Pfingsten – Geburtstag der Kirche (Pfingstsonntag 2015)

Artikel- Jobo zum SonntagsEvangelium***

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.

(Joh 20,19–23)

oder

Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen. Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid. Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.

(Joh 15,26–27; 16,12–15)

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Kommentar:

Zum Pfingstfest, dem Geburtstag der Kirche, stehen zwei Perikopen zur Verfügung, die zwei Aspekte der Kirche thematisieren: den Auftrag zur Mission und die Kraft des Beistands, des Heiligen Geistes, der dafür sorgt, dass die Kirche nach innen geschlossen und nach außen offen ist. Schauen wir uns das Konzept von Kirchlichkeit, dass im Katholizismus prägend ist, einmal genauer an.

Der Katechismus der Katholischen Kirche bezeichnet die Kirche als „das Volk, das Gott in der ganzen Welt versammelt“ und sich dabei „als liturgische, vor allem als eucharistische Versammlung verwirklicht“ (Nr. 752). Bilder für die Kirche sind „Schafstall“ (Nr. 754), „Acker Gottes“ (Nr. 755) und „Bauwerk Gottes“ (Nr. 756). Bei letzteren Metaphern lässt sich die Dynamik der stetigen Veränderung der Kirche erahnen: Ecclesia semper reformanda est. Liturgische Lieder zum Thema „Kirche“ nehmen diese Bilder auf poetische Weise auf, verdichten gleichsam die Ekkelsiologie. In den Gesängen des Gotteslob ist von der Kirche als einer Stadt die Rede, die „vom Himmel niedergeht in die Erdenzeit“ (Nr. 479). Die Kirche ist insoweit „ein Haus voll Glorie“, das „von Gottes Meisterhand“ erbaut wurde, „aus ewgem Stein“ (Nr. 478). Und es ist ein Haus für alle: „Gott ruft sein Volk zusammen rings auf dem Erdenrund“ (Nr. 477).

Kirche ist Gemeinschaft derer, die sowohl untereinander verbunden sind als auch gemeinsam mit Gott. Das ist wichtig, denn Christsein ist ohne Gemeinde nicht möglich, ohne kirchliche Gemeinschaft. Umgekehrt reicht das Zusammensein von Menschen alleine nicht aus. Menschliche Gemeinschaft gibt es auch beim Fußball – in guten, wie in schlechten Tagen. Die menschliche Gemeinschaft in der Kirche ist damit zwar notwendig für das Christentum, aber lange noch nicht hinreichend. Kirchliche Gemeinschaft geht über das Zusammensein von Menschen hinaus, sie ist Gemeinschaft mit Gott, die eine neue Qualität von menschlicher Gemeinschaft ermöglicht.

Eine Gemeinschaft braucht, solange sie auch in der Welt steht, eine Organisationsform. Dazu gibt es – je nach Konfession – unterschiedliche Modelle. Dass der Streit um die beste Organisationsform ein theologischer ist, zeigt deutlich, dass es mitnichten für den Glauben egal ist, wie sich die Gemeinde in der Welt konstituiert. Das Institutionelle kann den Gemeinschaftsaspekt in die eine oder andere Richtung biegen, zur menschlichen Gemeinschaft, also zur Beziehung zwischen den Gemeindemitgliedern, oder zur Gemeinschaft mit Gott, zur Gottesbeziehung.

Die Katholische Kirche als Institution ist nicht vollkommen apolitisch, das kann sie in der Welt auch gar nicht sein. Von daher besteht immer die Gefahr, dass sie zu politisch wird, sich zu sehr einlässt auf die Welt und dabei ihre Bindung zu Gott mehr und mehr löst. Es ist gut, wenn die Kirche auf Prozesse der politischen Meinungs- und Willensbildung einwirkt, sich einmischt in Debatten. Niemals sollte der Institutionsgedanke aber die Gemeinschaftsidee überlagern, denn das hätte zur Folge, dass die Kirche am Ende nur noch als „Subsystem des Politischen“ (Udo Di Fabio) wahrnehmbar wäre. Also: Auch wenn sie sich im öffentlichen Diskurs auf einen Austausch mit solchen Subsystemen einlässt, muss die prinzipielle Differenz ihrer Mission zu der Aufgabe von Parteien, Gewerkschaften und Interessengruppen stets deutlich werden: das Reich ihres Stifters ist nicht von dieser Welt.

