Auch die Sehnsucht rechtfertigt den Menschen (12. Sonntag im Jahreskreis)

„Der Herr aber warf einen gewaltigen Wind auf das Meer, so dass ein heftiger Seesturm losbrach… die Matrosen gerieten in Furcht… Jona aber war in den untersten Schiffsraum hinab gestiegen und lag in tiefem Schlaf. Da trat der Kapitän des Schiffes an ihn heran und sagte zu ihm: „Was schläfst du? Auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht ist der Gott uns gnädig gesinnt, dass wir nicht umkommen müssen.“ Doch dann wird Jona ins Meer geworfen (Jona 1,4-7).

Die Typologie ist nicht zufällig. Jona, der ungehorsame Prophet auf der Flucht, kann mit seinem Beten Gott nicht erreichen. Jesus dagegen kann mit seinem eigenen Wort das Meer beruhigen. Denn er ist Gott, weil er Gottes Sohn ist. Er ist „mehr als Jona“. Jona ist ein Prophet, Jesus Gottes Sohn. Jona flieht vor Gottes Auftrag und versteckt sich im Schiff; Jesus ist unterwegs im Auftrag des Vaters und strahlt Ruhe aus. Wo Jona ist, kommt das ganze Schiff in Gefahr; wo Jesus ist, besteht für das ganze Schiff Hoffnung. Der Jesus-Bericht enthüllt, dass Jesus mehr ist als nur ein Mensch. Trotz der Unterschiede: am Ende steht in beiden Berichten Gott als der Retter.

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Sturm - foto Viktor Bezrukov FLICKR
Fischer – foto Viktor Bezrukov FLICKR

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Lesejahr: B I, StB: IV. Woche

35An jenem Tag, als es Abend geworden war, sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren.

36Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn.

37Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass es sich mit Wasser zu füllen begann.

38Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?

39Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich, und es trat völlige Stille ein.

40Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?

41Da ergriff sie große Furcht, und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?

 Markus 4,26-34

 

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Kommentar nach Klaus Berger

Der schlafende Christus ruht in Gott

„Das stürmische Wasser wird zum Bild für die Unruhe und Katastrophen des Lebens, der schlafende Gottessohn zum Bild für die Ruhe Gottes. Und in allen Bootsgeschichten des Neuen Testaments quer durch alle vier Evangelien ist das Boot auf dem Wasser auch ein Bild für die Gemeinde inmitten der feindlichen Welt. Abgesehen davon sind alle diese Berichte direkte Zeugnisse des Alltags Jesu und des beruflichen Alltags seiner Jünger. Das Symbolische und das selbstverständlich Alltägliche liegt daher wie auch sonst unmittelbar beieinander.

Die empörte Frage der Jünger: „Meister, lässt es dich ganz kalt, wenn wir ertrinken?“ ist in der Situation der Gemeinde auch die Theodizee-Frage. Gott scheint es nicht zu kümmern, wenn die Kirche in Not gerät. Zumindest ein Psalm (24,24-27) verwendet das gewagte Bild vom schlafenden Gott, der durch die Psalmsänger geweckt wird… Gewiss, Gott schläft nicht. Aber vielleicht will er geweckt werden? Vielleicht ist es so im Sinn bernhardinischer Mystik. Gott sehnt sich danach, von uns angesprochen zu werden. Nur auf der Ebene der Sehnsucht sind Gott und Mensch wohl am Ende vergleichbar. Denn auch der Mensch wird nicht durch Werke gerechtfertigt, sondern durch Sehnsucht.

Nein, Gott schläft nicht… Aber warum greift er dann nicht ein? Warum dauert es so endlos lange mit allem, bis er reagiert? Falls er nicht will, wie kann er dann noch der gute Gott sein? Die Frage ist vermutlich nicht, ob Gott will oder ob er kann. Beides ist wohl der Fall, aber das Ersehnte kann nicht ohne uns, d.h. über unsere Köpfe hinweg geschehen. Und dass es so lange dauert, könnte den Sinn haben, unsere Geduld und Treue unter Beweis zu stellen; man nennt das Spiritualität der Geduld. Oder Gott lässt das Böse zu, weil er Besseres mit uns vorhat, so wie es mit Jesus und Lazarus in Johannes 11 war. Oder vor allem soll unser Glaube mündig werden, erwachsen werden, so dass wir mit Jossel Rakover aus dem brennenden Warschauer Ghetto von 1944 sagen: „Ich glaube an dich, dir zum trotz. Ich sterbe als von Gott Verlassener, auch wenn ich unerschütterlich an dich glaube.“

Der Herr verbietet nicht, ihn zu wecken.

„Wird nicht Gottes sorgende, handgreifliche und zugleich unsichtbare, allein wichtige Gegenwart allzu oft durchkreuzt von dem, was uns ängstigt? Das Thema des Textes in Markus 4 ist in der Tat die Angst. Jesus verbietet nicht, ihn zu wecken. Er sagt nicht: und das nächste Mal lasst ihr mich schlafen. Solange er noch leibhaftig unter den Menschen ist, erfüllt er die Bitte der Jünger, wie um zu sagen: so sollt ihr wissen, dass ich immer da bin, wo ihr in Not seit, auch dann, wenn ich zu schlafen scheine. Ich bin gegenwärtig, auch wenn ich schweige und den Wellen einmal nicht gebiete.

Für mich ist die heute vieler orten geschmähte Anbetung des Herrn im Tabernakel ein großes Stück dieser wahrhaft evangeliumsgemäßen Frömmigkeit. Das rote, brennende Licht zeigt an: hier ist Gott unter Menschen. Das, was Gott immer schon wollte, wenn er im Alten Bund sagte: ich will ihr Gott sein und sie mein Volk, und ich will unter ihnen wohnen. Eine Zumutung ist dieser Glaube sicherlich, aber eine froh und gewiss machende. Für mich ist die verborgene Gegenwart des Gottes Sohnes im Tabernakel die wichtigste und leibhaftigste Auslegung des Berichts über den Herrn, der schweigend und doch bergend mitten unter den Jüngern einfach da ist. Der im Bauch des Schiffes sich birgt, ist in Wahrheit der, der uns alle geborgen hält.“

(vgl. Klaus Berger, EVANGELIUM UNSERES HERRN JESUS CHRISTUS, Lesejahr B, Herder Verlag 2008, S 178ff)

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Du Herz des Sohnes Gottes

Herr Jesus Christus,
Du hast uns Menschen Dein Herz geschenkt.

Dein Innerstes ist Liebe,
hell leuchtend und wärmend,
wie ein loderndes Feuer.

Hilf mir,
an diese Liebe stets zu glauben,
gerade dann,
wenn ich müde, entkräftet,
einsam und entmutigt bin.

Und lass Dein Feuer
auch mein Innerstes durchdringen –
damit ich ein Mensch der Liebe werde
und sie vor anderen bezeuge.
Amen.

(Klaus-Peter Vosen)

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>>> Gebete zu Jesus

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