Paul VI., ein prophetischer Papst (Seligsprechung)

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Papst Paul VI

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Giovanni Battista Montini, Kirchenjurist und ausgebildeter Vatikan-Diplomat, hatte keinerlei Probleme, „modern“ zu werden:

„Paul VI. beseitigte das alte vatikanisch-byzantinische Hofzeremoniell, verkaufte die traditionelle dreifache Papstkrone zu Gunsten der Armen. Er war der erste Papst, der eine (Weihnachts-)Messe in einem Stahlwerk feierte, um den Arbeitern nahe zu sein. Er war der Erste, der ein Flugzeug bestieg und alle fünf Kontinente bereiste. Seine selbst für die 2400 so weltoffenen Konzilsbischöfe überraschende Reise ins Heilige Land und die Umarmung dort mit dem Patriarchen Athenagoras half, die gegenseitigen Bannsprüche zwischen katholischer und orthodoxer Kirche nach mehr als neun Jahrhunderten aufzuheben“, schreibt Die Presse.

Papst Paul VI. hat die wohl meistzitierte Enzyklika der neueren Kirchengeschichte verfasst. Wissend, dass sich „verstärkt durch die modernen Medien viele Gegenstimmen gegen die Kirche erheben werden“, verbot er in „Humanae vitae“ kompromisslos alle „künstlichen“ Mittel zur Empfängnisverhütung. Es war eine Entscheidung, deren Einsamkeit der Papst selbst als schwere Last empfand: „Schweigen können wir nicht. Reden ist problematisch. Solche Fragen hat die Kirche seit Jahrhunderten nicht lösen müssen“ (Zitat des Zeitzeugen Kardinal Lehmann).

„Die“ Enzyklika

Humanae vitae“ erschien 1968. Die gesellschaftlichen Unruhen jenes Epochenjahres erfüllten den vorsichtigen, schüchternen Mann zunehmend mit Misstrauen. Er selbst hatte ja auch die Kirche mitten in dieses Gebrause hineingesteuert, indem er das von Johannes XXIII. begonnene Zweite Vatikanische Konzil (1962–65) vollendete und dessen Reformbeschlüsse absegnete – was Unruhe auslöste zwischen „Linken“ und „Basisgemeinschaften“ auf der einen Seite, denen alles nicht weit genug gehen konnte, und den Traditionalisten um Marcel Lefebvre, die 2000 Jahre Glaubensgeschichte verraten sahen.

Die meistzitierte Enzyklika ist sicherlich nicht die inhaltlich bekannteste Enzyklika, wie der für Familie, Ehe und Lebensschutz zuständige Bischofsvikar H. Prader erläutert:

„Die Lehre von Humanae vitae ist nicht bekannt, weil sie auch von offiziellen Seiten über Jahrzehnte erfolgreich niedergehalten, verschwiegen oder verfälscht wurde (z. B. Mariatroster und Königsteiner Erklärung). In der Zwischenzeit haben wir bereits die dritte Generation, für die Verhütung der Normalfall ist. Kirchlicherseits wurde sehr viel unternommen, um die Verbreitung der Natürlichen Empfängnisregelung zu unterbinden.“ Man könnte auch sagen, es ist viel zu wenig geschehen, um die natürliche Empfängnisregelung besonders zu fördern.

Der für Familienfragen zuständige Bischof Klaus Küng geht in seiner Würdigung des heute seliggesprochenen Papstes auf soziale Verhaltensänderungen ein, die Paul VI. vorausgesehen hatte:

„Papst Paul VI. sei in seiner Vision der Zukunft der demographischen Frage „prophetisch“ genannt , so Küng weiter. Er habe „vorausgesehen, wie sich die überall verbreitete Verhütungsmentalität nicht nur auf die Zahl der Kinder auswirkt, sondern auch auf das Sexualverhalten der Menschen mit vielen Folgen.“ Es seien mittlerweile nicht nur viele der Warnungen eingetroffen; Küng weißt auch auf positive Entwicklungen hin: „Mehr und mehr Menschen entdecken die natürlichen Formen der Empfängnisregelung als bereichernd für ihre Ehe“.“

Paul VI. navigierte durch die turbulenten Zeiten, aber seine Zweifel wuchsen. Noch 1975, immer mehr zurückgezogen und unter der Last seines Amtes leidend, führte er der Kirche in einem seiner letzten Schreiben das „grundlegende Problem“ vor Augen: Hat das Konzil überhaupt etwas gebracht? „Ist die Kirche fähiger geworden, das Evangelium in das Herz des Menschen einzusenken?“ (Apostolisches Schreiben „Evangelii nuntiandi“).

Alle Macht den Armen

1965 flog Paul VI. zu den Vereinten Nationen nach New York. Das war „seine“ diplomatische Welt.

