Martin Mosebach – bitte nicht mehr!

Dieses Spiegel-Interview (Nr. 22/2015 S.27ff) hat es in sich. Zählt in Vorträgen (meist) und Büchern (immer) das geschriebene Wort, so gilt im Interview das gesprochene Wort: Martin Mosebach – bitte keine Interviews mehr.

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Martin Mosebach - Bill Rogers FLICKR
Martin Mosebach – Foto von giveawayboy in FLICKR, Originalzeichnung von Bill Rogers

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Im Moment der Namensverkündung „Franziskus“ durch den gerade zum Papst gewählten Kardinal Bergoglio hätte er das Problem auf die Kirche zukommen sehen, so Mosebach. Natürlich, wie Millionen anderer auch hat Martin Mosebach (MM) sogleich verspürt, dass ein Programm „Franz von Assisi“ einen gewissen Gegensatz zum Papsttum darstellen kann. Immer noch besser, meine ich, als ein weiterer Papst Honorius I., der Ehrwürdige, der posthum feierlich verflucht wurde.… oder auch ein Papst Callistus III., der Schönste, der sich als Gegenpapst zu Alexander III. versuchte… oder vielleicht Papst Callistus I., ebenfalls ein „Schönster“, der mehrmals Verheiratete als Amtsträger zuließ und die Eheschließung der Geweihten duldete?

In der Kirchengeschichte gilt der Satz: die Armen sind der Schatz der Kirche. Jesus Christus liebte die Armen aber nicht als verhinderte Reiche, sondern als diejenigen, die weniger Ballast mit sich herum tragen und sich dem Reich Gottes leichter zuwenden können. Jesus forderte die Reichen auf, Arm zu werden, nicht die Armen, reich zu werden.

Eine treffende Einleitung von MM führt zu einem merkwürdigen Schluss – als fordere Franziskus die Armen auf, reich zu werden…

Das bedenkliche an Papst Franziskus ist die Stimmung, die er erzeugt – als werden nun eine völlig andere Kirche erfunden, die es in dieser Weise noch nie gegeben hat. Als korrigiere Franziskus eine Fehlentwicklung von Jahrtausenden und schaffe eine neuartige Kirche ohne Dogma, ohne Mystik. Eine Kirche die sich in Übereinstimmung mit dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Konsens befindet.

Stimmungen sind etwas Vorübergehendes, und so wird die massive Papstkritik durch MM um nichts verständlicher. Woraus um Himmels Willen schließt MM, Franziskus wolle eine „Fehlentwicklung von Jahrtausenden korrigieren“? Eine „Kirche ohne Dogma“ – man erkläre mir, welches Dogma Franziskus in Frage gestellt habe? Eine „Kirche ohne Mystik“ – ah, jetzt ist die Katze aus dem Sack!

Vermutlich ist MM kein Freund des großen Heiligen Ignatius von Loyola. Dass ein Vertreter der Gesellschaft Jesu dem Kapitel „liturgische Gewänder“ nicht sonderlich liebevoll begegnet, ist aus der Ordensgeschichte heraus mehr als verständlich. Es wäre wohl ehrlicher von MM, dem Jesuiten Bergoglio mit Vorbehalt zu begegnen, als zu dozieren:

Zur Unterwerfung unter das Amt gehört auch die widerspruchslose Annahme der dazugehörigen Kleidung. Der ideale Papst müsste die sein Amt bezeichnenden Kleidungsstücke mit einer Ergebenheit anlegen wie ein Häftling seinen Sträflingsanzug.

Und wieder kommt MM auf Stimmungen und Atmosphären zurück:

Dieser Papst macht Stimmung, er schafft Atmosphäre. Aber Atmosphäre ist eben keine Lehre. Es war sehr aufschlussreich, ihn sagen zu hören: „Wer bin ich, dass ich richte?“ Ein schöner Satz, ein apostolischer Satz, aber als Papst darf er das nicht sagen… Das Publikum liebt die einnebelnde Entrückung. Das Dogma verblasst, die dogmatischen Berggipfel liegen jetzt in den Wolken, und wir leben auf der Erde sehr vergnügt und sehen das alles nicht so streng.

Wieviel Unsinn kann man in einen Absatz packen? „Atmosphäre ist keine Lehre“ – geschenkt, lassen wir diese Merkwürdigkeit so stehen. „Einnebelnde Entrückung“ – besitzt Franziskus nun doch eine gar mystische, entrückende Ausstrahlung? Und schließlich: Ein Papst darf nicht sagen „Wer bin ich, dass ich richte“?

