Das christliche Gebet – die Katechesen von Benedikt XVI. (1)

*

Irgendwann kann jeder Mensch vom Blitzstrahl der Erkenntnis getroffen werden, denn eines der wunderbarsten Attribute unseres christlichen Glaubens ist seine Lebendigkeit und die immerwährende Verkündigung der Wahrheit.

Zum Thema Beten hat Papst Benedikt vor kurzem mit einer Katechesenreihe begonnen, die wir auszugsweise verfolgen wollen. Die Hinführung zum Thema durch Benedikt XVI. ist ein wenig ausführlich geraten (Warnung! Aber die nächsten Teile sind kürzer, versprochen :), doch hat er wunderbare Beispiele gefunden, wie das Gebet zu allen Zeiten der Kulturen gegenwärtig war – und ist.

*

Vom Beten zum christlichen Gebet

Nach den Katechesen über die Kirchenväter, die großen mittelalterlichen Theologen und die großen Frauengestalten möchte ich nun ein Thema wählen, das uns allen sehr am Herzen liegt: das Thema des Gebets, oder genauer das Thema des christlichen Gebets; das heißt jenes Gebets, das uns Jesus gelehrt hat und das die Kirche uns weiterhin lehrt. In Jesus wird der Mensch fähig, sich Gott mit jener Innigkeit und Vertrautheit anzunähern, die der Beziehung zwischen Vater und Kind Eigen ist. Gemeinsam mit den ersten Jüngern richten wir uns in demütigem Vertrauen an den Meister und bitten ihn: „Herr, lehre uns beten“ (Lk 11, 1).

Gibt es denn eine wichtigere Beziehung als diejenige zu unserem Gott? Die Beziehung zum Allmächtigen Vater, heißt das nicht zuallererst mit Gott sprechen, zu Ihm beten? Und gleich zu Beginn seiner Ausführungen bekennt Papst Benedikt: „Wir wissen nämlich sehr gut, dass das Gebet nicht als selbstverständlich betrachtet werden darf: Man muss beten lernen, indem man diese Kunst gleichsam immer wieder aufs Neue erwirbt:“

Auch diejenigen, die im geistlichen Leben weit fortgeschritten sind, verspüren stets das Bedürfnis, sich in die Schule Jesu zu begeben, um aufrichtig beten zu lernen. Die erste Lektion erteilt uns der Herr durch sein Vorbild. Die Evangelien beschreiben uns Jesus im vertrauten und ständigen Dialog mit dem Vater: eine tiefe Gemeinschaft dessen, der in die Welt gekommen ist, nicht um seinen Willen zu tun, sondern den des Vaters, der ihn für das Heil des Menschen gesandt hat.

Das Christentum hat das Gebet nicht erfunden. Wie der Papst an verschiedenen Beispielen von antiken Gebetsformen verdeutlicht, gab es immer ein Sehnen und Innehalten des Menschen, das auf ein (oder mehrere) übergeordnete(s) Wesen verweist.

Der innere Kern des Gebets

Zur Einführung möchte ich in dieser ersten Katechese einige Beispiele des Gebets in den antiken Kulturen vorstellen, um zu zeigen, dass diese sich praktisch immer und überall an Gott gewandt haben. Ich beginne mit einem Beispiel aus dem Alten Ägypten. Hier bittet ein blinder Mann die Gottheit, ihm das Augenlicht zurückzugeben und bezeugt damit etwas universal Menschliches: das einfache, reine Bittgebet dessen, der leidet. Dieser Mann betet: »Mein Herz verlangt dich zu sehen … Du, der du mich die Finsternis hast sehen lassen, schenke mir Licht, damit ich dich sehe! Neige dein geliebtes Antlitz zu mir herab«1. Damit ich dich sehe: Das ist der innere Kern des Gebets!

Löse mich aus den Fesseln

In den Religionen Mesopotamiens herrschte ein dunkles und lähmendes Schuldbewusstsein, jedoch nicht ohne die Hoffnung auf Erlösung und Befreiung durch Gott. So wissen wir das Bittgebet eines Gläubigen jener antiken Kulte zu würdigen, das folgendermaßen lautet: »O Gott, der du auch die schwerste Schuld nachsiehst, erlöse mich von meiner Sünde… O Herr, blicke auf deinen erschöpften Knecht und hauche deinen Atem auf ihn: Säume nicht, ihm zu vergeben. Mildere deine strenge Strafe. Gib, dass ich, aus den Banden gelöst, wieder frei atmen kann; zerbrich meine Ketten, löse mich aus den Fesseln«2. Diese Worte zeigen, dass der Mensch in seiner Suche nach Gott eine Ahnung von seiner Schuld, aber auch von Gottes Erbarmen und Güte hat, wenn auch noch undeutlich.

