Franz Jägerstätter und die Bischöfe (evigilate, quaeso, episcopi)

Die Wissenschaft ist stark beschäftigt mit den Fragen, wie sich Pius XI. und Pius XII. ganz konkret gegenüber dem Nationalsozialismus verhalten haben. Das ist gut und schön, aber wie haben sich die Bischöfe dieser Zeit verhalten?

Angenommen, man hätte den seliggesprochenen Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter im Verlauf seines Kriegsgerichtsverfahrens gefragt, ob er einen einzigen (österreichischen) Bischof kenne, der zwischen 1938 (Anschluss Österreichs) und 1943 (dem Jahr seiner Enthauptung) zur Wehrmachtsverweigerung aufgerufen hätte, wäre seine wahrheitsgemäße Aussage gewesen:

Nein.

*

*

Klavier - Jaegerstaetterf

*

Zitat Franz Jägerstätter

„Wir glauben doch ohnehin, dass es einen Herrgott gibt‘ würden die meisten Schwachgläubigen sagen. Dass ein höheres Wesen gibt, das glauben sogar die meisten Heiden.

Aber wir müssen christlich glauben. Und das heißt, alles für wahr halten, was Gott geoffenbart hat und durch die katholische Kirche zu glauben vorstellt. Man kann gar oft aus eines Christen Mund hören: ‚Ach, wenn das alles so Sünde wäre und so weit gefehlt, wer könnte denn da noch in den Himmel kommen? Sollte es uns da wundern, wenn bei so vielen Christen durch das Sakrament der Buße keine Besserung eintritt.“

Der Traum vom Zug in die Hölle

Zu einer Zeit, als viele unserer Großeltern sich von einem wirtschaftlich und politisch erstarkenden Deutschland blenden lassen – wir befinden uns im Jänner 1938 – hat Franz Jägerstätter einen Traum, bei dem er viele junge und alte Leute auf einen Eisenbahnzug zuströmen sieht. Eine Stimme sagt ihm, daß dieser Zug – in die Hölle fährt.

„Ich möchte eben jedem zurufen, der sich in diesem Zuge befindet: ‚Springet aus, ehe dieser Zug in seine Endstation einfährt, wenn es dabei auch das Leben kostet!’ Somit glaub ich, hat mir Gott es durch diesen Traum oder Erscheinung klar genug gezeigt und ins Herz gelegt, mich zu entscheiden, ob Nationalsozialist – oder Katholik!” (Gefängnisbriefe und Aufzeichnungen).

Eine Gruppe von Ordensfrauen habe nach dem Krieg die sterbliche Hülle Jägerstätters in sein Heimatdorf zurückgebracht. Danach habe über viele Jahre “betretenes Schweigen” geherrscht. “Weder die Gesellschaft noch die Kirche wollten etwas wissen. Der Bischof, der ihn von seiner Haltung abzubringen versucht hatte, untersagte nun jede öffentliche Anerkennung, denn sie könnte jene beschämen, die gekämpft haben”.

Wichtige Zeugnisse aus Übersee

Das habe sich erst geändert, als der US-amerikanische Soziologe Gordon Zahn 1964 die Geschichte Jägerstätters publizierte, unter dem Titel “In Solitary Witness. The Life and Death of Franz Jägerstätter”. Das Grab des Märtyrers sei von da an immer mehr zu einer Pilgerstätte geworden. Die Kirche habe “langsam gelernt”, nun aber werde Franz Jägerstätter als Vorbild für heute präsentiert. “Ungerechte Kriege gehören nicht der Vergangenheit an. Wo sind die Jägerstätters von heute”, fragt Kanonikus Paul Oestreicher.

„Das Interesse an Franz Jägerstätter geht über den rein katholisch-intellektuellen Bereich hinaus. Experten haben den Taten dieses einfachen österreichischen Bauern Dutzende von Artikeln und Buchrezensionen gewidmet. Israelische und jüdisch-amerikanische Autoren bezogen die Analyse von Jägerstätters Widerstandshandlung in ihre Arbeiten mit ein. Prominente westdeutsche und österreichische Zeitungen, wie etwa die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, schrieben über ihn. Kein anderes österreichisches Opfer der Nazi-Tyrannei hat international eine Beachtung dieses Ausmaßes gefunden.

