GOTT sprengt unser Fassungsvermögen (14. Sonntag im Jahreskreis)

In der Mitte konzentrischer Kreise wird Jesus uns hier vorgestellt: im innersten Kreis steht er, der Sohn Mariens, zusammen mit seiner Mutter. Von Josef berichtet Markus interessanterweise nichts. Dann werden Jesu männliche nächste Verwandte namentlich aufgezählt, sodann die weiblichen pauschal erwähnt. Dann die „Familie“, dann die Vaterstadt. Schließlich wird berichtet, dass Jesus in die „Dörfer im Umkreis“ ausweicht. Konzentrische Kreise – das menschliche Umfeld Jesu. Jesus ist nicht nur wahrer Gott, auch wahrer Mensch… (Klaus Berger).

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Wolken - GOTT
GOTTes Größe sprengt unser Fassungsvermögen

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Lesejahr: B I, StB: II. Woche

1bJesus kam in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn.

2Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen!

3Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.

4Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.

5Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.

6Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte.

Mk 6, 1b-6

 

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Kommentar nach Klaus Berger

 

„Jesus gehörte zum einen in eine große Familie. Viele, die heute das Evangelium hören, können erleichtert sein, denn endlich einmal wird Jesus zu „menschlichen Bedingungen“ geschildert.

Doch das, was heute als Erleichterung erscheint, da es den Zugang zu Jesus fasslicher macht, hatte zur Zeit des irdischen Daseins Jesu offenbar gegenteilige Wirkung. Dass man Jesus so genau kennt und über seine Familie Bescheid weiß, macht es den Menschen hier unmöglich, zu glauben. Und Jesus fasst das zusammen in dem zum Sprichwort gewordenen Satz: „Ein Prophet gilt eben nichts in seiner Vaterstadt, auch nicht bei seinen Verwandten und seiner Familie.“ Was ist wahr an diesem Satz (bis heute), und warum ist es wahr?

Offenbar gehört zu dem Menschen, der Gottes Wort ausrichten will und soll, eine gewisse Fremdheit, man will und soll gar nicht so viel über ihn wissen; früher schon kannte man den heilsamen Effekt „fremder Beichtväter“. Wer „zu viel“ weiß, neigt dazu, den Boten Gottes kleiner zu machen, als er ist – die „stories“ verdecken nur die Botschaft.

Ist das der Grund dafür, weshalb wir im Johannesevangelium und bei Paulus so wenig Persönliches und Biografisches über Jesus erfahren? Und indem wir das überlegen, entdecken wir hier eine Gefahr moderner Frömmigkeit, die Jesus als „Kumpel“ ansieht. Dann ist Jesus einer von uns, aber zugleich ist das Fremde, der Auftrag Gottes, das Heilige und Unvereinnahmbare wie weggepustet. Haben wir nicht mit allen Mitteln versucht, Jesus menschlicher zu zeichnen? Haben nicht biblische Soziologie und auch interreligiöser Vergleich dazu viel beigetragen?

Albert Schweitzers medizinische Doktorarbeit war ein psychiatrisches Gutachten über Jesus, ob er denn verrückt gewesen sei (mit verneinendem Ergebnis). Schon in solchen Fragen liegt offenkundig die Gefahr aller Vermenschlichung Jesu, wenn sie nicht klare Grenzpflöcke einschlägt. Die Erforschung des historischen Jesus ist oft genug dieser Gefahr erlegen, indem sie sich selbst und anderen suggeriert hat, so sei es eben gewesen oder so ähnlich hätte „es“ sein können.

Das Ergebnis dieser Jesus Literatur war dann immer auch genau so, wie es in Markus 6 geschildert wird: wir kennen doch Jesus als Jude, als bäuerlichen Revolutionär, als halben Zeloten, als humanitären, pazifistischen Juden. Und damit ist alles in Wahrheit beunruhigende weggedeutet.

Beunruhigend wäre, wenn er zu tun hätte mit der realen Präsenz Gottes und der Menschen. Aber da wir ja alle menschlichen Bedingungen so perfekt wissen, entsteht der Eindruck, an die Gottheit Jesu zu glauben, sei überflüssig. Wer alles in menschliche Bedingungen hinein auflöst, betrügt sich und andere um das eigentlich Spannende, den wahren und wirklichen Anlass für alle Jesus Geschichten. Dass es hier um den unfassbaren, unbegreiflichen, geheimnisvollen Gott geht.

Wir haben auch in der Seelsorge mit demselben Phänomen zu kämpfen. Seelsorge ist immer Spiegelbild unseres Glaubens an Jesus. Wir haben uns daran gewöhnt, Seelsorge als Summe aus pastorale Psychologie, Soziologie, Medizin und Organisationskunde zu betreiben. Alle Fälle der früheren „Seelsorge“ sind gut in zahlreiche Kästchen menschlicher Bedingungen aufgelöst. Nur der geheimnisvolle Rest verkommt unter dem Rätselwort „Spiritualität“.

