Die Verständigung zwischen Muslimen und Christen

Zuletzt habe ich mich hier, hier und hier mit dem Islam beschäftigt, und bin gefragt worden, ob ich denn nichts Besseres im Sinn hätte, als die Gräben zwischen Muslimen und Christen vertiefen zu wollen. Bevor ich im Anschluss das berührende Schreiben des großen Benediktiners David Steindl-Rast vorstelle, möchte ich dieses grobe Missverständnis aufklären.

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Im ersten Artikel werden 3 Fragen gestellt, die ich im öffentlichen Diskurs vermisse: 1) Wie kann es sein, dass angesichts unzähliger Beleidungen des abrahamitischen GOTTES vor allem Beleidigungen des Propheten Mohammed zu terroristischen Akten führen? 2) Warum gibt es im Islam kein allgemeines Tötungsverbot? 3) Wie kann es von aufgeklärten Gesellschaften hingenommen werden, dass eine bald 2 Milliarden Gläubige umfassende Gemeinschaft von Muslimen keine umfassend-verbindliche Lehre kennt?

Mit diesen Fragen wird nicht bestritten, dass es nicht grobe Beleidigungen muslimisch-religiöser Gefühle gegeben hat oder gibt. Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass die Beantwortung dieser Fragen zu einem besseren interreligiösen Verstehen führen kann.

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Im zweiten Artikel benenne ich ein historisch verbrieftes Kapitalverbrechen an Juden, das in Gegenwart und im Namen des Propheten Mohammed begangen wurde. Was mir an diesen Zitaten renommierter Historiker und Islamwissenschaftler wichtig erscheint, ist die aus einem christlichen Denken heraus gegebene große Schwierigkeit, die Evidenz von Gewalt im Islam verstehen zu können.

Um es auf den Punkt zu bringen: Auch die Geschichte des Christentums kennt viele Gewalttaten und Verbrechen. Aber wer könnte ein einziges Kapitalverbrechen nennen, das im Namen Jesu Christi und unter Beteiligung des Jesus von Nazaret begangen worden wäre?

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Im dritten Artikel wird der Blick auf katastrophal-grausame Zustände gelenkt, wie sie in Saudi-Arabien tagtäglich vorkommen. Das kann schon deshalb nicht als generelle Verurteilung islamischer Staaten gesehen werden, weil Saudi-Arabien nur eine von verschiedensten Ausprägungen islamischer Staaten darstellt – allerdings eine, gegen die man Stellung nehmen darf und soll.

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Vor wenigen Tagen habe ich ein Mail erhalten, dem ein Beitrag des benediktinischen Autors und Mystikers David Steindl-Rast OSB beigefügt war. Der Artikel hat mich berührt, nachdenklich gemacht, und ich möchte ihn in voller Länge zitieren:

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Der Terroranschlag auf Charlie Hebdo: ein Weckruf

„Nach dem kürzlich verübten Terroranschlag in Paris gingen Millionen auf die Straßen um für Pressefreiheit zu demonstrieren – mehr Menschen als je zuvor bei Demonstrationen in Frankreich. Pressefreiheit ist auch mir ein wichtiges Anliegen, aber sie ist nicht das eigentliche Thema dieses geschichtlich bedeutsamen Augenblickes. Was die Terroristen aufstachelte war ja nicht Pressefreiheit, sondern ihr Missbrauch. Gegen solch schamlosen Missbrauch aufzubegehren verpflichtet diese Stunde uns alle.

Humanisten auf der ganzen Welt teilen in diesem Fall die Empörung der Terroristen. Wahre Menschlichkeit verabscheut zwar ihr Verbrechen, stimmt aber in einem wichtigen Punkt mit Ihnen über ein: die Pressefreiheit zur Verletzung der heiligsten Gefühle Anderer zu missbrauchten, ist ebenfalls ein Verbrechen. Dieses Doppelverbrechen als solches zu erkennen und für seine Gutmachung einzutreten, ist nicht nur Gebot der Stunde, sondern unsere – vielleicht letzte – Chance, die rasend ansteigende Springflut der Gewalttätigkeit umzuwenden und ihre Energie umzuwandeln in Schaffenskraft für eine Welt des Friedens.

Wie komme ich zu dieser Behauptung? Weil ich mich erinnern kann – da hilft das Alter – an Parallelen mit der Verwirrung, die Mitte der 1930er Jahre in Deutschland und Österreich herrschte. Damals sahen viele junge Menschen hohe Werte der europäischen Kultur bedroht von einer vorwiegend aus den USA eindringenden Dekadenz. Die Nazis spielten sich als Bollwerk gegen diese Dekadenz auf und verführten dadurch – anfangs zumindest – viele idealistische und opferfreudige junge Menschen. Ebenso muss heute unsere eigene westliche Gesellschaft idealistischen jungen Menschen in islamischen Kulturen dekadent erscheinen; gerade dies spielt sie extremistischen [islamistischen] Verteidigern bedrohter Werte in die Hände und macht sie zu Terroristen.

