Auftrag: Liebe (6. Sonntag der Osterzeit)

 

Artikel- Jobo zum SonntagsEvangelium***

Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. Dies trage ich euch auf: Liebt einander!

(Joh 15,9–17)

*

Kommentar:

Für das Christentum ist zentral, was Christus uns mit auf den Weg gegeben hat, in Seinen so genannten „Abschiedsreden“ (Joh 13-17). Kernpunkte sind der Dienst (Fußwaschung, Joh 13, 1-20) und die Liebe (Joh 13, 34; Joh 15, 17: „Dies trage ich euch auf: Liebt einander!“) sowie die Einheit von Vater und Sohn, von Sohn und Gemeinde durch den Geist (Joh 14, 15-31). Alles, was Christen tun, muss sich fortan an diesem Vermächtnis messen lassen. Heute hören wir von einem ganz besonderen Auftrag: Liebt einander! Wie soll das denn gehen? Man kann Liebe doch nicht in Auftrag geben!

Doch, Jesus kann! Denn erstens verlangt Er von uns nichts, was Er nicht auch zu geben bereit ist. Zuvor lesen wir im Johannesevangelium: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13, 34). Das neue Gebot der gegenseitigen Liebe steht also nicht im luftleeren Raum ethischer Optionen, sondern es kommt mit Bezug zur Erfahrung des Menschen mit Gott in Jesus Christus, es findet ein konkretes Vorbild im Handeln Jesu. Daran können wir uns orientieren.

Und zweitens sind es nicht die Sympathie, die Zuneigung oder gar die sexuelle Anziehung, die hier mit „Liebe“ angesprochen werden, nicht eros und nicht philia, sondern die tätige Barmherzigkeit, die Nächstenliebe, agape. Von agape ist in der Bibel an den Stellen die Rede, an denen eine Liebe gemeint ist, die mit dem unbedingten normativen Anspruch verknüpft werden soll, der den Liebesbegriff des Christentums von den Konzepten aller anderen Religionen und Weltanschauungen abhebt. So wie hier: „Liebet einander!“.

Die agape ist eine neue Liebe, neu in der Ausrichtung, der Radikalität, der Verbindlichkeit. Es ist diese Liebe eine Liebe, die man in Auftrag geben, die man gebieten kann (was beim eros und bei der philia unmöglich ist). Man kann Jesu Liebesgebot nicht vom Begriff des Gebotes her verstehen, sondern nur vom Begriff der Liebe, von dieser agape her. Die Logik der Barmherzigkeit ist dem Gebot inhärent, nicht die Logik der Normativität. Liebe ist nach Jesus zugleich Gefäß und Inhalt, Weg und Ziel, materielle Forderung („Liebet einander!“) und formale Durchführungsdirektive („Legt alles in Liebe aus!“).

Was bedeutet das konkret? Wie lässt sich diese Liebe leben? Vorbild ist Jesus, maßgebend ist Seine Vorstellung, welche eine Empathie zum Prinzip erhebt, die sich mit dem Liebesbedürftigen identifiziert und letztlich eint. So wie in Jesus Gott und Mensch geeint sind, so wie Gott in Christus den menschlichen Standpunkt einnimmt und uns von dort aus ganz neuartig liebt (bis hin zur Selbstaufgabe), so sollen wir aus dem Blickwinkel des Nächsten schauen, seine Perspektive einnehmen und so erkennen, welcher Unterstützung er bedarf.

Was das heißt, sagt uns Jesus in einem Gleichnis, dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 30-37). Jesus erzählt von einem Überfall und der Hilfeleistung durch einen Nicht-Juden, und zwar aus der Sicht des Opfers. Denn erst wenn man dessen Sicht eingenommen hat und aus dessen Sicht keinen Handlungsbedarf mehr erkennen kann, ist die Liebe an ein Ende gelangt. Sie bemisst sich also immer am Bedürfnis dessen, der Liebe braucht, nicht an dem, der sie gibt.

Der barmherzige Samariter sagt zum Wirt der Herberge, in die er das Opfer gebracht hat: „Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme“ (Lk 10, 35). Mit dem „wenn du mehr für ihn brauchst“ (quodcumque supererogaveris) übereignet sich der barmherzige Samariter allen Bedürfnissen des Opfers, auch denen, die er noch gar nicht einschätzen kann.

Das bedeutet: Die Nächstenliebe verzichtet auf diese Einschätzung. Das ist der Clou der Ethik Jesu, der als supererogatorischer Ansatz bekannt wurde: Es gibt kein Genug aus meiner Sicht, sondern nur aus der des Anderen. So betrachtet gibt es schließlich keine Situation mehr, die und keinen Menschen mehr, der von unserer Liebe prinzipiell ausgenommen ist. Die Liebe ist damit ein universales ethisches Prinzip des Christentums, das auf die absolute Würde des Menschen die passende Antwort gibt.

 

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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