Saudi-Arabien: König gestorben, Kinder tot, Blogger lebt

König Abdullah

Abdullah Ibn Abdulaziz Al Saud starb am Donnerstagabend, sein bald 80-jähriger Bruder Salman hat den saudischen Thron übernommen. Als das Königreich Saudi-Arabien 1932 gegründet wurde, war Abdullah Ibn Abdulaziz acht Jahre alt. Das war, bevor der große Ölreichtum viel Geld ins Land spülte: Der als bescheiden geltende und die beduinischen Tugenden hochhaltende fromme Abdullah starb als superreicher Mann.

Abdullahs Mutter war eine Rashid, also aus jener Familie, die die Sauds in der Provinz Hail besiegten, wie sie ja auch die Haschemiten aus Mekka und Medina herauswarfen. 1961 wurde Abdullah Bürgermeister von Mekka, schon kurz danach wurde ihm die Nationalgarde anvertraut.

1975 ernannte ihn König Khalid zum zweiten Vizepremier, zum Ärger des damaligen Kronprinzen Fahd. Denn die Position galt damals schon als Sprungbrett für zukünftige Kronprinzen, und Fahd hätte da lieber Prinz Sultan gesehen, wie er selbst Sohn von Abdulaziz-Gattin Hassa al-Sudairi. Die „sieben Sudairis“ galten lange als die stärkste Gruppe innerhalb der Familie Saud.

Abdullah hat sie überlebt. Der alte König, der von außen als Vertreter des rückständigsten Landes der Welt angegriffen wurde, in dem Frauen nicht einmal Auto fahren dürfen, hatte im Inneren einen ganz anderen Ruf. Er galt als Reformer. Sein Schritt, Frauen in die Schura, ein ernanntes Beratungsgremium, zu bestellen, wurde in konservativen Kreisen kritisch gesehen. 2015 sollen Frauen erstmals an Gemeindewahlen teilnehmen.

Gründung des Kronrats

Abdullah ließ sich die Entscheidung, Muqrin zum Nachfolger Salmans zu bestimmen, durch den von ihm 2006 ins Leben gerufenen Kronrat, in dem die Vertreter der Familienzweige sitzen und künftig die Thronfolge untereinander aushandeln sollen, absegnen: nicht ohne Widerstände, wie es hieß. De facto nahm er Salman das Recht, einen eigenen Kronprinzen einzusetzen – auch wenn es Tradition hat, dass der saudische König über seinen direkten Nachfolger hinaus denkt.

Dass Salman trotz seiner Erkrankung noch regelmäßig auftritt, deutet der Saudi-Arabien-Experte Simon Henderson als Hinweis, dass dessen eigene Nachkommen sich nicht ausbooten lassen wollen. Aber auch ein Sohn Abdullahs ist gut positioniert – Miteb ist Chef der Nationalgarde –, es gibt aber auch noch andere starke Kandidaten, etwa Muhammad, den Sohn des verstorbenen Kronprinzen Nayef.

Auf alle Fälle kommt die Linie der Abdulaziz-Söhne langsam an ihrem Ende an: Das macht das Ableben König Abdullahs in besonders turbulenten Zeiten – die Bedrohung durch den „Islamischen Staat“, der ungelöste Hegemonialkonflikt mit dem Iran – so brisant. Ein Machtkampf zwischen den Familienzweigen könnte das Königreich destabilisieren. Das mag die Kritiker der absoluten Monarchie Saudi-Arabien, in der westliche Menschenrechtsstandards keine Rolle spielen, zwar freuen, aber einen neuen Krisenherd kann sich niemand ernsthaft wünschen.

International Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue

Abdullah hat einen „Nationalen Dialog“ ins Leben gerufen und versucht, mit der Gründung des „King Abdullah Bin Abdulaziz International Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue“ (Kaiciid) seine Erkenntnis, dass sich auch Saudi-Arabien dem kulturellen und religiösen Dialog nicht verschließen kann, in eine Form zu gießen. Wieweit man allerdings im Wiener Zentrum vom Dialog entfernt ist, zeigt das groteske Schweigen der dort Verantwortlichen zu aktuellen Ereignissen in Saudi-Arabien, Stichwort Raif Badawi.

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Blogger Raif Badawi

Amnesty International setzt sich für Raif Badawi ein

Die öffentliche Prügelstrafe für den islamkritischen saudischen Blogger wurde auch diese Woche ausgesetzt. Der Internetaktivist sollte heute in der Hafenstadt Jidda die nächsten 50 von insgesamt 1.000 Peitschenhieben bekommen.

Ein achtköpfiges Ärztekomitee habe jedoch nach einer Untersuchung empfohlen, dass Badawi aus gesundheitlichen Gründen nicht ausgepeitscht werde, teilte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International am Donnerstag mit.

