreitenden Lernprozess, zu einer allmählichen Überwindung der Legitimation von Gewalt – auch ihrer theologischen Legitimation. Analoge Aufklärungsprozesse sind im Islam unbekannt oder haben zumindest noch kaum Wirkung entfaltet.

Die Barmherzigkeit Allahs gilt nur den Bekehrten, gegen die Ungläubigen befiehlt er, mit dem Schwert vorzugehen. Darin gründet die theologische Not muslimischer Intellektueller: Sie können aufgrund ihrer religiösen Tradition den IS-Terror nicht prinzipiell verurteilen. Die christlichen Kirchen konnten für Prozesse der Selbstreinigung immer auf ihre Ursprünge rekurrieren und, sich an ihre Gründungsidee erinnernd, historischen Ballast abwerfen. Der Islam müsste sich für solche Selbstreinigung – gerade umgekehrt – von seiner Gründungsidee distanzieren, sein politisch-religiöses Doppelwesen aufgeben und sich damit in seiner religiösen Substanz verändern. Solange das nicht geschieht, wird es immer nur eine Frage der konkreten politischen Konstellation sein, ob und in welcher Form er sein gewalttätiges Gesicht zeigt.“
(Martin Rhonheimer, NZZ online vom 6.9.2014)

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Martin Rhonheimer, Professor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Hochschule Santa Croce in Rom . Zum Thema vgl. sein in dritter Auflage erschienenes Buch «Christentum und säkularer Staat. Geschichte – Gegenwart – Zukunft» (Herder, Freiburg i. Br. 2012); dort behandelt der Autor aktuelle Themen wie Kulturrelativismus und Religionsfreiheit, nicht zuletzt auch in Auseinandersetzung mit dem Islam.
Hamed Abdel-Samad, geboren 1972 in der Nähe von Kairo, studierte Englisch, Französisch, Japanisch und Politik. Er arbeitete für die UNESCO, am Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität Erfurt und am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur der Universität München. Abdel-Samad ist Mitglied der Deutschen Islam Konferenz und im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung. Er zählt zu den bekanntesten islamischen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

Katajun Amirpur ist Professorin für „Islamische Studien/Islamische Theologie“ an der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg. Die deutsch-iranische Journalistin und Islamwissenschaftlerin ist eine der wenigen Frauen, die eine Professur für islamische Studien an einer deutschen Universität innehat.
Andreas Tunger-Zanetti studierte in Bern Islamwissenschaft, orientalische Sprachen und Allgemeine Geschichte, ergänzt um ein Auslandsemester in Wien und Sprachaufenthalten in Tunis. Nach dem Lizentiat in Bern 1989 folgte das Promotionsstudium in Freiburg i. Br. mit Archivaufenthalten in Tunis. Gegenwärtig arbeitet er an der Universität Luzern als Koordinator des neu gegründeten Zentrums Religionsforschung, sowie als Koordinator am interuniversitären Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik in Zürich. Andreas Tunger-Zanetti ist Mitglied des Groupe de recherche sur l’Islam en Suisse (www.gris.info) und Länderberichterstatter für die Schweiz im «Yearbook of Muslims in Europe».

Andreas Tunger-Zanetti studierte in Bern Islamwissenschaft, orientalische Sprachen und Allgemeine Geschichte, ergänzt um ein Auslandsemester in Wien und Sprachaufenthalten in Tunis. Nach dem Lizentiat in Bern 1989 folgte das Promotionsstudium in Freiburg i. Br. mit Archivaufenthalten in Tunis. Gegenwärtig arbeitet er an der Universität Luzern als Koordinator des neu gegründeten Zentrums Religionsforschung, sowie als Koordinator am interuniversitären Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik in Zürich. Andreas Tunger-Zanetti ist Mitglied des Groupe de recherche sur l’Islam en Suisse (www.gris.info) und Länderberichterstatter für die Schweiz im «Yearbook of Muslims in Europe».

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3 Gedanken zu “TÖTUNGSVERBOT IM ISLAM

  1. Ich hoffe, daß langsam in die sogenannte „Blogozese“ etwas Bewegung kommt. Lange war man hier bereit, den Islam gesund zu beten, angeblich gemeinsames zu entdecken und Islamkritiker als RÄÄÄÄCHTS zu verleumden.

    1. Hallo Lisje,
      mir geht es in Sachen Islam weniger um “Bewegung”, sondern darum, etwas mehr grundsätzliche Information über den Islam und die Religion des Propheten zu sammeln und vorzustellen.

      Wie der Altabt vom Stift Heiligenkreuz, Gregor Henckel-Donnersmarck OCist, auf einer Islamkonferenz sagte: “Man muss die Historie und die Inhalte des eigenen und des fremden Glaubens benennen können, um überhaupt zu einem Diskurs zu gelangen”.

      In diesem Sinne interessiert kein “rechts” und kein “links”, sondern die Sache selbst.

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