Auschwitz 70 Jahre nach der Befreiung

Das Gedenken zur Befreiung von Auschwitz am 27. Jänner 2015 wird für viele Überlebende der letzte runde Jahrestag sein; die Mehrheit ist deutlich über 90 Jahre alt. Die Gedenkstätte verzeichnet neue Besucherrekorde – von einer Altersgruppe, die vom Grauen des Lagers drei Generationen entfernt ist.

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Auschwitz - Kinder nach der Befreiung vom 27.1.1945
Auschwitz – Kinder nach der Befreiung vom 27. Jänner 1945 durch die Rote Armee, Foto EPA / Wiener Library

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Zofia Posmysz war 18, als sie 1942 in Warschau festgenommen wurde. Ihr Verbrechen: die Teilnahme an einem Untergrundbildungssystem, das von den Nazis geschlossene Schulen ersetzen sollte. Wenn Sie vom alltäglichen Horror ihrer drei Jahre in Auschwitz erzählt – dann klingt es ein wenig so, als spräche sie von einem anderen Leben.

Erinnerung durch Zeitzeugen

Als Radioredakteurin beim polnischen Rundfunk habe man sie aufgefordert, Berichte über Auschwitz zu machen, erzählt sie. Später hat sie ihre Erlebnisse im Buch „Die Passagierin“ verarbeitet. Erst im höheren Alter begann sie, in Auschwitz Besuchergruppen zu treffen. „Es ist wichtig, dass die Erinnerung überlebt.“ Das Lager habe ihr ihre Jugend gestohlen, sagt sie. „Nur darüber zu erzählen, gibt meinen letzten Lebensjahren einen Sinn.“

„Wir müssen der Realität ins Auge blicken, das 2015 das letzte Runde Gedenkjahr sein wird, an dem viele Überlebende teilnehmen können“, sagt Piotr Cywinski, Direktor des Auschwitz-Museums. So werden zum 70. Jahrestag der Befreiung durch die Rote Armee im Jänner 1945 rund 300 Überlebende erwartet. Vor zehn Jahren waren es noch 1500.

Sprunghaft angewachsen sind vor allem die Besuche aus Staaten des früheren Ostblocks. Änderungen in den Lehrplänen machen sich dort bemerkbar, immer mehr nach 1989 ausgebildete Lehrkräfte stapfen mit ihren Klassen zwischen den Baracken zu den Gaskammern und Krematorien.

Österreich und seine Geschichte

Aber auch eine „Geographie des Fernbleibens“ nennt Cywinski: neben dem südlichen Afrika und muslimischen Staaten fällt ihm auch Österreich ein: nur rund 3000 Besucher kamen von dort zuletzt pro Jahr. Natürlich wisse er, sagt Cywinski, dass österreichische Schulen statt nach Auschwitz nach Mauthausen fahren. „Auch das ist ein dramatischer Ort. Aber es war ein Konzentrations- und nicht ein Vernichtungslager“.

Österreich habe lange ein Problem mit der Geschichte von 1938 bis 1945 gehabt. „Viele Besucher beschämt“ habe das Eingangsportal des 1978 von Österreich eröffneten nationalen Pavillons: „Österreich – erstes Opfer des Nationalsozialismus“ war dort bis vor kurzem zu lesen. In zwei Jahren wird es eine neue Ausstellung geben, die der Vergangenheit Rechnung trägt.

Am 27. Jänner spricht Arie Rath vor Schülern im Wiener Parlament über die Befreiung von Auschwitz. Der 90 jährige israelische Publizist mit Wiener Wurzeln über den Wandel in Österreich: als Mitte der achtziger Jahre die Waldheim Affäre losbrach, kam er nach Wien um dem Land den Puls zu fühlen.

Er stieß auf viel alten Unrat, fand aber Österreicher, die mit der Vergangenheitsvertuschung Schluss machen wollten: Vranitzky, Scholten, liberale Journalisten, Künstler und Intellektuelle. Es entstand eine tragfähige Beziehung. Rath wurde 2007 Doppelstaatsbürger, viel gefragter Zeitzeuge und Interpret des „anderen Österreich“ in Israel.

Was Auschwitz bewirken kann

Jonathan Webber, Universitätsprofessor in Krakau, stellt fest: „Ein sehr paradoxer Ort. Eines ist klar: wenn Sie in Auschwitz waren, und der Besuch hat sie nicht verändert; wenn sie nicht gegen Ungerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen Stimme erheben – dann waren sie nicht in Auschwitz“.

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Quelle der Zitate: Der Standard, Printausgabe vom 24./25. Jänner 2015

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