Das eigentliche Problem ist, dass unsere Gesellschaft nicht nur von außen betrachtet dekadent erscheint, sondern – das müssen wir leider zugeben – dekadent ist. Den Beweis liefern schon die Millionen, die, marschierend und schreiend, bedenkenlos die Verletzung muslimischer Mitmenschen durch absichtlich beleidigende Karikaturen verteidigen. Wir brauchen also gar nicht auf andere Symptome von krankhaftem Werteverfall hinzuweisen, wie etwa auf die Tatsache, dass das Jahr 2015 damit begann, dass in Wien Stadtmitte ein Sterbender 5 Stunden lang in einem U-Bahn Aufzug lag und keiner der unzähligen Menschen, die über ihn drüber steigen mussten, auch nur die Polizei gerufen hätte.

Es geht aber nicht um Symptome, es geht in erster Linie um Diagnose und Bemühung um Heilung. Dafür bietet uns der Pariser Terroranschlag eine einzigartige Gelegenheit. Dieser historische Augenblick ruft uns auf, solidarisch mit Gleichgesinnten in der muslimischen Welt für einen der höchsten menschlichen Werte einzutreten, für die Ehrfurcht. Wir haben die Wahl: Humanismus oder Terrorismus. Wer nicht einsehen will, dass Beleidigung der religiösen Ehrfurcht anderer ein Menschenrechtsverbrechen ist, schürt das Feuer des Terrorismus.

Nur gemeinsam mit den Humanisten muslimischer Kulturen können wir die Wiedergewinnung allgemein menschlicher Werte erhoffen. Uns dieser Aufgabe neu zu verpflichten, dazu will uns das entsetzliche Verbrechen in Paris Weckruf sein. Nur gemeinsam kann uns die ungeheure und zugleich unumgängliche Aufgabe gelingen: Erneuerung der Gesellschaft durch bleibende menschliche Werte. Unser gemeinsames Anliegen verlangt – und bietet zugleich Gelegenheit für – Verständigung und Zusammenarbeit. Es liegt an uns, unsere Regierungen anzuhalten, Anschuldigungen durch Verständigungsversuche zu ersetzen. Nur Verständigung hat Zukunft. Es liegt an uns, unsere muslimischen Nachbarn zu finden, einzuladen und zu besuchen, mit Ihnen zu sprechen, uns in Ihre Anliegen einzufühlen, uns bewusst zu machen, was uns verbindet, Probleme ehrlich einzugestehen und gemeinsam an ihrer Überwindung zu arbeiten.

Für die doppelte Schandtat in Paris kann niemand dankbar sein. Sie kann uns aber zum Weckruf werden. Das wäre ein großes Geschenk. Unsere Besinnung auf verlorene Werte und unsere tatkräftige Bemühung um Erneuerung wären dann der Erweis unserer Dankbarkeit.“

David Steindl-Rast OSB  david@gratefulness.org

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In Sinne von Pater David hoffe ich, dass möglichst viele Nicht-Muslime mit muslimischen Schwestern und Brüdern ins Gespräch kommen. Und dem Altabt von Heiligenkreuz, Gregor Henckel-Donnersmarck OCist folgend, ergänze ich, dass wir erst dann miteinander sprechen können, wenn wir uns auch mit der „anderen Seite“ beschäftigen und – an einen Tisch setzen.

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2 Gedanken zu “Die Verständigung zwischen Muslimen und Christen

  1. nichts hinzu zu fügen…ausser, dass es nur „wir“ , die Nutzer von „Zeit zu beten“ lesen…
    Vielleicht kann der Autor das Ganze mal an Redaktionen von Presse, Funk und Fernsehen versenden…und um eine Re- Aktion ersuchen…?
    In Zeiten von beginnender Sensibilisierung (ja…auch „Dank“ Pegida…) kommen ja ggf. Stellungnahmen/ Diskurse zu Stande…?
    Eine gesegnete Woche!

    1. Liebe Christine,
      da triffst du einen gewissen Punkt, da ZEIT ZU BETEN nicht gerade die große Diskussionsplattform ist…

      …wobei es den einen oder anderen BLOGGERKOLLEGEN/KOLLEGIN gibt, der/die so einen ‘Weckruf’ an öffentlichkeitswirksame Orten platzieren könnte…

      …und es ist nicht ausgeschlossen, dass dies noch passiert.

      Ebenfalls eine gesegnete Woche!

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