Demonstration in Wien

Am Donnerstagnachmittag nahmen rund 50 Personen an einer von Amnesty International Österreich (AI) initiierten öffentlichen Aktion vor der saudi-arabischen Botschaft in Wien für die Freilassung des kritischen Bloggers Raif Badawi teil. Zudem übergab AI-Österreich 5.400 Protestunterschriften an die Botschaft.

Der Generalsekretär von AI-Österreich, Heinz Patzelt, zitierte den Blogger und lobte dessen Gesinnung: „Moslems, Juden, Christen – alle sind gleichwertig. Und es muss möglich sein, an verschiedene Gottheiten zu glauben. Das hat uns Badawi vermittelt und das ist eine wichtige Botschaft“. In Zeiten des Irrsinns von Paris und der Angst vor Terrorismus müsse man beim Fall Badawi handeln, sprach Patzelt.

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Saudi-Arabien - Schwangere

Saudische Realität ohne Schutz des Lebens

Etwa acht Millionen Migranten sind nach einem Bericht des internationalen Gewerkschaftsbunds ITUC legal in Saudi-Arabien beschäftigt, fast ein Drittel der Menschen im Land sind Ausländer. Immer wieder gibt es Berichte über die miserablen Verhältnisse, in denen die Gastarbeiter leben. So nennt der ITUC-Bericht „extreme Fälle von Gewaltanwendung, Einschüchterung, Freiheitsberaubung und Bedrohung“; zudem würden viele Migranten gezwungen, von früh bis spät ohne Pause zu schuften.

Ein Jahr lang arbeitete Stefan Bauer als Rettungsassistent für den Roten Halbmond in Saudi-Arabien. Viele der Geschichten, die der Deutsche über diese Zeit erzählt, sind kaum zu ertragen – und bieten einen seltenen Einblick in eine abgeschottete Gesellschaft. Auszug aus einen Spiegel-Online Interview mit dem Rettungsassistenten:

Hintergrund ist das sogenannte Kafala-System, bei dem jeder Gastarbeiter einen Bürgen hat, in der Regel den Arbeitgeber. „Sobald diese Leute im Land sind, sind sie ihm ausgeliefert“, sagt Rothna Begum von der Hilfsorganisation Human Rights Watch (HRW) . „Ohne Einwilligung des Arbeitgebers können sie ihren Job nicht wechseln und auch das Land nicht verlassen.“ Besonders prekär ist die Situation der rund 1,5 Millionen Frauen, die als Hausangestellte in Saudi-Arabien arbeiten und meist von den Philippinen, aus Indonesien oder Sri Lanka stammen. Von „faktischer Sklaverei“ spricht ein philippinischer Parlamentsausschuss für die Belange von Gastarbeitern in Übersee.

SPIEGEL ONLINE: Was waren das für Frauen?
Bauer: Meistens Hausmädchen, die im Ausland angeworben werden. Kommen sie in Saudi-Arabien an, nimmt man ihnen den Pass weg. Wenn sie Glück haben, erwischen sie einen Arbeitgeber, der sie bezahlt wie verabredet. Wenn sie Pech haben, verlangt der Hausherr Zusatzdienste.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?
Bauer: Viele Ausländerinnen, die als Nanny arbeiten, werden von den Söhnen oder Hausherren vergewaltigt. Einmal habe ich eine Äthiopierin gefahren, die vor Schmerzen kaum laufen konnte. In der Klinik habe ich den Sachverhalt einer Ärztin geschildert. Sie sagte: Schlimm, aber da kann man nichts machen. Wenn wir jetzt die Polizei einschalten, geht diese Frau ins Gefängnis.

Es existieren keine konkreten Zahlen darüber, wie viele Hausangestellte in Saudi-Arabien misshandelt oder vergewaltigt werden. In einem HRW-Bericht aus dem Jahr 2008 heißt es jedoch, von 86 befragten Frauen hätten 28 über sexuelle Übergriffe geklagt. „Typischerweise sind Arbeitgeber oder männliche Familienangehörige die Täter“, schreiben die Autoren. Und den Gang zur Polizei wagen in Saudi-Arabien nur die wenigsten Opfer. Wer eine Vergewaltigung anzeigt, gibt nach dortigem Verständnis automatisch zu, außerehelichen Sex gehabt zu haben – ein schweres Vergehen. Nur wer nachweisen kann, dass tatsächlich eine Vergewaltigung stattgefunden hat, entgeht einer Bestrafung. „Und dieser Nachweis ist unglaublich schwer“, sagt Begum.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn eine dieser Frauen schwanger wird?
Bauer: Ins Krankenhaus können sie jedenfalls nicht, da droht ihnen die Verhaftung. Sie entbinden das Kind also zu Hause. Und in der Regel werden diese Babys ausgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: In der Regel?
Bauer: Ich hatte solche Fahrten einmal in der Woche, Einsatzstichwort: „abandoned baby“. Wenn’s gut läuft, wurde das Neugeborene kurz vor der Gebetszeit vor eine Moschee gelegt. Wenn’s schlecht läuft, ist das Kind tot. Und ganz viele dieser Säuglinge haben asiatische Gesichtszüge. Nach meinem ersten Einsatz dieser Art – angeblich ein totes Kind vor einer Moschee, das dann aber doch noch lebte – habe ich im Krankenhaus eine Schwester gefragt, wie oft so etwas vorkommt. Da stellte sie einen vollen Leitz-Ordner auf den Tisch, mit den Einsätzen allein vom letzten halben Jahr. Und das war nur eines von vielen Krankenhäusern in Riad.

