Arm sein, leer sein, selig sein – ALLERSEELEN (Ev. vom 31. So im JK)

Artikel- Jobo zum SonntagsEvangelium***

Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.

(Mt 5, 1-12)

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Arm sein, leer sein, selig sein

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bleibe bei den Seligpreisungen immer schon gleich am Anfang gedanklich hängen. Dort, wo von der Armut die Rede ist, davon, dass selig ist, wer arm ist vor Gott. Was soll das heißen? Nun, zunächst bedeutet Armut „vor Gott“ (so die Einheitsübersetzung) wohl keine materielle, sondern eine „geistliche“ Armut (so Luthers Übersetzung), eine Armut „im Geist“ (so die Elberfelder Übersetzung). Nachdem das geklärt ist, möchte ich die „geistig-geistliche Armut“ mit Meister Eckhart Armutspredigt erläutern. Armut bedeutet nach Meister Eckhart 1. nichts haben, 2. nichts wissen und 3. nichts wollen. Armut meint damit eine Art Leere, in die man sich bzw. den Geist versetzt. Die Armut des Geistes ist somit kein intellektuelles Defizit, sondern der bewusste Verzicht, das gezielte Lassen, die gewählte Leere. Und nur, was leer ist, kann aufnehmen. Doch hören wir Meister Eckhart einmal selbst (den Text der Armutspredigt finden Sie in: Josef Quint (Hg.), Meister Eckhart. Deutsche Predigten und Traktate, München 1963, S. 303 ff.).

Zum „nichts haben“ führt Eckhart aus: „Ich habe es (schon) oft gesagt, und große Meister sagen es auch: der Mensch solle aller Dinge und aller Werke, innerer wie äußerer, so ledig sein, daß er eine eigene Stätte Gottes sein könne, darin Gott wirken könne. Jetzt aber sagen wir anders. Ist es so, daß der Mensch aller Dinge ledig steht, aller Kreaturen und seiner selbst und Gottes, steht es aber noch so mit ihm, daß Gott in ihm eine Stätte zum Wirken findet, so sagen wir: Solange es das noch in dem Menschen gibt, ist der Mensch (noch) nicht arm in der eigentlichsten Armut. Denn Gott strebt für sein Wirken nicht danach, daß der Mensch eine Stätte in sich habe, darin Gott wirken könne; sondern das (nur) ist Armut im Geiste, wenn der Mensch so ledig Gottes und aller seiner Werke steht, daß Gott, dafern er in der Seele wirken wolle, jeweils selbst die Stätte sei, darin er wirken will, — und dies täte er (gewiß) gern.“

Zum „nichts wissen“ erläutert er: „Wir haben gelegentlich gesagt, daß der Mensch so leben sollte, daß er weder sich selber noch der Wahrheit noch Gott lebe. Jetzt aber sagen wir’s anders und wollen weitergehend sagen: Der Mensch, der diese Armut haben soll, der muß so leben, daß er nicht (einmal) weiß, daß er weder sich selber noch der Wahrheit noch Gott lebe. Er muß vielmehr so ledig sein alles Wissens, daß er nicht wisse noch erkenne noch empfinde, daß Gott in ihm lebt“.

Zum „nichts wollen“ sagt Meister Eckhart schließlich: „Wenn einer mich nun fragte, was denn aber das sei: ein armer Mensch, der nichts will, so antworte ich darauf und sage so: Solange der Mensch dies noch an sich hat, daß es sein Wille ist, den allerliebsten Willen Gottes erfüllen zu wollen, so hat ein solcher Mensch nicht die Armut, von der wir sprechen wollen; denn dieser Mensch hat (noch) einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes genügen will, und das ist nicht rechte Armut.“

Am Ende kehrt der in dieser Weise „arme Mensch“ als „göttlicher Mensch“, so nennt Eckhart den Menschen in Einheit mit Gott, durch die Gottesgeburt in der Seele nicht nur zu Gott, sondern zu seiner eigenen Ursächlichkeit zurück und erreicht eben nicht nur eine Einheit mit Gott, sondern auch mit sich, mit dem Ich, das Eckhart mit der ursächlichen Gottheit assoziiert, die Ursache ihrer selbst ist und zugleich Selbstbewusstsein und Selbstzweck ausbildet – unvermittelt, voraussetzungslos, ewig. Dieses Bewusstsein ist die Voraussetzung für die Seligkeit, für das „Himmelreich“ – und für die Dinge, die Jesus nach der Armut selig preist: Gerechtigkeit, Gewaltlosigkeit, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit, Reinheit.

Josef Bordat

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Robusta Wahl 2014

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Robusta Wahl 2014

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