Durststrecken aushalten (Elfter Sonntag im Jahreskreis)

Die beiden Gleichnisse „von der selbstwachsenden Saat“ und „vom Senfkorn“ bilden den Schluss des markinischen Gleichniskapitels. Sie stehen an dieser Stelle, weil sie unter verschiedenem Blickwinkel die Gegenwart der Hörer betrachten. Im ersten Gleichnis geht es um die Verantwortung für das, was in der Zwischenzeit geschieht, im zweiten Gleichnis um die Unanschaulichkeit des Anfangs im Kontrast zum herrlichen Ende. Das erste Gleichnis spornt an, das zweite tröstet die Verzagten und Angefochtenen, wenn sie vergebens nach dem „Erfolg“ Ausschau halten.

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Senfkörner  - Molly FLICKR
Senfkörner – Foto Molly in FLICKR

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Lesejahr: B I, StB: III. Woche

In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge:

26Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät;

27dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie.

28Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre.

29Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.

30Er sagte: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben?

31Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät.

32Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, so dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.

33Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten.

34Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.

 

Markus 4,26-34

 

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Kommentar nach Klaus Berger

„Das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat ist in seiner Deutung umstritten, einer der seltenen Fälle, in denen bei der Gleichnisauslegung die Konfession erkennbar eine Rolle spielt. Die reformatorische Auslegung läuft so: durch den Glauben im Menschen beginnt das Himmelreich. Er ist von Gott in den Menschen hineingelegt. Ohne Werke, ohne dass der Mensch etwas dazu tun muss, wächst die Wirklichkeit des Reiches. Am Schluss wird dem Gericht offen gelegt, was Gott gewirkt hat. Die Pointe des Gleichnisse ist demnach: weder durch „Rennen“ noch durch Schielen nach dem Erfolg kommt das Heil, sondern von Gottes eigener Saat im Menschen geht alles aus, was nötig ist. Das Wort Gottes bringt seine Frucht von selbst. Und das ist alles reine Gnade.

Mein (katholischer] Vorschlag zur Auslegung läuft so: die Erde wird hier als die aktive Größe angesehen (Vers 28). Diese Rolle haben die unterschiedlichen Erdböden auch in Markus 4,4-8. Auch in diesem ersten Gleichnis in Markus 4 hat der Mensch in der Zwischenzeit zwischen Saat und Ernte die entscheidende Rolle: an ihm liegt es, zu welcher Fruchtbarkeit er sich entfaltet. An ihm liegt es, ob die Saat gut „ankommt“, und er ist letztlich für die Früchte verantwortlich. Während in der reformatorischen Auslegung Gott alles tut und der Mensch in der Zwischenzeit nichts, ist es in meiner Deutung umgekehrt: Gott ist in der Zeit des Wachstums und Fruchtbringens „wie abwesend“. Gott bringt nicht die Frucht hervor, das ist vielmehr die Aufgabe der Erde. In dieser Zeit aber ist Gott abwesend, er kümmert sich nicht. Das ist ähnlich wie in den Sklaven-Gleichnissen, nach denen der Herr in der Zwischenzeit bis zu seiner Wiederkunft nicht da ist.

In der Zwischenzeit ist es etwa Aufgabe der Fantasie der Sklaven, die anvertrauten Werte (Talente) zu nutzen. Wenn am Ende der Herr wiederkommt, verlangt er nur Rechenschaft. Das entspricht dem Bild von der Ernte in unserem Text. Der Prozess des Wachsens und Werdens wird in allen Einzelschritten geschildert, damit die Angesprochenen wissen, dass nichts überstürzt werden muss. Denn für das Wachstum ist den Menschen eine lange Zeit gegönnt. – Ich meine daher, dass wie in den anderen bekannten Gleichnissen von der Abwesenheit des Herrn hier daran appelliert wird, die Zwischenzeit verantwortlich zu nutzen. Das ist die Zeit der Jünger.

Auch das Zweite Gleichnis war zwischen den Konfessionen umstritten. Man argwöhnte, die Katholiken könnten den herrlichen Baum von Vers 32 mit der katholischen Kirche identifizieren und dann in dem ganzen Gleichnis ein triumphalistisches Bild meinen. Es schildere den Prozess der immer herrlicheren Ausbreitung von Mission und Kirche auf Erden. Am Schluss stünde dann die katholische Weltkirche da. Nun sprechen evangelische Christen tendenziell von der Kirche nicht in Herrlichkeitsprädikaten, sondern heben eher die Schwächen und unattraktiven Schattenseiten hervor. Doch diese Auslegungen stammen noch aus einer Zeit, in der man Reich Gottes und Kirche noch nicht gehörig zu unterscheiden gelernt hatte. Zwischen beiden steht kein Gegensatz, denn Kirche ist Reich Gottes im Werden. Aber hier geht es nun einmal um das Reich Gottes. Und das Senfkorn ist deshalb gewählt, weil es von allem Saatgut das kleinste und unscheinbare ist. Im Gleichnis geht es auf jeden Fall um den Kontrast zwischen klein und groß. Welche Funktion hat dieser Kontrast?