Obwohl nicht so bekannt wie Pater Maximilian Kolbe, Claus von Stauffenberg und Anne Frank, nimmt Jägerstätter einen speziellen Rang unter den Opfern des nationalsozialistischen Terrors ein. Im Gegensatz zu den Vorgenannten hatte Jägerstätter eine relativ geringe Schulbildung und handelte als Gegner des Hitler-Regimes für sich allein. Kolbe hatte die Unterstützung der katholischen Kirche Polens und Stauffenberg den Rückhalt einer im deutschen Militärstab verankerten Widerstandsgruppe. Von den bekanntesten NS-Opfern unterschied sich Jägerstätter durch seinen einfachen bäuerlichen Hintergrund und durch seinen Willen, auf sich allein gestellt Hitler Widerstand zu leisten.“ (A.Maislinger, House of Responsibility)

Wenn man ein wenig in der Geschichte Rückschau hält, so muß man immer wieder fast dasselbe feststellen: Hat ein Herrscher ein anderes Land mit Krieg überfallen, so sind sie gewöhnlich nicht in das Land eingebrochen, um sie zu bessern oder ihnen vielleicht gar etwas zu schenken, sondern sich für gewöhnlich etwas zu holen. Kämpft man gegen das russische Volk, so wird man sich auch aus diesem Lande so manches holen, was man bei uns gut gebrauchen kann. Denn kämpfte man bloß gegen den Bolschewismus, so dürften doch diese anderen Sachen, wie Erze, Ölquellen oder ein guter Getreideboden, doch gar nicht so stark in Frage kommen. Welcher Katholik getraut sich, diese Raubzüge, die Deutschland schon in mehreren Ländern unternommen hat und noch immer weiterführt, für einen gerechten und heiligen Krieg zu erklären?“ (Franz Jägerstätter, Austria Forum)

Wer ist ein „großer“ Österreicher?

In seinen Worten des Abschieds vor seiner Hinrichtung steht: »Möge Gott mein Leben hinnehmen als Sühn-Opfer nicht bloß für meine Sünden, sondern auch für andere.« Franz Jägerstätter, der 1943, als Kurt Waldheim (ehem. Bundespräsident Österreichs) auf dem Balkan nichts gesehen, nichts gehört und nichts getan haben wollte, seine Christenpflicht darin sah, jene Pflicht, die das NS-Regime von ihm forderte, nämlich die Wehrpflicht, nicht zu erfüllen.

Ein “Märtyrer des Gewissens”

“Jägerstätter war keiner, der der Mehrheit nach dem Mund geredet hat, und er wollte sich nicht auf allgemeine Vorschriften und Regeln ausreden. Im Gewissen war er aufgeklärt, das heißt, er hat sich des eigenen Denkens bedient. Er bezog sich in seiner Urteilskraft auf das kirchliche Lehramt und nahm dieses auch beim Wort, als die meisten Bischöfe schwiegen. In der Rückschau erinnert sein Gewissensprotest gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime daran, dass die Maßstäbe von Gut und Böse unverrückbar bleiben.” (Manfred Scheuer, Bischof, Innsbruck)

Die Ehe von Franz und Franziska

Gerne möchte ich dich besuchen, aber ich weiß es nicht, ob ich doch hinein dürfte oder vielleicht bloß einige Minuten, ich möchte dich deshalb fragen, wie du meinst? Denn es ist für beide etwas sehr Schmerzliches. Ich glaube, du wirst dich doch nicht so unglücklich fühlen, wie viele hier meinen, denn du hast ja, wie ich hoffe, ein großes Vertrauen zu unserm lieben Herrn Jesus und zu seiner himmlischen Mutter. (St. Radegund, 4. 4. 1943, Auszug aus einem Brief Franziska Jägerstätters)