Lass mein Inneres schön werden

In der heidnischen Religion des antiken Griechenland gibt es eine sehr bedeutsame Entwicklung: Zwar rufen die Gebete auch weiterhin den göttlichen Beistand an, um in allen Umständen des täglichen Lebens die göttliche Gunst zu erhalten und materielle Güter zu erlangen, aber allmählich wenden sie sich uneigennützigeren Bitten zu, die es dem gläubigen Menschen gestatten, seine Beziehung zu Gott zu vertiefen und sich zu bessern. Der große Philosoph Platon überliefert zum Beispiel ein Gebet seines Lehrers Sokrates, der zu Recht als einer der Begründer des westlichen Denkens betrachtet wird. Sokrates betete folgendermaßen: »Verleihet mir, schön zu werden im Innern … Für reich aber möge ich den Weisen achten. Des Goldes Fülle aber möge mir werden in solchem Maße, in welchem es ein anderer weder führen noch tragen könnte als der Weise. … Für mich ist damit das volle Maß erbeten!« 3. Er möchte vor allem im Innern schön sein und weise, nicht reich an Geld und Gold.

An Dich, Schöpfer, wende ich mich

In jenen hervorragenden Meisterwerken der Weltliteratur, den griechischen Tragödien, die heute, nach 25 Jahrhunderten, noch immer gelesen, studiert und aufgeführt werden, sind Gebete enthalten, die den Wunsch zum Ausdruck bringen, Gott zu erkennen und seine Herrlichkeit anzubeten. Eines von ihnen lautet so: »Erhalter der Erde, der du über der Erde thronst, wer auch immer du sein magst, unergründlicher Zeus, mögest du Naturgesetz oder Gedanke der Sterblichen sein, an dich wende ich mich: Denn du gehst auf stillen Wegen und lenkst in rechter Weise das menschliche Geschick«4. Gott bleibt ein wenig nebelhaft, und dennoch erkennt der Mensch diesen unbekannten Gott und betet zu ihm, der die Geschicke der Erde lenkt.

Du bist wahrhaft heilig

Auch bei den Römern, die das große Reich schufen, in dem das frühe Christentum entstand und sich zu einem großen Teil entwickelte, ist das Gebet […] im wesentlichen an die Bitte um göttlichen Schutz des Lebens der zivilen Gemeinschaft gebunden, aber auch hier öffnet es sich zuweilen zu bewundernswerten Anrufungen leidenschaftlicher persönlicher Frömmigkeit, die Lob und Dank wird. Das bezeugt ein Autor aus dem römischen Afrika im 2. Jahrhundert nach Christus, Apuleius […] In seinem Hauptwerk mit dem Titel Metamorphosen wendet sich ein Gläubiger mit folgenden Worten an eine weibliche Gottheit: »Du bist wahrhaft heilig, du bist zu jeder Zeit die Retterin der Menschheit, du bringst in deiner Güte den Sterblichen stets Hilfe, du schenkst den armen Notleidenden die zärtliche Liebe einer Mutter. Es vergeht weder Tag noch Nacht noch ein Augenblick, den du nicht mit deinen Wohltaten erfüllst«5.

Eintreten in die Gemeinschaft mit Gott

Zur selben Zeit betont Kaiser Marc Aurel – auch er war ein Philosoph, der über das Wesen des Menschen nachdachte – die Notwendigkeit zu beten, um ein gedeihliches Zusammenwirken von göttlichem und menschlichem Tun hervorzubringen. In seinen Selbstbetrachtungen schreibt er: »Wer sagt dir, daß die Götter uns nicht auch in den Dingen helfen, die von uns abhängen? Beginne, zu ihnen zu beten, und du wirst sehen«6. Tatsächlich hatten zahllose Generationen von Menschen in vorchristlicher Zeit diesen Rat des Philosophenkaisers in die Tat umgesetzt. So zeigten sie, dass das menschliche Leben ohne das Gebet, das unsere Existenz zum Geheimnis Gottes hin öffnet, seinen Sinn und seinen Bezugspunkt verliert. In der Tat kommt in jedem Gebet immer die Wahrheit des menschlichen Geschöpfs zum Ausdruck, dass einerseits die eigene Schwachheit und Unzulänglichkeit erfährt und daher den Himmel um Beistand bittet, und das andererseits eine außerordentliche Würde besitzt, denn indem es sich bereitmacht, die göttliche Offenbarung anzunehmen, entdeckt es, dass es fähig ist, in die Gemeinschaft mit Gott einzutreten.