„Bei Christdemokraten stand er unter verschärftem Linksverdacht, weil er gegen die Anhäufung von Privateigentum wetterte, „so lange anderen das Notwendigste fehlt“, und weil er „Enteignungen zu Gunsten des Gemeinwohls“, zu Gunsten der „unzähligen Scharen von Armen“ durchaus für notwendig erklärte. Und von den UN erwartete Paul VI., sie werden das politisch Notwendige durchsetzen, um die „schreienden Unterschiede“ zwischen reichen und armen Völkern zu beseitigen.“ (Die Presse, siehe oben)

„Entwicklung ist der neue Name für Frieden“, schrieb Paul VI. in seiner Enzyklika „Populorum progressio“. Sie ist sozialpolitisch im Grunde genommen radikaler als alles, was Papst Franziskus als „Papst der Armen“ bisher gesagt hat. Aber „Populorum progressio“ hatte einen Geburtsfehler: Sie erschien 1967, ein Jahr vor „Humanae vitae“ – und wurde von dieser so stark überdeckt, dass sie nicht gehört worden ist.

Über Maria zum Heil

Paul VI. war ein marianischer Papst, ein Papst, der zu Fatima stand und in Fatima und zusammen mit Millionen von gläubigen Menschen vor Ort betete.

„Wir wollen von Maria eine lebendige Kirche erflehen, eine wahre Kirche eine einige Kirche, eine heilige Kirche! Wir wollen mit euch allen beten, dass in der Kirche jene Früchte des Hl. Geistes reifen, die der hl. Paulus (Gal 5,22) aufzählt: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Milde, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit. Wir wollen beten, dass die Gottesverehrung jetzt und immer den ersten Platz in der Welt einnehme, dass Gottes Gebote das Gewissen und die Sitten des Menschen von heute formen. Der Glaube ist das höchste Licht der Menschheit. Dieses Licht darf nicht ausgelöscht werden in den Herzen der Menschen, es muss vielmehr belebt werden durch die Antriebe, die ihm aus der wahren Wissenschaft und dem wahren Fortschritt kommen.“ (Paul VI. zum 50. Jahrestag der Erscheinung der Gottesmutter in Fatima, 1967, zitiert nach Prof. Dr. Prälat Dr. Ferdinand Holböck)

Der Papst, der das 2. Vatikanum zu Ende geführt hat, proklamierte am Schluss der dritten Konzilssitzungsperiode, am 21. Nov. 1964, Maria feierlich als Mutter der Kirche.

Dass Papst Paul VI. ein marianischer Papst war, hat er auch am Ende des „Jahres des Glaubens“ gezeigt, als er sein so bedeutsames „Credo des Gottesvolkes“ am 30.Juni 1968 am Petersplatz verkündete und in diesem Glaubensbekenntnis – zum Schrecken der Progressisten und Modernisten – in den Artikeln 13, 14 und 15 (engl.Fassung) ganz ausführlich seinen Glauben an die wahre Gottesmutterschaft Mariens, an ihre immerwährende Jungfräulichkeit, an ihre unbefleckte Empfängnis, an ihre unlösbare Verbundenheit mit dem Geheimnis unserer Erlösung, an ihre Aufnahme in die himmlische Herrlichkeit mit Seele und Leib und schließlich ihre fortwirkende mütterliche Sorge um Gnadenleben und Heil aller erlösten Menschen bekundete.

„… [Maria] ist die ‚Frau, von der Sonne umkleidet‘ (Offb 12,1), in der sie die reinsten Strahlen menschlicher Schönheit treffen. Und warum… das? Weil Maria die ‚Gnadenvolle‘ ist, d.h. sie ist erfüllt vom Hl. Geist, dessen Licht in ihr in unvergleichlichem Glanz erstrahlt. Ja, wir haben es nötig auf Maria zu schauen und ihre makellose Schönheit zu betrachten, weil unsere Augen nur allzu oft von den verführerischen Bildern der Schönheit dieser Welt verletzt und gleichsam geblendet werden. Wie viel edle Gefühle, wie viel Sehnsucht nach Reinheit, welche erneuernde Spiritualität könnte die Betrachtung einer so erhabenen Schönheit hervorrufen.“ (Paul VI., Marianischer Kongress im Antonianum in Rom, Mai 1975. zitiert nach Prof. F. Holböck)

Abschließend

„Die Wahrnehmung von „Humanae Vitae“, der sogenannten Pillen-Enzyklika, hat die Sicht auf Paul VI. grundlegend verändert. Aus einem zurückhaltenden Reform-Papst verwandelte sich Montini in der öffentlichen Wahrnehmung plötzlich zu einem weltfremden Buhmann. Ob dieses Schicksal eines Tages auch den beliebten Franziskus ereilen könnte, ist Spekulation. Die Geschichte Paul VI. jedenfalls ist auch eine Warnung vor schnellen, pauschalen und endgültigen Urteilen“, schreibt die Wiener Zeitung.

Für mich ist Papst Paul VI. eines der großen Vorbilder im Glauben, einerseits im Erkennen und in der Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit, und andererseits in der tiefen Verbundenheit mit der Lehre der römisch-katholischen Kirche.

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Ein >>> Online-Dossier zu Paul VI. wurde auf der Seite

der Deutschen Bischofskonferenz eingerichtet.

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