Ein Mann des Glaubens und des Humors

Wenn ich auch jetzt hinter Kerkermauern sitze, so glaub ich dennoch auch weiterhin auf deine Liebe und Treue bauen zu dürfen, und wenn ich auch vor dir aus diesem Leben scheiden sollte, auch noch übers Grab hinaus, denn du weißt es ja, dass ich nicht als Verbrecher hier sitze … Es grüßt dich nun herzlich dein neuer Gatte. Denn es heißt ja, dass sich in sieben Jahren der Mensch erneuert, so hast du eben ab heute einen neuen Gatten! (Linz, am 9. 4. 1943, Auszug aus einem Brief Franz Jägerstätters)

Die kirchenhistorische Aufarbeitung des Nationalsozialismus

Den Boden für die Seligsprechung Jägerstätters habe auch das Zweite Vatikanische Konzil bereitet, indem es Kriegsdienstverweigerung als gültigen Ausdruck katholischen Glaubens anerkannte, erinnert Oestreicher. Maßgeblich habe daran der englische Jesuit und spätere Erzbischof von Bombay, Thomas Roberts (1893-1976), mitgewirkt, so der ehemalige Domdekan von Coventry. Auf dem Hintergrund der historischen Tatsache, dass katholische Bischöfe Hitlers Angriffskrieg unterstützt hätten, Militärkapläne dem selbsternannten “Führer” Gefolgschaft schworen und Christen auf beiden Seiten “mit ruhigem Gewissen kämpften”, sei die Seligsprechung Jägerstätters “eine historische Kehrtwendung”. Oestreicher:Die Kirche anerkennt, dass dieser Kriegsdienstverweigerer ein wahrhafter Märtyrer war. Dafür gibt es keinen zeitgenössischen Präzedenzfall”.

Seligsprechung am 26. Oktober 2007 im Mariendom Linz

“Ich hoffe, dass das Gedenken an Franz Jägerstätter zum offenen Raum für Erzählen, Bekenntnis und Hoffnung wird. Hoffnung, die auch die Täter und Verführten mit einschließt. Und noch eines: Ganz unterschiedliche Richtungen der österreichischen Kirche haben einen positiven Zugang zu Jägerstätter. Ich hoffe, dass Jägerstätter zum Kommunikator zwischen Gruppierungen der Kirche wird, die kaum mehr miteinander reden und sich wenig bis nichts zu sagen haben.” (Manfred Scheuer, Bischof, Innsbruck)

Ein Vorbild zum Anfassen

Jägerstätter war ein Mensch, der mit klarem Blick die Ereignisse seiner Zeit zu deuten verstand. Er erkannte, dass Christentum und Nationalsozialismus nicht miteinander vereinbar sind und verweigerte standhaft, zum Kollaborateur des menschenverachtenden Systems zu werden. Besonders bewundernswert ist seine Treue dem eigenen Gewissen gegenüber, da selbst Geistliche ihm in eine andere Richtung rieten.

„Franz Jägerstätters Entscheidung war ein Akt der Zivilcourage; und die war nicht nur in der Vergangenheit wichtig, sondern sie bleibt eine Aufgabe für die Gegenwart. In einer Zeit, in der rechtsextremes und ausländerfeindliches Gedankengut ein beängstigendes Hoch erlebt, darf Organisationen, die mit diesen Inhalten sympathisieren, keine Bühne geboten werden“, so Stefan Wurm (Vorsitzender der KJÖ).

Jägerstätter ist ein Vorbild zum Anfassen und zeigt, wie man mit Zähigkeit Angriffe gegen die eigene Position aushalten kann. Konkret können junge Menschen von ihm lernen, wachen Herzens die Vorgänge unserer Welt zu verfolgen, reifen Gewissens Dinge zu beurteilen und demgemäß zu handeln.

Er war einer der ersten Motorradfahrer in St.Radegund, in jungen Jahren ein “Weiberer” in seinem Ort, ein Mann in Lederjacke, der auch Handgreifliches nicht scheute. Franz Jägerstätter war und ist ein Mensch zum Anfassen. Den Rest seiner Geschichte dürfen wir ehren und verkünden.

*

Film, Literatur:

“Der Fall Jägerstätter”
Ein großartiger Film von Axel Corti

*

Ein Buchhinweis:

Jägerstätter Buch

***

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s