„Nachbarinnen“

„Nachbarinnen“ ist eine private Wiener Initiative, innerhalb derer derzeit 16 muslimische Frauen türkischer, arabischer, tschetschenischer und somalischer Muttersprache Kontakt zu muslimischen Familien suchen und finden, die sich aus den verschiedensten Gründen – Glaube, Brauchtum, Sprachlosigkeit, Armut – von der österreichischen Gesellschaft weitestgehend abgekapselt haben. So sehr, dass sie die Einrichtungen, die gerade Wien durchaus zur Erleichterung der Integration zur Verfügung stellt – Sprachkurse, Berufsberatung, Amtshilfe, Lernhilfe, usw. – weder kennen noch gar in Anspruch nehmen.

Aber wenn sie auf dem Markt, am Spielplatz oder in der Moschee von einer Frau angesprochen werden, die wie sie gekleidet ist, ihre Sprache spricht und ihre Probleme aus eigenem Erleben kennt, dann fassen sie Vertrauen. Dann ist Gespräch, Beratung und letztlich Zugang zur gesamten Familie möglich.

Obwohl oder gerade weil es auf dem Einsatz von Amateurinnen basiert, ist das Nachbarinnen-Projekt denkbar professionell organisiert: Alle Frauen erwarben an der Alpe Adria Universität fünf Monate hindurch Kompetenzen in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Soziales und Kommunikation.

Die Initiatorinnen, Christine Scholten und Renate Schnee, arbeiten ehrenamtlich, die „Nachbarinnen“ sind angestellt: Sie erleben, meist erstmals im Leben, „Berufstätigkeit“ und leben sie muslimischen Frauen und deren Männern vor. Sie haben gelernt, ihre Arbeit schriftlich zu dokumentieren. Alle zwei Wochen wird sie gemeinsam mit einer Projektleiterin evaluiert.

Es wird höchster Wert auf ein „Give and Take“-Verhalten der Betreuten gelegt: Kinder erhalten kostenfreie Lernhilfe, wenn ihre Mütter sich gleichzeitig verpflichten, einen Deutschkurs zu besuchen; Familien erhalten Hilfe beim Umgang mit Ämtern, wenn sie ihre Kinder konsequent in die Schule schicken; usw.

Jede „Nachbarin“ betreut auf diese Weise rund 16 Familien im Jahr, wobei oft auch deren benachbarte Familien mit profitieren. Wichtigstes Ziel ist es, voran Kindern, die sonst kaum Chancen hätten, solche zu schaffen.

Das Projekt kostet gerade nur 235.000 Euro im Jahr. Die Ausbildung der Frauen wurde von der öffentlichen Hand mit 113.000 Euro finanziert, der Rest wurde durch Spenden aufgebracht, die schon jetzt auch die Finanzierung des nächsten Jahres absichern.

Prompt will die öffentliche Hand nicht mehr mitfinanzieren, statt dass das einzig Richtige geschieht: das Projekt auszuweiten… (Quelle: Profil.at, Ausgabe vom 07.02.2015)

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PS: Ist es nicht Zeit, durch Dialog mit muslimischen Communities gegenseitiges Vertrauen aufzubauen? Christliche Gemeinschaften könnten ähnliche „Nachbarschaftsprojekte“ auch ohne öffentliche Hilfe auf die Beine stellen – und das eben auch überkonfessionell. Wer macht den Anfang?

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Ein Gedanke zu “„Nachbarinnen“

  1. Wow – hab ich diesen Artikel vor drei Tagen übersehen?
    Die Idee gefällt mir sehr gut … da muss doch auch im ehrenamtlichen Bereich was möglich sein, ohne Kosten von über 200.000 EUR …

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