Auch Ex-Paramedic Frank Scharf spricht von einer erschreckend hohen Zahl ausgesetzter oder getöteter Neugeborener. „In schöner Regelmäßigkeit“, sagt er, trügen vergewaltigte Nannys heimlich Kinder aus. Viele von ihnen würden nach der Geburt regelrecht entsorgt. „Allein zu einer Müllhalde in der Umgebung bin ich etwa alle zwei Wochen gefahren, nur um zu bestätigen: Ja, das Kind ist tot“, sagt er.Vom Roten Halbmond in Saudi-Arabien gibt es zu alledem keine Stellungnahme. Mehrere Anfragen von SPIEGEL ONLINE blieben bei der Hilfsorganisation unbeantwortet.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie Ihr ehemaliges Gastgeberland nach dieser Erfahrung?
Bauer: Wissen Sie, natürlich gibt es dort Fundamentalisten. Ich hatte in Riad aber auch viele junge Kollegen; Saudis, die verstehen, dass in ihrer Heimat ganz viele Sachen falsch laufen. Nur ändern können sie daran nichts. Weil es ihnen passieren kann, dass sie verhaftet werden, wenn sie dagegen aufbegehren.

SPIEGEL ONLINE: Wie dachten Ihre Kollegen zum Beispiel über die Geburt, bei der Sie nicht helfen durften?
Bauer: Einige haben sich darüber aufgeregt. Die sehen, dass Religion und Medizin zwei verschiedene Dinge sind. Es gab aber auch welche, die gesagt haben: Das Kind wäre auf jeden Fall gestorben, selbst wenn man seinen Kopf noch so sehr zurückgedrückt hätte. Weil es Allahs Wille war.

Saudi-Arabien ist seit langem ein äußerst fragwürdiger Partner des Westens. Durch den Ölbedarf der letzten 50 Jahre haben sich die USA und die starken europäischen Wirtschaftsmächte einer Doppelmoral verschrieben, die aus den Geschichtsbüchern unserer Enkel nicht getilgt werden kann: In Sonntagsreden werden Aufklärung und Menschenrechte beschworen, und werktags wird weggeschaut.

Für Regierende, die vornehmlich ihre nationalen Wirtschaften und ihre eigene Macht im Auge haben, ist das ja nicht ungewöhnlich. Viel schwerer nachvollziehbar ist allerdings der Kurs der kirchlichen bzw. religiösen Verantwortungsträger in Rom und Jerusalem, die beispielsweise im Angesicht der „unterschiedlichen Offenbarungen“ zu Abraham und seinen Söhnen nicht zu klaren Distanzierungen gefunden haben.

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2 Gedanken zu “Saudi-Arabien: König gestorben, Kinder tot, Blogger lebt

  1. Hallo
    Müssen „wir“ Christen nicht Stellung beziehen? Und wie können wir das tun? Vielleicht in dem wir von der Heilsgeschichte Zeugnis ablegen und wir klar bekennen dass wir an den Dreieinen Gott “ Vater, Sohn und Heiliger Geist“ glauben. Und dies nicht nur „na ja“, sondern auch in Glaubwürdigkeit und mit Wissen. Folgen wir Jesus Christus nach, sind wir wirklich seine Jünger, dann sind wir als Christen und Kirche auch nach Außen wahrhaftig und glaubwürdig und anziehend. Jesus war und ist immer „klar“ aber absolut in der Liebe. Will damit sagen er hat durchaus Situation, Missstände usw. aufgezeigt und angesprochen doch in allem hat er uns sich selbst und seinen Vater gebracht. Papst Benedikt schrieb in seinem Buch: was wollte Jesus uns bringen und darauf die schlichte Antwort: Gott
    Muslime müssen sich die Frage stellen was und woran sie glauben, der Prophet Mohammed war und ist ebenso klar, doch meiner Meinung nach nicht in dieser rosa Brille wie viele es gerne sehen und interpretieren möchten.
    Und wir Christen glauben nicht an einen Propheten sondern an den Dreieinen Gott und das sollten wir ebenso klar leben und aussprechen können (und nicht: ja ich glaube an den Dreieinen Gott aber so genau erklären kann ich das nicht da Fragen Sie mal den Pfarrer….usw.)
    Ich hoffe ich konnte meine Gedanken so schreiben dass sie nicht missverstanden werden

    Herzliche Grüße

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