• Soll er sagen: seht, das kann es auch geben, das gibt es auch, da kann man nur staunen? Das Reich ist eine wunderbare Wirklichkeit, die unvorstellbar und fantastisch ist? Dann wäre der Blick auf das Reich gerichtet.
• Oder geht es um die Verzagtheit der Menschen, die gestärkt werden sollen, soll der Text in erster Linie trösten: seid nicht traurig, lasst euch nicht anfechten, die Zukunft wird großartig sein? Richtet den Blick nach vorne, dann geht es euch besser!
• Oder geht es wieder um die Zwischenzeit, und es soll gesagt werden: Jetzt ist Zeit des Wachstums? Jetzt geschieht genau das, dass aus dem Kleinsten das Größte wird. Ihr könnt es zwar nicht sehen, aber jetzt ist die Zeit, auf die alles ankommt. Denn wenn etwas erst ganz klein und dann ganz groß ist, muss das entscheidende in der Zwischenzeit geschehen.

Nun wird hier die Zwischenzeit überhaupt nicht bedacht. Deshalb entfällt Lösung drei. Die Gefühle der Menschen [z.B. Verzagtheit] bei alledem werden gar nicht angesprochen. Deshalb entfällt Lösung zwei. So bleibt meines Erachtens nur Lösung eins: das Reich Gottes ist ein Faszinosum. In ihm werden Dinge möglich, die niemand für möglich halten könnte. In ihm werden Erwartungen erfüllt, von denen man nicht hätte träumen können. Das Reich Gottes rückt dann in die Nähe des Schatzes aus anderen Gleichnissen. Und der Größenvergleich klein – groß wäre nicht auf die Zahl der Mitglieder zu beziehen, sondern auf die Wirklichkeit von Gottes Herrschaft im Ganzen…

Darf man von einem solchen Wunderreich reden? Heute wird man (…) urteilen: das Reich Gottes wird mit Gottes Selbstoffenbarung am Ende der Geschichte sichtbar entfaltet. Gott wird so überwältigend und schlechthin unvergleichlich herrlich sein, dass alle Erwartungen, Hoffnungen und Aufrechnungen klein und spießig dagegen aussehen werden. Die Herrlichkeit Gottes wird alles überbieten, was je geträumt werden konnte. Doch Jesus redet nicht in der Sprache Ezechiels davon, – als Entwurf kubischer Lichthöfe eines himmlischen Tempels – sondern in der schlichten Sprache eines Palästinensers, der sich nichts Schöneres vorstellen kann als den kühlen Schatten eines großen Baumes, der verschiedenen Vögeln Raum, Schutz vor der Sonne und angenehme Luft bietet, damit sie ihre Nester bauen können. Etwas ganz Schlichtes, doch für das Überleben und Nicht-Vertrocknen ganz Wichtiges: Schatten und Schutz zugleich.

Gegenüber fast allen jüdischen Aussagen über das Reich Gottes haben die Aussagen Jesu jedenfalls diese Besonderheit, die an diesen beiden Gleichnissen stark ins Auge fällt: das Reich Gottes hat immer eine Geschichte, es ist nie reine Zukunftserwartung, sondern hat in der Gegenwart zumindest immer schon begonnen. Dadurch ist es stets die Vollendung von etwas schon Gegenwärtigem, ist in der Gegenwart schon mit einem Widerhaken verankert. Und eben dadurch nicht reine Spekulation, sondern zumindest mit dem befreienden Wort der Verkündigung schon in die Welt gesetzt. Das Übrige, was Jesus noch tut, sind Zeichenhandlungen als Appetithäppchen auf eine große Hoffnung. Deshalb ist es zwar auch biblisch, „gegen alle Hoffnung zu hoffen“ (Römer, 4,18), aber eigentlich sind die Christen mit Jesus einen Schritt über dieses Stadium hinaus. Denn grundsätzlich sind wir schon in den Bereich eingetreten, indem es „nur“ noch darum geht, dass das Unsichtbare sichtbar wird. Die Apokalypsen vergleichen [den Weltenlauf des gläubigen Menschen] immer wieder mit einer Schwangerschaft, die schon besteht, aber in allen ihren fröhlichen Folgen erst sich selbst darstellen und damit auch selbst erübrigen wird. Denn „guter Hoffnung“ ist die Welt, seitdem Jesus auf ihr gewirkt hat.“

(aus Klaus Berger, EVANGELIUM UNSERES HERRN JESUS CHRISTUS, Lesejahr B, Herder Verlag 2008, S 174ff)

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Du allein

Alles, was nicht Gott ist,

kann meine Hoffnung nicht erfüllen.

Gott selbst verlange und suche ich.

An dich allein, mein Gott, wende ich mich.

Du allein hast meine Seele erschaffen können,

du allein kannst sie aufs Neue erschaffen.

Du allein hast ihr dein Bild einprägen können,

du allein kannst sie aufs Neue prägen

und ihr dein Antlitz wieder eindrücken,

welches ist Jesus Christus, mein Heiland,

der dein Bild ist und das Zeichen deines Wesens.

(Blaise Pascal)

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>>> moderne Gebete

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