Nach meiner Wahrnehmung ist das nicht ganz ehrlich. Im tatsächlichen Zusammenhang gesehen, hieß der Satz von Franziskus vielmehr: „Wer bin ich, dass ich über Schwule und Lesben richte“. Und dieser Satz wurde weder von der Kanzel gesprochen, noch in einer Enzyklika verkündet, sondern in einem (Flugzeug-)Interview geäußert… Vermutlich wäre MM lieber gewesen, Franziskus hätte S&L die Leviten gelesen, und ihnen Kondome verboten.

Weiter geht es mit MM’s Kritik an der harschen Ansprache von Franziskus an die Kurie, in der er den Kardinälen geistlichen Alzheimer und Materialismus vorwarf:

Die Rede von Franziskus war ein starkes Stück. Wen jeder Körperschaft gibt es auch in der Kurie fragwürdige Figuren, aber auch sehr viele Dinge loyale und pflichtbewusste Persönlichkeiten. Die wurden alle einfach mit in den Topf geworfen. Wer heute sagt, er arbeite in der römischen Kurie, stellt sich damit vor als jemand, der schizophren, mit Alzheimer behaftet, Glaubenslehre und geldgierig ist.

Auch hier eine maßlose Übertreibung. Das Bild der Kurie in der Öffentlichkeit leidet nicht erst, seit Kardinal Bergoglio im Amt ist! Nur gab es bis jetzt keinen Papst der neueren Zeitrechnung, der dies so klar auf den Punkt gebracht hat. Und dann dieses Mitleid mit den loyalen und guten Mitgliedern der Kurie: Diese brauchen sich nicht angesprochen fühlen, ganz einfach. Dürfte etwa die FIFA auf ihrer Generalversammlung nicht von oben kritisiert werden, nur weil es noch einige ehrliche Schafe unter den FIFA-Mitgliedern gibt?

Für das Papstamt hat Charisma eigentlich keine Funktion… Der beste Papst ist einer, der ganz hinter das Amt zurücktritt. Einer, der sich unter dieses Amt beugt wie unter eine schwere Last. Die Gewänder, die die Päpste früher trugen, sind ein Bild dafür. Die Päpste verschwanden früher förmlich unter ihren Ordinaten. Und man sollte sie auch gar nicht mehr sehen, denn sie waren ja nur die Stellvertreter Christi.

Lieber MM, wer wollte heute noch einen Papst sehen, der schier unter dem Gewicht seines Ornats zusammenbricht? Würde ein solcher Papst heute mehr Menschen erreichen und für die Sache der Kirche gewinnen? Ich wage dies sehr zu bezweifeln. Ist es ist nicht besser, einen einfach gekleideten Pontifex wie Franziskus zu erleben, der sehr wohl hinter der Lehre der Kirche steht?

Wir sind Zeugen eines gewagten Experiment. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass es auf den jeweiligen Papst letztlich nicht ankommt. Das sage ich als Katholik, für den der Papst eine Instanz ist, die ich wirklich ernst nehme. Am Ende kommt es auf die Kontinuität an. Alles, was der Kontinuität nutzt, ist gut für die Kirche. Was sie unterbricht, ist nicht gut für die Kirche.

Das nenne ich einen traurigen, erzkonservativen Kommentar. An dieser Stelle sage ich es deutlich und persönlich: Papst Johannes II. hat mit seinem Charisma dafür gesorgt, dass ich seine Worte: „Seid nicht mittelmäßig! Strebt nach dem Höchsten und Heiligsten!“ mein Leben lang nicht vergesse. Wäre da nicht Benedikt XVI. gewesen, hätte ich nicht „mit Maria auf Jesus schauen“ gelernt, hätte ich diesen Blog vermutlich nicht begründet. Und wäre da nicht Papst Franziskus, würde ich nicht an die Erneuerung in der Kurie bei gleichzeitiger Bewahrung der Lehre glauben.

Werter Martin Mosebach, bitte keine Interviews mehr. Es ist an der Zeit andere und vielleicht auch jüngere „Vatikan-Insider“ zu Papst Franziskus Stellung nehmen zu lassen. Schließlich ist ein Prinzip aus unserem Glauben nicht wegzudenken – die Hoffnung.

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