Die Gegenwart muss die Katholische Kirche vor dem Hintergrund ihrer Geschichte gestalten. Dazu gehört es auch, die Fehler, die Menschen in ihr gemacht haben, einzugestehen. Die Zukunft der Kirche liegt aber nicht darin, sich auf diese schwarzen Flecke zu fixieren und in einer Schuldstarre handlungsunfähig zu werden, auch nicht darin, sie zu bleichen, sondern den weißen Hintergrund nach vorne zu stellen, im Bewusstsein der Tatsache, dass die Kirche nicht von Menschen (auch nicht vom jeweiligen Papst), sondern vom Heiligen Geist gelenkt wird.

Das ist vielleicht überhaupt die Erklärung, warum es die Kirche heute noch gibt, trotz der zahlreichen Irr- und Umwege, trotz der vielen weltlichen Einflüsse: weil letztlich der Heilige Geist ihr die Richtung vorgibt. Das Kirchenschiff ist stabil genug, um auch bei hohem Wellengang nicht zu kentern. Es hält die Richtung, weil die Wasserstraße ins Meer führt. Der Heilige Geist führt die Kirche zum Ziel. Aber sie, die Wasserstraße, ist breit genug, dass die Kapitäne einen Zick-Zack-Kurs fahren können – und sie tun es, in ihrer menschlichen Fehlbarkeit. Und die Matrosen machen mit. Also: Gerade die Tatsache, dass die Katholische Kirche trotz all ihrer Fehler immer noch existiert, zeigt eindrucksvoll, dass sie mehr ist als eine menschliche Institution. Sie ist Gemeinschaft in und um Christus, Gemeinschaft, die vom Heiligen Geist inspiriert und auf Gott, den Ewigen Vater, ausgerichtet ist.

Der Heilige Geist lenkt und leitet, und dennoch sind wir als Christen gemeinsam Kirche. Das Apostelkonzil in Jerusalem verwandte die Formel: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen“ (Apg 15, 28). Der Heilige Geist und wir – das ist die Kirche. Der Heilige Geist lenkt und leitet, doch wir müssen Ihm folgen. Das geschieht immer dann, wenn in der Kirche die Liebe wirkt. Denn es gilt: „Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand“ (1 Kor 13, 7). So kann die Kirche der Sünder am Ende doch als Heilige Kirche betrachtet werden – als Heilige Kirche der Sünder.

Vor drei Jahren habe ich just zu Pfingsten meine kleine Reihe der Betrachtungen zum Sonntagsevangelium begonnen. Mit dem heutigen Tag schließt der Zyklus der dreijährigen Leseordnung der Katholischen Kirche. Ich hoffe, Ihnen, liebe Leserinnen und Leser von Zeit zu beten, den einen oder anderen Gedanken zur Reflexion und Devotion, zum Denken und Beten mit auf den Weg des Glaubens gegeben zu haben. Gott segne Sie!

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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Meinen ganz besonderen und sehr herzlichen Dank, lieber Josef Bordat, für Deinen Einsatz und langen Atem! Es ist eine ganz große Freude, mit Dir zusammenarbeiten zu dürfen: Treue, Hingabe und Liebe zum Evangelium haben Dich durch die Weiten und Tiefen der Heiligen Schrift geführt, zur besonderen Freude aller Leser von ZEIT ZU BETEN. Alles Gute und ganz besonderen Segen für Dich, lieber Josef!

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