Leben im Bewusstsein der Geschöpflichkeit

Liebe Freunde, in diesen Beispielen von Gebeten aus verschiedenen Zeiten und Zivilisationen tritt das Bewußtsein hervor, das der Mensch von seiner Geschöpflichkeit und seiner Abhängigkeit von einem Anderen hat, der über ihm steht und der Quell alles Guten ist. Zu allen Zeiten betet der Mensch, denn er kann nicht umhin, sich nach dem Sinn seines Lebens zu fragen, der dunkel und trostlos bleibt, wenn er nicht zum Geheimnis Gottes und seines Planes für die Welt in Beziehung gesetzt wird. Das menschliche Leben ist ein Geflecht aus Gutem und Bösem, aus unverdientem Leiden und Freude und Schönheit, das uns spontan und unwiderstehlich drängt, Gott um das innere Licht und die innere Kraft zu bitten, die uns auf Erden helfen und eine Hoffnung aufzeigen sollen, die über die Grenzen des Todes hinausgeht.

Warten auf ein Wort vom Himmel

Die heidnischen Religionen bleiben eine Anrufung, die von der Erde aus auf ein Wort vom Himmel wartet. Einer der letzten großen heidnischen Philosophen, der bereits in der christlichen Epoche lebte, Proklos von Konstantinopel, bringt diese Erwartung zum Ausdruck, indem er sagt: »Unerkennbarer, niemand kann dich erfassen. Alles, was wir denken, gehört dir. Von dir kommt unser Leid und unser Wohl, dir gilt all unser Sehnen, o Unergründlicher, dessen Gegenwart unsere Seele spürt. Zur dir erhebt sie ihren stillen Lobgesang«7.

Doch schon am Anfang seiner Katechesen eröffnet uns Papst Benedikt XVI. eine Aussicht auf das Ziel der Reise. Durch den jüdischen Glauben werden Antworten eines einzigen Herrschers und Schöpfers erzählt, und erst durch Jesus Christus kommt es zu einer Vervollkommnung des betenden Menschen: Gott ist nicht mehr fern und unnahbar, sondern seine Gnade und Barmherzigkeit werden im Gebet und besonders in der Anbetung erfahrbar.

Die Erfüllung der Sehnsucht

In den Beispielen des Gebets der verschiedenen Kulturen, die wir betrachtet haben, können wir ein Zeugnis der religiösen Dimension und des Verlangens nach Gott sehen, das in das Herz eines jeden Menschen eingeschrieben ist. Sie finden im Alten und im Neuen Testament ihre Erfüllung und ihren vollendeten Ausdruck. Die Offenbarung reinigt nämlich die ursprüngliche Sehnsucht des Menschen nach Gott und bringt sie zur Erfüllung, indem sie ihm im Gebet die Möglichkeit einer tieferen Beziehung zum himmlischen Vater bietet.

Wenn die Leser von Zeit zu Beten bereits vorgestellten Beiträge über das Gebet betrachten, dann ist es nicht ganz falsch zu sagen, dass dabei das Pferd von hinten aufgezäumt wurde… Die große Teresa von Avila (mit ihrer nicht gerade einfach zu erfassenden Spiritualität) hat den Anfang gemacht, und die 1995 verstorbene Mutter Julienne du Rosaire hat uns die hohe Schule der Anbetung nähergebracht. Nun bietet sich eine gute Gelegenheit, einen größeren Schritt zurückzutreten und mit den Grundlagen zu beginnen. Damit verbunden ist die Einladung, die nächsten Katechesen des Papstes gemeinsam zu betrachten; die zweite und dritte Katechese sind bereits in Vorbereitung.

Am Anfang unseres Weges in der »Schule des Gebets« wollen wir also den Herrn bitten, unseren Verstand und unser Herz zu erleuchten, auf daß die Beziehung zu ihm im Gebet immer tiefer, liebevoller und beständiger werde. Noch einmal sagen wir zu ihm: »Herr, lehre uns beten« (Lk 11,1).

+
zurück zur Übersicht +Beten mit BENEDIKT XVI.

+

1) vgl. A. Barucq – F. Daumas, Hymnes et prières de l’Egypte ancienne, Paris 1980
2) vgl. M.-J. Seux, Hymnes et prières aux Dieux de Babylone et d’Assyrie, Paris 1976
3) vgl. Platon, Phaidros, Übersetzung L. Georgii, 1853
4) vgl. Euripides, Troerinnen, 884–886
5) vgl. Apuleius von Madaura, Metamorphosen IX, 25
6) vgl. Dictionnaire de Spiritualité XII/2, Sp. 2213
7) vgl. Hymni, ed. E. Vogt, Wiesbaden 1957

+

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s