Gibt es christliches Beten ohne das Judentum?

Juden im Gespräch
*

Eine Parabel des Baal Schem Tov* von einem König, der an einem Freudentag erklärte, dass er jedem, der ihn um etwas bitten würde, seine oder ihre Bitte erfüllen würde.

Einige baten um Macht und Ehre, andere um Reichtümer und wertvolle Gegenstände. Jedem gab der König das, worum er oder sie gebeten hatte.

Bis ein Mann auf ihn zutrat und einfach nur darum bat, den König dreimal täglich persönlich sprechen zu dürfen.

Dem König gefiel diese Bitte, weil diesem Mann offensichtlich das Gespräch mit dem König wichtiger war, als alle Reichtümer oder Macht. Daher gewährte er dem Mann dessen Bitte, und erteilte ihm die Erlaubnis, den Palast zu betreten, um mit dem König zu sprechen. Er gab außerdem die Anweisung, dass diesem Mann die Schätze und Wertgegenstände zugänglich gemacht wurden, damit er auch an dem Reichtum teilhaben konnte.

Und so, sang David in seinen Psalmen „Ein Gebet eines Bettlers…wenn er seinen Dialog vor G-tt kund tun werde“ **. Der Dialog selbst, das ist seine Bitte.

Worin besteht die Weisheit dieses Bettlers? Während die anderen die Großartigkeit für sich selbst wählten, ist es andererseits so, dass er, der Bettler, sich dafür entschied, als ein Nichts vor der Großartigkeit zu stehen.

(Quelle: Rabbiner Yehuda Teichtal, Jüdisches Bildungszentrum – Rohr Chabad Center, Berlin)

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Wer ist nun nicht versucht, zu fragen: Lieber Rabbi Yehuda Teichtal, was bedeutet das, als „ein Nichts vor der Großartigkeit zu stehen, und was genau geschieht, wenn unsere Schwester oder unser Bruder als ein Nichts im Dialog vor GOTT steht?

Es ist das Beten, das demütige und tiefe Gebet vor dem Schöpfer, der uns seinen einzigen Sohn gesandt hat, „damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16).

Es ist die Liebe, die vom demütigen Beten in das tatkräftige Tun übergeht: „Denn Gott ist nicht so ungerecht, euer Tun zu vergessen und die Liebe, die ihr seinem Namen bewiesen habt, indem ihr den Heiligen gedient habt und noch dient“ (Hebr 6,10).

Gibt es also christliches Beten ohne Judentum? Eigentlich nicht, und wenn doch, dann fehlte es ihm am unermesslichen Reichtum jüdischer Überlieferung.

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* Rabbi Israel ben Elieser (ישראל בן אליעזר‎, geboren um 1700 in Okop bei Kamieniec-Podolski (Polen-Litauen); gestorben am 22. Mai 1760 in Międzyborz, Wojewodschaft Podolien, Polen-Litauen; genannt Baal Schem Tov (בעל שם טוב, ‚Besitzer des guten Namens‘, auch: ‚Meister des guten Namens‘) oder abgekürzt Bescht) gilt als Begründer der chassidischen Bewegung innerhalb des religiösen Judentums.

** Vgl. die Psalme Davids 86, 9, 88, 140…

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4 Gedanken zu “Gibt es christliches Beten ohne das Judentum?

  1. Hm – also ich würde ja durchaus weiter gehen und sagen: Es gibt kein Christentum ohne Judentum.
    Das Alte Testament erzählt von Juden …
    Joseph, Maria und also auch Jesus waren Juden …
    Petrus und Paulus waren Juden …
    … und die Offenbarung sieht ein „neues Jerusalem“ als Ziel des Heils!

    Es geht also auch im Neuen Testament sehr „jüdisch“ zu ;)

      1. Ach ja, genau – beten war das Thema :D
        OK – zu dem Thema, ich denke, viele Einsichten des Gebets gewinnt man eben auch über die Psalmen … die man ohne der jüdischen Kultur auch nicht ganz versteht. Gerade Klagepsalmen oder Rachepsalmen sind unserem Denken einfach total fremd …

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