Doch mir scheint, man will das [die eigentliche Spiritualität bzw. Frömmigkeit] gar nicht. Die jungen Kapläne seien heute „viel zu fromm“, höre ich als Klage aus vielen Gemeinden. „Viel zu fromm“ – d.h.: wer zu fromm ist, sollte schon aus dem Priesterseminar entfernt werden, denn er hat nicht verstanden, dass ein Geistlicher vor allem ein Human-Manager sein muss… In der Folge verschläft die Kirche die Zeit brennenden Durstes nach Religion bei den Menschen oder sie versäumt es, diesem ihr eigenes Gepräge zu geben.

Mit dem fehlenden Fremden ist genau alles das gemeint, was „nicht von dieser Welt ist“ – eine Herzensgüte, die nicht auf die Uhr schaut, eine geistliche Ausstrahlung, die nicht aus psychologischen Handbüchern gelernt ist, eine Liebe zum Beten und Singen, die weit weg zu sein scheint von den Nöten der Welt und die doch deren einzige Hoffnung ist, eine Geduld in der Pflege von Kranken und Alten, die Engelsgeduld genannt werden sollte, ein Verzicht auf Mitmachen und correctness, der wahrhaft Mut erfordert, eine Liebe zum Ritual und zum Heiligen, die selbstvergessen zu sein scheint und doch gerade das Wichtigste ist. Alles dieses Fremde gehört unteilbar zusammen. Wenn wir es an Jesus entdeckten, könnten wir ihn nicht als Bruder vereinnahmen und als „im Grunde ungefährlich“ einstufen.

Nein, Jesus ist fremd und gefährlich. Wer ihn vereinnahmt, nimmt der christlichen Religion ihre Strahlkraft und ihre notwendige Faszination. Christentum ist mehr als eine ganz vernünftige Sache, und Kirche ist zum Allerwenigsten Teil dieser Gesellschaft.

Weil die Menschen [und Gemeinden] in Nazaret Jesus zu gut kennen, kann er hier auch kein Wunder wirken. Für Fundamentalisten ein großes Problem: ist Jesus nicht immer und überall allmächtig? Und man sagt dann: der Unglaube der Menschen hatte das nicht verdient, deshalb konnten sie von Rechts wegen kein Wunder erwarten. Vom Unglauben steht zwar hier etwas, aber das Unvermögen Jesu wird nicht als Strafe dafür dargestellt. Wunder geschehen dort nicht, wo man sich ausdrücklich dagegen verwehrt. Deshalb wird man hierzulande so wenig von Wundern. Die Offenheit dafür fehlt. Denn Wunder sind nichts Mechanisches, das nur mit einer Übermacht von Energie zu leisten wäre, sondern haben immer auch personale Aspekte.

Die meisten Wunder setzen voraus, dass man sich mit Leib und Seele in Gottes Hand gegeben hat. Markus 6 spricht daher nicht gegen eine mechanisch vorgestellte Allmacht. Sondern davon, dass man sich auch gegen Wunder sperren kann, jedenfalls manchmal, denn Wundervollmacht „funktioniert“ nicht gesetzmäßig. Ich sagte „manchmal“, denn bei dem das Wunder vorbereitenden Glauben gibt es auch Stellvertretung (zum Beispiel nach MK 2,5; JOH 11,25-27) – der Glaube ist eben nicht grundsätzlich unvertretbar individuell zu fassen, weshalb es in einem die Kommunion vorbereitenden Gebet heißt: „Herr, blicke nicht auf meine Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche.“ Daher gibt es wohl auch einen Glauben, der der Bekehrung Ungläubiger vorangeht.

Dieser Text spricht (ähnlich wie JOH 12,38) von den Grenzen, die Jesus erfährt, besser gesagt: von dem, was den Glauben erschwert und unmöglich macht. Damit soll der Text spätere Prediger nicht damit trösten, dass es Jesus auch nicht besser erging als ihnen, sondern er soll die Adressaten des Evangeliums aufmerksam machen auf Gefahren für ihren Glauben.

Diese Gefahren bestehen – modern gesprochen – darin, dass wir aufgrund unserer historischen Bemühungen um Jesus der Illusion erliegen könnten, ihn ganz und gar menschlich erklären zu können. Und zweitens, dass wir vor lauter Modernisierung und Anpassung unserer Religion an den heutigen Menschen übersehen, dass es etwas gibt, das nicht anzupassen oder zu vereinnahmen ist: Gottes Größe und die alle unsere Vorstellungen grundsätzlich sprengende Weite seiner Liebe.“

(vgl. Klaus Berger, EVANGELIUM UNSERES HERRN JESUS CHRISTUS, Lesejahr B, Herder Verlag 2008, S 186ff)

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Herr Du bist groß

Herr, du bist groß und hoch zu loben;
groß ist deine Macht,
deine Weisheit ist ohne Ende.

Und dich zu loben wagt der Mensch,
ein winziger Teil deiner Schöpfung,
der Mensch, der dem Tod verfallen ist,
der weiß um seine Sünde und weiß,
 dass du dem Hoffärtigen widerstehst;
und dennoch, du selbst willst es so:

wir sollen dich loben aus fröhlichem Herzen;
denn du hast uns auf dich hin geschaffen,
und unruhig ist unser Herz,
bis es Ruhe findet in dir.

(Augustinus)

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>>> Gebete zu GOTT

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